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Wolle mer se reinlasse? - Neues Gesetz soll Fachkräftemangel bekämpfen

STRATEGIE | GENIOS WirtschaftsWissen Nr. 01 vom 20.01.2020


Katastrophe für den Arbeitsmarkt

Deutschland vergreist. Das Land hat die älteste Bevölkerung Europas und - nach Japan - die zweitälteste der Welt. Für den Arbeitsmarkt ist das eine Katastrophe, da in vielen Branchen Fachkräfte fehlen. Angehörige der Baby-Boomer-Generation sind schon in Rente, werden bald pensioniert oder bereiten sich auf den Ruhestand vor. Frauen und ältere Arbeitnehmer können den Mangel an Personal nicht ausgleichen. Richten sollen es daher qualifizierte Werktätige aus dem Ausland. Sie scheinen tatsächlich notwendig, um den Sozialstaat am Leben und den Wirtschaftsstandort Deutschland wettbewerbsfähig zu erhalten.

Nach einer Hochrechnung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) müssen jährlich 260 000 Menschen aus anderen Ländern nach Deutschland immigrieren, um den Personalnotstand in den Griff zu bekommen. Der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, Detlef Scheele, spricht sogar von 300 000 ausländischen Arbeitskräften. (1), (5)


Deutschland hat noch lange nicht genug

Als strategische Antwort auf diese Herausforderung hat die Bundesregierung bereits Maßnahmen ergriffen - unter anderem die Einführung der sogenannten Greencard für Inder vor rund 20 Jahren, die sich allerdings als Flop erwiesen hat. Von 2000 bis 2004 wollten nur um die 13 000 Fachkräfte aus dem südostasiatischen Land die Chance nutzen, um in Deutschland ihr Geld zu verdienen. Mittlerweile scheinen zwar mehr Inder die Gelegenheit zu ergreifen, um hierzulande Karriere zu machen, doch sind es angesichts der oben beschriebenen demografischen Entwicklung in Deutschland noch immer viel zu Wenige. (2)


Neues Gesetz soll mehr ausländische Arbeitnehmer nach Deutschland locken

Der neueste Versuch der Bundesregierung, um die Wirtschaft am Laufen zu halten und den Kollaps des Sozialstaates zu vermeiden, ist die Verabschiedung des sogenannten Fachkräfteeinwanderungsgesetzes, das am 1. März 2020 in Kraft treten wird. Mit seiner Hilfe soll die Quote ausländische Arbeitnehmer, die in Deutschland ihr Geld verdienen wollen, deutlich ausgebaut werden. Zu diesem Zweck wollen die Auslandshandelskammern in Bosnien-Herzegowina, Brasilien und Kolumbien eigene Beratungsstellen einrichten, um Interessenten zu beraten.

Es ist außerdem geplant, die Zahl der bereits existierenden Büros in Ägypten, Algerien, Indien, dem Iran, Italien, Polen und Vietnam zu erhöhen. Für dieses Projekt, das unter dem Namen "Pro Recognition" firmiert und so auf die Anerkennung ausländischer Qualifikationen anspielt, wird die Bundesregierung in den nächsten vier Jahren insgesamt acht Millionen Euro bereitstellen. (3), (4)


Das "Nicht-Genug-Fachkräfteeinwanderungsgesetz"

Kritiker bemängeln allerdings, dass das Fachkräfteeinwanderungsgesetz allenfalls ein erster Schritt sein kann. Der arbeitsmarktpolitische Sprecher der FDP, Johannes Vogel, höhnte sogar, dass es sich um ein "Nicht-Genug-Fachkräfteeinwanderungsgesetz" handele und brachte die Kritik damit trotz Wortschlange auf den Punkt. Angesichts einer jährlich benötigten Zahl von 260 000 bis 300 000 Fachkräften scheinen die 20 000 Werktätigen, die das neue Gesetz nach Deutschland bringen soll, tatsächlich "lächerlich gering", um noch einmal Vogel zu zitieren. (5)


OECD kritisiert hohe Hürden des Gesetzes

Nicht zufrieden mit dem Gesetz ist auch die OECD. Sie bemängelt, dass die Regelungen viel zu hohe Hürden setzten. Andere Länder gingen viel pragmatischer und weniger bürokratisch vor. Die OECD hält daher auch nicht die formale Qualifikation der ausländischen Arbeitnehmer für die entscheidende Voraussetzung, sondern die Sprachkenntnisse der Bewerber. (3)



Trends


Das große Dilemma

Die Strategie der Bundesregierung liegt auf der Hand. Die deutsche Wirtschaft kann nur dann konkurrenzfähig bleiben, wenn es genügend Werktätige gibt, die die Arbeit auch erledigen. Doch selbst wenn der Zuzug von Arbeitskräften aus dem Ausland ein Gebot der Notwendigkeit sein mag, so bringt er auch politische Verwerfungen mit sich, die seit der Flüchtlingskrise deutlich sichtbar geworden sind. Viele Deutsche empfinden den "Umbau" ihres Landes als bedrohlich. Die AfD macht sich dieses weit verbreitete Ressentiment zunutze und rüttelt dadurch selbst an den Grundfesten der parlamentarischen Demokratie. Das Dilemma, das sich dadurch ergibt, könnte man pointiert auch folgendermaßen formulieren: Es geht nicht mit Ausländern, aber auch nicht ohne sie.

Eine immer stärker werdende rechtspopulistische Partei wie die AfD führt aber auch noch zu einem anderen Problem: Ausländische Fachkräfte, die wissen, dass sie in Deutschland nicht gern gesehen sind, werden auch nicht kommen. Die Wirtschaft sollte also ein Interesse daran haben, gegen die Fremdenfeindlichkeit im eigenen Land aufzubegehren. Und tatsächlich haben sich schon einige hochrangige Wirtschaftsvertreter entsprechend geäußert. Unter ihnen ist zum Beispiel Dieter Kempf, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), der vor dem Aufstieg der AfD gewarnt hat, weil extremistische Positionen potenzielle Arbeitnehmer aus dem Ausland abschrecken und damit dem Wirtschaftsstandort Deutschland schaden würden.

Wie fatal das wäre, zeigt folgende Zahl. Einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) zufolge gaben 56 Prozent der Firmen zu Protokoll, dass der Mangel an qualifizierten Mitarbeitern das größte Risiko für den Geschäftserfolg sei. (6), (9)



Fallbeispiele


Deutschland ist in puncto Attraktivität nicht unter den Top-Ländern

Schon jetzt ist Deutschland für ausländische Arbeitnehmer kein heißer Favorit. Das hat die OECD in Zusammenarbeit mit der Bertelsmann-Stiftung anhand verschiedener Parameter herausgearbeitet. Unter den 36 Mitgliedsländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung belegt Deutschland Platz lediglich den zwölften Platz. Ganz vorn liegt Australien, gefolgt von Schweden und der Schweiz.

Die beiden wesentlichen Gründe für diese lauwarme Rezeption lassen sich folgendermaßen umschreiben: Ausländische Arbeitnehmer mit Hochschulabschluss haben es schwer, Stellen zu finden, die ihren Qualifikationen entsprechen. Die hiesigen Löhne sind nach Abzug von Steuern und unter Einbeziehung des Faktors Lebenshaltungskosten im Vergleich mit anderen Ländern auch nicht wirklich attraktiv. In diesem Ranking belegt Deutschland unter den 36 OECD-Ländern nur Rang 25. Kommt auch noch eine steigende Fremdenfeindlichkeit hinzu, kann man sich ausmalen, dass das Fachkräfteeinwanderungsgesetz zu kurz greift, um die Probleme, vor denen Deutschland steht, lösen zu können. (7)


"Make it in Germany"

Mit dem Jobportal für ausländische Fachkräfte namens "Make it in Germany", das in mehreren Sprachen angeboten wird, wirbt die Bundesregierung für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Peter Altmaier, Bundesminister für Wirtschaft und Energie, lädt in einem Promotion-Video Werktätige aus dem Ausland höchstpersönlich dazu ein, sich hierzulande zu bewerben. (8)



Weiterführende Literatur:

(1.) Es bleibt viel zu tun
aus Der Tagesspiegel vom 04.01.2020, Seite 14

(2.) Warum Inder nun gerne in Deutschland arbeiten
aus WirtschaftsWoche online 11.12.2018 um 19:49:00 Uhr

(3.) Deutschland hofft auf Fachkräfte aus Bosnien, Brasilien und Kolumbien
aus Handelsblatt online vom 02.01.2020

(4.) Fragen und Antworten rund um das Fachkräfteeinwanderungsgesetz
aus Handelsblatt online vom 02.01.2020

(5.) FDP fordert mehr Anwerbung
aus Heilbronner Stimme vom 16.12.2019, S. 2

(6.) Wirtschaft gegen Rechtspopulisten. Diese Manager machen sich gegen AfD und Fremdenfeindlichkeit stark
aus Handelsblatt online vom 15.08.2019

(7.) Deutschland sucht händeringend Fachkräfte
aus Neue Zürcher Zeitung vom 17.12.2019 Seite 25

(8.) Müssen aktiv um Fachkräfte werben
aus Nordwest-Zeitung Ausgabe Oldenburger Nachrichten vom 17.12.2019 Seite 6

(9.) Lasst sie rein!
aus Zeit online vom 17.12.2019, Nr. 52

Harald Reil

Metainformationen

Quelle: GENIOS WirtschaftsWissen Nr. 01 vom 20.01.2020
Dokument-ID: c_strategie_20200120

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