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Wissen ist Macht - Weiterbildungsboom in deutschen Unternehmen

STRATEGIE | GENIOS WirtschaftsWissen Nr. 12 vom 07.12.2015


Zahlen klingen positiv

Während die meisten deutschen Unternehmen ab einer Größe von 250 Mitarbeitern in die Zusatzqualifikation ihrer Belegschaft investieren und mittlerweile selbst älteres Personal nicht mehr links liegen lassen, tun sich vor allem kleinere Firmen mit weniger als 50 Mitarbeitern noch schwer mit Fortbildungen. Am Willen fehlt es dabei nicht, dafür an Zeit und Ressourcen, womit keineswegs Geld gemeint ist, sondern organisatorische Mittel. Wahr ist aber auch, dass einige dieser Betriebe sich schlicht und einfach keinen großen Gewinn von Fortbildungen versprechen. Ob diese Verweigerung ungestraft bleiben wird, wird die Zukunft zeigen. Ein Spiel mit dem Feuer ist sie aber allemal.

Dennoch: Die Zahlen insgesamt klingen positiv. 86 Prozent der Unternehmen hierzulande haben ihren Mitarbeitern im Jahr 2013 Fortbildungskurse gewährt. 33,5 Milliarden Euro haben sie dafür in die Hand genommen. Drei Jahre vorher waren es noch 28,9 Milliarden Euro. Auch der Zeitaufwand, den Arbeitnehmer durchschnittlich in ihre Fortbildung investiert haben, hat sich erhöht. Im Vergleich zu 2010 ist die Stundenzahl von 29,4 auf 32,7 angewachsen. Das ist ein Anstieg um elf Prozent.

Zudem haben die Firmen 2013 im Schnitt 9,4 Prozent mehr für die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter ausgegeben als 2010. In absoluten Zahlen ausgedrückt bedeutet das Folgendes: Pro Beschäftigten beliefen sich die Investitionen auf 1 132 Euro. Drei Jahre zuvor waren es noch 1 035 Euro gewesen. Diese Ergebnisse hat die jüngste Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zutage gefördert, das in Abstand von drei Jahren ihre sogenannten IW-Weiterbildungserhebungen veröffentlicht. (1), (2), (3), (6)


Zeit der Entscheidung

Der Wille zur Weiterbildung und seiner systematischen und daher strategischen Förderung ist auch dringend notwendig, wenn Deutschland auch künftig eine bedeutende Rolle in der Welt der Wirtschaft spielen will. Im Zusammenhang mit der Industrie 4.0 hat die Bundeskanzlerin zumindest indirekt auf diesen Zusammenhang hingewiesen. In ihrer Aschermittwoch-Rede sagte sie, dass sich innerhalb der nächsten zehn Jahre entscheide, ob Deutschland noch zu den führenden Industrienationen der Welt gehören werde. (5)


Weiterbildung ja, aber ...

Natürlich haben auch die Unternehmen den Ernst der Lage erkannt, wie die Zahlen einer Bitkom-Studie belegen. Rund 75 Prozent der Verantwortlichen sind davon überzeugt, dass sich ihre Fachkräfte in punkto IT-Themen ständig auf dem Laufenden halten müssen, damit ihre Firmen konkurrenzfähig bleiben und den Übergang in das neue Industrie-4.0-Zeitalter erfolgreich bewältigen können. Allerdings wollen der Untersuchung des Digitalverbandes zufolge nur 14 Prozent der Firmen die Kosten für Weiterbildungen komplett übernehmen und ihrer Belegschaft auch noch ermöglichen, sich während der Arbeitszeit weiterzubilden.

Der Prozentsatz der Unternehmen, die eine Weiterbildung während der Arbeitszeit, aber bei gleichzeitiger Übernahme der Kosten durch den Arbeitnehmer zustimmen, liegt bei 34 Prozent. 40 Prozent der Firmen sind dagegen bereit, die Kosten zu übernehmen, aber nur, wenn sich ihre Mitarbeiter im Urlaub oder an den Wochenenden fortbilden. (7)


Geldsegen aus Fördertöpfen

Unternehmen, die in die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter investieren wollen, aber die Kosten scheuen, können eine ganze Reihe von Fördertöpfen anzapfen, die die Europäische Union, der Bund und die Länder zur Verfügung stellen. Einer davon ist zum Beispiel der Europäische Sozialfonds. Die 2,7 Milliarden Euro, die Deutschland seit der neuen Förderperiode, die Anfang dieses Jahres begonnen hat, zur Verfügung stehen, sollen laut Bundeswirtschaftsministerin Andrea Nahles dafür verwendet werden, um vor allem kleineren und mittleren Unternehmen dabei zu helfen, mit dem demografischen Wandel besser zurechtzukommen. (9)



Trends


Auch kleine Schritte führen zum Ziel

Die IW-Weiterbildungserhebung des Instituts der deutschen Wirtschaft hat eine deutliche Diskrepanz zwischen der Höhe des Bildungsgrades von Beschäftigten und ihrer Bereitschaft, sich fortzubilden, ausgemacht. Wohl wenig erstaunlich, liegt der Wille von gut qualifizierten Mitarbeitern, Zusatzqualifikationen zu erwerben, um einiges höher als bei niedrig oder unqualifizierten Beschäftigten. Um jene zweite Gruppe zur Fortbildung zu animieren, sind spezielle Bildungsformate nötig. Dazu zählen zum Beispiel Teilqualifizierungen, die die Mitarbeiter in kleinen Schritten durch den Lernstoff bis zum Abschluss führen. Seit vergangenem Jahr experimentieren die Bildungswerke der Wirtschaft bereits mit diesem neuen Konzept. Die ersten Ergebnisse geben Anlass zur Hoffnung. 25 Prozent der vom IW befragten Unternehmensvertreter glaubten, dass sich die Weiterbildungsbereitschaft an- und ungelernter Beschäftigter erhöhen würde. 30 Prozent waren der derselben Meinung in Bezug auf Mitarbeiter mit abgeschlossener Berufsausbildung. (1)



Fallbeispiele


Nordrhein-Westfalen stellt Bildungsschecks aus

Das Land Nordrhein-Westfalen stellt seit Januar dieses Jahres Geld sogenannte Bildungsschecks zur Verfügung. Beantragen können sie Firmen mit einer Beschäftigtenzahl unter 250 Mitarbeitern. Der Scheck begleicht bis zu einer maximalen Höhe von 500 Euro die Hälfte der Weiterbildungskosten für Menschen ohne Berufsabschluss, Berufsrückkehrer und Ausländer, die nach Deutschland zugewandert sind. In den anderen Bundesländern gibt es ähnliche Programme. (9)


Arbeitsagentur Bautzen macht 1,6 Millionen Euro locker

Die Arbeitsagentur in Bautzen, Sachsen, unterstützt die Weiterbildung älterer und niedrig qualifizierter Arbeitnehmer in mittelständischen Firmen und kleinen Betrieben mit 1,6 Millionen Euro. Die Agentur will damit erreichen, dass die KMU der Region im Wettbewerb um Fachkräfte konkurrenzfähig bleiben. (4)


Lebensmittelinstitut modernisiert Weiterbildungskonzept

Das KIN-Lebensmittelinstitut hat sich entschlossen, sein Weiterbildungsangebot zu erweitern, und zwar vor allem im Hinblick auf die Bedürfnisse des Mittelstandes sowie die Anforderungen, die die Industrie 4.0 mit sich bringen wird. Hintergrund: Die Lebensmittelindustrie hat wie andere Branchen auch bereits mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen und sucht vor allem Qualitäts- und Produktmanager sowie Lebensmitteltechniker. Da geeignetes Personal nur schwer zu finden ist, wollen einer Umfrage zufolge 90 Prozent der Unternehmen eigene Mitarbeiter weiterbilden. Das KIN-Lebensmittelinstitut hat auf diesen Wunsch reagiert und wird ab April nächsten Jahres zunächst Fortbildungskurse zum Lebensmitteltechniker anbieten. Anders als früher, als diese Weiterbildung nur in Vollzeit und über zwei Jahre zu absolvieren war, können Interessenten diese Zusatzqualifikation jetzt berufsbegleitend erwerben. (8)



Weiterführende Literatur:

(1.) Weiterbildung hat Hochkonjunktur
aus wirtschaft&weiterbildung, Vol. 27, Heft 02/2015, S. 44-47

(2.) "Wer nicht investiert, scheidet aus"
aus Personalwirtschaft, Heft 01/2015, S. 44-45

(3.) Erweiterte Bildung
aus Personalwirtschaft, Heft 01/2015, S. 44-45

(4.) Arbeitsagentur zahlt Weiterbildung
aus Sächsische Zeitung vom 16.09.2015 Seite 14

(5.) Vernetzt in die Zukunft
aus Unternehmeredition, Heft 05/2015, S. 58-61

(6.) Kaum Zeit zum Lernen
aus Handelsblatt Nr. 199 vom 15.10.2015 Seite 048

(7.) Digitale Transformation gibt es nur mit Weiterbildung
aus COMPUTER-INFORMATIONS-DIENST vom 22.Oktober 2015

(8.) KIN optimiert das Bildungsangebot
aus Lebensmittel Zeitung 45 vom 06.11.2015 Seite 055

(9.) Gefördert fördern
aus Creditreform Nr. 07 vom 01.07.2015 Seite 028

Harald Reil

Metainformationen

Quelle: GENIOS WirtschaftsWissen Nr. 12 vom 07.12.2015
Dokument-ID: c_strategie_20151207

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