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Vive la Démocratie! - Unternehmen sollten den neuen Trend zur Mündigkeit strategisch nutzen

STRATEGIE | GENIOS WirtschaftsWissen Nr. 01 vom 13.01.2015


Hierarchien kommen ins Wanken

Es gibt Forscher, die einen grundlegenden Wandel der Arbeitswelt voraussagen. Die Idee, dass nur ein streng hierarchisch organisiertes Unternehmen erfolgreich sein kann, kommt gewaltig ins Wanken. Dafür spricht, dass zahlreiche Firmen heute viel demokratischer organisiert sind als noch vor einem Jahrzehnt. Der mündige Mitarbeiter ist keine Utopie mehr, auch wenn die Demokratisierungsbewegung noch ganz am Anfang steht. Der Hauptgrund für die Transformation liegt auf der Hand: Der Arbeitsmarkt ist hart umkämpft. Der Pool an Fachleuten schrumpft, was ihre Macht deutlich erhöht. Progressive Unternehmen werden den Wunsch nach mehr Mitspracherecht daher strategisch nutzen und neues Personal mit ihren demokratisch organisierten Strukturen locken. Vor allem der so genannten Generation Y dürfte dies gefallen. Sie ist dank ihrer Erziehung und ihres Wertekanons für diese neue Art der Firmenkultur bestens vorbereitet. (1), (3), (4), (8)


Demokratie für Konzerne ungeeignet?

Allerdings gibt es auch Stimmen, die dem Demokratisierungshype kritischer gegenüberstehen. Sie räumen zwar ein, dass mündige Mitarbeiter in kleinen Start-ups durchaus ihren Platz haben könnten, in Konzernen aber seien basisdemokratische Strukturen schon allein wegen der schieren Größe der Unternehmen kontraproduktiv. Dort brauche es einen Anführer, der entscheidet und dafür auch die Verantwortung trägt. (2)


Digitalisierung als Nährboden

Die Frage ist allerdings, ob sich die Demokratisierungsbewegung aufhalten lässt. Vor allem die zunehmende Digitalisierung und Vernetzung bieten nach Ansicht einiger Experten den besten Nährboden für mehr Kooperation auf gleichberechtigter Basis. Das Arbeiten in Netzwerken wird in Zukunft so prävalent werden, dass es eine Demokratisierung fast zwangsläufig nach sich zieht. Dass das Argument der Unternehmensgröße dabei keine Rolle spielt, beweisen unter anderem Großkonzerne wie Microsoft, die bereits mit fortschrittlichen Arbeitsmodellen experimentieren. Diese Firmen haben erkannt, dass sie die gesellschaftlichen Entwicklungen nicht aufhalten können und reagieren darauf proaktiv. (2), (3), (5), (7)


Unternehmen im Zwiespalt

In der Tat hat bereits eine ganze Reihe von Firmen Strategiepapiere entwickelt, in denen sie als einen der Garanten für den wirtschaftlichen Erfolg den unternehmerisch denkenden und handelnden Mitarbeiter ausmachen. Allerdings scheinen viele dieser Schriften bisher nur Lippenbekenntnisse zu sein, was den Zwiespalt, worin sich die Unternehmen befinden, klar zutage treten lässt: Einerseits spüren sie, dass sie auf die neuen Entwicklungen, die bei ihren Mitarbeitern den Wunsch nach mehr Mündigkeit größer werden lassen, reagieren müssen. Andererseits fällt es ihnen schwer, aus ihren gewohnten Denkmustern auszubrechen. (5), (8)



Trends


Generation Y als Motor der Demokratiebewegung

Vor allem die Generation Y wird zum Motor der Demokratisierungsbewegung in Unternehmen werden. Das zumindest sagen einige Experten wie Jutta Rump, die Direktorin des Instituts für Beschäftigung und Employability mit Sitz in Ludwigshafen voraus. Diese Generation, die mit sozialen Netzwerken groß geworden ist, definiert sich unter anderem durch Werte wie Authentizität, ein ausgeprägtes Gemeinschafts- und Zusammengehörigkeitsgefühl, Integrität, soziale Verantwortung und Flexibilität - alles Werte, die für eine demokratisch geprägte Arbeitswelt entscheidend sind. Unternehmen, denen es gelingt, diese Generation mit entsprechenden Strukturen für sich zu gewinnen, werden daher die Nase vorn haben. (1), (4)


Tradition kämpft gegen Fortschritt

Andere Experten behaupten, dass sich der Wunsch zu mehr Mitspracherecht quer durch alle Altersschichten zieht, sich also nicht auf die Generation Y beschränkt. Sie behaupten außerdem, dass sich demokratische Strukturen auch in Konzernen einführen lassen, zumindest zum Teil. In Zukunft werden sich Unternehmen daher folgendermaßen unterscheiden: Es wird die Traditionalisten geben, die den Mitarbeiter weiterhin als Produktionsfaktor behandeln. Daneben werden progressive Firmen existieren, die auf den mündigen Mitarbeiter setzen. Die Firmengröße ist bei dieser Unterscheidung unerheblich. Die Frage ist allerdings, ob sich die Traditionalisten auf Dauer halten werden können. (2)



Fallbeispiele


Microsofts New Way of Work

Microsoft Deutschland hat in einer Abhandlung mit dem Titel New Way of Work nun auch schriftlich festgezurrt, was das Unternehmen bereits seit Jahren vorlebt. Die Mitarbeiter des Konzerns können sich sowohl ihren Arbeitsplatz als auch ihren Arbeitsort frei wählen. Die Grundlage dieser Praxis ist die Überzeugung, dass die Demokratisierung von Unternehmen unaufhaltsam voranschreitet. (3)


Radikale Demokratie

In einigen besonders fortschrittlichen Unternehmen wählen Mitarbeiter ihre Führungskräfte bereits. Sind sie mit deren Arbeit nicht zufrieden, können sie sie auch wieder abwählen. Zu den Firmen, die diese radikale Form der innerbetrieblichen Demokratie pflegen, zählen Gore-Tex, Semco und Haufe-Umantis. (5), (6)


Arbeit nach Belieben

Trumpf, ein schwäbischer Maschinenbauer, experimentiert bereits seit 2011 mit einer Wahlarbeitszeit. Die Mitarbeiter der Firma können zwei Jahre lang "schaffen", wann sie wollen. Zwar ist die wöchentliche Stundenzahl festgeschrieben, eine mögliche Abweichung zwischen 15 und 40 Stunden macht dieses Modell aber extrem flexibel. Jeder sechste Trumpf-Beschäftigte nimmt diese Option in Anspruch. (6)


elbdudler findet salomonische Lösung

Der Social-Media-Spezialist elbdudler, der unter anderem die Facebook-Seiten von Unternehmen wie Henkel oder Baccardi betreut, ist mit einem kommunistisch anmutenden Entlohnungsmodell gescheitert. Das Start-up-Unternehmen zahlte jedem seiner Mitarbeiter zunächst pauschal 2 500 Euro brutto. Es stellte sich allerdings schnell heraus, dass sich dieses Vergütungssystem nicht aufrechterhalten ließ. Mitarbeiter mit Familien fühlten sich benachteiligt, da sie mehr Geld brauchten als Singles. Der Chef der Firma ließ daher darüber abstimmen, wie viel jeder seiner Angestellten verdienen wollte. Die Ergebnisse wurden offen diskutiert. Da ein Drittel der Beschäftigten mehr haben, und keiner der Mitarbeiter seinen bisherigen Lohn geschmälert sehen wollte, stieß das Unternehmen allerdings bald an seine Grenzen. Mittlerweile hat elbdudler aber eine salomonische Lösung gefunden: Es hat die Entwicklung des Gehalts mit der Entwicklung des Geschäfts verquickt. (6)


Kollegen stellen Kollegen ein

Bei Qudosoft, einem Unternehmen, das sich auf Softwareentwicklung spezialisiert hat, haben Mitarbeiter die Funktion von Personalmanagern übernommen. Sie wählen in Vorstellungsgesprächen neue Kollegen aus und stellen diese auch ein. (8)



Weiterführende Literatur:

(1.) "Ausgeprägte Hierarchien bremsen Entscheidungen aus"
aus Handelsblatt Nr. 057 vom 21.03.2014 Seite 053

(2.) Zwischen Vision und Ablehnung
aus Personalmagazin, Heft 01/2015, S. 22

(3.) Der wandernde Arbeitsplatz ist bereits Realität
aus VDI NR. 42 VOM 17.10.2014 SEITE 18

(4.) Von der Generation Y lernen. Fünfeinhalb Fragen an Martina Mangelsdorf
aus ChangeX vom 17.10.2014

(5.) Mehr Demokratie und Teilhabe
aus - CHEManager vom 17.07.2014, Heft 13-14/2014, Seite 1

(6.) Wähl dir deinen Chef
aus FAZ.NET, 08.10.2014

(7.) Wettbewerb der Systeme. Interview mit Isabell Welpe
aus brand eins, Heft 9/2014, S. 60-62

(8.) Wir sind die Firma
aus Süddeutsche Zeitung, 03.01.2015, Ausgabe München, Bayern, Deutschland, S. 65

Harald Reil

Metainformationen

Quelle: GENIOS WirtschaftsWissen Nr. 01 vom 13.01.2015
Dokument-ID: c_strategie_20150113

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