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Sieg für deutsche Apotheker - EU-Gerichtsurteil verbietet Apothekenketten

STRATEGIE | GENIOS WirtschaftsWissen Nr. 06/2009 vom 17.06.2009

Beitrag

Die deutschen Apotheker haben gewonnen, DocMorris Filialen sind in Deutschland illegal und müssen geschlossen werden. Damit ist ein großer Konkurrent ausgeschaltet worden. Trotzdem versuchen Pharmahändler wie Celesio, Handelsketten und auch Versandhäuser in den lukrativen Arzneimittelmarkt einzusteigen. Zusätzlich steigern ausländische Versandapotheken den Wettbewerb. Auch der Handel mit Medikamenten über das Internet ist auf dem Vormarsch. Die deutschen Apotheker können sich demnach nicht auf ihren Sieg ausruhen.


Deutlicher Sieg für Apotheker

Der Europäische Gerichtshof hat entschieden: die Regelung der Arzneimittelversorgung liegt weiterhin bei den einzelnen Mitgliedstaaten. Wenn Deutschland keine Apothekenketten will, dann sind sie illegal. Damit bleiben Drogeriemärkte und Lebensmittelketten vom direkten Medikamentenmarkt ausgeschlossen. Für den Vertrieb von Medikamenten gelten eben besondere Sicherheitsmaßnahmen, ausschließlich studierte Pharmazeuten dürfen in Deutschland Apotheken besitzen und führen. Weiterhin heißt es in dem Urteil: "da die Mitgliedstaaten befugt sind, über das Niveau des Schutzes der Gesundheit der Bevölkerung zu entscheiden, können sie verlangen, dass Arzneimittel von Apothekern vertrieben werden, die über berufliche Unabhängigkeit verfügen".
Durch dieses Urteil wurde der große niederländische Konkurrent DocMorris in Deutschland ausgeschaltet. Es gibt kaum mehr einen Wettbewerb durch Konzernketten oder Billiganbieter. Trotzdem müssen sich die hiesigen Apotheker auf einen steigenden Medikamentenhandel über das Internet einstellen. (1)


Die Politik steht hinter den inhabergeführten Apotheken

Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs hat die Politik insgesamt erfreut, die Bundesregierung jedenfalls begrüßte das Urteil. Damit sei in Deutschland eine von Kapitalmarktinteressen unabhängige Arzneimittelversorgung gesichert. So sieht es zumindest die Gesundheitsministerin Ulla Schmidt. Auch die CDU/CSU ist froh darüber, in Deutschland weiterhin den erfolgreichen Weg mit den unabhängigen und inhabergeführten Apotheken weitergehen zu können. Nur die Grünen warnen davor, jetzt nichts mehr am geltenden Apothekenrecht zu ändern, da sich der Markt durch die Franchise-Systeme, mit denen z.B. DocMorris das Apothekenkettenverbot umgeht, und durch Versandapotheken stark ändert.
Auf dem 30. Parteitag der CDU in Essen, präsentierte sich der Apothekerverband Nordrhein und die Apothekenkammer mit einem Stand und versuchte so, die Vorteile einer inhabergeführte Apotheke darzustellen und den Politikern zu vermitteln. Auf dem Landesparteitag machte die CDU auch deutlich klar, dass sie hinter den Apotheken stehe. (1), (2)


Krankenkassen und Handelsketten sprechen sich gegen EU-Urteil aus

Die deutschen Krankenkassen sind entsetzt. Durch das EU-Gerichtsurteil sei jegliche Bewegung auf dem deutschen Medikamentenmarkt und eine damit einhergehende Verbilligung der Medikamente verhindert worden. Dabei haben die Krankenkassen ein großes Interesse daran, ihre jährlichen Arzneimittelausgaben in Höhe von 30 Milliarden Euro zu senken und haben daher auf ein anderes Urteil gehofft. Gerade der Wettbewerb mit Hilfe von Apothekenketten und Billiganbietern hätte womöglich dazu beigetragen, die Kosten zu senken.
Auch die Handelsketten reagieren enttäuscht. Auch sie hatten darauf gesetzt, direkt in den Medikamentenhandel einzusteigen. Beispiele aus dem Ausland zeigen, dass der Apothekenmarkt durch die Konkurrenz belebt wird und die Arzneimittel günstiger werden. In Deutschland kommen im Schnitt 3 800 Einwohner auf eine Apotheke, in Großbritannien versorgt jede Apotheke im Schnitt 4 900 Einwohner, in den USA 5 000 und in den Niederlanden sogar 9 400. Die eingesparten Vertriebskosten, die sich sonst die Pharmakonzerne indirekt über die hohen Medikamentenpreise zurückholen, werden dank der Liberalisierung des Apothekenmarktes günstiger. Auch dort, wo große Handelsketten gegen die Pharmaindustrie antreten geraten die Preise unter Druck.
In Deutschland wird dies nach dem Gerichtsurteil vorerst nicht möglich sein. (3), (4)



Fallbeispiele

Handelshaus Edeka beschließt Zusammenarbeit mit Versandhausapotheke

Der Edeka-Discounter Netto hat eine Zusammenarbeit mit der tschechischen Volksversand-Apotheke beschlossen. Diese Zusammenarbeit erstreckt sich auch auf die vor kurzem übernommenen Plus-Märkte. Die Versandapotheke verspricht dabei Rabatte bis zu 55 Prozent. Sie betreibt bereits im Internet eifrig Marketing und versucht durch Postwurfsendungen bekannt zu werden. Die Tengelmann Tochter Plus Online setzt weiterhin auf die bewährte Kooperation mit der schweizerischen Versandapotheke Zur Rose. Diese hat allerdings im Jahr 2008 mit umgerechnet drei Millionen Euro Verlust zu kämpfen, was vor allem auf das schwache deutsche Versandgeschäft zurückzuführen sei. (8)
DocMorris Filiale muss schließen

Nach dem EU-Gerichtsurteil muss die Versandapotheke DocMorris ihre bisher einzige Filiale in Saarbrücken sofort schließen. Das hat zumindest das saarländische Gesundheitsministerium beschlossen. Dieses hatte allerdings auch vor drei Jahren die Betriebserlaubnis für die Apotheke erteilt. Nachdem die Richter entschieden haben, das ausschließlich Pharmazeuten mit einer Kammerzulassung Apotheken betreiben dürfen war das Ministerium zu diesem Schritt gezwungen. Die Aktie der Celesio AG ist nach dem Gerichtsurteil des Europäischen Gerichtshofs unter Druck geraten und hat ein Minus von ca.13 Prozent in Kauf nehmen müssen. (9), (10)

Weiterführende Literatur:

(1.) Biermann, Daniela / Rücker, Daniel / Sauer, Bettina, Europäischer Gerichtshof, Klarer Sieg für Aotheker, Pharmazeutische Zeitung, 21.05.2009, S. 6
aus PZ Pharmazeutische Zeitung vom 21.05.2009 Seite 6

(2.) O.V., CDU in NRW steht hinter inhabergeführten Apotheken, Pharmazeutische Zeitung, 21.05.2009, S. 84
aus PZ Pharmazeutische Zeitung vom 21.05.2009 Seite 84

(3.) Milde, Ulrich, Kassen kritisieren Urteil des Europäischen Gerichtshofs / Gute Argumente für Apothekenurteil, Leipziger Volkszeitung, 20.05.2009, S.1
aus LVZ/Leipziger-Volkszeitung, 20.05.2009, S. 1

(4.) Schlautmann, C., Katerstimmung in Supermärkten und Drogerien, Handelsblatt, 20.05.2009, Nr. 096, S. 2
aus Handelsblatt Nr. 096 vom 20.05.09 Seite 2

(5.) Krost, Heidrun / Frener, Rebecca, Wunsch und Wirklichkeit / EuGH-Urteil hin oder her. Die Marktkräfte sind entfacht. Medikamente und OTC-Ware überspringen längst festgezurrte Vertriebsschranken. Über Online-Versender bricht der stationäre Handel in fremdes Terrain vor, Lebensmittel Zeitung, 15.05.2009, Nr. 20, S. 031
aus Lebensmittel Zeitung 20 vom 15.05.2009 Seite 031

(6.) O.V., Arzneitmittelkauf im Internet nimmt zu, Lebensmittel Zeitung, 17.04.2009, Nr. 16, S. 044
aus Lebensmittel Zeitung 16 vom 17.04.2009 Seite 044

(7.) O.V., Celesio will bei DocMorris expandieren, aktiencheck.de, 25.05.2009
aus Lebensmittel Zeitung 16 vom 17.04.2009 Seite 044

(8.) Frener, Rebecca, Netto kooperiert mit Versandapotheke, Lebensmittel Zeitung, 24.04.2009, Nr. 17, S. 004
aus Lebensmittel Zeitung 17 vom 24.04.2009 Seite 004

(9.) O.V., DocMorris muss Apotheke schließen, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.05.2009, Nr. 118, S. 17
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.05.2009, Nr. 118, S. 17

(10.) O.V., Celesio: Europäischer Gerichtshof bestätigt Verbot für Apothekenketten, Aktie unter Druck, aktiencheck.de 19.05.2009
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.05.2009, Nr. 118, S. 17

M.Dengl

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Quelle: GENIOS WirtschaftsWissen Nr. 06/2009 vom 17.06.2009
Dokument-ID: c_strategie_20090617

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