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Mit dem Rücken zur Wand - Thyssenkrupp kämpft ums Überleben

STRATEGIE | GENIOS WirtschaftsWissen Nr. 03 vom 16.03.2020


Martina Merz steht in der Pflicht

Thyssenkrupp ist ein Dinosaurier. Der Konzern in seiner heutigen Form entstand zwar erst 1999 aus einem Merger zwischen der Friedrich Krupp AG Hoesch-Krupp und der Thyssen AG; seine Historie reicht aber weit zurück bis in die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, in der zahlreiche Vorgängerunternehmen eine maßgebliche Rolle in der Industrialisierung Deutschlands spielten. Heute steht der Konzern, der laut dem Geschäftsbericht von 2018/19 weltweit immerhin 162 000 Mitarbeiter beschäftigte, mit dem Rücken zur Wand. Martina Merz als Vorstandsvorsitzende steht nun in der Pflicht, eine tragfähige Strategie zu entwickeln, um den angeschlagenen Konzern am Leben zu erhalten. (1)


Kleine Verschnaufpause

Denn Thyssenkrupp ist hoch verschuldet. Die Gründe dafür sind vielfältig. Einer davon ist aber sicherlich, dass er lange Jahre von Patriarchen alter Schule geführt wurde, in der Seilschaften, Korruption und Misswirtschaft an der Tagesordnung waren und die aus borniertem Machtbewusstsein dringend benötigte Reformen verhinderten. Merz steht nun vor der Aufgabe, zunächst die Finanzlöcher zu stopfen. Mit dem Verkauf der Aufzugsparte an ein Konsortium, das aus den Finanzinvestoren Advent, Cinven und der Essener RAG-Stiftung besteht, hat sie sich und dem taumelnden Riesen zumindest eine kleine Verschnaufpause verschafft. Der "Deal" wird dem Konzern satte 17,2 Milliarden in die Kasse spülen. (1), (2)


Im Zentrum steht der "Stahl"

Das Geld wird dringend benötigt, denn der Schuldenberg, auf dem Thyssenkrupp sitzt, ist wahrlich gewaltig. Zu den Nettoverbindlichkeiten in Höhe von 7,2 Milliarden Euro kommen noch einmal neun Milliarden Euro an Pensionsverpflichtungen hinzu. Darüber hinaus wird es die nächste Aufgabe von Merz sein, die verbleibenden Sparten des Konzerns von Grund auf zu reformieren oder abzustoßen. Im Zentrum steht dabei das Geschäftsfeld Stahl. Das Ziel von Merz Strategie ist es, die Sparte einerseits zu verschlanken, indem sie bei rund 2 800 Arbeitsplätzen den Rotstift ansetzt; andererseits muss sie den Unternehmenszweig modernisieren. Dafür sollen über mehrere Jahre hinweg rund 800 Millionen Euro investiert werden. (1)



Trends


"Lebendiger Organismus"

Die Strategie beinhaltet, wie bereits angesprochen, auch den wahrscheinlichen oder zumindest möglichen Verkauf weiterer Unternehmenszweige. Betroffen von diesen Überlegungen sind der Anlagenbau, die Autozulieferung und die Grobblech-Sparte. Sollte es so weit kommen, blieben nur die Bereiche Stahl, Werkstoffe und Industrieteile übrig. Für den einst so stolzen Konzern, der zu den mächtigsten Europas gehörte, wäre dies ein herber Verlust. Merz versicherte daher bereits, dass sie sich in Zukunft durchaus wieder den Zukauf anderer Industriezweige vorstellen könne. Thyssenkrupp sei schließlich ein "lebendiger Organismus". (1)


Produktionsumstellung wird teuer

Thyssenkrupp will während der kommenden drei Jahrzehnte auf eine umweltfreundlichere Produktion umstellen. Kohle soll dabei durch Wasserstoff ersetzt werden. Die Pläne sind angesichts der weltweit geführten Umweltdiskussion sicherlich sinnvoll, aber auch teuer. Analysten rechnen mit Kosten von bis zu 30 Milliarden Euro. (1)


Verlässlichkeit und Vertrauen

Martina Merz ist als Interimslösung im Oktober 2019 auf dem Chefposten bei der Thyssenkrupp AG gelandet, nachdem der bisherige CEO, Guido Kerkhoff, aus dieser Funktion entlassen worden war. Die 57-jährige Maschinenbauingenieurin hat insgesamt allerdings nur zwölf Monate Zeit, um eine Strategie für den maroden Konzern zu entwickeln. Bis Mai dieses Jahres soll dies erledigt sein. Der Druck, der auf der Vorstandsvorsitzenden lastet, ist also ungeheuer groß.

Dennoch sprach sie vor Kurzem anlässlich eines Interviews mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung davon, dass sie plane, wieder eine Dividende an die Aktionäre auszuschütten. Sie rechtfertigt dieses Ziel mit Anlegervertrauen und Verlässlichkeit. Nur wenn ein Konzern "verlässlich Dividenden" zahle, würden die Anleger ihm auch ihr Vertrauen schenken. (3), (4)


Hilfe von der Bundesagentur für Arbeit

Das sind hehre Ziel, vor allem, wenn man sich vor Augen hält, dass der Konzern einen Teil der Umstrukturierungsmaßnahmen mit Geldern der Arbeitslosenversicherung finanzieren will. Das zeigt, dass Thyssenkrupp mit jedem Euro rechnet. Konkret bedeutet das Folgendes: 160 Mitarbeiter sollen von der Bundesagentur für Arbeit zwischen 60 und 67 Prozent ihres bis dato gültigen Nettoeinkommens erhalten. Der Konzern wird dieses Geld noch einmal aus eigenen Mitteln um einige Prozentpunkte aufstocken. Für Merz ist das ein ganz normaler Vorgang. Darüber lässt sich allerdings trefflich streiten. Andere Großkonzerne zahlen in ähnlichen Fällen Abfindungen. (5)



Fallbeispiele


Aus der Zeit gefallen

Als Symbol des mächtigen Mannes und Patriarchen schlechthin bei der Thyssenkrupp AG gilt Berthold Beitz. Er beeinflusste die Geschicke des Konzerns noch bis kurz vor seinem Tode im Jahre 2013, als er 99-jährig starb. Trotz der vielen Verdienste, die sich Beitz um das Unternehmen erworben hat, muss er sich doch auch vorwerfen lassen, dass unter seiner Ägide Miss- und Vetternwirtschaft blühten. Der Generalbevollmächtigte des Konzerns, der auch der Alfried-Krupp-von-Bohlen-und-Halbach-Stiftung vorsaß, verhinderte zudem wichtige Reformen. Die Stiftung kontrollierte damals 25,3 Prozent der Aktien und besaß damit eine Sperrminorität. Beitz nutzte diese Machtfülle, indem er bei Plänen, die ihm missfielen, sein Veto einlegte oder Anregungen, die er guthieß, unterstützte. Auf diese Weise konnte er den Konzern bis zu seinem Tode wie ein Autokrat regieren und war damit schon zu Lebzeiten aus der Zeit gefallen. An den Folgen leidet Thyssenkrupp noch heute. (6), (7)


DAX ade

Wie schlecht es um den einst so großen Konzern mittlerweile steht, zeigt auch die Tatsache, dass die Thyssenkrupp AG nach 31 Jahren aus dem DAX geflogen ist und von dem Luftfahrtunternehmen MTU Aero Engines ersetzt wurde. (8)



Weiterführende Literatur:

(1.) Neustart mit Hindernissen
aus Handelsblatt Nr. 043 vom 02.03.2020 Seite 020

(2.) In Aufzugwerken sind die Jobs sicher
aus Stuttgarter Nachrichten, 29.02.2020, S. 13

(3.) Thyssen-Krupp am Scheideweg: Ein radikaler Umbau steht an
aus Handelsblatt online vom 20.12.2019

(4.) Was wird aus Thyssen, Frau Merz?
aus Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 01.03.2020, Nr. 9, S. 23

(5.) Nach Milliardenverkauf: Thyssen-Krupp bittet Solidarkasse um Hilfe
aus Handelsblatt online vom 08.03.2020

(6.) Ende einer Epoche
aus Süddeutsche Zeitung, 12.03.2013, Ausgabe Deutschland, S. 4

(7.) Die letzte Schlacht des Berthold Beitz
aus Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.03.2013, Nr. 11, S. 26

(8.) Thyssenkrupp muss Dax verlassen
aus SPIEGEL ONLINE

Harald Reil

Metainformationen

Quelle: GENIOS WirtschaftsWissen Nr. 03 vom 16.03.2020
Dokument-ID: c_strategie_20200316

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