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Kreativität als Strategie - Lässt sich die Lust an der Innovation systematisch steigern

STRATEGIE | GENIOS WirtschaftsWissen Nr. 10 vom 07.10.2014


Mehr Kreativität lautet das Gebot der Stunde

Es gibt Kommentatoren, die beschwören bereits ein neues Zeitalter der Kreativität herauf. Seit den Anfängen der industriellen Revolution vor rund 250 Jahren in England wäre diese Ära nach dem Zeitalter der Massenproduktion, der Produktivität und des Internets bereits der vierte Zeitabschnitt, der das Wirtschaftsleben der westlichen Welt und dank Globalisierung nun wohl auch den Rest der Erde bestimmt. Diese Ära, so scheint es, wird sich mit einer Unvermeidlichkeit Bahn brechen wie die Tornados, die mit erschreckender Regelmäßigkeit den Mittleren Westen der USA heimsuchen. Der Grund ist simpel: Die Großwetterlage ist einfach danach. Noch in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts lag der Durchschnittswert für die Lebenszeit von großen US-Firmen bei 67 Jahren, heute sind es nur noch 15 Jahre - Tendenz fallend. Die fortschreitende Vernetzung der Menschheit mithilfe moderner Kommunikationstechnologien, die auf die Welt des Konsums bezogen, ein immer selbstbewussteres und daher auch anspruchsvolleres Klientel kreiert, die daraus resultierenden kürzeren Halbwertszeiten von Produkten und Dienstleistungen, der zunehmend schneller werdende Austausch von Ideen und die rapide Internationalisierung der Konkurrenz, die zusätzlich Druck aufbaut, fordern geradezu Innovationen in immer kürzeren Zeitabschnitten. Es scheint, dass ein Mehr an Kreativität tatsächlich ein Gebot der Stunde ist, dem sich kein Unternehmen mehr entziehen kann, will es überleben. Die Frage aller Fragen lautet allerdings: Lässt sich Kreativität institutionalisieren? (1)


Exkurs: Ist Deutschland ein Land der Einfallslosen?

Es gibt Pessimisten, die behaupten, dass dafür hierzulande schlichtweg die Grundvoraussetzungen fehlen. Ihrer Ansicht nach leben wir in einer Gesellschaft, in der Originalität zum Schimpfwort verkommen ist, in der ein Mensch, der als Original bezeichnet wird, sich nichts darauf einbilden sollte, da ihn seine Mitmenschen eher als abseitig und sonderbar abstempeln, denn als visionär und schöpferisch. Auf die Arbeitswelt übertragen, bedeutet das Folgendes: In Unternehmen zählen nicht das Ungewöhnliche und Neue; nicht der Querdenker und verrückte Ideenlieferant genießen einen guten Ruf; am höchsten geschätzt werden die fleißigen Arbeitsbienen, die in altbewährter Manier ihr Pensum abreißen und die ausschließlich durch Zuverlässigkeit und Pedanterie überzeugen. Der Verein Kreatives Unternehmertum weist zum Beispiel darauf hin, dass in Deutschland immer weniger Unternehmen gegründet werden und dass Universitätsabgänger eher auf die Werte Sicherheit und Prestige setzen würden als auf Wagemut und unternehmerische Visionen. Eine Umfrage, für die die weltweit tätige Agentur Jack Morton verantwortlich zeichnet, hat außerdem herausgefunden, dass nur 25 Prozent der deutschen Arbeitnehmer der Meinung sind, dass ihr Unternehmen Kreativität fördere - obwohl sich vier der fünf Befragten selbst für kreativ hielten. (2), (3), (4), (5)


Kreativität entsteht nicht aus dem Nichts

Allen Unkenrufen zum Trotz gehört Deutschland noch immer zu den innovativsten und wirtschaftlich stärksten Ländern der Erde, was es vor allem seinem Mittelstand zu verdanken hat. Wahr ist aber auch, dass sich Unternehmen strategisch noch besser aufstellen müssen, um auf das neue Zeitalter der Kreativität vorbereitet zu sein. Das hat auch die Bundesregierung erkannt. Mit ihrer erst jüngst vorgestellten Hightech-Offensive will sie auf der Makroebene einer neuen Kreativitätskultur in Deutschland den Boden bereiten. Aber auch die Firmen selbst müssen Einiges tun, um sich für die Zukunft zu rüsten. Denn Kreativität entsteht nicht aus dem Nichts.

- Dazu gehören im Vergleich zu früher viel kurzfristigere Strategiezyklen und zudem gleich mehrere Strategiemodelle, die mit verschiedenen Szenarien arbeiten, um schnell auf neue Entwicklungen reagieren zu können.

- Ebenso wichtig ist die Implementierung von effizienten Kreativitätsmanagement-Prozessen. Eine Studie hat kürzlich herausgefunden, dass die innovativsten Unternehmen sich dabei auf vier Schwerpunkte konzentrieren: Sie vertrauen auf eine leistungsstarke Business Intelligence, die auf der Grundlage von aussagekräftigen Daten Entscheidungen fällt und neue Ziele vorgibt. Sie überprüfen regelmäßig ihre Produkt- und Serviceangebote. Sie passen ihre Technik kontinuierlich an neue Anforderungen an, und sie optimieren ihre Entwicklungszyklen.

- Ein gutes Kreativitätsmanagement steht und fällt mit der richtigen Organisation. Um die Wichtigkeit zu demonstrieren, muss die Initiative von der Unternehmensspitze ausgehen und von engagierten Führungskräften in das gesamte Unternehmen hineingetragen werden.

- Kreativität entsteht nur, wenn die ganze Belegschaft eine Innovationskultur mitträgt und sie mit Leben erfüllt. Diese komplette Durchdringung erreichen Firmen durch ein Incentive-System oder ganz einfach durch die Gewährung von Zeitpolstern, die die Mitarbeiter nutzen können, um eigene Ideen zu entwickeln. (1), (6), (7)



Trends


Hightech-Strategie der Bundesregierung fördert Kreativitätskultur

Die Bundesregierung hat mit ihrer im September verkündeten Hightech-Strategie die Weichen für eine neue Kreativitätskultur in Deutschland gestellt. Mit Milliardenbeträgen will sie eine Infrastruktur schaffen, die die Innovationsfähigkeit von Unternehmen anstachelt. Die Initiative unterstützt vor allem kleine und mittlere Unternehmen sowie Start-up-Firmen. Sie zielt aber noch weiter. Indem sie dezidiert auch den normalen Bürger einbezieht, soll ganz Deutschland zu einer Ideenschmiede werden, die das Land bestens auf das neue Zeitalter der Kreativität vorbereitet. Besonders gefördert werden neue Ideen auf den Gebieten digitale Wirtschaft und Gesellschaft, nachhaltiges Wirtschaften, innovative Arbeitswelt, gesundes Leben, intelligente Mobilität und zivile Sicherheit. (7)



Fallbeispiele


3Ms "Schmuggelstrategie"

Das Multitechnologieunternehmen 3M hat mit seiner sogenannten Bootlegging Policy ("Schmuggelstrategie") die Grundlage für eine ausgeprägte Innovationskultur gelegt. Konkret: Mitarbeiter dürfen 15 Prozent ihrer Arbeitszeit darauf verwenden, um eigene Ideen zu verfolgen und in das Unternehmen "einzuschmuggeln". Das Resultat sind Erfindungen wie das Scotch Tape - die amerikanische Variante des Tesafilms - und die Post-it-Klebezettel. (1)


Kreative Firmen machen mehr Umsatz

Eine Gemeinschaftsstudie von Adobe und Forrester Consulting zum Thema Kreativität hat Folgendes zutage gefördert: Firmen, die ganz bewusst auf Kreativität setzen, verzeichnen Umsatzsteigerungen, die über dem Durchschnitt liegen. Kreative Unternehmen unterstützen unkonventionelle Ideen und akzeptieren Fehlschläge. Unter den Mitarbeitern herrscht ein ausgeprägter Kommunalsinn. Die Kundenbeziehungen sind eng. Die Studie mit dem Titel "The Creative Dividend" basiert auf Interviews mit Entscheidungsträgern aus 324 international aufgestellten Unternehmen. Außer den Ergebnissen stellen die Autoren Maßnahmen vor, wie sich eine Unternehmenskultur schaffen lässt, die Kreativität fördert. Dazu gehört der "Segen" der Firmenleitung, die ein Budget, Räume und Kreativitätsbeauftragte bereitstellen muss. Mitarbeiter sollten dazu ermutigt werden, Fragen zu stellen, da sich Kreativität und eine Befehlsempfängermentalität wechselseitig ausschließen. (8)


IHK Bonn/Rhein-Sieg lud zu einem Kreativitätsworkshop ein

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Bonn/Rhein-Sieg hat vor kurzem Unternehmer der Region zu einem Kreativitätsworkshop eingeladen. Um die 50 Interessierte folgten dem Aufruf und lauschten den Vorträgen eines Theologen, eines Schauspielers und eines Karikaturisten. Anschließend versuchten sich die Teilnehmer in kreativem Arbeiten. Sie erzählten Geschichten, modellierten mit Ton und zeichneten. Die etwas kuriose Idee hat durchaus einen ernsten Hintergrund. Sie zeigt, dass die IHK Bonn/Rhein-Sieg die Förderung von kreativem Denken für den Unternehmenserfolg als einen entscheidenden Faktor zumindest erkannt hat. Ob sich die Maßnahmen, die sie zur Kreativitätssteigerung anbot, allerdings wirklich eignen, steht auf einem anderen Blatt. (9)



Weiterführende Literatur:

(1.) Paradigmenwechsel: Das neue Zeitalter der Kreativität
aus wissensmanagement, Heft 2/2014, S. 10-12

(2.) Die Falschen und das Echte
aus brand eins, Heft 01/2014, S. 42-50

(3.) Mangel an Kreativität als Problem
aus Südkurier vom 09.09.2014, Seite 21

(4.) Studie: In Deutschland fehlt Raum für Kreativität
aus W&V Online-Magazin vom 03.06.2014

(5.) Erlahmender Erfindergeist - Was muss Deutschland tun, um seine Innovationskultur anzukurbeln?
aus GENIOS WirtschaftsWissen Nr. 02 vom 17.02.2014

(6.) Richtige Strategie - Der Erfolgsschlüssel für den Mittelstand heißt Konzentration aufs Kerngeschäft
aus GENIOS WirtschaftsWissen Nr. 03 vom 13.03.2012

(7.) Hightech-Offensive - Die Bundesregierung will Deutschland zum Innovationsweltmeister machen
aus GENIOS WirtschaftsWissen Nr. 09 vom 22.09.2014

(8.) Kreativität bringt Umsatz
aus W&V Online-Magazin vom 24.09.2014

(9.) Modellieren für Büromenschen Rund 50 Unternehmer
aus Bonner General-Anzeiger, 01.10.2014, S. 24

Harald Reil

Metainformationen

Quelle: GENIOS WirtschaftsWissen Nr. 10 vom 07.10.2014
Dokument-ID: c_strategie_20141007

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