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"Job Saver" Kurzarbeit - Stärken und Schwächen eines Exportschlagers

STRATEGIE | GENIOS WirtschaftsWissen Nr. 09 vom 14.09.2020


Kurzarbeit - eine bewährte Strategie

Als 2008/2009 die Finanzkrise die Weltwirtschaft an den Rand des Kollapses führte, drohte auch hierzulande eine Katastrophe. Im Vergleich mit anderen Ländern kam Deutschland aber vergleichsweise gut mit dem Ausnahmezustand zurecht. Das hatte verschiedene Gründe. Einer davon war die Einführung der Kurzarbeit. Dass sie einen positiven Effekt auf die weitere Entwicklung des Wirtschaftsstandortes Deutschland hatte, darüber herrscht unter Fachleuten weitgehend Einigkeit. Wenn es Streitpunkte gibt, dann wohl lediglich über den Grad der Effizienz.

Die aktuelle Bundesregierung greift angesichts der neuen Herausforderung, die ihr die Corona-Krise auferlegt, ebenfalls auf das Mittel Kurzarbeit zurück, und zwar nach dem Motto: Was sich in der Vergangenheit bewährt hat, kann so schlecht für die Gegenwart nicht sein. Auch andere Länder haben das deutsche Erfolgsmodell mittlerweile kopiert und setzen die Kurzarbeit als Mittel ein, um den Absturz ihrer jeweiligen Volkswirtschaften zumindest abzufedern. (1)


Die Schwächen des Systems

Diese Strategie scheint Erfolg zu haben. Positive Erfahrungen machen neben Deutschland beispielsweise auch Italien und Frankreich. Australien, Neuseeland und Großbritannien, die dieses Instrument bisher nicht einsetzten, haben es von Deutschland übernommen. Nichtsdestotrotz dürfen die positiven Effekte der Kurzarbeit nicht darüber hinwegtäuschen, dass das System, je nach Ausformung und Besonderheiten des Arbeitsmarktes, auch Schwächen haben kann. Diese lassen sich am Beispiel Deutschlands leicht erläutern.

Hierzulande sind mehr als 20 Prozent aller Arbeitnehmer im Niedriglohnsektor beschäftigt. Sie erhalten für ihre Arbeitsleistung also weniger als 11,40 brutto pro Stunde. Gehen Beschäftigte, die in diese Kategorie fallen, in Kurzarbeit wird ihr Nettolohn wie bei allen anderen Kurzarbeitern auch auf 60 Prozent gedrückt. Haben sie mindestens ein Kind zu versorgen, steigt der Lohn auf 67 Prozent. Arbeiten sie 50 Prozent oder weniger ihrer bisherigen Stundenzahl, bekommen sie ab dem vierten Bezugsmonat 70 Prozent ihres Nettolohns oder 77 Prozent, wenn sie einen Haushalt mit Kindern führen. Ab dem siebten Bezugsmonat erhöht sich die Leistung auf 80 beziehungsweise 87 Prozent. Das ist zwar besser als nichts, dennoch müssen die Betroffenen den Gürtel deutlich enger schnallen. Und manchen bleibt sogar trotz Kurzarbeit der Gang zum Jobcenter nicht erspart, um dort Arbeitslosengeld II zu beantragen. (2)



Trends


Rückläufiger Trend bei der Kurzarbeit, aber ...

Während in den vergangenen Monaten die Zahl der Firmen, die Kurzarbeit anmeldeten, nach oben schoss, nehmen jetzt immer mehr Unternehmen wieder ihren Regelbetrieb auf. Hier sind einige Zahlen, die diesen Trend untermauern: Im Mai arbeiteten 53 Prozent der Betriebe mit verminderter Kraft, im Juni waren es 46 Prozent, im Juli 42 Prozent, im August 37 Prozent. Dieser insgesamt positive Trend darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass einige Branchen noch immer massiv von Kurzarbeit betroffen sind. Dazu gehört zum Beispiel die Metallindustrie. Im Juli versuchten noch 80,8 Prozent der Unternehmen die Krisenzeit mit Kurzarbeit zu überbrücken. Zum Vergleich: In der Nahrungsmittelindustrie waren es nur 16,7 Prozent, in der Pharmazie sogar nur 0,6 Prozent der Firmen.

Die Entspannung insgesamt darf vor allem nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Corona-Krise noch lange nicht ausgestanden ist und dass es daher weiterhin eine Reihe von Unwägbarkeiten gibt. Vor allem ist noch nicht ausgemacht, was passiert, wenn eine zweite Welle das Land erfasst. Dann könnten die Zahlen rasch wieder nach oben schnellen. (5), (6)



Fallbeispiele


Rekordwerte

Laut einer Untersuchung des ifo-Instituts aus der Anfangsphase der Corona-Krise rechneten rund 75 Prozent der Unternehmen damit, Kurzarbeit anmelden zu müssen. Dabei blickten Befragte so wichtiger Branchen wie der Automobil- und der Elektroindustrie sowie des Maschinenbaus besonders pessimistisch in die Zukunft. Bei Vertretern der Chemieindustrie und der Ernährungsbranche war das Gegenteil der Fall. Der Präsident des Sparkassen- und Giroverbandes, Helmut Schleweis, konnte sogar Ungewöhnliches vermelden. Einige Filialen hätten pensionierte Mitarbeiter reaktiviert, um der Flut von Kreditanträgen Herr zu werden.

Diese (wenigen) guten Nachrichten sind die Ausnahme. Sie spiegeln, wie die Erfahrung der vergangenen Monate gezeigt hat, die Realität nicht wider. Denn andere Branchen mussten im Laufe der Krise massiv auf den Notanker Kurzarbeit zurückgreifen. In der Gastronomie waren es zeitweilig 99 Prozent der Betriebe, in der Hotelbranche 97, in der Autoindustrie 94, in der Luftfahrt 91 und in der Reisebranche 90 Prozent. Das sind Rekordwerte.

Einer aktuellen Erhebung von Statista zufolge haben in Deutschland bisher rund 42 000 Unternehmen der Krisensituation mit Kurzarbeit zu trotzen versucht; oder sie nutzen das Instrument noch immer (Stand: 1. September 2020). Zum Vergleich: In den Jahren 2009 und 2010, während des Höhepunkts der Finanzkrise, lagen die entsprechenden Werte bei 55 936 beziehungsweise bei 49 121 Firmen. (3), (7), (8)


Arbeit ohne Zukunft

In Deutschland, Italien, Spanien, Frankreich und Großbritannien waren in der bisherigen Spitzenzeit 45 Millionen Menschen in Kurzarbeit. Einer Studie der Allianz zufolge könnten neun Millionen davon ihren Job verlieren. Das heißt, die Kurzarbeit hat diese Arbeitnehmer künstlich in einer Beschäftigung gehalten (oder hält sie dort noch immer), die keine Zukunft mehr hat. (4)



Weiterführende Literatur:

(1.) Halten statt Feuern
aus brand eins, Heft 07/2013, S. 80-81

(2.) Historische Krise am weltweiten Arbeitsmarkt
aus DIE WELT, 08.07.2020, Nr. 157, S. 10

(3.) Exportschlager mit Ablaufdatum
aus Handelsblatt Nr. 093 vom 14.05.2020 Seite 014

(4.) The Working Dead
aus Stern, Nr. 34, 13.08.2020, S. 56

(5.) Ifo-Umfrage - Kurzarbeit in Deutschland nimmt langsam ab
aus Handelsblatt online vom 30.07.2020

(6.) Noch 37 Prozent der Betriebe mit Kurzarbeit
aus FAZ.NET, 31.08.2020

(7.) Kurzarbeit - das deutsche Rezept gegen die Krise
aus dw.com vom 30.03.2020 14:01:00

(8.) Anzahl der Betriebe mit Kurzarbeit in Deutschland im Jahresdurchschnitt von 1992 bis 2020
aus dw.com vom 30.03.2020 14:01:00

(9.)Der Mythos Kurzarbeit wankt: Warum das Erfolgsinstrument in dieser Krise versagen könnte
aus Handelsblatt online vom 14.05.2020

Harald Reil

Metainformationen

Quelle: GENIOS WirtschaftsWissen Nr. 09 vom 14.09.2020
Dokument-ID: c_strategie_20200914

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