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Inkompatibel - Kommunikationsstrategien von Medien und Wissenschaft unterscheiden sich fundamental

STRATEGIE | GENIOS WirtschaftsWissen Nr. 06 vom 15.06.2020


Fundamentale Unterschiede

Sehr viele Medien verfolgen eine Kommunikationsstrategie, die sich von jener der Wissenschaft deutlich unterscheidet. In der Corona-Krise werden diesen fundamentalen Unterschiede besonders deutlich. Während Virologen und Epidemiologen sich dem Phänomen Pandemie vorsichtig nähern, ihre Aussagen unter dem Vorzeichen der Vorläufigkeit verstanden wissen wollen, ihre Empfehlungen im Licht neuer Erkenntnisse modifizieren oder vielleicht sogar neue Wege bei der Eindämmung des Virus verfolgen, spitzen Vertreter von Funk, Fernsehen und Presse ihre Aussagen häufig zu.

Sie spielen Virologen gegen Virologen aus, prangern zögerndes Verhalten der Politiker an oder loben es über den grünen Klee. Ein Abwägen von verschiedenen Meinungen oder das Zugeständnis, dass sich die Vielschichtigkeit der Forschungserkenntnisse nicht mit den Kategorien "entweder/oder" fassen lassen, ist ihre Sache nicht. Diese Strategie geht auf Kosten der Komplexität, ist aber leichter konsumierbar. Als Faustregel kann daher gelten: Je boulevardesker ein Medium ist, desto einfacher sind seine Botschaften. Dass dies gefährlich ist, liegt auf der Hand. Es untergräbt nicht nur das Vertrauen in die Wissenschaft, sondern kann im aktuellen Fall der Corona-Krise auch Leben kosten. (1)


Bild-Zeitung attackiert Virologie-Professor

Aus der Sicht der Medien ist diese Strategie natürlich geradezu ein Muss. Kontroversen, die sich in griffige Schlagzeilen packen lassen, bringen Auflage. Wissenschaftler sind interessanter als Wissenschaft. Schwarz und Weiß ist deutlicher voneinander abzugrenzen als diffuse Grautöne, die ineinander verschwimmen. Als Paradebeispiel dieser Strategie lässt sich die Attacke lesen, die die Bild-Zeitung vor Kurzem gegen Christian Drosten gefahren hat. Der Direktor des Instituts für Virologie an der Berliner Charité und sein Team veröffentlichten vor wenigen Wochen eine Studie, in der sie argumentierten, dass Kinder und Jugendliche genauso viele Corona-Erreger in sich trügen wie Erwachsene. Die Bild-Zeitung wollte diese Untersuchung demontieren, indem sie sich auf die Aussagen von Statistikern stützten, die Mängel hervorgehoben hatten. (2)


Schuss ging nach hinten los

Der Schuss ging allerdings nach hinten los. Die kritischen Wissenschaftler, die die Bild-Zeitung unter ihrem als besonders aggressiven Meinungsmacher bekannten Chefredakteur Julian Reichelt für ihre Kampagne einspannen wollte, distanzierten sich von dem Blatt. Sie argumentierten, dass ihre Kritik ein ganz normaler Vorgang im wissenschaftlichen Betrieb für eine ohnehin nur als vorläufig gekennzeichnete Studie sei. Drosten machte zudem die Nachricht eines Bild-Redakteurs öffentlich, der innerhalb einer Stunde von ihm eine Antwort auf seine Fragen zu der Corona-Studie haben wollte - inklusive seiner Telefonnummer. Für die Zeitung war und ist das ein Super-Gau. Die Seriosität des Blattes, die ohnehin von vielen angezweifelt wird, hat nun einen weiteren Schlag erhalten. Glaubwürdigkeit geht anders. (4), (5)


Wissenschaftler dürfen sich nicht in den Bannkreis der Medien ziehen lassen

Dennoch müssen auch die Wissenschaftler auf der Hut sein, um sich nicht doch in den Bannkreis der Medien ziehen zu lassen. Das nämlich könnte sich negativ auf ihre Reputation auswirken. Wenn es nicht mehr um Inhalte geht, wenn nicht mehr sachliche Diskussionen im Mittelpunkt stehen, sondern stattdessen persönliche Befindlichkeiten in der Öffentlichkeit breitgewalzt werden, begeben sie sich selbst auf die Ebene des Boulevardesken. Für sie als Personen, vor allem aber für das Ansehen wissenschaftlicher Arbeit, ist das eine Katastrophe. (6), (8), (9)



Trends


Der Stellenwert der Zeitung hat sich deutlich geändert

Das Internet hat besonders die Printmedien unter Druck gesetzt. Sie leiden unter einem dramatischen Bedeutungsverlust. Die Bild-Zeitung ist da keine Ausnahme. Seit 1998 sind die Verkaufszahlen der ehemals auflagenstärksten Tageszeitung Europas um 69 Prozent eingebrochen. Unter der Vielzahl der Informationsquellen muss ein Medium wie "Bild" wie ein Marktschreier auftreten, um gehört zu werden. Ihre Journalisten haben zwar schon in der Vergangenheit kein Blatt vor den Mund genommen, über die vergangenen Jahre hinweg aber hat sich der Stellenwert der Zeitung geändert. (3)

Mit eingebüßter Dominanz ist die "Bild" anfälliger geworden. Diese Einschätzung lässt sich an zwei Phänomen festmachen. Sie bekommt den Unmut der sozialen Medien zu spüren. Und sie muss den potenziellen oder realen Verlust von Anzeigenkunden verkraften. So hat die AOK, Deutschlands größte gesetzliche Krankenkasse, angekündigt, dass sie angesichts der diffamierenden Berichterstattung gegen Christian Drosten vorerst keine Anzeigen mehr schalten würde. Sie könne es nicht verantworten, dass ihre Imagekampagne "Für ein gesünderes Deutschland" in einem solchen - impliziert ist wohl oberflächlichen und damit wissenschaftsfernen - Kontext erscheine. Mittlerweile hat sich aufgrund der jüngsten Entwicklungen in der Drosten-Affäre auch eine Bewegung formiert, die unter dem Hashtag #BildBoykott gegen die Zeitung opponiert. (7)



Fallbeispiele


Schneller Aufstieg, tiefer Fall

Wie schnell Medien, Wissenschaftler aufbauen, aber auch wieder fallen lassen, zeigt das Beispiel Hendrik Streeck. Der Direktor des Instituts für Virologie und HIV-Forschung an der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn geriet wegen der sogenannten Heinsberg-Studie unter Beschuss. Geäußert hatte die Vorbehalte zunächst Christian Drosten, der ihr methodische Fehler vorwarf. Wenig hilfreich für Streeck war außerdem, dass er mit dem ehemaligen Chefredakteur der Bild-Zeitung, Kai Diekmann, zusammenarbeitete. Offenbar folgte er bei der Veröffentlichung seiner Untersuchung einem Drehbuch der PR-Agentur Storymachine, bei der Diekmann als leitender Mitarbeiter tätig ist. Als der Forscher zunehmend kritisiert wurde, stellte der Bayerische Rundfunk Streecks Podcast zu Corona-Fragen ein. Mittlerweile hat der Virologe zwar die Endergebnisse seiner Studie veröffentlicht, die im Wesentlichen deckungsgleich mit den Zwischenergebnissen sind, welche Drosten kritisiert hatte. Und obwohl die Zweifel ausgeräumt zu sein scheinen, hat das Streeck nicht geholfen. Die Heinsberg-Studie gilt nach wie vor als umstritten. (8), (9)


Verlierer ist die Öffentlichkeit

Christian Drosten und Alexander Kekulé sind wohl während der Corona-Krise zu den bekanntesten Vertretern der Virologen-Zunft avanciert. Mittlerweile hat sich herausgestellt, dass sich die beiden wohl nicht allzu grün sind. Kekulé warf seinem Kollegen in einem Beitrag des "Tagesspiegel" schwere methodische Versäumnisse vor. Drosten reagierte gereizt und kanzelte seinen Kollegen in aller Öffentlichkeit ab. Er spiele in "unserer Community (&) keine Rolle". Auch kritisieren könne man ihn nicht, "dazu müsste er erst mal etwas publizieren".

Das kleinkariert anmutende Gezänk wirft kein gutes Licht auf beide Forscher. Sicherlich gibt es auch im akademischen Leben genauso viele eitle Pfauen wie in anderen Institutionen, Organisationen oder Unternehmen auch. Die Eifersüchteleien sollten aber innerhalb der Mauern des Wissenschaftsbetriebs bleiben. Werden sie publik, untergraben sie das Vertrauen in die Seriosität wissenschaftlicher Diskussion. Das mag in anderen Zeiten keine großen Konsequenzen haben. In der aktuellen Lage aber kann es tödlich sein. (6), (8)



Weiterführende Literatur:

(1.) Wenn Komplexität auf Zuspitzung trifft
aus Aachener Nachrichten vom 27.05.2020, Seite 5

(2.) Die Entführung der Wissenschaft
aus Nordkurier - Neubrandenburger Zeitung Stargard vom 30.05.2020, Seite 9

(3.) Bild (Zeitung)
aus Nordkurier - Neubrandenburger Zeitung Stargard vom 30.05.2020, Seite 9

(4.) Der Boss und seine Boys
aus DER SPIEGEL vom 30.05.2020 Seite 18

(5.) "Bild"-Zeitung im Kampfmodus
aus Der Tagesspiegel vom 30.05.2020, Seite 23

(6.) Das Virus der Missgunst
aus Hamburger Abendblatt - Hamburg vom 30.05.2020 Seite 31

(7.) AOK stoppt Werbung bei "Bild"-Zeitung
aus Hamburger Morgenpost vom 29.05.2020 Seite 5

(8.) Der Hahnenkampf der Virologen
aus Münchner Merkur Ausgabe Münchner Zeitung vom 29.05.2020 Seite 3

(9.) Der Sündendoc
aus DER SPIEGEL vom 30.05.2020 Seite 8

Harald Reil

Metainformationen

Quelle: GENIOS WirtschaftsWissen Nr. 06 vom 15.06.2020
Dokument-ID: c_strategie_20200615

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