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Hungriger Riese - China geht shoppen und stillt seinen Appetit vor allem auch in Deutschland

STRATEGIE | GENIOS WirtschaftsWissen Nr. 04 vom 09.04.2014


Mut zum Risiko

Letztes Jahr hat China die USA als weltgrößte Handelsmacht abgelöst. Nun setzt das Reich der Mitte alles daran, diese Stellung zu behaupten. Geld dafür hat das Land reichlich. Ende 2013 belief sich die Höhe seiner Devisen auf 2,79 Billionen Euro. Eines der Ziele der chinesischen Wirtschaft ist es, einen Teil dieses Geldes in westeuropäische Firmen zu investieren. Als besonders attraktives Anlageland gilt dabei Deutschland. Deloitte geht davon aus, dass im Laufe dieses Jahres die Zahl der Unternehmenskäufe nach einer kurzen Flaute Anfang 2013, die der damaligen schwierigen wirtschaftlichen Situation im Reich der Mitte geschuldet war, wieder deutlich zunehmen wird. Interessant für die Investoren aus dem Fernen Osten sind dabei vor allem mittelständische Fertigungsbetriebe der Automobilindustrie. Das Vertrauen in die Qualität deutscher Firmen scheint außerdem die Risikofreude der Chinesen anzustacheln. Die Analysten von Deloitte nehmen daher an, dass die chinesischen Investoren immer mehr Geld für Firmenübernahmen in die Hand nehmen werden und rechnen in Zukunft mit einem Volumen von 300 Millionen Euro und mehr für die meisten Transaktionen. (1), (2)


Erste chinesische Handelskammer Europas

Wie strategisch wichtig Deutschland für die reichen Geldgeber aus dem Fernen Osten ist, zeigt auch die Tatsache, dass sich in Berlin die erste chinesische Handelskammer Europas niedergelassen hat. Zu den Gründungsvätern zählen Air China, der Stahlproduzent Basteel und der Maschinenbauer Autefa Solutions. Die Interessenvertretung soll chinesischen Unternehmen, die in Deutschland Geschäfte machen wollen, nicht nur dabei helfen, sich im Dschungel der hiesigen Rechtsprechung zurechtzufinden, sie will auch gegen das Ungleichgewicht ankämpfen, das im Hinblick auf Direktinvestitionen trotz eines verstärkten Engagements chinesischer Unternehmen hierzulande noch immer besteht. Deutsche Firmen haben mittlerweile rund 39 Milliarden Euro im Land der Mitte angelegt, im umgekehrten Fall sind es bisher gerade einmal eine Milliarde Euro. (3)


Brücken der Toleranz

Die Handelskammer erfüllt aber auch noch einen weiteren Zweck: Die bisherigen Erfahrungen chinesischen Engagements in Deutschland haben gezeigt, dass die Zusammenarbeit aufgrund gravierender kultureller Unterschiede alles andere als leicht ist. Deutsche Mitarbeiter begegnen den neuen chinesischen Herren oft mit Misstrauen, die Investoren aus dem Fernen Osten verstehen dagegen oft die strengen Regulierungsvorschriften nicht. Eine Aufgabe der chinesischen Handelskammer ist es also auch, Brücken der Toleranz zu schlagen, die das zukünftige Miteinander erleichtern. (2), (3)


Strippenzieher im Hintergrund

Eine tiefsitzende Abneigung schlägt chinesischen Unternehmen aber auch von weiten Teilen der deutschen Bevölkerung entgegen. Sie empfinden das Reich der Mitte als Gefahr, die den hiesigen Markt unterwandert. Nicht zuletzt stößt ihnen auch der zu Recht vermutete autoritäre Führungsstil auf, der ihrer freiheitlich-demokratischen Sozialisierung widerspricht. Chinesische Marken haben daher hierzulande einen schweren Stand, wenn sie denn überhaupt bekannt sind. Aber stattdessen Gelder in großangelegte Werbekampagnen zu stecken, um ihren Ruf aufzupeppen, gehen die Geschäftsleute aus dem Fernen Osten viel pragmatischer vor. Sie kaufen deutsche Firmen auf, ziehen die Strippen im Hintergrund und sparen sich so den Aufwand einer aufwändigen Reputationspflege. (10)



Trends


Chinas Hotelbranche will auch in Deutschland Fuß fassen

Der deutsche Hotelmarkt war bisher vor chinesischen Übergriffen sicher. Das soll sich jedoch bald ändern. In der Tat hat vor wenigen Monaten der zweitgrößte private Hotelbetreiber des Reiches der Mitte ein Zeichen gesetzt, das auf zukünftige Entwicklungen schließen lässt. Die New Century Group hat in Offenbach das "Golden Tulip" gekauft und damit den ersten Schritt zur Internationalisierung seines Geschäftes getan, den sie in einem Strategiepapier festgelegt hat. Auch die Greenland Group und Huarong, beides ebenfalls in China ansässige Unternehmen, sind schon in Deutschland tätig. Die Aussichten für die Investoren aus dem fernen Osten sind glänzend - da nicht nur chinesische Geschäftsleute immer öfter nach Deutschland kommen, um sich nach geeigneten Optionen für Firmenkäufe umzusehen oder Kooperationen mit Partnern aus der Industrie abzuschließen; auch Touristen aus dem Reich der Mitte haben Deutschland für sich entdeckt. Der Beleg: In den zwölf Jahren zwischen der Jahrtausendwende und 2012 ist die Zahl der chinesischen Reisenden, die Deutschland besucht haben, um den Faktor acht gestiegen. (4)



Fallbeispiele


Bundeswirtschaftsminister wirbt für Reich der Mitte

Der Bundeswirtschaftsminister warb vor kurzem für mehr Verständnis für chinesische Investoren und spielte dabei auf die Sorge von einigen Kritikern an, die meinen, die neuen Herren aus Fernost könnten die hiesigen Lohn- und Arbeitsstandards unterwandern. Als Beispiel nannte Sigmar Gabriel die Diskussionen um den Plan des chinesischen Energiekonzerns State Grid, der sich in Berlin als Nachfolger des Energieversorgers Vattenfall ins Gespräch gebracht hat. Der Vorsitzende der SPD versuchte die Befürchtungen zu zerstreuen, indem er darauf hinwies, dass das Engagement von Firmen aus China in Deutschland dazu beitragen würde, Arbeitsplätze zu sichern. (3)


Chinas erster großer Coup

Die Computerfirma Medion, die sich vor allem als Zulieferer für Aldi einen Namen gemacht hat, ist seit 2011 in chinesischer Hand. Aufgekauft wurde das Unternehmen von Lenovo, das mittlerweile zum größten Computerhersteller der Welt aufgestiegen ist. Die Übernahme war der erste große Coup, den Geldgeber aus dem fernen Osten in Deutschland gelandet haben. Mit der Einverleibung eines an der Börse notierten Unternehmens haben die Chinesen außerdem ein Zeichen gesetzt. Noch steht zwar kein DAX-Konzern auf ihrer Einkaufsliste, auszuschließen ist ein chinesisches Engagement bei dem einen oder anderen der 30 umsatzstärksten deutschen Konzerne aber nicht. (1), (5), (6)


Lenovo interessiert sich für Blackberry

China ist natürlich nicht nur in Europa auf Einkaufstour, sondern es hält rund um den Globus Ausschau nach potenziellen Sahnestückchen. Lenovo hat zum Beispiel seine Fühler bis nach Kanada ausgestreckt und sich dank einer Absprache mit Blackberry das Recht gesichert, die Bücher des strauchelnden Smartphone-Produzenten genauer unter die Lupe zu nehmen. Geld genug für eine Übernahme ist auf jeden Fall vorhanden. Sie wäre ein weiteres Beispiel dafür, dass chinesische Unternehmen weltweit Technik-Know-how einkaufen, um sich in Schlüsselindustrien an vorderster Stelle zu positionieren. (7)


Kritiker bemängeln restriktives Österreich

Die restriktive österreichische Rechtsprechung macht es Investoren, die nicht aus der EU stammen, nicht gerade einfach, sich in Unternehmen der Alpenrepublik einzukaufen. Für die Chinaexperten des Beratungshauses Deloitte und Sprecher der Betriebsansiedelungsagentur ABA für Asien ist dies eine äußerst fragwürdige Politik. Ihrer Ansicht nach schade diese Abwehrhaltung dem Land, da sie potenzielle Steuerzahler aus dem Ausland abschrecke. (8)


China hungert nach Rohstoffen

China kauft sich weltweit aber nicht nur in Technologieführer ein oder schluckt sie sogar komplett, sondern es versucht auch, seinen Hunger nach Rohstoffen zu stillen. Der Staatsfond CIC hat zum Beispiel vor kurzem über eine seiner Töchter 12,5 Prozent des russischen Unternehmens Uralkali übernommen. (9)



[NL]Zahlen & Fakten



Bilanz 2012 - Rekordwerte bestätigt

Die deutschen Maschinenhersteller ziehen für 2012 eine positive Bilanz. Mit einem geschätzten Zuwachs von real zwei Prozent und einem Produktionswert von 196 Milliarden Euro hat die Branche das Rekordniveau von 2008 - wie es sich bereits im November angekündigt hatte - wieder erreicht. Der Umsatz liegt mit rund 209 Milliarden Euro nun definitiv eine Milliarde Euro über dem bisherigen Rekordwert von 2008.

Nicht mehr verbessert hat sich im Dezember die das Gesamtjahr kennzeichnende Abschwächung der Nachfrage aus China. Der für die deutschen Hersteller wichtigste Exportmarkt orderte in diesem Jahr 8,6 Prozent weniger Maschinen als 2011. Nachdem die Ausfuhren nach China in den letzten Jahren regelmäßig zweistellig zulegten, ist dies für die deutschen Unternehmen eine neue Erfahrung. Dass das Gesamtergebnis dennoch sehr gut ausfiel, liegt an den gestiegenen Ausfuhren in andere Länder. So orderten die USA gut 20 Prozent mehr deutsche Maschinen als im Vorjahr. Noch ein bisschen höher fiel der Anstieg der Lieferungen nach Südostasien aus. Für 2013 belässt es der Dachverband VDMA bei dem bereits prognostizierten Produktionsplus von zwei Prozent - womit wieder ein Rekordwert erreicht werden würde. (6)

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Abbildung 1: Hohe Abbrecherquoten an den Universitäten[NL]
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Quelle: VDMA[NL]Entnommen aus: Handelsblatt, 22.11.2012, Nr. 227, S. 14 (8)[NL]
Abbildung 2: An den Fachhochschulen sieht es nicht viel besser aus[NL]
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Quelle: VDMA[NL]Entnommen aus: Handelsblatt, 22.11.2012, Nr. 227, S. 14 (8)[NL]

Weiterführende Literatur:

(1.) China kauft bekannte deutsche Firmen
aus Märkische Allgemeine vom 17.01.2014, Seite WISO1

(2.) China geht in Deutschland wieder auf Einkaufstour
aus Berliner Morgenpost online, 12.11.2013, 18:14:28

(3.) Chinesische Investoren in Deutschland willkommen
aus dw.com vom 16.01.2014 21:11:00

(4.) Am Main stehen chinesische Hotels
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.05.2013, Nr. 120, S. 25

(5.) Computer von Medion
aus Süddeutsche Zeitung, 09.01.2013, Ausgabe München, Bayern, Deutschland, S. 18

(6.) Die neuen Herren aus China
aus manager-magazin.de vom 13.05.2013

(7.) China auf Einkaufstour: Womöglich greift sich der Computerbauer Lenovo denSmartphone-Hersteller Blackberry. Doch das schürt Sorgen um die Sicherheit desDatenverkehrs
aus Handelsblatt Live vom 18.10.2013 um 06:00:00

(8.) "Österreich schottet sich ab"
aus Kurier (Österreich) vom 27.03.2014, Seite 11

(9.) China sichert sich Rohstoffzugang. Staatsfonds steigt bei Uralkali ein
aus "Der Standard" vom 25.09.2013 Seite: 25

(10.) "Euro-Krise schützt deutsche Firmen vor Aufkauf-Welle"
aus manager-magazin.de vom 14.08.2013

Harald Reil

Metainformationen

Quelle: GENIOS WirtschaftsWissen Nr. 04 vom 09.04.2014
Dokument-ID: c_strategie_20140409

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