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Hackathons - Unternehmen rüsten sich zum Überlebenskampf

STRATEGIE | GENIOS WirtschaftsWissen Nr. 12 vom 17.12.2014


Hackathons helfen beim Kampf ums Überleben

Ungewöhnliche Zeiten erfordern ungewöhnliche Maßnahmen. Eine davon nennt sich Hackathon - ein Neologismus, der sich aus den Wörtern hacken im Sinne von spielerisch, explorativ programmieren und Marathon zusammensetzt. Zum ersten Mal verwendet wurde der Begriff kurz vor der Jahrtausendwende. Konkret gemeint ist damit Folgendes: IT-Experten erhalten die Aufgabe, innerhalb einer vorgegebenen Zeit für eine mehr oder weniger fest umrissene Aufgabe kreative Lösungen zu finden. Mittlerweile richten selbst Großkonzerne Hackathons aus, was ein untrügliches Zeichen dafür ist, dass sich das Image von einem durchgeknallten Event, bei dem ein Haufen Möchtegerngenies oder tatsächlicher Computer-Wizards an nicht enden wollenden Programmcodes für nicht genauer spezifizierbare Anwendungen tüftelt, gewandelt hat oder zumindest in Wandlung begriffen ist. Der Grund lässt sich auf die eingangs als ungewöhnlich titulierten Zeiten zurückführen. Heutzutage ist die Halbwertszeit von Unternehmen wesentlich kürzer als noch vor wenigen Jahrzehnten. Wer also als kleine Firma oder auch als Großkonzern weiterexistieren will, muss versuchen, ständig auf der Höhe der Zeit zu sein. Dazu gehört vor allem die Kraft, sich ständig neu zu erfinden und den Konsumenten mit immer neuen Produkten zu überraschen. In diesem Sinne sind Hackathons nicht nur innovationsstrategisch bedeutsam, sie helfen Unternehmen im wörtlichsten Sinne beim Überlebenskampf. (1)


Großfirmen locken mit fantastischen Gehältern

Dass es um die Existenz geht, wird besonders deutlich, wenn man die Hackathons, Hack Days, Hack oder Code Fests, Ship it Days oder FedEx Days, wie sie auch genannt werden, in einen größeren Kontext einbettet. Im Silicon Valley wird ganz besonders deutlich, was die Stunde geschlagen hat. Dort werben weltbekannte Konzerne junge, vielversprechende Programmierer mit Praktikumsplätzen, für die sie Monatsgehälter bis zu 8 000 Dollar zahlen. Nicht von ungefähr postete eine Informatikstudentin eine Liste jener Firmen, die sich diese fantastischen Gehälter erlauben können, in einer Facebook-Gruppe, die den Namen Hackathon trägt. (2), (8)


Der stimulierende Effekt von Überarbeitung

Außer aus innovationsstrategischen Gründen könnten sich Hackathons aber auch noch anderweitig bewähren. Es scheint, dass die Aufgabe, in kürzester Zeit praktikable Lösungen zu erarbeiten, für Hackathon-Teilnehmer besonders stimulierend ist. Anscheinend sind dafür nicht nur die Preise verantwortlich, die die Veranstalter oft als zusätzliche Incentives ausloben. Allein das Ziel, sich in einem Wettbewerb mit der besten Idee durchzusetzen, kann derart anregend sein, dass das Adrenalin, das ausgeschüttet wird, die Strapazen der Überarbeitung vergessen lässt. Hackathons würden damit ähnlich wie ein Marathonlauf funktionieren, der auch in der Lage ist, wahre Glücksgefühle bei den Sportlern freizusetzen. So betrachtet, sind Hackathons eine hervorragende Strategie, um Mitarbeiter zu motivieren. (8)



Trends


Hackathons inspirieren Macherthons

Dass Hackathons das Zeug dazu haben, die engen Grenzen der IT zu verlassen und andere Bewegungen zu inspirieren, zeigt folgendes Beispiel: In Freiburg riefen junge Leute vor einigen Jahren einen Workshop ins Leben, den sie Macherthon nannten. In Anlehnung an die Hackathons entwickeln die Teilnehmer zwar auch neue Ideen mithilfe von Programmiersprachen, sie dürfen aber auch andere Werkzeuge verwenden, um ihre Visionen zu verwirklichen. Der Macherthon erlebte in diesem Jahr seine fünfte Auflage und fand zum ersten Mal in Stuttgart statt. Die Veranstalter planen aber bereits, ähnliche Events schon im nächsten Frühjahr in noch größeren Städten aufzuziehen - in Hamburg und Berlin. Außerdem wollen die Freiburger Macherthon-Gründer Unternehmen, in dieser Art Innovationen zu generieren, schulen und Geld damit verdienen. Genauso wie die Hackathons aus den USA stammen, hat auch die Macherthon-Bewegung dort ihren Ursprung. (3), (4)



Fallbeispiele


Boschkonzern bricht mit Traditionen

Im Oktober dieses Jahres hat der Bosch-Konzern 30 Programmierer zu einem Hackathon in eine ehemalige Berliner Kunstgalerie eingeladen. Aufgabe der Computer-Spezialisten war es, Apps für Autos zu entwickeln. Mit dieser Einladung brach das Unternehmen gleich mit zwei Traditionen: Erstens hatte niemand dem Konzern, der mittlerweile 300 000 Mitarbeiter in 50 Ländern beschäftigt, zugetraut, dass er so modern sein könne. Und zweitens wäre es vor wenigen Monaten noch unvorstellbar gewesen, dass ausgerechnet die Robert Bosch GmbH, die für ihre extremen Sicherheitsvorkehrungen bekannt ist, Outsidern ihre IT-Plattform MySpin zur Entwicklung von Auto-Apps zur Verfügung stellen würde. Der Hackathon ist Teil einer großangelegten Strategie, die der neue Firmenboss Volkmar Denner engagiert vorantreibt. Er hat erkannt, dass ein Riesenkonzern wie Bosch nur dann überlebensfähig bleiben kann, wenn er schneller und agiler auf den Markt reagiert, als er es bisher getan hat. Die Gewinner-App war übrigens ein System, das jedem Mitglied zeigt, an welchem Ort das Familienauto gerade unterwegs ist. (1)


Im Dienste des Wettbewerbs

Die in Nürnberg ansässige conplement AG, ein Unternehmen, das sich auf Software Engineering spezialisiert hat, veranstaltet Hackathons, um Ideen zu generieren, die für das Unternehmen verwertbar sein könnten. Für den Mittelständler sind diese Hackevents Bestandteil einer ganzen Reihe eher ungewöhnlicher Maßnahmen, die im Grunde allesamt darauf abzielen, die Firma wettbewerbsfähig zu halten. (6)


Israelische Traditionsbank lud zum Hackathon ein

Bank Leumi, Israels traditionsreichstes Finanzinstitut, veranstaltete vor wenigen Wochen in Tel Aviv einen Hackathon, um neue Ideen für Banking-Apps zu generieren. Die Veranstaltung, die auf 36 Stunden angesetzt wurde, war offen für jeden Programmierer, der daran teilnehmen wollte. Im Mittelpunkt des Events standen folgende Aufgaben: Die Computer-Experten sollten Apps für Online-Bezahlsysteme, eine Verbesserung der User Experience, Social Media, die Förderung von kleinen und mittleren Unternehmen, Gamification und das Internet der Dinge entwickeln. Bis zu diesem Hackathon konzeptionierte die Bank alle mobilen Apps selbst. Das offene Format der Veranstaltung bedeutete daher nicht nur eine Kehrtwende innerhalb der Unternehmenspolitik, es zeigte auch, dass das Finanzhaus auf der Höhe der Zeit ist: Es zapfte die Schwarmintelligenz für hoch moderne IT-Lösungen an und spannte vor allem Nichtbanker in Entwicklungen ein, um einen frischen Blick auf Kundenbedürfnisse zu entwickeln, für die das etablierte Personal vielleicht schon blind geworden ist. Für das Gewinnerteam hatte Bank Leumi eine Belohnung von rund 14 000 Dollar ausgelobt. (7)


Tech-Konzerne lassen sich nicht lumpen

Einige Firmen im Silicon Valley zahlen ihren Praktikanten unverschämt hohe Gehälter. Dazu gehören Zynga, ein Hersteller von Browserspielen, der mit 8 000 Dollar Vergütung keinerlei Probleme zu haben scheint, die Firma Amazon, die mit 7 500 Dollar nur unwesentlich schlechter dasteht, der Internet-Riese Google, der bis zu 7 000 springen lässt und der Apple-Konzern, der sich mit immerhin 6 000 Dollar monatlich auch nicht gerade lumpen lässt. Ein paar der Firmen schießen ihren Praktikanten auch noch his zu 3 500 Dollar monatlich für die Miete zu. (2)


Hackathons als Studienfach

Hackathons haben es mittlerweile sogar zum Studienfach gebracht. An der Draper University im kalifornischen Städtchen San Mateo stehen sie für zukünftige Firmenchefs auf dem Stundenplan. An der Hochschule werden junge Leute in mehrwöchigen Intensivkursen zu kreativen Start-up-Gründern herangezüchtet. (5)



Weiterführende Literatur:

(1.) Bosch und die Regenmacher
aus Handelsblatt Nr. 228 vom 26.11.2014 Seite 018

(2.) Diese Firmen zahlen Praktikanten 7000 Dollar
aus Welt online vom 10.12.2014

(3.) Die Idee. Ein Team junger ...
aus Stuttgarter Zeitung - Stadtausgabe, 27.10.2014, S. 3

(4.) "Ideen können alle haben"
aus Berliner Zeitung vom 24.11.2014

(5.) Schule der Helden
aus werben & verkaufen Nr. 33 vom 11.08.2014, S. 46

(6.) Aus eigener Kraft
aus WirtschaftsWoche NR. 046 vom 10.11.2014 Seite 082

(7.) Israeli Bank Plans Hackathon for Banking App Ideas
aus WirtschaftsWoche NR. 046 vom 10.11.2014 Seite 082

(8.) What the heck is a Hackathon?
aus WirtschaftsWoche NR. 046 vom 10.11.2014 Seite 082

Harald Reil

Metainformationen

Quelle: GENIOS WirtschaftsWissen Nr. 12 vom 17.12.2014
Dokument-ID: c_strategie_20141217

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