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Fahrt auf Sicht - Die Politik versucht sich an einem schwierigen Balanceakt im Kampf gegen Corona

STRATEGIE | GENIOS WirtschaftsWissen Nr. 05 vom 28.05.2020


Das Kunststück der richtigen Balance

Die Balance zu halten, ist ein Kunststück. Dafür bewundern wir Seiltänzer und andere Gleichgewichtsakrobaten. In Zeiten von Corona ist es die Politik, die den richtigen Ausgleich finden muss zwischen der Sorge um die Bevölkerung einerseits und andererseits um die Wirtschaftsleistung des Landes, von der nicht nur der materielle Wohlstand, sondern mittelbar und vielleicht sogar unmittelbar ebenfalls Leben abhängen. Bisher scheint Deutschland dieser Balanceakt gut gelungen, zumindest verglichen mit anderen Ländern wie zum Beispiel den USA, Brasilien oder Großbritannien. Mittlerweile mehren sich allerdings die Stimmen, die nach einer Lockerung der Beschränkungen rufen. Dazu gehören zum Beispiel der FDP-Bundesvorsitzende Christian Lindner, der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet und jüngst Boris Ramelow, sein Amtskollege in Thüringen, der bisher weiter als alle anderen Entscheidungsträger vorangeprescht ist. Ab 6. Juni dürfen die Bürger seines Bundeslandes auf den Mund-Nasen-Schutz verzichten, Social Distancing ist für sie ab diesem Tag passé, die Kontaktbeschränkungen aufgehoben. (1), (2)


Politik der kleinen Schritte

Der Vorstoß Ramelows ist symptomatisch für die Schwächen und Stärken eines föderalistischen Systems bei einer Herausforderung wie der Bekämpfung einer Pandemie, die keine Grenzen kennt. Alleingänge sind programmiert, da die Länder selbst entscheiden können, wie sie mit der Krise umgehen. Dafür ist es aber auch möglich, auf bestimmte Situationen individuell zu reagieren, was bei einer zentralistisch verordneten Doktrin nicht möglich wäre. Doch abgesehen von den Stärken oder Schwächen föderalistischer Politik angesichts der Corona-Krise bleibt es die Hauptaufgabe der Politik, den schwierigen Spagat von Gesundheitsvorsorge und wirtschaftlicher Vernunft zu meistern. Eine langfristig angelegte Strategie ist aufgrund der Natur einer Pandemie nicht möglich. Stattdessen scheint eine Politik der kleinen Schritte angebracht: Lockerungen, wenn möglich, Beschränkungen, wenn nötig. Diese "Fahrt auf Sicht" scheint tatsächlich der beste Umgang mit einer Situation, die alles andere als alltäglich ist. Auch wenn sich im Verlauf der Krise gezeigt hat, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel die Krisenbewältigung immer mehr an die Länderchefs verloren hat, ist ihr mäßigender Einfluss dennoch spürbar. Deutschland kann daher dankbar sein, dass es von einer nüchternen Naturwissenschaftlerin regiert wird und nicht von einem exaltierten Showman. (1), (2)



Trends


Die Hoffnung ist, dass es so bleibt

Deutschland hat sich bisher als Musterknabe im Kampf gegen die Corona-Pandemie erwiesen. Allzu keck darf das Land aber nicht werden. Es wird sich erst in Zukunft zeigen, ob die Lockerungen angemessen waren. Die Sorge vor einer zweiten Infektionswelle ist in der Wirtschaft deutlich spürbar. Die Unternehmen agieren vorsichtig. Sie sparen, um liquide zu bleiben und beantragen, wenn nötig, Kredite. Laut einer PwC-Umfrage unter Finanzvorständen, deren Unternehmen an den Börsen notiert sind, erwarten 79 Prozent einen Einbruch bei Umsatz und Gewinn. Über 30 Prozent gehen davon aus, dass er zwischen zehn und 25 Prozent betragen wird. Die Krise wird auch einem massiven Stellenabbau zur Folge haben. 34 Prozent der Finanzvorstände sind der Meinung, dass ihnen keine andere Wahl bleibe. Der Politik kommt in dieser Situation eine herausragende Rolle zu. Fest steht bereits, dass die deutsche Wirtschaft aufgrund der Corona-Krise Schaden nehmen wird. Die Kunst allerdings ist es, ihn so gering wie möglich zu halten. Bis jetzt ist angesichts der Umstände alles noch einigermaßen in geordneten Bahnen abgelaufen, zumindest im Vergleich mit anderen Ländern. Die Hoffnung ist, dass es so bleibt. (3)



Fallbeispiele

Wie wichtig gute Führung für eine effiziente Corona-Strategie ist, zeigen die Negativbeispiele USA, Brasilien und Großbritannien.


America First - USA hat die meisten Corona-Toten

Donald Trump hat in der Krise nicht nur zu spät reagiert, er scheint auch keinen Plan zu haben, wie er sie in den Griff bekommen könnte. Zudem wird er mit seltsamen Vorschlägen auffällig; wie zum Beispiel mit seiner Werbung für den angeblichen Anti-Corona-Wirkstoff Hydroxychloroquin. Mittlerweile ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass das Mittel nicht nur nicht hilft, sondern sogar für eine höhere Mortalität bei Corona-Patienten verantwortlich ist. Die traurige Folge von Trumps erratischer Politik ist, dass sein Wahlkampf-Slogan, "America First", mittlerweile eine völlig andere als von ihm beabsichtigte und vor allem tragische Bedeutung angenommen hat: Das Land verzeichnet weltweit die höchste Infektionsrate und zählt die meisten Corona-Toten. Zudem sind die wirtschaftlichen Konsequenzen von Trumps Krisenbewältigungspolitik schon jetzt katastrophal. Die Arbeitslosenstatistik ist verheerend. Im April lag die Quote bei 14,7 Prozent. Im Mai dürfte sie noch höher ausfallen. Die Zahlen werden Anfang Juni veröffentlicht. Dieses Missmanagement und der wirtschaftliche Abschwung könnte dem Präsidenten die Wiederwahl kosten, obwohl das Phänomen Trump gerade darin besteht, dass er sich selbst aus ausweglosen Situationen wieder befreien kann. Abschreiben sollte man ihn also trotz seiner katastrophalen Bilanz noch nicht. (4), (5)


Brasiliens Laissez-faire-Kurs in die Katastrophe

In Brasilien ist mit Jair Bolsonaro ein Hardliner an der Macht, für den, wie für sein Vorbild Trump, wirtschaftliche Interessen Priorität haben. Doch seine Kompetenz als Corona-Krisenmanager ist erschreckend schlecht. Seit Beginn der Pandemie sind über 20 000 Brasilianer gestorben. Einige Hunderttausend wurden als infiziert gemeldet. Damit nimmt das größte Land Südamerikas weltweit den zweiten Rang in dieser Negativstatistik hinter den USA ein. Die Gründe für diese miserable Bilanz sind einfach auszumachen. Bolsonaro hat die Warnungen der Weltgesundheitsorganisation und von Virologen in den Wind geschlagen und seinen eigenen Laissez-faire-Kurs unbeirrt weiterverfolgt.

Eine Wirtschaftskrise horrenden Ausmaßes, die das Land noch tiefer ins Chaos stürzen wird, ist daher unvermeidlich. Millionen von Brasilianern werden ihre Lebensgrundlage verlieren. Die Wirtschaftsleistung wird sich dramatisch verringern. Die Unzufriedenheit mit der Regierung des Präsidenten wächst. Dieser wiederum versucht, den Schwarzen Peter den Gouverneuren zuzuschieben. Eine klare Strategie ist in dieser Situation nicht erkennbar. Dennoch ist es wie im Falle Trumps nicht sicher, ob dieses eklatante Missmanagement dem Präsidenten das Amt kosten wird.

Er ist an die Macht gekommen, weil seine Vorgängerin, Dilma Rousseff, die Wirtschaft des Landes ebenfalls heruntergewirtschaftet hatte. Offiziell warf damals der Kongress, der Rousseff abgesetzt hatte, Korruption vor. Die aktuelle Situation ist jener vor dem Amtswechsel also nicht unähnlich: Vetternwirtschaft, Missmanagement, Wirtschaftskrise. Doch wer soll Bolsonaro ersetzen? Eine wirkliche Alternative scheint es für das brasilianische Volk nicht zu geben. Die Zeichen stehen daher auf Sturm. (6)


Großbritannien ist Europas Paradebeispiel für gefährliches Krisenmanagement

In Europa ist die Regierung Boris Johnson das Paradebeispiel für gefährliches Krisenmanagement während der Corona-Pandemie. Johnson, der selbst an Covid-19 erkrankte, hat wie Trump und Bolsonaro die Gefährlichkeit der Krankheit lange nicht ernst genommen. Erst am 23. März hat seine Regierung Maßnahmen eingeleitet, um die sprunghaft steigenden Infektionsraten einzudämmen. Die langsame Reaktion hat dazu geführt, dass das Königreich mittlerweile Zehntausende von Toten zu beklagen hat und damit die meisten Corona-Opfer in Europa verzeichnet. Die Bank von England malt zudem ein düsteres Bild von der wirtschaftlichen Entwicklung. Sie sagt die stärkste Rezession seit über 300 Jahren voraus. Dazu kommt noch der Brexit, bei dem die Unterhändler keine Fortschritte erzielen. Kommt es tatsächlich zu einem No-Deal-Ausstieg werden die Briten in Zukunft nichts zu lachen haben. (7), (8)



Weiterführende Literatur:

(1.) Ausflug aufs Minenfeld
aus Handelsblatt Nr. 100 vom 26.05.2020 Seite 046

(2.) Thüringen will Beschränkungen zum 6. Juni aufheben - Lauterbach fürchtet "katastrophalen Wettlauf"
aus Handelsblatt online vom 24.05.2020

(3.) Deutschlands Konzerne rüsten sich für eine zweite Infektionswelle
aus Handelsblatt online vom 26.05.2020

(4.) Noch mehr Arbeitslose in den USA
aus Der Tagesspiegel vom 22.05.2020, Seite 15

(5.) Neue Analysen fallen ernüchternd aus
aus Handelsblatt Nr. 100 vom 26.05.2020 Seite 022

(6.) Kurs auf den Eisberg
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.05.2020, Nr. 120, S. 5

(7.) Jetzt zahlen die Briten für Johnsons Zögerlichkeit
aus DIE WELT, 11.05.2020, Nr. 109, S. 6

(8.) Johnsons Lüge
aus Süddeutsche Zeitung, 22.05.2020, Ausgabe Bayern, Deutschland, S. 4

(9.)Hunderte bei Demonstrationen gegen Corona-Beschränkungen
aus Welt online vom 24.05.2020

Harald Reil

Metainformationen

Quelle: GENIOS WirtschaftsWissen Nr. 05 vom 28.05.2020
Dokument-ID: c_strategie_20200528

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