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Die um die Ecke denken - Die Wirtschaft braucht Nonkonformisten, um ihre Innovationskraft zu erhalten

STRATEGIE | GENIOS WirtschaftsWissen Nr. 03 vom 16.03.2015


Das Kreuz mit den Querdenkern

Querdenker haben es nicht einfach. Zwar bewundert man ihre Fähigkeit, eingefahrene Wege leichter zu verlassen, als Konformisten das können; andererseits ecken sie aufgrund ihrer ungewöhnlichen Ansichten leichter an als jene - sofern man bei Angepassten überhaupt davon reden kann, dass sie anecken. Doch in einer Zeit, in der es vor allem in der Welt der Wirtschaft darauf ankommt, seine Innovationskraft zu bewahren, sollten Unternehmen Querdenkern eine Chance geben und ihre Rekrutierung sogar zur Strategie erheben. Denn mit Bürokraten lässt sich das Bestehende glänzend verwalten, neue Ideen, die zu innovativen Produkten führen, mit denen sich die Konkurrenz in Schach halten lässt, wird man von ihnen allerdings kaum erwarten dürfen. (1), (2)


Konformisten kommen leichter voran

Gerade das ist aber die Crux von Großunternehmen. Sie haben oft standardisierte Rekrutierungsverfahren, mit denen Personaler gezielt jene Mitarbeiter aus der Masse der Bewerber herauspicken, die in ihr Beuteschema passen - und das sind stromlinienförmige Uniabsolventen, die bestens in festen Strukturen funktionieren, die zu allem ja sagen, was der Chef ihnen vorlegt und die die Erfolgsleiter mit einer fast unheimlich anmutenden Leichtigkeit nach oben fallen, da sie ungeheuer geschickt darin sind, Netzwerke zu spinnen, das Ränkespiel um Macht und Einfluss schon früh erlernen und bald bis zur Perfektion beherrschen. Andersherum formuliert: Querdenker haben in solchen Unternehmen kaum eine Chance, da sie ganz einfach durch das Raster der Gewöhnlichkeit fallen und meistens völlig untauglich sind, sollte es ihnen tatsächlich einmal gelingen, in einer solchen Firma unterzukommen, innerhalb der dort herrschenden Hierarchien zu funktionieren. (2)


Start-ups - das natürliche Habitat für Kreativchaoten

Nonkonformisten suchen sich stattdessen Start-up-Unternehmen, die mit ungewöhnlichen Ideen, flachen Hierarchien und frischem Wind die Dinosaurier der Branche aufmischen - für Querdenker also fast per definitionem das natürliche Habitat. Wie schwer es große, etablierte Unternehmen im Überlebenskampf mittlerweile haben, zeigt ein Blick in die aktuelle Liste der Fortune 500, die 500 US-Unternehmen mit dem größten Umsatz. Lag ihr Durchschnittsalter vor mehr als einem halben Jahrhundert noch bei 61 Jahren, ist es mittlerweile auf 18 Jahre abgesunken. Entscheidenden Anteil daran haben nachgewiesenermaßen Start-up-Firmen, die mit ihren losen Strukturen Kreativität fördern und ihre chaotischen, unangepassten Querdenker zu Höchstleistungen anspornen. (1)


Wider die Dummheit des Schwarms

Indirekt ist dies auch ein Argument gegen die sogenannte Schwarmintelligenz, die mittlerweile, so scheint es, fast unhinterfragt zum alleinseligmachenden Innovationstreiber verklärt wird. Allerdings gibt es auch Querdenker, die sich gegen diese Einschätzung wehren. An vorderster Front steht Peter Dueck, der als ehemaliger Chief Technology Officer von IBM Deutschland, Mathematikprofessor und bekannter Sachbuchautor wahrlich kein unbeschriebenes Blatt ist. Er warnt in seinen Publikationen davor, den Schwarm zu sakralisieren und seiner Innovationskraft blindlings zu vertrauen. Laut Dueck wird der Schwarm vor allem dann dumm, wenn ihm die Ziele des Unternehmens unverständlich werden und er im Effizienzwahn bis zur Erschöpfung angetrieben wird. Die Lust an der Innovation braucht neben dem Freiraum, quer denken zu dürfen, also vor allem auch Zeit. (3)



Trends


Die Erziehung zum Querdenker

Dass die Fähigkeit, quer zu denken, in Zukunft immer wichtiger werden wird, ist natürlich auch der Wirtschaft schon aufgegangen - zumindest der progressiven Speerspitze. Die richtigen Strukturen helfen dabei allerdings nur bedingt, wenn es nicht genügend Nonkonformisten gibt, die diese auch nutzen können. Fortschrittliche Unternehmer wollen daher schon viel früher ansetzen und die Fähigkeit zum Querdenken bereits in der Schule fördern. Doch auch da scheint eher der Konformismus vorzuherrschen als der Mut, junge Menschen ungewöhnliche Wege beschreiten zu lassen beziehungsweise diese zu akzeptieren. Konsequenterweise fordern daher Vorreiter wie Hartmut Schmitz, der Hauptgeschäftsführer der Unternehmerschaft Niederrhein, trotz aller Einschränkungen, die Gesetze und Rahmenbedingungen vorgeben, von den Lehrern mehr Sensibilität bei der Auseinandersetzung mit Nonkonformisten. (4)


Unternehmen starten Innovationsoffensive

Es scheint, dass immer mehr Unternehmen die Weichen langsam umstellen und die Fähigkeit zur Innovation sogar institutionalisieren wollen. Ein Beispiel ist die Deutsche Lufthansa, die bis 2020 500 Millionen Euro in eine Innovationsinitiative investieren will. Dazu zählt ein Innovation Hub, der eine engere Zusammenarbeit mit Start-ups garantieren soll, ein Innovationsfond und eine Innovationsschaltzentrale, die die Aufgabe hat, Innovatoren zu vernetzen. (5)



Fallbeispiele


Gesundheitskonzern gewinnt Querdenker-Award

Die Paul Hartmann AG hat vor wenigen Monaten den so genannten Querdenker-Award gewonnen. Ausgezeichnet wurde der Gesundheitskonzern für sein Medical Innovation Center, das er im Juli 2014 eröffnet hat. Die in München ansässige Querdenker-Stiftung zeichnet jedes Jahr Menschen und Firmen aus, die neue Pfade beschreiten. Im Falle der Hartmann AG lobte sie das Geschick, Massenprodukte für einen Markt neu zu erfinden, der vom Kostendruck beherrscht wird. (6)


Ein Hoch auf den Querdenker

Das Institut für Weiterbildung der Uni Hamburg hat ein Zertifizierungs-Programm für HR-Manager ins Leben gerufen. Die Initiative ist eine Reaktion auf fehlende Angebote auf dem Weiterbildungsmarkt, die sich dezidiert dem Personalmanagement widmen. Sie ist daher auch als Signal für die wachsende Bedeutung des Humankapitals in einer Gesellschaft zu werten, in der die Ressource Mitarbeiter immer knapper wird. Der Unternehmensberater und Personalentwickler Claus Peter Müller-Thurau, der für das Institut als Dozent tätig ist, weist zudem darauf hin, dass es in Zukunft auch darauf ankommen wird, bei der Personalauswahl mutiger zu sein als früher. Sein Fazit: Querdenker werden für Unternehmen immer wichtiger. (7)


Furtwanger Firma setzt auf Querdenker-Workshops

Der Geschäftsführer der Furtwanger Firma S. Siedle & Söhne Telefon- und Telegrafenwerke hat Querdenker-Workshops ins Leben gerufen, die interdisziplinär zusammengesetzt sind. Durch den Austausch mit Experten aus verschiedenen Fachrichtungen erhofft sich der Anbieter für Gebäudekommunikationslösungen, der in Europa eine führende Rolle spielt, Input für Innovation. (8)



Weiterführende Literatur:

(1.) Querdenker, die näher beim Kunden sind
aus Die Presse vom 2014-10-30, Seite: 34

(2.) Es lebe der Querdenker. Wie sich Nonkonformisten ihren Platz im Berufsleben erobern
aus Mittelland Zeitung vom 07.12.2014

(3.) Schwarmneurose
aus Handelsblatt Nr. 031 vom 13.02.2015 Seite 058

(4.) Unternehmerschaft will Schüler inspirieren
aus Rheinische Post Nr. 231 - Ausgabe Kempen vom 06.10.2014

(5.) Innovationsmanagement. Mehr Platz für Querdenker
aus Handelsblatt online vom 08.12.2014

(6.) Querdenker Award für Hartmann
aus Ärzte Zeitung Nr. 130 vom 05.12.2014, Seite 17

(7.) Wie man Mitarbeiter voranbringt
aus Hamburger Abendblatt, 08.11.2014, Nr. 261, S. 64

(8.) Ideenreich an die Weltspitze - Vom Gedankenspiel zum globalen Produkt - Innovation wird von der Pflicht zur Kür
aus Badische Zeitung Freiburg vom 10.01.2015, Seite T14

Harald Reil

Metainformationen

Quelle: GENIOS WirtschaftsWissen Nr. 03 vom 16.03.2015
Dokument-ID: c_strategie_20150316

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