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Achterbahnfahrt - Nach dem Fall ins Bodenlose erholt sich der Ölpreis langsam wieder

STRATEGIE | GENIOS WirtschaftsWissen Nr. 07 vom 13.07.2020


OPEC-plus-Staaten fördern auch im Juli weniger Öl

Die Corona-Krise hat den Ölpreis auf Talfahrt geschickt. Im April ging es so weit bergab, dass sich die OPEC-plus-Nationen gezwungen sahen, die Förderung massiv zu drosseln. Der Grund ist einfach zu erklären: Corona legte die Wirtschaft lahm. Der Ölverbrauch sank weltweit auf ein Minimum herab. Als Konsequenz aus der verminderten Nachfrage vereinbarten die 23 Mitgliedstaaten, die Fördermenge um 9,7 Millionen Barrel täglich zu reduzieren. Vor wenigen Wochen untermauerten sie diesen Beschluss: Auch im Juli wird die rund zehnprozentige Reduktion der weltweiten Ölgewinnung aufrechterhalten. (1), (4)


Maßnahme trägt erste Früchte

Die Maßnahme hat erste Früchte getragen, obwohl es zunächst nicht danach ausgesehen hatte. Mittlerweile ist der Ölpreis aber wieder gestiegen. Das Vorkrisenniveau hat er allerdings noch nicht erreicht. Analysten zufolge wird das auch noch eine Weile dauern. Die Corona-Misere ist noch lange nicht vorüber, die Situation bleibt angespannt. Schuld an dem Preisverfall hatten aber auch die führenden OPEC-Nationen Saudi-Arabien und Russland, die sich zunächst auf keine gemeinsame Strategie einigen konnten, wie mit der Ausnahmesituation umzugehen sei.

Dieses Problem ist mit dem Beschluss, die Fördermenge auch noch im Juli zu beschränken, mittlerweile aber gelöst - zumindest vorübergehend. Entsprechend positiv reagierte der Markt. (2), (3), (4), (5)


Aufschwung kann wieder ins Gegenteil umschlagen

Die Erholung darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Aufschwung jederzeit wieder ins Gegenteil umschlagen kann. Denn neben den Saudis und den Russen spielen auch noch andere Player eine gewichtige Rolle im lukrativen Ölgeschäft. Länder wie der Irak, Nigeria, Angola und Kasachstan haben zwar den April-Beschluss mitgetragen, aber gegen die Förderbeschränkung verstoßen, um dank der anziehenden Preise dringend benötigtes Geld in die eigenen Kassen zu spülen. Es ist verständlich, dass jene Länder, die sich an die Vereinbarungen hielten, darüber nicht gerade "amused" waren. Es gibt allerdings Druckmittel, um die renitenten Nationen auf Linie zu bringen. Saudi-Arabien kann dem Irak zum Beispiel androhen, Investitionen zu kürzen oder den Ölpreis ganz einfach wieder auf Talfahrt schicken. Das täte zwar auch den Saudis weh, andere, weniger reiche Nationen wie eben auch der Irak, würden aber noch mehr darunter leiden. (4)


Was machen die Amerikaner?

Spannend zu beobachten ist auch, wie die US-amerikanische Ölindustrie auf die anziehenden Ölpreise reagieren wird. Die Krise hat einige Unternehmen in die Insolvenz getrieben. Andere Firmen, die den Preissturz überlebt haben, könnten ihre Produktion wieder hochfahren, um einem ähnlichen Schicksal zu entgehen. Hinweise darauf gibt es bereits. Sollte dies geschehen, könnte es mit Ölpreis schnell wieder nach unten gehen. (4)



Trends


Kein Anlass zu übergroßer Hoffnung

Zurzeit sieht es allerdings so aus, als ob sich der Ölpreis einigermaßen stabilisieren könnte. Anlass zu übergroßer Hoffnung sollte das den OPEC-Staaten allerdings nicht geben. Bis die Nachfrage nach Öl das Niveau vor der Krise erreicht haben wird, werden noch Monate, vielleicht sogar Jahre ins Land gehen. Einige Analysten gehen sogar davon aus, dass die Pandemie der Wendepunkt in der Erfolgsgeschichte des Öls sein könnte. Einer davon ist Kingsmill Bond, der als Experte für den in London ansässigen Think Tank Carbon Tracker arbeitet. Er ist sich sicher, dass Öl bald von neuen Energien ersetzt wird.

Corona hat zudem deutlich gemacht, dass Mitarbeiter ihre Aufgaben erledigen können, ohne allzu mobil sein zu müssen. Das Homeoffice hat während der Krise seine Feuertaufe bestanden. Einige Konzerne können sich mittlerweile sogar vorstellen, die Arbeit von zu Hause aus zur Dauereinrichtung zu machen. Dazu zählt zum Beispiel Facebook. Weniger Mobilität bedeutet aber auch eine geringere Nachfrage nach Öl.

Schließlich überlegen auch Politiker schon laut, sich sukzessive endgültig vom Öl zu verabschieden. James Shaw, der neuseeländische Klimaminister, hat die Krise zum Anlass genommen, einen entsprechenden Vorschlag für das Internetportal Climate Change News zu verfassen. Die Krise biete die Chance für einen Neuanfang, einen Neuanfang für eine umweltfreundliche Wirtschaft mit vielen neuen Aufgaben für hochqualifizierte Mitarbeiter. Die OPEC-Staaten werden solche und ähnliche Statements mit Schaudern vernehmen. (6)


Der Wandel hat bereits begonnen

Bei dem Gerangel ums Öl spielt auch China eine wichtige Rolle. Das bevölkerungsreichste Land der Erde ist mit 13,5 Prozent Anteil an der weltweiten Nachfrage der bedeutendste Importeur des "schwarzen Goldes". Zudem steigt der Bedarf des Riesenreiches ständig an. Für die Ölländer ist das eigentlich eine gute Nachricht. Doch die Abhängigkeit vom Öl ist den Chinesen natürlich ein Dorn im Auge, ganz abgesehen davon, dass die Asiaten unter Umweltproblemen, die durch fossile Brennstoffe verursacht werden, leiden.

Das Land unternimmt daher große Anstrengungen, auf nachhaltigere Energiequellen zu setzen. Über 50 Prozent der weltweit eingesetzten Solarpaneele und Windräder versehen im Reich der Mitte ihren Dienst. Der Anteil an Autos, die mit Elektromotoren angetrieben werden, liegt global gesehen ebenfalls bei rund 50 Prozent. Auch in der Produktion von Elektrobussen hat China die Nase vorn. Dort werden weltweit gerechnet 90 Prozent dieser umweltfreundlichen Fahrzeuge hergestellt.

Diese Tendenz, sich von der Abhängigkeit von Öl zu befreien, lässt sich auch in anderen Ländern erkennen. Die EU-Staaten wollen beispielsweise bis zur Mitte dieses Jahrhunderts CO2-neutral sein. Erneuerbare Energiequellen sollen bis zu diesem Zeitpunkt einen Anteil von über 50 Prozent im gesamten Energiemix ausmachen. (7), (8)



Fallbeispiele


"Billiger als Regen"

Die Corona-Krise hat den Ölpreis radikal verfallen lassen. Am 21. April 2020 wurde ein Barrel der Ölsorte West Texas Intermediate an der New Yorker Rohstoffbörse zeitweilig für minus 37,63 Dollar gehandelt. Dieser Wert war so niedrig, dass die "Monde Diplomatique" in einer Geschichte über die Krise und die Zukunft der OPEC titelte: "Billiger als Regen". (7)


Mexiko schert aus

Mexiko, das ebenfalls zu den OPEC-plus-Nationen gehört, hat die Verlängerung der Förderkürzung nicht mitgetragen. Schon im April, als die erste Reduzierung beschlossen wurde, drückte das Land eine Ausnahmeregelung durch. Statt der geforderten Minimierung der Fördermenge um 400 000 Barrel pro Tag, ließ sich das nordamerikanische Land lediglich auf einen Cut von täglich 100 000 Barrel ein. Auf den Ölpreis hat das Ausscheren Mexikos zwar keine Auswirkungen, das Beispiel aber zeigt, wie sehr die ölproduzierenden Länder dazu tendieren, ihre eigenen Interessen zu verfolgen und so eine gemeinsame Strategiefindung erschweren. (1), (4)



Weiterführende Literatur:

(1.) Ölstaaten einigen sich auf höchste Förderkürzung in der Geschichte der Opec
aus manager-magazin.de vom 13.04.2020

(2.) Die große Enttäuschung
aus Handelsblatt Nr. 072 vom 14.04.2020 Seite 028

(3.) Opec verlängert Förderkürzung bis Juli
aus FAZ.NET, 06.06.2020

(4.) Öl-Allianz Opec plus verlängert Förderkürzungen - Druck auf Trittbrettfahrer steigt
aus Handelsblatt online vom 06.06.2020

(5.) Ölpreisrally verliert an Schwung
aus Euro am Sonntag, 26.06.2020, Nr. 26, S. 69

(6.) Die besten Jahre sind vorbei
aus Der Tagesspiegel vom 09.06.2020, Seite 14

(7.) Billiger als Regen
aus Le Monde Diplomatique vom 11.06.2020, Seite 1

(8.) Corona beschleunigt den Wandel der Energiebranche
aus Handelsblatt online vom 25.06.2020

Harald Reil

Metainformationen

Quelle: GENIOS WirtschaftsWissen Nr. 07 vom 13.07.2020
Dokument-ID: c_strategie_20200713

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