GENIOS BranchenWissen > MASCHINEN- UND ANLAGENBAU
Logo GENIOS BranchenWissen

Zukunftschance Klimawandel? - Der Maschinenbau hofft darauf, doch Experten warnen

MASCHINEN- UND ANLAGENBAU | GENIOS BranchenWissen Nr. 12/2009 vom 17.12.2009


Industrie will vom Klimaschutz profitieren

Die Industrieunternehmen in Deutschland sehen den Klimaschutz als einer der Haupttriebfedern für zukünftige Erfolge. Es herrscht Aufbruchstimmung in Deutschland, sagt beispielsweise die Energieökonomin Claudia Kemfert, die die Weltbank und die Vereinten Nationen berät. Der vorherrschende Optimismus, die Anforderungen des Klimaschutzes in Profite verwandeln zu können, schlägt sich in vielen Wirtschaftsbereichen schon heute nieder. Baufirmen spezialisieren sich auf energiesparende Dämmtechniken, Fondsmanager investieren in nachhaltige Aktien und die Telefonhersteller entwickeln Solarhandys. Noch vor vier Jahren betrug der Anteil der Umweltwirtschaft am Gesamtumsatz der deutschen Industrie gerade einmal vier Prozent. Bis 2030 soll der Anteil laut einer Studie der Unternehmensberatung Roland Berger auf 16 Prozent anwachsen. Politiker sprechen bereits von einer dritten industriellen Revolution. Auch auf den Weltmärkten sieht die deutsche Industrie großes Potenzial für ökologisch verträgliche Produkte. (1), (2), (3)


Deutschland ist führend bei Umwelttechnologien

Sowohl bei Patenten als auch hinsichtlich der Marktanteile nehmen grüne Technologien aus Deutschland weltweit eine führende Stellung ein. Eine Studie der Unternehmensberatung Roland Berger kommt daher zu dem Schluss, dass die Umwelttechnik schon in zehn Jahren die wichtigste Wirtschaftsbranche sein wird. Auch die Allianz bewertet die Perspektiven als sehr vielversprechend. Der Versicherungskonzern geht davon aus, dass das Marktvolumen in Deutschland von 60 Milliarden Euro im Jahr 2006 auf 400 Milliarden Euro im Jahr 2030 wachsen werde. Das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung glaubt, dass ambitionierte Maßnahmen zur Begrenzung der Erderwärmung 630 000 neue Arbeitsplätze in Deutschland schaffen könnten. (1), (2), (3)


Maschinenbauer setzen auf Energieeffizienz

Auch der Maschinen- und Anlagenbau sieht sich bei der Herstellung klimafreundlicher Produkte in einer führenden Position. So erklärte der Präsident des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), Manfred Wittenstein, kürzlich: Mit den Produkten des Maschinen- und Anlagenbaus sparen unsere Kunden allein in Deutschland bereits heute im Vergleich zu vor zehn Jahren jährlich eine Energiemenge, die dem jährlichen Strombedarf aller 48 Millionen privaten Haushalte in Deutschland, Österreich und der Schweiz entspricht. Der Einsatz effizienter Maschinenbautechnologie könne schon in zehn Jahren dazu führen, dass die Energieeinsparungen dem Stromverbrauch von 90 Millionen Haushalten entsprechen. Der Branchenverband fordert daher ein verlässliches Klimaschutzabkommen, da die deutschen Maschinenbauer nur dann die notwendigen Investitionen vornehmen würden. (2), (3), (4)


Windkraft - eine teure Illusion?

Die zum Maschinen- und Anlagenbau zählende Windenergie-Branche steht in dem Ruf, die Klimaprobleme der Zukunft lösen zu können. Großbritannien beispielsweise setzt so stark auf Offshore-Windkraftanlagen wie kein anderes Land. Gemeint sind hiermit Windparks vor den Meeresküsten, die auf massiven Gestellen mitten im Wasser installiert sind. Bis 2013 wollen die Briten Windkraftwerke mit einer Leistung von 4,9 Gigawatt installieren, während Deutschland als Nummer zwei nur gut halb so viele Meeres-Windräder haben wird.

Immer mehr Energieexperten sehen in der Windkraft hingegen eine teure Illusion. So ist es in Deutschland beispielsweise so, dass Energieversorger zwar zur Abnahme umweltfreundlich erzeugten Stroms gezwungen sind, der sich jedoch nicht auf die Energiebilanz auswirkt. Der Grund dafür ist der Emissionshandel: Die deutschen Unternehmen verkaufen die eingesparten Emissionen an andere Energieversorger, die das in Deutschland eingesparte CO2 dann ihrerseits in die Luft blasen. Eine andere Kritik richtet sich auf die Kosten für die Windkraft. Diese seien so hoch, dass es energiepolitisch weit vernünftiger sei, dieses Geld für Stromsparmaßnahmen auszugeben. (6), (7)


Energieexperte spricht von Katastrophe

Der Energieexperte Joachim Weimann sieht die deutsche Umweltpolitik auf dem Holzweg und spricht von einer klimapolitischen Katastrophe. Auch Weimann bezeichnet den Emissionshandel als einen Kardinalfehler der Umweltpolitik, durch den der Ausstoß von CO2 lediglich verlagert werde. Beim Thema Kosten nennt der Experte Zahlen: So erzwinge die Wind- und Solarstrombranche für die Einsparung von einer Tonne CO2 zehn bis 50 mal höhere Kosten, als auf anderem Wege aufgewendet werden müssten. Die Unternehmen könnten für den Geldbetrag, der nötig wäre, um eine Tonne CO2 durch Solartechnik einzusparen, an der Emissionsbörse in Amsterdam Ausstoßrechte für über 40 Tonnen CO2 einkaufen. Für den Umweltexperten sind Windräder und Solardächer daher ausschließlich politische Symbole, die zu echten CO2-Einsparungen aber gar nicht führten. (8)





Fallbeispiele


Automatisierungstechnik senkt Stromkosten

Ein Beispiel für klimafreundlichen Maschinenbau gibt die Automatisierungsbranche. Hier hat neue Technik schon heute dafür gesorgt, dass der Energieverbrauch um 13 Prozent gesunken ist. Grundsätzlich ist auf diesem Gebiet allerdings noch viel zu tun: Eine Studie des Zentralverbands Elektrotechnik und Elektronikindustrie (ZVEI) hat ergeben, dass auf dem Weg von der Quelle bis zum Endverbraucher rund 80 Prozent der Energie verloren gehen. Diese ineffiziente Kette beginne bei der Primärenergieförderung, setze sich beim Transport und in Kraftwerken fort und ende in einer Produktion, die ihre Einsparungspotenziale noch längst nicht ausgeschöpft habe. Allein durch bessere Prozessautomatisierung lassen sich laut ZVEI zehn bis 15 Prozent der Energie einsparen. (4)


Auch die Stahlhersteller wollen ergrünen

Im weltweiten Vergleich sind Europas Stahlhersteller schon jetzt Vorreiter beim Einsatz grüner Stahltechnologien. Hierzu zählt das Hochofengas-Recycling, mit dem bei der Roheisenproduktion entstehende Gase wieder verwendet werden können. Derzeit rüstet ArcelorMittal in Eisenhüttenstadt den ersten seiner Hochöfen auf die Gasrecyclingtechnik um. Sollten alle deutschen Stahlhersteller diesem Beispiel folgen, würden sich hierdurch sieben Millionen Tonnen CO2 einsparen lassen. In den letzten 40 Jahren hat die europäische Stahlindustrie ihre Schadstoffemissionen um 50 Prozent senken können. (5)


VDMA befürchtet Aushöhlung des Patentschutzes

Die deutschen Anlagen- und Maschinenbauer wünschen sich ein internationales Klimaschutzabkommen, um ihre Investitionen innerhalb eines festen Ordnungsrahmens vornehmen zu können. Gleichwohl knüpfen sich an diese Forderung auch Befürchtungen. So sieht der VDMA die Gefahr, dass internationale Abkommen auch zur Internationalisierung bestehender Patente führen könnten. Dies müsse verhindert werden, da die Innovationen deutscher Firmen vor dem Zugriff von Wettbewerbern geschützt werden müssten. Der VDMA reagierte damit auf die Absicht der Industrieländer, den Entwicklungsländern bei den Klimaverhandlungen mit erheblichen Technologietransfers entgegenzukommen. Käme es hierzu, würden die deutschen Maschinenbauer ihre technologische Führerschaft ohne Gegenleistung mit anderen Ländern teilen müssen, so der VDMA. (10)



Zahlen & Fakten Zahlen & Fakten



Finanzkrise nützt dem Klima

Die weltweite Rezession könnte dazu führen, dass der Ausstoß von Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen in diesem Jahr so stark zurückgeht wie seit 40 Jahren nicht. Experten sehen in dieser Entwicklung die große Gelegenheit, die Wirtschaft weltweit auf eine nachhaltige Arbeitsweise umzustellen. (9)

Weiterführende Literatur:

(1.) Für die Zukunft gerüstet / Energie- und Klimatechnologien sind ein Wachstumsfeld für den Maschinen- und Anlagenbau.
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.11.2009, Nr. 258, S. B4

(2.) Neue, grüne Welt / Klimaschutz zahlt sich aus: Die Umweltindustrie verändert die gesamte Wirtschaft und entwickelt sich zur Leitbranche. Der Wandel bringt neue Berufe und zahlreiche Jobs.
aus Der Tagesspiegel Nr. 20296 VOM 21.06.2009 SEITE K02

(3.) Maschinenbauer legen vor beim Energiesparen
aus Handelsblatt Nr. 237 vom 08.12.2009 Seite 56

(4.) Kluge Maschinen helfen beim Energiesparen in der Produktion / Moderne Automatisierungstechnik senkt Stromkosten in Unternehmen. Doch das Potenzial ist längst nicht ausgeschöpft.
aus Handelsblatt Nr. 233 vom 02.12.2009 Seite 66

(5.) Neue Verfahren für bessere Luft / Auch die Stahlindustrie denkt um: Nur wer nachhaltig wirtschaftet, wird in der Branche überleben
aus DIE WELT, 12.11.2009, Nr. 264, S. WR2

(6.) Große Pläne auf der Nordsee / Kein Land der Welt setzt so stark auf maritime Windkraftanlagen wie Großbritannien. Ob die ehrgeizigen Regierungspläne zum Radikalumbau des Energiesektors aufgehen, ist aber zweifelhaft.
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.10.2009, Nr. 247, S. 12

(7.) Solarwerte sind eine Wette auf die Klimapolitik / Der Gipfel in Kopenhagen und die Finanzmärkte
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.12.2009, Nr. 286, S. 22

(8.) Klimagipfel in Kopenhagen - Interview mit Joachim Weimann / "Man muss wohl von einem Desaster sprechen" / Der Magdeburger Umweltökonom geht mit den "Heilsbringern" Solarenergie und Windkraft ins Gericht
aus Börsen-Zeitung, 04.12.2009, Nummer 234, Seite 6

(9.)Krise hilft beim Klimaschutz / Ausstoß von Treibhausgasen sinkt wegen der Rezession wie seit 40 Jahren nicht. Experten sehen Chance für Umbau der Wirtschaft
aus Süddeutsche Zeitung Ausgabe Deutschland, Bayern, München vom 22.09.2009, Seite 19

(10.) Maschinenbauer sehen Patente durch Klimaschutz in Gefahr
aus DIE WELT, 02.12.2009, Nr. 281, S. 10

R.Reuter<b></b><b><i>R.Reuter</i></b>

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 12/2009 vom 17.12.2009
Dokument-ID: s_mas_20091217

Alle Rechte vorbehalten. © GBI-Genios Deutsche Wirtschaftsdatenbank GmbH