GENIOS BranchenWissen > MEDIEN & VERLAGE
Logo GENIOS BranchenWissen

Zeitungsverlage - eine Branche stemmt sich gegen den Abstieg

MEDIEN & VERLAGE | GENIOS BranchenWissen Nr. 07 vom 28.07.2011


Tageszeitungen verharren in der Krise

Die deutschen Zeitungsverlage können von der guten Konjunktur kaum profitieren. Im vergangenen Jahr sind die Umsätze zwar um 0,7 Prozent auf 8,5 Milliarden Euro gestiegen, die Auflage ging jedoch um 2,35 Prozent auf 24 Millionen verkaufte Exemplare pro Erscheinungstag zurück. Ende der neunziger Jahre waren es noch knapp 30 Millionen. Für 2011 rechnet der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) allenfalls mit einer Stabilisierung des Geschäfts. Das Dilemma der Verlage ist, dass die Leser ins Internet abwandern. Dort sind die Zeitungshäuser zwar auch aktiv, auf den Vertriebswegen Print, Online und mobile Geräte erreichen sie zusammengenommen so viele Leser wie nie zuvor. Allerdings lässt sich mit den neuen Aktivitäten kaum Geld verdienen. (1), (2), [Abb. 1]


Anzeigenerlöse schrumpfen kontinuierlich

Die zwei Standbeine der Verlage sind der Verkauf von Zeitungen einerseits sowie das Anzeigengeschäft andererseits. Das Jahr 2009 war hinsichtlich der Einnahmenstruktur eine Zäsur. Erstmals seit Jahrzehnten erwirtschaftete man mehr Geld mit Zeitungen als mit Anzeigen. Dies lag aber nicht an anziehenden Zeitungsverkäufen, sondern an den stärker schrumpfenden Anzeigenerlösen. Dieser Trend hat sich 2010 fortgesetzt. Die Anzeigen- und Beilagenumsätze fielen um 1,2 Prozent auf 3,9 Milliarden Euro, während die Einnahmen aus dem Zeitungsverkauf um 2,3 Prozent auf 4,6 Milliarden Euro stiegen. Diese Entwicklung hält auch im laufenden Jahr an. (8)


Verleger kämpfen an mehreren Fronten

Die Branche kämpft gleich an mehreren Fronten gegen die Misere an. So hat man gegen den Internet-Konzern Google und gegen die öffentlich-rechtlichen Sender einen Rechtsstreit vom Zaun gebrochen. Die Verleger werfen beiden Parteien vor, den Wettbewerb im Online-Sektor zu verzerren. Bei den Öffentlich-Rechtlichen ist den Verlegern die gebührenfinanzierte "Tagesschau"-App ein Dorn im Auge. Mit dieser würden journalistische Inhalte im Netz kostenlos angeboten. Von Google verlangen die Verleger indes ein faires Ranking der Suchergebnisse sowie eine angemessene Beteiligung an den Einnahmen, die der Suchmaschinenbetreiber mit Verlagsinhalten erzielt. Darüber hinaus fordern die Verleger von ihren eigenen Belegschaften Lohnverzicht. Deswegen spitzt sich derzeit in der Branche der Tarifkonflikt zu. In mehreren Bundesländern wollen die Redakteure streiken. (1), (2), (3)

Die Branche hat zudem die Politik aufgefordert, digitale Verlagsprodukte nur noch mit dem ermäßigten Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent zu besteuern. Bislang gilt dieser nur für Printprodukte. Online-Produkte werden dagegen mit einem Steuersatz von 19 Prozent belegt. "Angesichts der zunehmenden Verlagerung verkaufter Zeitungen und Zeitschriften in die digitale Welt ist eine Anpassung der Sätze längst überfällig", erklärte der BDZV. (4)



Trends

Trotz einiger Ernüchterung sehen Experten die Zukunft der Zeitungsverlage nach wie vor im Tablet-Bereich. Da hier die Leseerfahrung der einer klassischen Zeitung am nächsten ist, sind die Leser eher bereit für das Angebot zu zahlen. Auch die Zahlen vom Werbemarkt geben Grund zur Hoffnung. Das US-Marktforschungsinstitut Gartner prognostiziert dem Gesamtwerbemarkt mit Mobilgeräten ein Wachstum von heute 3,3 Milliarden Dollar auf mehr als 20 Milliarden Dollar bis 2015. (11)

Fallbeispiele


Tagesschau-App als Konkurrenz aus dem Web

Ende Juni haben acht große deutsche Zeitungsverlage, darunter Axel Springer und die WAZ-Gruppe, die ARD verklagt. Der Vorwurf: Die öffentlich-rechtlichen Sender verletzen mit ihrer "Tagesschau"-App den Rundfunkstaatsvertrag. Dieser verbietet den öffentlich-rechtlichen Sendern, presseähnliche digitale Inhalte zu publizieren, sofern dieser keinen konkreten Bezug zu einer Sendung haben. Die "Tagesschau"-App wird bisher von 1,7 Millionen Menschen genutzt. Mit ihr lässt sich die Internetseite "tagesschau.de" auf mobilen Empfangsgeräten wie dem Smartphone oder dem Tablet-PC abrufen. Das Angebot ist kostenlos. (5), (6)


Tarifkonflikt spitzt sich zu

Zwischen Redakteuren und Verlegern spitzt sich der Tarifkonflikt zu. In Baden-Württemberg haben rund 1 700 in den Branchengewerkschaften Deutscher Journalistenverband (DJV) und Ver.di organisierte Journalisten für einen Streik gestimmt. Ähnliches findet auch in anderen Bundesländern statt. Seit fast einem Jahr verhandeln Arbeitgeber und Gewerkschaften auf Bundesebene um einen neuen Tarifvertrag. Dieser gilt für 14 000 Redakteure. Die achte Verhandlungsrunde endete Anfang Juli ergebnislos. Die Zeitungsverleger wollen die Gehälter um fünf Prozent kürzen. DJV und Ver.di fordern dagegen eine Gehaltserhöhung von vier Prozent. Auf besondere Kritik stößt bei den Gewerkschaften, dass Berufseinsteiger zwischen 15 und 30 Prozent weniger Gehalt bekommen sollen als ältere Kollegen. (3)


Mehr Werbeerlöse im Internet als im Print

Axel Springer verbuchte im ersten Quartal 2011 erstmals mehr Werbeerlöse im Netz als in allen inländischen Zeitungen und Zeitschriften zusammen, und das bei einem organischen Wachstum des Online-Geschäfts um 22 Prozent. In spätestens sieben Jahren will der Konzern die Hälfte von Umsatz und Gewinn im Internet erlösen. Der Medienkonzern konnte mit einem Umsatz von 737 Millionen Euro und einem Periodenüberschuss von 63 Millionen Euro sein Ergebnis im ersten Quartal 2011 insgesamt deutlich verbessern. (10)



Zahlen & Fakten


Abbildung 1: Die auflagenstärksten Zeitungsverlage in Deutschland 2010
ZeitungsverlagGesamtauflageWichtige Zeitungen
Axel Springer3.845.500Bild, Die Welt, Hamburger Abendblatt, B.Z., Berliner Morgenpost
Stuttgarter Zeitung/Die Rheinpfalz/SüdwestPresse1.832.900Süddeutsche Zeitung, Freie Presse, Die Rheinpfalz, Stuttgarter Zeitung
Verlagsgruppe WAZ1.270.500Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Westfälische Rundschau, Thüringer Allgemeine
M. DuMont Schauberg1.292.900Kölner Stadt-Anzeiger, Mitteldeutsche Zeitung, Frankfurter Rundschau
Madsack1.011.200Hannoversche Allgemeine Zeitung und Neue Presse, Leipziger Volkszeitung
Ippen-Gruppe913.300Münchner Merkur, Hessische/Niedersächsische Allgemeine, tz
Verlagsgruppe FAZ612.900Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Neue Presse, Märkische Allgemeine

Quelle: Röper, Horst: Zeitungen 2010: Rangverschiebungen unter den größten Verlagen. Daten zur Konzentration der Tagespresse in der Bundesrepublik Deutschland im ersten Quartal 2010. In: Media Perspektiven 5/2010 Entnommen aus: Top Zeitungen nach Verlagsgruppen, 2010, Fakt - Markt- und Branchenstatistiken (7), (9)

Weiterführende Literatur:

(1.) Kontrollierte Offensive - Zeitungsverlage profitieren kaum von der Konjunktur und gehen gegen Google und "Tagesschau"-App vor
aus Der Tagesspiegel Nr. 21026 VOM 06.07.2011 SEITE 043

(2.) Verleger fechten Kampf gegen ARD aus - Friedensgespräch über "Tagesschau"-App abgelehnt - Aufschwung verfängt nicht bei Zeitungen
aus Financial Times Deutschland vom 06.07.2011, Seite 7

(3.) Weg vom Schreibtisch - auf in den Kampf - Zeitungsredakteure in Baden-Württemberg wollen unbefristet streiken, um Gehaltskürzungen und Einschnitte beim Nachwuchs zu verhindern. Jetzt läuft die Urabstimmung in Nordrhein-Westfalen
aus taz, 21.07.2011, S. 18

(4.) Verlage fordern niedrigere MwSt für Digital-Produkte
aus Der Kontakter Nr. 28 vom 11.07.2011, S. 14

(5.) Lokalverleger befürworten Klage gegen Tagesschau-App
aus horizont.net vom 29.06.2011

(6.) Medienclinch - Hinter den Medienkulissen läuft ein harter Kampf zwischen großen Zeitungsverlagen, allen voran Springer, und den öffentlich-rechtlichen Sendern.
aus Kontext, 16.07.2011, S. 04

(7.)Top Zeitungen nach Verlagsgruppen, 2010, Teil 1
aus Fakt - Markt- und Branchenstatistiken vom 26.04.2011

(8.) Zeitungen ohne Aufschwung
aus werben & verkaufen Nr. 27 vom 07.07.2011, S. 7

(9.)Zeitungen nach Verlagsgruppen Teil 2 und Top Verlagsgruppen im Markt für Tageszeitungen, Abonnementzeitungen und Kaufzeitungen 2010
aus Fakt - Markt- und Branchenstatistiken vom 16.04.2011

(10.) Online-Geschäft von Springer kompensiert "Bild"-Schwäche
aus Börsen-Zeitung, 12.05.2011, Nummer 91, Seite 10

(11.) Appgeschminkt -Erst haben die krisengeschüttelten Zeitungsverlage das iPad als Heilsbringer gefeiert. Jetzt ist die Ernüchterung groß
aus Financial Times Deutschland vom 29.06.2011, Seite 8

Thomas Trares

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 07 vom 28.07.2011
Dokument-ID: s_med_20110728

Alle Rechte vorbehalten. © GBI-Genios Deutsche Wirtschaftsdatenbank GmbH