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Zeitungen und Zeitschriften - die Lage der Verleger im Winter 2010

MEDIEN & VERLAGE | GENIOS BranchenWissen Nr. 12 vom 23.12.2010


Die Verleger verharren in der Strukturkrise

Die Zeitungs- und Zeitschriftenverleger befinden sich in einer Strukturkrise. Bei den Tageszeitungen ist die Auflage pro Erscheinungstag von über 28 Millionen im Jahr 2000 auf nunmehr etwa 23 Millionen geschrumpft. 2009 erwirtschafteten die Zeitungsverleger 8,46 Milliarden Euro, das waren sieben Prozent weniger als im Jahr zuvor. Etwas besser sieht es bei den Zeitschriftenverlagen aus. Hier dürften in diesem Jahr die Erlöse um rund ein Prozent auf knapp sieben Milliarden Euro zulegen. 2008 hatten die Zeitschriftenverleger noch 7,6 Milliarden Euro erlöst. Insgesamt blicken die Zeitschriftenverleger aber wieder optimistischer in die Zukunft. (1), (2)


Umstrittenes Online-Geschäft

Einen Ausweg aus der Zeitungsmisere könnte das Online-Geschäft weisen. Über dessen Chancen sind die Verlage aber unterschiedlicher Meinung. Auf das Online-Segment setzt Deutschlands größter Zeitungsverlag Axel Springer. Die Internet-Aktivitäten sind bei den Berlinern der Wachstumstreiber Nummer eins. Allerdings entfällt nur ein geringer Teil der Umsätze auf Webseiten mit journalistischem Inhalt. Auch Holtzbrinck setzt gezielt auf das Internet. Vor fast vier Jahren schon hatte man sich mit StudiVZ das bis dato größte soziale Netzwerk Deutschlands einverleibt. Dagegen steht der Burda Verlag dem Online-Bereich skeptisch gegenüber. Kürzlich hatte Zeitungsvorstand Philipp Welte die Wirksamkeit von Online-Werbung in Zweifel gezogen. Zudem hat Verleger Hubert Burda die Internet-Konzerne Google und Apple verbal attackiert. (6), (11)





Fallbeispiele

Der Stuttgarter Holtzbrinck Verlag will sich weiter aus dem Print-Geschäft zurückziehen. Auf der Verkaufsliste steht die in Würzburg erscheinende "Main-Post" mit einer Auflage von 128 000 pro Erscheinungstag. Der Preis liegt angeblich zwischen 120 Millionen und 150 Millionen Euro. Abstoßen will die Holtzbrinck Gruppe möglicherweise auch ihre Anteile an der Saarbrücker Zeitungsgruppe, zu der die "Saarbrücker Zeitung", der "Trierische Volksfreund" und die "Lausitzer Rundschau" gehören. Erst 2009 hatte der Holtzbrinck Konzern unter Stefan von Holtzbrinck die Verlagsgruppe Handelsblatt, den Berliner "Tagesspiegel" und die zweite Hälfte der "Zeit" an seinen Halbbruder Dieter von Holtzbrinck verkauft und damit das Printgeschäft deutlich zurückgefahren. Stattdessen wird nun nun das Online-Geschäft weiter vorangetrieben. Unter der Holding Holtzbrinck Digital werden künftig vier Bereiche zusammengefasst: Digital Strategy, Digital Incubation, Digital Services und der Risikokapitalgeber Holtzbrinck Ventures. (4), (5)

Enttäuscht von der Entwicklung des Online-Geschäfts hat sich zuletzt Burda Media gezeigt. Dabei hat der Verlag einiges versucht. Der Konzern ist am Videoportal sevenload und an der Karriereseite Xing beteiligt, hat in den Blogbetreiber Blog.de und in das soziale Netzwerk Nachtagenten.de investiert, in Computerhändler und Kleinhandwerk. Zum anderen versuchten sich die Magazine des Hauses in neuen Formaten: Journalisten wurden zum Bloggen gebracht, es gab eine Fotocommunity und mit Nachrichten.de den Versuch, Google News die Stirn zu bieten. Die Erfolge blieben bislang aus. Auch das Printgeschäft wird derzeit umgebaut. Von der Tomorrow Focus AG, an der Burda die Mehrheit hält, kaufte man die Rechte am deutschen "Playboy". (11)

Europas größter Zeitschriftenverlag Gruner+Jahr (G+J) hat im ersten Halbjahr 2010 sowohl von der wieder anziehenden Werbekonjunktur als auch von einem harten Sparkurs profitiert. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) lag bei 125 Millionen Euro, nach einem Verlust von 57 Millionen Euro im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Der Umsatz stagnierte bei etwa 1,2 Milliarden Euro, hier konnten leicht gestiegene Werbeeinnahmen den Rückgang der Vertriebserlöse fast exakt kompensieren. Die Hamburger wollen nun die Mitarbeiter an der wieder verbesserten Ertragslage teilhaben lassen. Für 2010 sollen 25 Millionen Euro an die Belegschaft ausgeschüttet werden. 2009 hatte Gruner+Jahr rund 1 370 Arbeitsplätze abgebaut, davon 750 in Deutschland. Gruner+Jahr ist ferner an dem zum Verkauf stehenden Zeitschriftenportfolio des französischen Medienkonzerns Lagardère interessiert. Dieses hat ein Volumen von rund 700 Millionen Euro. (3), (7), (8)

Querelen hat es zuletzt beim DuMont-Verlag gegeben. Dort ist der Verlagserbe Konstantin Neven DuMont in Ungnade gefallen. Als Herausgeber und Vorstand der Mediengruppe M. DuMont Schauberg wurde er abberufen. Grund war das Zerwürfnis mit seinem Vater und Konzernpatriarch Alfred Neven DuMont. Beim Kölner Verlagshaus ist 2009 der um Zukäufe bereinigte Umsatz um 85,8 Millionen Euro auf 606,4 Millionen gesunken. Im Anzeigengeschäft gab es ein Minus von 30,9 Millionen Euro. Dies drückte den Gewinn auf 463 000 Euro, nach 12,8 Millionen im Vorjahr. Für 2010 geht man in allen Unternehmensbereichen von Umsatzrückgängen zwischen fünf und sieben Prozent aus. Größtes Sorgenkind ist die "Frankfurter Rundschau", die Auflage verliert und rote Zahlen schreibt. Zu dem Verlag gehören ferner die Kölner Zeitungen "Stadt-Anzeiger", "Kölnische Rundschau" und "Express", die "Mitteldeutsche Zeitung", die "Berliner Zeitung" und die "Hamburger Morgenpost". (10)



Zahlen & Fakten


Abbildung 1: Die deutschen Großverlage
VerlagUmsatz 2009
in Millionen Euro
Axel Springer2.612
Gruner + Jahr2.508
Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck2.358
Bauer Media2.060
Verlagsgruppe Weltbild1.653
Hubert Burda Media Holding1.587
WAZ Gruppe1.290
Medien Union1.050
Südwestdeutsche Medien Holding905
Springer Science + Business Media857

Quelle: Horizont, 39/2010, S. 14 Entnommen aus: FAKT Markt- und Wirtschaftsinformationen (9)

Weiterführende Literatur:

(1.) Zeitungshäuser hoffen auf das I-Pad - Die Verlage verzeichnen weiter rückläufige Umsätze und denken verstärkt über kostenpflichtige Internetangebote nach
aus Stuttgarter Zeitung, 14.07.2010, S. 14

(2.) Zeitschriftenverlage auf Erholungskurs
aus Stuttgarter Zeitung, 14.07.2010, S. 14

(3.) Schöne Bescherung - Gruner + Jahr will 25 Millionen Euro an die Mitarbeiter ausschütten
aus Der Kontakter Nr. 50 vom 13.12.2010, S. 25

(4.) Radikaler Umbau bei Holtzbrinck Digital
aus Der Kontakter Nr. 46 vom 15.11.2010, S. 17

(5.) Steigt Holtzbrinck bei Zeitungen aus?
aus Stuttgarter Zeitung, 14.12.2010, S. 10

(6.) Burda kritisiert Google - Internetriese soll Inhalte anständig bezahlen
aus Der Tagesspiegel Nr. 20803 VOM 19.11.2010 SEITE 031

(7.) Auch Gruner + Jahr schielt auf Zeitschriften-Paket
aus Der Kontakter Nr. 49 vom 06.12.2010, S. 22

(8.) Gruner+Jahr spürt solides Wachstum in Deutschland
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.09.2010, Nr. 203, S. 15

(9.)Top 16 Medienunternehmen, Top 20 Verlage 2009
aus FAKT Markt- und Wirtschaftsinformationen

(10.) Zurück zum Wesentlichen - M. DuMont Schauberg: Nach dem Familienzwist muss der Verlag sich jetzt wieder auf die eigentlichen Probleme konzentrieren
aus HORIZONT 47 vom 25.11.2010 Seite 018

(11.) Mal wieder was Schönes zum Anfassen - Zeitschriftenverleger preisen Print und wettern gegen Google
aus Süddeutsche Zeitung, 20.11.2010, Ausgabe Deutschland, S. 21

J.Kessler

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 12 vom 23.12.2010
Dokument-ID: s_med_20101223

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