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Windkraftanlagen - trotz Klimahype im Krisenmodus

MASCHINEN- UND ANLAGENBAU | GENIOS BranchenWissen Nr. 09 vom 25.09.2019


Windenergie mit schlaffen Segeln

Die deutsche Windkraftbranche steckt derzeit in der schwersten Krise der letzten 25 Jahre. Im ersten Halbjahr 2019 ist die installierte Leistung im Vorjahresvergleich um 82 Prozent zurückgegangen. Bei den Baugenehmigungen betrug der Rückgang sogar 90 Prozent. Im vergangenen Jahr ging die installierte Leistung im Vergleich mit 2017 um 42 Prozent zurück.

Angesichts des aktuellen Hypes um das Klima und den Klimaschutz mutet diese Entwicklung erstaunlich an. Allerdings liegt es nach Aussage der Verbände nicht an den Unternehmen, dass der Ausbau so schleppend vorangeht, sondern an der Politik. So gibt es einen Genehmigungsstau durch die Behörden zu beklagen, zudem lähmt eine Klageflut durch die Bürger die Aufstellung neuer Windräder. Die Vorwürfe richten sich aber auch an das Bundeswirtschaftsministerium, das nach Ansicht der Branche den relativ umweltfreundlichen Windkraftausbau einfach nicht genügend forciert.

Eine besondere Rolle für die aktuelle Lage des Windkraftmaschinenbaus spielt die geringe Akzeptanz der als Landschaftsverschandler empfundenen Anlagen in der Bevölkerung. Zwar will jeder umweltfreundlich erzeugten Strom, jedoch sollen die dafür nötigen Windräder am besten außerhalb des eigenen Sichtfeldes aufgestellt werden. Die Fronten sind aktuell verhärtet, was Bundeswirtschaftsminister Altmeier vor wenigen Wochen veranlasste, ein Treffen zwischen Branchenvertretern, Verbänden und sechs großen Anti-Windkraft-Initiativen auszurichten. Auch hier gab es indessen Vorwürfe, wie zum Beispiel den, dass Windkraftgegner den Tier- und Artenschutz nur vorschöben, um Windkrafträder zu verhindern.

Konkrete Ergebnisse hatte das Treffen nicht, jedoch hielt man immerhin das Ziel fest, einen Nationalen Konsens für die Windkraft herzustellen. - Der auch nötig ist, wenn die Bundesregierung - wie angekündigt - den Anteil erneuerbarer Energien an der Stromversorgung bis 2030 auf 65 Prozent bringen will. Trotz der aktuellen Probleme der Windkraftbranche ist hier allerdings schon einiges geleistet worden. So lag der Anteil erneuerbarer Energien 2018 bei 38 Prozent und damit um drei Prozentpunkte höher, als für 2020 vorgesehen. Den größten Teil des Kuchens verbucht dabei die Windkraft für sich: 2017 lag ihr Anteil an der sauberen Stromerzeugung bei 16,3 Prozent, die Stromgewinnung aus Biomasse folgte erst mit großem Abstand und kam auf 6,9 Prozent. Photovoltaik und Geothermie hatten einen Anteil von 6,1 Prozent, Wasserkraftwerke steuerten 3,1 Prozent bei.

Um in elf Jahren den Anteil sauberer Energiegewinnung auf 65 Prozent des Gesamtvolumens zu bringen, müssten nach Berechnungen des Bundesverbandes Erneuerbare Energie jedes Jahr neue Windkraftanlagen mit einer Gesamtleistung von 4 700 Megawatt installiert werden. Davon ist die Branche derzeit weit entfernt: Im ersten Halbjahr 2019 lag die neu installierte Leistung bei gerade einmal 287 Megawatt.

Um die Politik auf Trab zu bringen, hat die Windkraftindustrie bereits einige Drohkulissen aufgebaut. So befürchtet die Branche ein langsames Abfließen von deutschem Know-how, wenn die Unternehmen am Standort Deutschland nicht genügend Beschäftigung finden. Schon heute exportieren die hiesigen Windrad-Hersteller laut dem Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) zwei Drittel ihrer Produkte über die Grenzen hinweg. Zudem wird damit gedroht, dass die deutschen Hersteller im Fall einer beschleunigten Neuinstallation gar nicht mehr genügend Anlagen liefern können - weil diese bereits in den USA oder Nordeuropa aufgestellt worden sind. (1)


EEG-Novelle 2017: mehr Markt und weniger Subventionen

Manche Experten sehen die aktuelle Lage der Windkraftanlagenhersteller zum Teil als selbst verschuldet an. So gibt es tatsächlich einige Parallelen zur vor einem Jahrzehnt untergegangenen deutschen Photovoltaikindustrie. Zwar gehörte der deutsche Photovoltaikmarkt damals zu den größten der Welt, jedoch lockten die staatlichen Subventionen Unternehmen insbesondere aus China an, die einer anderen Gewichtsklasse angehörten als die deutschen Firmen und die ihre Produkte einfach günstiger herstellen konnten.

Den hiesigen Photovoltaikherstellern wurde im Nachhinein der Vorwurf gemacht, zu lange am subventionierten deutschen Markt festgehalten und gleichzeitig versäumt zu haben, ihr Geschäft zu internationalisieren. Auch erreichten die deutschen Firmen nie die nötige Größe, um bei den Preisen mit der Konkurrenz aus Asien mitzuhalten.

In der gleichen Lage sind jetzt die Windkraftmaschinenhersteller. Sie haben lange von den Subventionen gezehrt; seit 2017 sorgt die Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) jedoch dafür, dass Ausschreibungen für in Deutschland zu installierende Anlagen zum Teil auch ausländischen Anbietern offenstehen. Zum anderen wird die Vergütung des umweltfreundlich erzeugten Stroms nicht mehr vom Staat festgelegt, sondern im Zuge der Ausschreibungen punktuell neu verhandelt. Spätestens seit 2017 ist damit klar, dass der Artenschutz für deutsche Firmen zu Ende geht.

Ob die deutschen Windkraftturbinenhersteller tatsächlich zu wenig auf Internationalisierung setzen, ist allerdings nicht so klar. Immerhin liegt die Exportquote der deutschen Firmen bei 66 Prozent. Gleichwohl ist die gelbe Gefahr auch bei der Windkraft nicht zu leugnen. Das größte Unternehmen kommt zwar immer noch aus Dänemark (Vestas), jedoch folgen dann bereits fünf chinesische Anbieter. Die deutsche Enercon liegt auf Platz sechs der Rangliste, Nordex auf Platz acht.

Bereits in die Pleite gerutscht ist der deutsche Tochter der luxemburgischen Senvion S.A. Noch vor elf Jahren hatte es um das Unternehmen eine Bieterschlacht gegeben, jetzt droht der Verlust von 900 Arbeitsplätzen. Experten glauben, dass die luxemburgische Muttergesellschaft bald in die Insolvenz nachfolgen wird. Senvion gilt damit als eines der ersten Opfer des durch die EEG-Novelle eröffneten Preiskampfs.

Die Perspektiven für die deutsche Windkraftindustrie sind damit zweigeteilt. Zum einen ist zwar damit zu rechnen, dass der Neubau wieder zulegen wird; mache Experten rechnen sogar mit einem sehr kräftigen Neugeschäft. Auf der anderen Seite müssen sich die deutschen Anbieter nun vermehrt der internationalen Konkurrenz stellen und auch bei deren Preisangeboten mithalten können. (2), (3), (7)





Fallbeispiele


Enttäuschung über das Klimapaket der Bundesregierung

Das jüngst von der Bundesregierung beschlossene Klimapaket stößt fast überall auf einhellige Kritik, und so auch bei den im VDMA organisierten Windkraftunternehmen. Besonders unzufrieden sind die Unternehmen mit den skizzierten Zielen für die Windenergie an Land (On-shore). Die Koalition hat sich hier auf eine pauschale Abstandsregelung festgelegt, was heißt, dass Windkraftanlagen nur noch in einer festgelegten Entfernung zu Wohngebieten gebaut werden dürfen. Sogar das Bundesumweltamt hatte noch im März dieses Jahres moniert, dass Mindestabstände die verfügbaren Flächen für Windräder um 20 bis 50 Prozent dezimieren und die Energiewende damit fast unmöglich machen. Zudem kritisieren die Windkraftunternehmen, dass im Paket verbindliche Genehmigungserleichterungen ebenso wenig auftauchen wie ein verlässliches Mengengerüst für den weiteren Zubau. (4), (5), (6)



Zahlen & Fakten




Weiterführende Literatur:

(1.) Deutsche Windkraft auf Tauchstation
aus Börsen-Zeitung vom 23.08.2019, Nr. 161, S. 4

(2.) Déjà-vu bei den erneuerbaren Energien
aus Markt & Technik, Heft 37/2019, S. 7

(3.) Was von der deutschen Windkraftindustrie bleibt
aus manager-magazin.de vom 03.06.2019

(4.) Viel Zucker, keine Peitsche
aus Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.09.2019, Nr. 38, S. 3

(5.) "Sammelsurium ohne konkretes Ziel"
aus www.powernews.org Meldung vom 20.09.2019 - 17:15

(6.) Reaktionen auf Klimaplan: "Gesamtpaket enttäuscht"
aus energate vom 20.09.2019

(7.) Wind-Pioniere ohne Genehmigungen
aus www.powernews.org Meldung vom 11.09.2019 - 10:01

Robert Reuter

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 09 vom 25.09.2019
Dokument-ID: s_mas_20190925

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