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Werkzeugmaschinenbau - die Unternehmen hoffen auf die Freihandelszone TTIP

MASCHINEN- UND ANLAGENBAU | GENIOS BranchenWissen Nr. 01 vom 26.01.2015


Wie gewohnt optimistisch

Der deutsche Maschinenbau hat 2014 das anvisierte Produktionsplus von drei Prozent nicht erreicht, rangiert aber dennoch erstmals wieder auf dem Niveau des letzten Rekordjahres 2008. Für das laufende Geschäftsjahr ist die Branche wegen der nicht erfüllten Hoffnungen 2014 vorsichtiger und erwartet ein Plus von nur noch zwei Prozent. Auch diese Prognose steht allerdings unter Vorbehalt, denn die Auswirkungen der weltweiten Krisen, die Entwicklung in Russland und die schwache Konjunktur im Euro-Raum lassen auch hinter den reduzierten Erwartungen ein dickes Fragezeichen aufscheinen. Gleichwohl sieht sich der deutsche Maschinenbau auch für dieses Jahr grundsätzlich sehr gut aufgestellt. Die Unternehmen verteidigen ihre technologische Marktführerschaft immer noch erfolgreich gegen die chinesischen Angreifer und sind sowohl beim Thema Industrie 4.0 als auch bei der Energieeffizienz ganz vorne dabei. (1), (7)


US-Markt sorgt für hohe Auftragszahlen

Das sich verlangsamende Wachstumstempo der chinesischen Wirtschaft hat in den vergangenen zwei Jahren dazu geführt, dass die bis dato erreichten Exportzuwächse zurückgehen. Gleichzeitig sprang der etliche Jahre schwächelnde US-Markt in die Bresche. Da sich das Land, ausgelöst durch den Fracking-Boom, gerade in einem Prozess der Reindustrialisierung befindet, haben die Ausfuhren in die USA deutlich zugenommen. Alleine im dritten Quartal 2014 bezogen US-Besteller deutsche Maschinen und Anlagen im Wert von 3,9 Milliarden Euro - der hohe Auftragswert entspricht einem Plus von gut 13 Prozent im Vergleich mit dem Vorjahresquartal. Die steigende Nachfrage hat dazu geführt, dass der US-Markt an den deutschen Maschinenexporten mittlerweile wieder einen Anteil von 10,5 Prozent ausmacht. Der Abstand zum Wirtschaftswunderland China, das 11,7 Prozent der deutschen Maschinenausfuhren aufnimmt, ist damit nicht mehr groß. Weiteren Anschub soll die Freihandelszone TTIP bringen, auf die die Maschinenhersteller darum große Hoffnungen setzen. (1), (2)


Werkzeugmaschinenbau: Hoffen auf TTIP

Der Werkzeugmaschinenbau verzeichnete in den letzten Jahren durchgängig noch höhere Umsatzzuwächse als der gesamte Maschinenbau. 2014 zeigten die Orders aus Asien indessen deutliche Bremsspuren, was aber durch eine erhöhte Nachfrage auf dem deutschen Binnenmarkt zeitweilig kompensiert wurde. So stiegen die Inlandsbestellungen im ersten Halbjahr 2014 um 18 Prozent, während die Auslandsaufträge um ein Prozent zurückgingen. Wie der Gesamtmaschinenbau leiden auch die Werkzeugmaschinenhersteller unter den Sanktionen gegenüber Russland. Für 2014 rechnet die Branche mit einem Rückgang der Lieferungen nach Russland um satte 40 Prozent. Besonders stark sind die Hersteller in den neuen Bundesländern von dem Rückgang betroffen, da sie 30 bis 40 Prozent ihrer Maschinen nach Russland ausführen.

Von den früher erreichten zweistelligen Zuwachsraten bei den Ausfuhren nach China muss sich der Werkzeugmaschinenbau ebenfalls verabschieden. Gleichwohl setzt die Branche weiterhin große Hoffnungen in den chinesischen Markt, insbesondere, weil die Pekinger Regierung den chinesischen Unternehmen eine Qualitätsoffensive verordnet hat. Hierfür werden die High-Tech-Produkte aus deutscher Fertigung, so hofft der Verein Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken VDW, zukünftig wieder stärker nachgefragt.

Zweitgrößter Absatzmarkt der Werkzeugmaschinenhersteller sind - wie für den Gesamtmaschinenbau - die USA. Und wie die Gesamtbranche hofft auch der Werkzeugmaschinenbau darauf, dass die Freihandelszone mit den USA kommen wird. Zwar bezahlen die deutschen Hersteller aktuell nur 2,5 bis 4,5 Prozent Zoll auf ihre Ausfuhren nach Amerika; bei einem Exportvolumen von 14,1 Milliarden Euro, wie im Jahr 2013 erreicht, kommt dennoch eine hohe Summe zusammen, die sich durch TTIP einsparen ließe.

Noch wichtiger als die Abschaffung von Zöllen und Gebühren ist dem Werkzeugmaschinenbau jedoch die Schaffung einheitlicher Standards. Die deutschen Hersteller können eine für den europäischen Markt gebaute Maschine nach wie vor nicht einfach in die USA ausschiffen. Vielmehr muss die Maschine aufwendig an vielen kleinen Stellen verändert werden, um den US-Richtlinien zu entsprechen. Bei einheitlichen Standards würden diese ebenso aufwendigen wie teuren Anpassungsarbeiten wegfallen.

Ein Beispiel für das unwirtschaftliche Diktat der Normen sind beispielsweise die in Maschinen vielzählig verwendeten Elektronikstecker. In Europa darf jeder Stecker verwendet werden, wenn er das CE-Kennzeichen trägt. Diese Kennzeichnung wird in den USA jedoch nicht anerkannt, weshalb jede für den US-Markt gebaute Maschine auf ein Stecksystem umgerüstet werden muss, das den dortigen Bestimmungen entspricht. Die vielzähligen Unterschiede wirken sich auf die Kosten der deutschen Werkzeugmaschinenhersteller deutlich negativ aus. Die Unternehmen geben an, dass eine für die USA gebaute Maschine um bis zu 15 Prozent teurer wird als ihr europäisches Pendant. Darüber hinaus dauert ihre Fertigstellung länger. Der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) spricht sich daher vehement für ein Zustandekommen der Freihandelszone aus und hat eine eigene Kampagne für TTIP gestartet. (3), (4)





Fallbeispiele


TTIP nützt dem Mittelstand

Nach Ansicht des Branchenverbandes VDMA würden insbesondere kleine und mittlere Maschinenbauunternehmen von TTIP profitieren. Diese hätten es wegen ihrer fehlenden Größe oft schwerer als Großkonzerne, die US-Bestimmungen einzuhalten, was den Marktzugang erschwert. Auch verfügt der Mittelstand - anders als Großunternehmen - nur selten über Produktionsstätten im Abnehmerland, so dass sie sich nicht direkt am Markt platzieren können.

Unzweifelhaft ist, dass der deutsche Maschinenbau durch den Wegfall der Zölle viel Geld sparen würde, was auch die Produkte verbilligen würde. Der VDMA schätzt die jährlich vom deutschen Maschinenbau bezahlten US-Zölle auf mehrere 100 Millionen Euro. (6)



Zahlen & Fakten



Schwaches drittes Quartal 2014

Dem Werkzeugmaschinenbau hat insbesondere das dritte Quartal letzten Jahres die Bilanz verhagelt. Der Auftragseingang fiel im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um acht Prozent geringer aus, wobei die Inlandsbestellungen um neun, die Auslandsorders um sieben Prozent schrumpften. Der Trend der ersten Jahreshälfte, als die Inlandsbestellungen überdurchschnittlich zulegten, hatte damit im dritten Quartal keinen Bestand mehr. Auch der weniger von Schwankungen beeinflusste Zeitraum von Januar bis September 2014 zeigt insgesamt ein durchwachsenes Ergebnis: Bei den Umsätzen stand für die Werkzeugmaschinenhersteller ein Minus von sechs Prozent in den Bilanzen. Nach diesen ersten drei Quartalen hatte der Branchenverband VDW seine Umsatzprognose für das Gesamtjahr von zuvor plus drei Prozent auf eine schwarze Null zurückgenommen.

Nicht zu erwarten ist, dass das vierte Quartal die Delle noch ausgeglichen haben könnte. Wie der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau kürzlich meldete, hat der Gesamtmaschinenbau im Oktober zwar ein Auftragsplus von sieben Prozent erreicht. Schon im November indessen ging es wieder abwärts. Hier kamen aus dem Inland neun Prozent und im Ausland elf Prozent weniger Aufträge herein als im Vorjahresmonat. (5)



Weiterführende Literatur:

(1.) Eine Branche von Technologieführern
aus Produktion, Heft 1-02/2015, S. 13

(2.) Maschinenbau erreicht Produktionsrekord von fast 200 Mrd. Euro
aus www.maschinenmarkt.de vom 18.12.2014

(3.) Imtex und CIMT als frühe Konjunktur-Gradmesser
aus Produktion, Heft 1-02/2015, S. 13

(4.) Sanktionen gefährden Arbeitsplätze in Europa
aus VDI NR. 51-52 VOM 19.12.2014 SEITE 2

(5.)Schwacher Auftragseingang im dritten Quartal verhagelt Werkzeugmaschinenbauern die Prognose 2014
aus MaschinenMarkt Nr. 050 vom 08.12.2014

(6.) Chance oder Bedrohung?
aus Unternehmeredition, Heft 06/2014, S. 50-53

(7.) Maschinenbau: Europa verliert als Schwungrad an Bedeutung
aus MM Nr. 046 vom 10.11.2014

Robert Reuter

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 01 vom 26.01.2015
Dokument-ID: s_mas_20150126

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