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Versicherungsmarkt - Ergebnisse der Sektorenuntersuchung der EU-Kommission

VERSICHERUNGEN | GENIOS BranchenWissen Nr. 11/2007 vom 12.11.2007

Beitrag

Die Sektorenuntersuchung soll die EU-Kommission bei ihrem Ziel unterstützen, ein besseres Funktionieren der Märkte zu erreichen. Die Ergebnisse der Untersuchung führen dazu, dass gewisse gängige Marktpraktiken in Frage gestellt werden, wenn diese von Nachteil für den Verbraucher und oder den Wettbewerb sind.



Erläuterung der Sektorenuntersuchung

Ende September 2007 legte die EU-Kommission das knapp 100-seitige Abschlussdokument zur Sektorenuntersuchung von Unternehmensversicherungen vor. Nach einer mehr als zweijährigen Langzeitstudie, die im Juni 2005 mit der Versendung von Fragebögen begann und in einer öffentlichen Anhörung im Februar 2007 ihren Höhepunkt fand, liegt nun das Ergebnis auf dem Tisch. Die EU-Kommission bemängelt Wettbewerbsbeschränkungen und fordert mehr Transparenz gegenüber den Versicherungsnehmern. Als Hinweis auf eine "mangelnde wettbewerbsmäßige Marktdynamik" gilt der Kommission etwa der Sachverhalt, dass jene Versicherer und Makler besonders hohe Renditen aufweisen, deren Kunden vor allem kleine und mittlere Unternehmen sind. In dem Bericht heißt es, dass diese ungleiche Renditeverteilung ein Hinweis auf eine besondere Marktmacht von Versicherern oder Maklern sein könnte. Die Brüsseler Wettbewerbsbehörde verzichtet vorerst auf Gesetzgebungsschritte, stattdessen listet sie zuerst einmal Tatbestände auf, die sie in der Zukunft durch Eigeninitiative der Versicherungswirtschaft verbessert sehen möchte. (1), (4)



Forderung nach mehr Transparenz an die Makler

Die EU-Kommission verlangt von den Versicherungsmaklern mehr Transparenz gegenüber ihren Geschäftskunden. Vor allem die Vergütung der Makler über Provisionen ist oft undurchsichtig, heißt es im Kommissionsbericht. Dies führe zu Interessenskonflikten zwischen Beratung und Verkauf. Die Tatsache, dass der Makler von Versicherungen gleichzeitig auch mit einer Abschlussvollmacht ausgestattet ist, führt dazu, dass dem Kunden oft wichtige Informationen vorenthalten werden, wie etwa über die Deckung, die Qualität der angebotenen Leistung oder die Finanzkraft des Anbieters. Die EU-Kommission fordert die Branche deshalb auf, "einschlägige Informationen" freiwillig offen zu legen. Außerdem kündigte Brüssel an, dass dieses Transparenzproblem bei der Überarbeitung der EU-Vermittlerrichtlinie aufgegriffen werden soll. (1), (5)



Forderung nach einer Preisstaffelung in der Mitversicherung

Die EU-Kommission kritisierte bestimmte Praktiken in der Mitversicherung; nicht aber das Instrument der Mitversicherung. Mitversicherung bedeutet, dass mehrere (Rück-)Versicherer gemeinsam ein Versicherungsrisiko tragen. Oft handelt es sich um ein Großrisiko wie zum Beispiel um die Versicherung eines Kraftwerks oder eines Pharmahaftpflichtrisikos. Vertragsabschlüsse dieser Art werden bisher zu gleichen Bedingungen für alle Teilnehmer und zu gleichen Prämienhöhen abgeschlossen. Diese Praxis hält die EU-Kommission angesichts der Ergebnisse ihrer Sektoruntersuchung wettbewerbsrechtlich für äußerst bedenklich. Die EU-Kommission vermutet hier einen Verstoß gegen das Kartellverbot des EG-Vertrags. Die Branche wird aufgefordert, die betreffenden Praktiken entweder unter wettbewerbsrechtlichen Gesichtspunkten zu rechtfertigen oder sie zu ändern. Im Klartext heißt das, Brüssel möchte eine unterschiedliche Preisstaffelung durchgesetzt wissen. (1), (2), (3)



Abschaffung der Gruppenfreistellung?

Offen in dem Bericht der EU-Kommission bleibt, ob die bis März 2010 gültige Gruppenfreistellungsverordnung (GVO) für geduldete Formen der Zusammenarbeit von Versicherungsgesellschaften im Binnenmarkt über diesen Zeitpunkt hinaus bestehen bleibt. Die geltende GVO erlaubt der Assekuranz Kooperationen, die nach dem EU-Kartellrecht an sich verboten sind, wie zum Beispiel der Rückgriff auf marktweite historische Risikoinformationen. Auf Grundlage der GVO müssen Versicherer, die zusammenarbeiten, ihre Zusammenarbeit nicht zeitaufwendig im Einzelfall bei der EU-Wettbewerbsbehörde genehmigen lassen. Die Versicherungswirtschaft hält die Kooperationen für nützlich und drängt daher auf eine Beibehaltung der GVO. Von der Notwendigkeit einer Verlängerung muss die Kommission allerdings erst noch überzeugt werden. (1), (2)



Marktabschottung mit Hilfe langer Laufzeiten

Missfallen äußerte die EU-Kommission bezüglich übermäßig lang laufender Versicherungsverträge im gewerblichen und industriellen Bereich. Diese könnten den Wettbewerb beschränken, indem diese Verträge den Markt gegenüber neuen Marktteilnehmern abschotten. (5)



Fallbeispiele



Einige Rückversicherer in Deutschland begrüßen die Forderung nach einer Preisstaffelung in der Mitversicherung. So plädiert die Münchener Rück angesichts ihres hohen Ratings seit langem dafür, besser gestellt zu werden als ihre Konkurrenten, die sich dem Rückversicherergeschäft lediglich anschließen. (1)

Der Deutsche Versicherungs-Schutzverband, in diesem bündelt die Industrie ihre Versicherungsinteressen, begrüßte, dass die Kommission die Mitversicherung im Grundsatz nicht infrage stellt. Genau das hatten manche Großunternehmen befürchtet, für diese wäre es dann schwerer geworden, Versicherungsschutz einzukaufen. (3)

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft bewertet eine mögliche Abschaffung der GVO als kritisch. Außerdem gibt er zu Bedenken, dass dies mit einem erhöhten Maß an Rechtsunsicherheit sowohl für den Versicherer als auch den Verbraucher einhergehen würde. (1)

Ganz aktuelle Bedeutung haben die Ergebnisse der Sektorenuntersuchung in Bezug auf ein Mehr an Transparenz bei den Maklern im Londoner Versicherungsmarkt. Dort wollen die Großmakler Marsh und Willis von den Versicherern eine Dienstleistungszusatzprovision von 2,5 Prozent der Prämien erheben. Vor zwei Jahren mussten die Makler wegen einem großen Skandal in den USA weltweit umsatzbezogene Sonderprovisionen aufgeben, was zu einem deutlichen Rückgang des Umsatzes führte. Große Versicherer erklärten in London, jede Zusatzprovision müsse von den Endkunden getragen werden, diese würden aber darüber vollständig und transparent aufgeklärt. (3)

Zahlen & Fakten

Falls die von der EU-Kommission geforderte Preisstaffelung in der Mitversicherung nicht von den Versicherungsunternehmen in Eigenverantwortung durchgesetzt wird, hält es sich die Brüsseler Behörde vor, ein Kartellprüfungsverfahren einzuleiten. (2)



Die endgültige Entscheidung, ob die GVO über das Jahr 2010 verlängert wird, will die EU-Wettbewerbsbehörde im März 2009 treffen. (2)

Weiterführende Literatur:

(1.) Friedrich, Thomas A., EU-Kommission vermisst Marktdynamik, Abschlussbericht zur Industrieversicherung beanstandet mangelnde Transparenz Aufschluss über Gruppenfreistellungsverordnung erst im März 2009, Versicherungswirtschaft, 62. Jahrgang, 15. Oktober 2007, Heft 20, S. 1710
aus Versicherungswirtschaft, 15.10.2007, 62.Jg., Nr. 20, S. 1710

(2.) O.V., Brüssel behält Assekuranz im Visier, Branche muss Geschäftspraktiken überprüfen, Börsen-Zeitung, 26.09.2007, Nr. 185, S. 6
aus Börsen-Zeitung, 26.09.2007, Nummer 185, Seite 6

(3.) Fromme, Herbert / Mai, Christine, Brüssel fordert Transparenz der Makler, EU-Kommisson legt Abschlussbericht zur Assekuranz vor - Besorgnis über gleiche Preise in der Mitversicherung, Financial Times Deutschland, 26.09.2007, S. 18
aus Financial Times Deutschland vom 26.09.2007, Seite 18

(4.) O.V., Kartellverdacht auf dem Versicherungsmarkt, EU-Kommission fordert von Maklern mehr Transparenz, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.10.2007, Nr. 229, S. 25
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.10.2007, Nr. 229, S. 25

(5.) Glück, Michael J., Brüssel zeigt europäischen Versicherern die gelbe Karte, Versicherungsjournal.de, Ausgabe vom 27.09.2007
aus Versicherungsjournal.de, Ausgabe vom 27.09.2007 :

A.Kaindl

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 11/2007 vom 12.11.2007
Dokument-ID: s_ver_20071112

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