GENIOS BranchenWissen > MASCHINEN- UND ANLAGENBAU
Logo GENIOS BranchenWissen

Verpackungsmaschinen - im Dienst der Welternährung

MASCHINEN- UND ANLAGENBAU | GENIOS BranchenWissen Nr. 10 vom 27.10.2011


Verpackungstechnik gegen die Verschwendung von Lebensmitteln

Nahrungsmittel- und Verpackungsmaschinen sind eine Maschinengattung mit wenig Glamour, spielen in unserem Alltag aber eine große Rolle. Der Fortschritt bei der Verpackungstechnik bestimmt darüber, wie Lebensmittel schmecken und insbesondere, wie lange sie haltbar sind. Verpackungsmaschinenhersteller kommen hierdurch mit einem drängenden Problem der Menschheit in Berührung, dem Hunger. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, die FAO, hat kürzlich darauf hingewiesen, dass jährlich weltweit rund 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel verderben und darum weggeworfen werden. Dies wäre rund ein Drittel aller produzierten Lebensmittel. Für die Bundesrepublik wird ein jährlicher Verlust von 20 Millionen Tonnen geschätzt. Überall auf der Erde wird damit eine ungeheure Ressourcenverschwendung betrieben, die nicht nur moralisch inakzeptabel ist, sondern auch einen volkswirtschaftlichen Schaden bedeutet.

Gemeinsam mit dem Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau e.V. (VDMA) hat die FAO darum auf der weltweit wichtigsten Verpackungsmesse, der Interpack in Düsseldorf, die Initiative save food gestartet. Dieser Ort wurde gewählt, weil die FAO gerade den Verpackungsmaschinenherstellern eine wichtige Rolle dabei zuspricht, den Verlust von Lebensmitteln zu verhindern. Genauso wichtig sei es allerdings, das Bewusstsein für die Verschwendung zu schärfen und die herrschende Wegwerfmentalität durch Aufklärung zu bekämpfen. (1)


Verpackungsindustrie in der Pflicht

Die deutschen Verpackungsmaschinenhersteller sehen die von der FAO genannten Ziele als eine Herausforderung, der sie sich stellen wollen. Die Branche will neue Konzepte und Maschinen entwickeln, mit denen Lebensmittel so verpackt werden können, dass sie noch länger haltbar sind. Neue Ideen sind, dies wurde in Düsseldorf deutlich, jedoch auch bei den Lieferketten gefragt, denn viele Lebensmittel verderben nicht erst beim Verbraucher, sondern schon während des Transports. (1)


Das Ziel heißt Lebensmittelsicherheit

Die Abteilung Nahrungsmittel- und Verpackungsmaschinen im VDMA sieht die FAO-Initiative als eine Anerkennung der technischen Möglichkeiten der Branche. Lebensmittelverpackungen verhindern die Verschwendung wichtiger Ressourcen wie Energie und Wasser, die für den Anbau, die Ernte, die Verarbeitung und deren Transport der Produkte aufgewendet werden müssen, sagte ein Sprecher. Ein gutes Beispiel biete der Verpackungshersteller Multivac, der einer Gruppe von Fischern in Marokko kleine, einfach zu bedienende Verpackungsmaschinen kostenlos zur Verfügung stellt. Die Fischer können ihren Fang damit haltbar machen und müssen ihn nicht sofort verbrauchen. (1), (2)


Verzicht auf Konservierungsmittel - Fortschritte bei steriler Abfüllung

Als besonders schwierig gilt die Haltbarmachung von Flüssigkeiten wie Säften oder Milch. Eindringende Keime und Bakterien machen diese Lebensmittel schnell ungenießbar. Zugleich lehnen immer mehr Verbraucher in den Industrienationen die Verwendung von Konservierungsmitteln ab und kaufen Bioprodukte. Doch gibt es Alternativen zu chemischen Konservierungsmitteln. Hierzu zählen sterile Abfüllverfahren, die die Beimischung chemischer Zusätze überflüssig machen. In diesem Bereich verfügt die KHS GmbH, Dortmund, über langjährige Erfahrung. Das Unternehmen bringt gerade den Innosept Asbofi ll ABF (Aseptic Bottle Filler) auf den Markt, der für die aseptische Abfüllung von Milch und faserhaltigen Fruchtsäften ausgelegt ist. (2)


Hochdruckbehandlung als Alternative

Eine weitere Entwicklung aus deutschen Landen, die die Verwendung von Konservierungsmitteln ebenfalls erübrigt, ist die Behandlung von Lebensmitteln durch Hochdruck. Dem Unternehmen Multivac ist es kürzlich gelungen, die aufwendige Hochdruckbehandlung auch aus wirtschaftlicher Sicht sinnvoll in Verpackungslinien zu integrieren. Gegenüber der Hitzebehandlung hat die Hochdruckbehandlung den Vorteil, dass sie die Qualität der Lebensmittel nicht mindert. Zudem kann Hochdruck auch bei solchen Lebensmitteln angewendet werden, die nicht hitzebehandelt werden können, wie etwa geschnittenes Obst. Auch gegenüber Verpackungen mit Schutzgasanteil hat der Hochdruck Vorteile, da er eine Reduzierung von lebensmittelverderbenden Keimen bewirkt.

Bei einer Hochdruckbehandlung wird ein verpacktes Lebensmittel in einem speziellen Behälter (Autoklav) einem hohen Druck von bis zu 6 000 bar ausgesetzt. Dadurch werden schädliche Mikroorganismen im Lebensmittel zuverlässig abgetötet. Das Produkt ist dann bis zu vier Mal länger haltbar als unbehandelte Lebensmittel. Geschmack und Konsistenz bleiben vollständig erhalten. Geeignet ist die Hochdruckbehandlung für alle Produktgrößen und -formen.

Für die Maschinenbauer stellt sich bei der Hochdrucktechnik das Problem, dass die Behandlungsanlagen infolge ihrer Funktion rund sein müssen. Dies nimmt Einfluss auf den Verpackungsmaschinenbau, denn die Waren werden der Hochdruckbehandlung verpackt ausgesetzt. Verpackungen, die sich der runden Form der Hochdruckanlage anpassen, ermöglichen es, bis zu vier Tonnen verpackte Lebensmittel pro Stunde zu konservieren. (3)


Ultraschall setzt Aromen frei

Auch der Ultraschall spielt bei der Haltbarmachung von Lebensmitteln eine Rolle. Deutsche Experten haben ermittelt, dass Ultraschallprozessoren in der Lebensmittelverarbeitung die Haltbarkeit durch mikrobielle und enzymatische Inaktivierung ohne Zusatzstoffe verlängern können. Zudem habe die Ultraschallbehandlung den positiven Nebeneffekt, dass sie Geschmack und Aroma der Waren verbessert. Bei Säften, gemüsebasierten Suppen, Feingewürzemulsionen, Streich- und Brühwurst wird der konservierende Effekt des Ultraschalls bereits eingesetzt. (6)



Trends


Convenience bleibt Megatrend

Die neusten Trends in der Verpackungsindustrie sind mit der Studie Packaging in der Konsumgüterbranche 2011 ausgemacht worden. Über 90 Prozent der befragten Entscheider sehen Convenience weiterhin als den Megatrend der Branche. Hiermit sind solche Produktentwicklungen gemeint, die die Zubereitung von Mahlzeiten verkürzen und einfacher machen. Beispiele für Convenience-Food sind die Tiefkühl-Pizza, Kochbeutelreis oder die Fertig-Currywurst für die Mikrowelle. Der zweite Haupttrend betrifft die Lebensmittelqualität und die Hygiene. (4)



Fallbeispiele


Essbare Nanotechnik

Wie von einem anderen Stern erscheinen die Verheißungen der Nanotechnik für die Lebensmittel- und Verpackungsindustrie. So können beigemische Nanosubstanzen etwa dafür sorgen, dass sich ein Lebensmittel verfärbt, sobald es nicht mehr genießbar ist. Möglich sind auch Beimischungen beispielsweise zu einem Pizzateig, die in der Pizza je nach Einstellung der Mikrowelle unterschiedliche Aromen freisetzen. Die Skepsis der deutschen Bevölkerung schon gegenüber genmanipulierten Lebensmitteln macht es indessen fraglich, ob sich die Nanotechnik in der Lebensmittelgewinnung durchsetzen kann. (6)


Aktive Verpackungen sorgen für längere Haltbarkeit

Ebenfalls Forschungsgegenstand sind sogenannte aktive Verpackungen, deren innere Beschichtung antimikrobielle Wirkstoffe enthalten soll. Diese können nach Aussagen der Forscher Pathogene und Listerien bei Lebensmitteln reduzieren und so die Produktqualität über einen längeren Zeitraum erhalten. Auch Aroma- und Geschmacksveränderungen können verhindert werden. Durch aktive Verpackungen, die zum Beispiel Sauerstoff absorbieren, könne die Haltbarkeit von frischen oder vorgekochten Lebensmitteln - vor allem während des Transports - erheblich verlängert werden, so die Experten. (6)


Highspeed-Verpackung und Luftpolsterfolien

Die Braunschweiger Automated Packaging Systems Ltd. (Braunschweig) hat auf der Interpack gleich zwei Neuheiten präsentiert: Die Highspeed-Verpackungsmaschine FAS Sprint Revolution und das Luftpolstergerät FastWrap. Das Beutelverpackungssystem FAS Sprint Revolution verpackt Industrieprodukte ebenso wie Lebensmittel oder Kosmetika mit hoher Geschwindigkeit. FastWrap stellt Luftpolsterfolien her, die zur stoßabsorbierenden Verpackung empfindlicher Güter gebraucht werden. (7)



Zahlen & Fakten



Verpackungsmaschinen verzeichnen wieder ein Plus

Laut VDMA stieg bei den Verpackungsmaschinen nach einem schwachen Vorjahr der Umsatz im 1. Halbjahr um insgesamt 8,5 Prozent. Im gleichen Zeitraum legte die Anzahl der Bestellungen aus dem Inland um 13,6 Prozent zu, aus dem Ausland verzeichnete man sogar ein Plus von 17,6 Prozent. Insgesamt stieg der Auftragseingang bei den Verpackungsmaschinen um 17 Prozent. (5)



Weiterführende Literatur:

(1.) Lebensmittelverlust ist "eines der drängendsten Probleme derWeltgemeinschaft"
aus Agra-Europe (AgE), 52. Jahrgang Nr. 21 vom 23.05.2011

(2.) Beitrag zur Lebensmittelsicherheit
aus Agra-Europe (AgE), 52. Jahrgang Nr. 21 vom 23.05.2011

(3.) Keimfrei - natürlich - schmackhaft / Hochdruckbehandlung von Lebensmitteln
aus LVT Lebensmittel Industrie 9-10 - vom 30.09.2011, Heft 9-10/2011, Seite 32

(4.) Kraftvolle Katalysatoren für den Abverkauf
aus Lebensmittel Zeitung 18 vom 06.05.2011 Seite 050

(5.) Nahrungsmittelmaschinen und Verpackungsmaschinen - Auftragseingang 1. Halbjahr 2011
aus Lebensmittel Zeitung 18 vom 06.05.2011 Seite 050

(6.) Visionen oder nahe Zukunft?
aus afz - allgemeine fleischer zeitung Nr. 26 vom 29.06.2011 Seite 006

(7.) Was gibt es Neues auf der Interpack 2011?
aus Fleischwirtschaft 05 vom 03.05.2011 Seite 027

Robert Reuter

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 10 vom 27.10.2011
Dokument-ID: s_mas_20111027

Alle Rechte vorbehalten. © GBI-Genios Deutsche Wirtschaftsdatenbank GmbH