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Unsichere Aussichten - Kreditinstitute rätseln über Corona-Folgen

BANKEN | GENIOS BranchenWissen Nr. 09 vom 28.09.2020


Bankensektor widersteht der Krise

Die deutschen Kreditinstitute trotzen der Coronakrise und sorgen zudem mit ihrer Kreditvergabe dafür, dass auch die Unternehmen die Pandemie überstehen können. Die Rolle der Banken kann im Vergleich zur letzten großen Krise, der Finanzkrise ab 2008, damit nicht unterschiedlicher sein. Damals waren es die Kredithäuser, die der Weltwirtschaft eine Rezession aufbürdeten und reihenweise selbst in die Pleite schlitterten. Viele von ihnen mussten mit Steuermitteln gerettet werden, um so gleichzeitig die Realwirtschaft am Laufen zu halten. 2020 ist es umgekehrt: Die Hilfen der Bundesregierung gelten den produzierenden Unternehmen, den Dienstleistern und dem Handel, und es sind diesmal die Banken, die indirekt von der Rettung profitieren.

Insbesondere sind es die straffen Regulierungsmaßnahmen der vergangenen Dekade, die dafür sorgen, dass die Banken deutlich krisenfester aufgestellt sind - auch wenn Deutsche Bank und Commerzbank weiterhin zu wenig profitabel sind und beide Banken gerade mitten im Umbruch stecken. Die höhere Krisenfestigkeit und das Krisenmanagement der Bundesregierung sorgen bisher dafür, dass der Kreditsektor die Krise relativ gelassen verfolgt. Geschäftsbanken, Sparkassen und Volksbanken kommt zudem das infolge der üppigen Staatsbürgschaften angewachsene Kreditgeschäft zugute. Bereitgestellt werden die Kredite von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) und den Landesförderbanken.

Unklar ist jedoch, ob der deutschen Wirtschaft doch noch eine Pleitewelle und den Kreditinstituten damit Kreditausfälle in Milliardenhöhe bevorstehen. Über diese Gefahr wird seit Monaten spekuliert, die realen Anzeichen dafür sind jedoch relativ gering. Immerhin zeigen die wichtigsten Indizes der Wirtschaftsforschungsinstitute schon seit dem Sommer langsam wieder nach oben. Manche Volkswirte sprechen davon, dass das Schlimmste bereits vorüber ist. Eine Umfrage der Sparkassen gibt ebenfalls Entwarnung. So hat der Mittelstand, der der ja als Rückgrat der deutschen Wirtschaft gilt, durch die Krise zwar 44 Prozent seiner Gewinne verloren. Allerdings sind die Unternehmen infolge des zehn Jahre währenden Aufschwungs gut mit Kapital gepolstert. Die Sparkassen gehen davon aus, dass über den Winter höchstens zwei Prozent der mittelständischen Firmenkunden Insolvenz anmelden müssen. Dies wäre mehr als verkraftbar.

In der Tat sind die Unternehmensinsolvenzen in Deutschland bisher nicht nach oben, sondern sogar, erstaunlich genug, nach unten gegangen. Dafür gibt es allerdings einen Grund, der manchen Experten sorgenvoll stimmt. So hat der Gesetzgeber die Insolvenzantragspflicht teilweise ausgesetzt, um angeschlagenen Firmen über die virulenten Corona-Folgen hinwegzuhelfen. Die gestrichene Antragspflicht verschleiert somit das wahre Ausmaß solcher Firmen, die eigentlich aufgeben müssten und sich nur noch mit den billigen Staatskrediten über Wasser halten. Solche Zombie-Unternehmen könnten zahlreich sein und beim Ende der Vergünstigung tatsächlich noch reihenweise pleitegehen. Laut dem Inkasso-Dienstleister Creditreform ist die Zahlungsmoral der Unternehmen deutlich zurückgegangen, was dafürspricht, dass es vielen schlechter geht als es derzeit noch von außen aussieht.

Augenscheinlich belastender als die Coronakrise ist für einige Kreditinstitute der Wirecard-Skandal. Die Pleite des Zahlungsverkehrsanbieters hat mit dem Virus nichts zu tun, schlägt bei den beteiligten Hausbanken aber schwer ins Kontor. Vermutet wird, dass die Commerzbank, die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) und die DZ Bank an dem geplatzten Konsortialkredit beteiligt sind. Insgesamt sollen es 15 Banken sein, die nun zusammen eine Abschreibung von 1,85 Milliarden Euro vornehmen müssen.

Auch wenn Corona den Banken derzeit noch keinen akuten Schrecken einjagt, bleibt die gesamtwirtschaftliche Lage Deutschlands doch ein unwägbarer Faktor. In diesem Jahr wird das Bruttoinlandsprodukt (BIP) voraussichtlich um sechs Prozent abnehmen; die Automobilindustrie hat im ersten Halbjahr auf dem deutschen Markt 35 Prozent weniger Autos verkauft als im Vorjahreszeitraum. Die Lufthansa musste mit einer Finanzspritze von neun Milliarden Euro vor dem Absturz bewahrt werden. Das Gastgewerbe und der Tourismus hangeln sich durch die Krise, die Einbußen sind gewaltig. All diese belastenden Umstände gehen auch an den Kreditgebern nicht spurlos vorbei. Der aktuelle Befund zeigt aber auch, dass es die deutschen Banken besser haben als ihre europäischen Konkurrenten. In Frankreich, Spanien, Italien und Großbritannien wird das BIP in diesem Jahr deutlich stärker zurückgehen, nämlich um jeweils etwa zehn Prozent. (1)


Steht das dicke Ende noch aus?

Die Stimmen, die den Banken noch beträchtliche Probleme vorhersagen, sind vielzählig. So glaubt die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), dass die größten Belastungen noch kommen und dass nicht alle Kredithäuser die Krise überleben werden. Allerdings steht die BaFin nicht im Ruf, wichtige Entwicklungen vorauszusehen. Wie schon zur Finanzkrise hat die Aufsichtsbehörde erst kürzlich wieder versagt, als sie Wirecard trotz schon länger offenkundigen Unregelmäßigkeiten nicht strenger beaufsichtigte. Deutsche-Bank-Chef Sewing hält eine neue Bankenkrise jedenfalls für unwahrscheinlich. Der Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken (BdB) prognostiziert eine schnellere Erholung der Wirtschaft, als es derzeit noch von vielen befürchtet wird. Schon im Jahr 2022 könnte laut dem Verband das Vorkrisenniveau zurückerobert werden.

Dass man sich trotzdem wappnet, zeigt die im ersten Halbjahr gestiegene Risikovorsorge der Banken. Diese geschah allerdings weniger aus Sorge vor Kreditausfällen, sondern weil die Kreditnehmer infolge der Krise von den Ratingagenturen schlechter bewertet wurden. (2), (6)





Fallbeispiele


Trend zum bargeldlosen Bezahlen wird stärker

Die Pandemie hat den ohnehin bestehenden Trend zum bargeldlosen Bezahlen noch weiter verstärkt. Bargeld wird von vielen Händen berührt, so dass in diesem Jahr auch solche Kunden ihren Karten stärker nutzen, die sich sonst Bargeld am Automaten holen. Laut einer Umfrage des Digitalverbands Bitkom versuchen 75 Prozent der Befragten, den Umgang mit Bargeld zu vermeiden.

Die deutschen Banken reagieren auf diesen Trend u. a. durch einen weiteren Ausbau der Bezahlverfahren von Handy zu Handy. Ein solches Verfahren ist das von Sparkassen und Volksbanken verbreitete Bezahlprogramm Kwitt, das es bereits seit 2016 gibt. Zukünftig soll es ein solches System auch von den Geschäftsbanken geben. (4)


Pläne für die Kapitalmarktunion

Die EU-Kommission will die Finanzmärkte der Mitgliedsländer stärker verzahnen und hat dafür Vorschläge vorgestellt. Das Paket enthält Regeln für die Kreditverbriefung, für den grenzüberschreitenden Wertpapierhandel und für eine Harmonisierung von Steuervorschriften. Zudem kündigte die EU-Kommission an, die Strukturen und Befugnisse der europäischen Aufsichtsbehörden zu überprüfen. Anders als bei vielen anderen EU-Vorhaben hat die deutsche Kreditwirtschaft die neuen Vorschläge fast vorbehaltlos begrüßt. (3), (7)


Grußfusion in Spanien

In Spanien hat Corona die dort ohnehin seit der Finanzkrise betriebene Konsolidierung des Kreditsektors durch eine Großfusion beschleunigt. Durch den jetzt bekannt gewordenen Zusammenschluss von Bankia und Caixabank entsteht die größte Bank des Landes. Die neue Bank heißt weiter Caixabank, der Name Bankia wird aufgegeben. (5), (8)



Zahlen & Fakten



Corona beschleunigt das Kreditgeschäft

Die deutschen Sparkassen haben in den ersten sieben Monaten dieses Jahres Kredite in der Höhe von 63,5 Milliarden Euro vergeben. Das waren 20 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Die Hilfskredite der KfW, die die Sparkassen wie die anderen Banken an notleidende Unternehmen weiterleiten, sind dabei noch nicht einmal eingerechnet. Diese wurden in einer Höhe 13 Milliarden Euro ausgereicht. (2), (6)



Weiterführende Literatur:

(1.) Haben sich die Banken zu früh gefreut?
aus Die Bank, Heft 08/2020, S. 54-57

(2.) Banken in der Coronakrise: Das dicke Ende steht noch aus
aus Handelsblatt online vom 02.09.2020

(3.) EU-Kommission legt Pläne für Kapitalmarktunion vor
aus Handelsblatt online vom 24.09.2020

(4.) Die deutschen Banken forcieren branchenweites Handy-zu-Handy-Bezahlverfahren
aus Handelsblatt online vom 18.09.2020

(5.) Banken im Fusionsfieber
aus Euro am Sonntag, 18.09.2020, Nr. 38, S. 8

(6.) Die Pandemie kann auch ein Weckruf sein
aus Die Bank, Heft 08/2020, S. 30-33

(7.) Maßnahmen zur Beschränkung der Covid-19-Folgen für Institute
aus Die Bank, Heft 07/2020, S. 34-41

(8.) Bankia und Caixabank fusionieren zum größten Geldhaus Spaniens
aus manager-magazin.de vom 18.09.2020

Andreas Menzen

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 09 vom 28.09.2020
Dokument-ID: s_ban_20200928

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