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Strategie gegen Schimmel - die Frischelogistik sucht nach neuen Lösungen

TRANSPORT & LOGISTIK | GENIOS BranchenWissen Nr. 10/2007 vom 23.10.2007

Beitrag

Der weltweite Versand von Lebensmitteln stellt große Herausforderungen an die Frischelogistik. Nach wie vor landen große Teile der Waren im Müll, was weder wirtschaftlich noch ethisch vertretbar ist. Die Branche ist daher bemüht, neue Lösungen für eine lückenlose Kühlkette und schnellen Umschlag zu finden.



Frischelogistik mit Problemen

Zum normalen Supermarktangebot gehören schon seit Jahrzehnten frische Waren aus allen Gegenden der Welt. Südfrüchte, Blumen, exotisches Gemüse oder auch nur die Weintrauben aus Spanien werden über tausende Kilometer zu den Verbrauchermärkten transportiert. Dies stellt die Frischelogistik häufig vor große Probleme. Es wird geschätzt, dass 20 Prozent der Waren während des Transports verderben und daher entsorgt werden müssen. (1), (2)



Flughäfen wollen den Transport verderblicher Waren verbessern

Ein wichtiger deutscher Umschlagplatz für verderbliche Waren ist der Frankfurter Flughafen. Der Airport will seine Infrastruktur für Frischetransporte im nächsten Jahr deutlich ausbauen. Auch am Münchner Flughafen entsteht derzeit ein spezieller Abfertigungsbereich für Frischegüter. Allerdings bilden die Flughäfen beim Transport von Lebensmitteln nur einen kleinen Teil der gesamten Logistikkette. Was am meisten fehlt, sind geeignete Kühlhäuser in den Erzeugerländern selbst. (2)



Der intelligente Container ist noch Zukunftsmusik

Eine weitere Verbesserungsmöglichkeit neben dem Ausbau der Kühlhäuser sind Sensoren, die in den Transportcontainern angebracht sind und durchgängig über den Frischegrad der Waren informieren. Zwar können auch sie keine durchgehende Kühlkette garantieren; allerdings hätten Transporteure und Händler so die Möglichkeit, schnell umzudisponieren und die Ware im Bedarfsfall schneller in den Verkauf zu bringen. Bisher ist der intelligente Container allerdings Zukunftsmusik. Zurzeit existiert nur ein Prototyp, der von Bremer Forschern entwickelt wurde. (2)



Produktverfolgung mit der Radio Frequency Identification (RFID)

Auch die Europäische Union hat den Verbraucherschutz auf die Agenda gesetzt und verlangt seit 2005, dass Lebensmittel über sämtliche Produktions-, Verarbeitungs- und Vertriebsstufen zurückverfolgt werden können. Eingesetzt wird hierfür in wachsendem Maße die Radio Frequency Identification (RFID). Die Funketiketten werden an den Containern angebracht und informieren zu jeder Zeit über den Aufenthaltsort der Ware. Auch eine Unterbrechung der Kühlkette kann von den Funketiketten registriert werden, den Frischegrad der transportierten Lebensmittel aber können sie nicht anzeigen. Auch weil sich die teuren Funketiketten noch nicht überall durchgesetzt haben, besteht bei der Umsetzung der EU-Verordnung noch Nachholbedarf. (3)



Wegwerfen ist billiger als kontrollieren

Der Überfluss an Waren macht es immer noch billiger, verdorbene Waren auszusortieren statt für eine lückenlose Kühlkette und schnellen Transport zu sorgen. Dass es auch anders geht, zeigen die Arzneihersteller: Weil ein mit Medikamenten bestückter Container schnell über 20 Millionen Dollar wert sein kann, wird Ausschuss hier peinlich vermieden. Die Logistikanbieter haben sich hierauf eingestellt und bieten den Herstellern Transporte an, bei denen RFID-Sensoren die durchgängige Kühlung der Medikamente dokumentieren. Dies ist auch deshalb nötig, weil ein Medikament bei äußerlicher Sichtprüfung keinen Aufschluss darüber gibt, ob es noch wirksam ist. (2)



Vom Küchenchef zum Risikofaktor

Nicht erst während des Transports drohen Lebensmittel zu verderben, sondern auch durch menschliche Fehler. Schon bei der Herstellung und der Verpackung wird daher in Deutschland auf größtmögliche Automatisierung gesetzt. Man versucht, den menschlichen Faktor so weit wie möglich aus der Lebensmittelherstellung auszuschließen. Was der Produktsicherheit dient, wirft allerdings ein fahles Licht auf die Werbung: Wer Kekse "aus Omas Backstube" genießen will, sollte sie nicht im Supermarkt suchen. (4)



Einheitliche Standards

Regalgerechte Verpackungen sind ein weiterer Baustein dafür, den Warenbestand schnell aufzufüllen und so die Zeitspanne zwischen Herstellung und Verkauf möglichst kurz zu halten. Um dies zu gewährleisten, verlangt der Handel von der Verpackungsindustrie immer neue "Sekundärverpackungen", die die schnelle Bereitstellung der Waren für den Kunden vereinfachen. Handel und Industrie arbeiten darum in ganz Europa an einheitlichen Standards für die Verpackungslogistik. Das Ziel sind regalgerechte Handelsverpackungen, die das bisherige Formenwirrwarr beenden und für eine effizientere Lebensmittellogistik sorgen. (5)



Fallbeispiele

Logistische Meisterleistung beim Transport des Beaujolais Primeur

Ein schönes Fallbeispiel für eine hocheffiziente und gut organisierte Lebensmittellogistik ist die Auslieferung des "Primeurs", des ersten Rotweins aus dem Beaujolais. Immer am dritten Donnerstag im November, punktgenau zur Mitternacht, können die weltweit verstreuten Liebhaber des jungen Weins ihre Flasche entkorken. Verantwortlich für die logistische Meisterleistung ist DHL, der Logistikspezialist der Deutschen Post. Auch in diesem Jahr befördert das Unternehmen wieder rund zwei Millionen Flaschen des jungen Rotweins. (6)


Frischelogistik auch bei Wurst und Käse

Zudem ist das Unternehmen Partner des Lebensmittelkonzerns Unilever. DHL sorgt dafür, dass abgepackte Wurst- und Käsewaren des britisch-niederländischen Konzerns auf dem schnellsten Weg in die Kühltheken von Lebensmittelgeschäften und Warenhäusern gelangen. Um die Frische der Waren sicher zu stellen, hat DHL die eigene Niederlassung in Krefeld zum deutschen Zentrallager für Unilever-Marken mit rund 25 000 Quadratmeter erweitert. Bei der Logistik-Partnerschaft mit Unilever hilft es, dass der Lebensmittelgigant einer der Vorreiter beim umfassenden Einsatz von RFID-Funketiketten in der Frischelogistik ist. Beteiligt an der komplexen Lösung sind der deutsche Industriekonzern Siemens und der Softwareanbieter SAP - was die gute Positionierung deutscher Logistikanbieter auf dem internationalen Markt doch recht eindrucksvoll dokumentiert. (3), (6)

Zahlen & Fakten

Bundeskabinett verabschiedet neue Verpackungsverordnung

Das Bundeskabinett hat nach kontrovers geführten Debatten die fünfte Novelle der Verpackungsverordnung verabschiedet. Damit wurde der drohende Kollaps der Abfallentsorgung mit dem "grünen Punkt" zunächst verhindert. Allerdings will das Wirtschaftsministerium die Dualen Systeme in der nächsten Legislaturperiode einer erneuten Prüfung unterziehen. Beobachter rechnen nun damit, dass das parlamentarische Verfahren bis Ende des Jahres abgeschlossen werden kann. Wegen der notwendigen Übergangsfristen wird die neue Verordnung aber voraussichtlich erst im Juli 2008 in Kraft treten. (7)





+Hoher Auftragseingang bei Verpackungsmaschinen

Der Fachverband Nahrungsmittelmaschinen im VDMA hat gemeldet, dass der Auftragseingang bei der auf Verpackungsmaschinen spezialisierten Industrie (ohne Getränkeabfülltechnik) derzeit um 16 Prozent über dem Niveau von 2006 und mehr als 30 Prozent über dem von 2005 liegt. Das starke Wachstum sei durch die weltweit gute Branchenkonjunktur hervorgerufen worden. Überdies haben die deutschen Verpackungsspezialisten ihre Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den Wettbewerbern in Westeuropa und Nordamerika stark verbessert. (8)





+Neue Europa-Logistik bei Kraft Foods

Das amerikanische Unternehmen Kraft Foods hat seine Europa-Logistik auf neue Füße gestellt. Das System nennt sich "Logistics-Server" und umfasst die Transportdisposition ebenso wie das Lademittel-Management und den Informationsfluss. Betrieben wird die Logistiklösung vom österreichischen Softwarehaus Inet-logistics. (9)





+Gut gekühltes Umschlaglager

Rund 6,5 Millionen Euro hat die Firma Dachser in ihre Niederlassung in Herne investiert. Damit ist Herne zu einem der größten Knotenpunkte im Lebensmittellogistik-Netzwerk des Unternehmens aufgestiegen. Schon im August hat Dachser ein 7 000 Quadratmeter großes, gekühltes Umschlaglager in Betrieb genommen, mit dem sich das Kühlareal zwischen zwei und sieben Grad Celsius mehr als verdoppelt hat. (10)

Weiterführende Literatur:

(1.) O.V., Denken in ganzheitlichen Systemen, FM Fracht + Materialfluß, 2007, Heft 10, Seite 51
aus Handelsblatt Nr. 179 vom 17.09.07 Seite 20

(2.) Grund-Ludwig, Pia, Flughäfen und Logistiker rüsten auf für Frischware, Handelsblatt, 15.10.2007, Nr. 198, Seite 9
aus Handelsblatt Nr. 198 vom 15.10.07 Seite b09

(3.) O.V., Wissen, was auf den Tisch kommt, dei - die ernährungsindustrie, 2007, Heft 10, Seite 58
aus dei - die ernährungsindustrie, Heft 10, 2007, S. 58

(4.) Berger, Christoph, Vollautomatisierung, Handelsblatt online, 11.10.2007
aus HANDELSBLATT online 11.10.2007 08:00:00

(5.) Klopsch, Susanne, Harmonie im Karton, Lebensmittel Praxis, 22.05.2007, Nr. 10, Seite 34
aus LEBENSMITTEL PRAXIS NR. 010 VOM 22.05.2007 SEITE 034

(6.) O.V., Kühler Service, FM Fracht + Materialfluß, 2007, Heft 10, Seite 60
aus LEBENSMITTEL PRAXIS NR. 010 VOM 22.05.2007 SEITE 034

(7.) Kersch, Christina / Murmann, Christoph, Durchbruch für Grünen Punkt, Lebensmittel Zeitung, 21.09.2007, Nr. 38, Seite 31
aus Lebensmittel Zeitung 38 vom 21.09.2007 Seite 031

(8.) O.V., Kurz notiert, Lebensmittel Zeitung, 05.10.2007, Nr. 40, Seite 48
aus Lebensmittel Zeitung 40 vom 05.10.2007 Seite 048

(9.) O.V., Lebensmittellogistik über Zentralserver, DVZ, 25.08.2007, Nr. 102
aus DVZ, Nr. 102 vom 25.08.2007

(10.) O.V., Großinvestition in Herne, Verkehrs Rundschau, 2007, Nr. 39, Seite 35
aus Verkehrs Rundschau, Heft 39/2007, S. 35

R.Reuter

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 10/2007 vom 23.10.2007
Dokument-ID: s_tra_20071023

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