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Stahlindustrie - 2016 wird zum Schicksalsjahr

MASCHINEN- UND ANLAGENBAU | GENIOS BranchenWissen Nr. 03 vom 31.03.2016


Schlechter Start ins neue Jahr

Die Stahlschwemme auf den Weltmärkten - ausgelöst insbesondere durch China - gräbt der deutschen Stahlindustrie immer mehr das Wasser ab. Überkapazitäten und die Dumpingpreise der chinesischen Konkurrenz gehen den Unternehmen so sehr an die Existenz, dass die Experten 2016 bereits als Schicksalsjahr für die deutsche und europäische Stahlindustrie bezeichnen. Die Zahlen sind beklemmend: Zwischen 2008 und 2014 haben Chinas Stahlkocher ihre Überkapazitäten von 132 Millionen Stahl auf 327 Millionen Tonnen aufgebläht. In diesem Jahr soll der Überhang aktuellen Schätzungen zufolge auf 430 Millionen Tonnen anwachsen. Sollte der chinesische Ausstoß weiter auf den Weltmärkten landen, sehen Experten die gesamte europäische Stahlindustrie in ihrer Existenz bedroht.

Wie stark die Stahlkocher von der chinesischen Exportschwemme gebeutelt werden, zeigen die jüngsten Bilanzberichte. So hat sich die Auftragslage in der deutschen Stahlindustrie im vierten Quartal 2015 deutlich verschlechtert. Im Vergleich mit dem Vorjahresquartal sanken die Orders um sechs Prozent, der Auftragsbestand ging sogar um 13 Prozent zurück. EU-Länder bestellten dabei zehn Prozent weniger deutschen Stahl, das übrige Ausland orderte 30 Prozent weniger. Der leichte Anstieg der Inlandsnachfrage im selben Zeitraum ändert nichts daran, dass bei der deutschen Stahlindustrie die Alarmglocken schrillen.

Dies zeigt der Februar dieses Jahres, in dem die deutschen Unternehmen zum vierten Mal in Folge ein Produktionsminus verzeichnen mussten. 3,36 Millionen Tonnen bedeuteten einen Rückgang im Vergleich mit dem Vorjahresmonat um 4,3 Prozent. In Deutschland produzierende Unternehmen wie Arcelor-Mittal und der deutsche Branchenprimus ThyssenKrupp geraten in die Verlustzone. Salzgitter verzeichnet weiterhin starke Einbußen.

Die Branche ist nun in Aufruhr, denn die Krise verschlechtert nicht nur die Ertragslage, sondern schlägt sich auch immer stärker auf die Beschäftigung nieder. 7 000 Stahl-Arbeitsplätze sind in den vergangenen sechs Monaten europaweit verloren gegangen. (1), (2), (4)


China-Stahl überschwemmt die Weltmärkte

Dass China derart billig produzieren kann, liegt an staatlicher Unterstützung. Die Schwerindustrie im Reich der Mitte sorgt für Millionen von Arbeitsplätzen, die nur bestehen bleiben, weil die Regierung umfangreiche Subventionen bereitstellt. Die finanzielle Rückendeckung aus Peking hat China in Rekordzeit zum größten Stahlhersteller der Welt aufsteigen lassen. Fast 50 Prozent des weltweit produzierten Rohstahls kam 2015 aus China; die Hersteller der Europäischen Union steuerten gut zehn Prozent zur weltweiten Produktion bei. Im Jahr 2000 hatte Europa noch einen Anteil von 22,8 Prozent, China kam auf 15 Prozent. 2015 erreichten Chinas Hersteller einen Ausstoß von 804 Millionen Tonnen, in Europa waren es gerade einmal 166 Millionen Tonnen.

Die gewaltigen Produktionssteigerungen schlagen sich, kaum verwunderlich, auf den chinesischen Export nieder. 355 Millionen Tonnen wurden 2015 global exportiert, rund ein Drittel der Menge kam aus China. Mit einem Exportvolumen von 111 Millionen Tonnen 2015 hat China seine Stahlausfuhren in den letzten drei Jahren verdoppelt - während die Anbieter der restlichen Welt 20 Millionen Tonnen weniger exportierten. (1), (2), (4)


Die EU-Kommission will handeln

Die europäische Stahlindustrie will die Dumpingstrategie Chinas nicht mehr hinnehmen und drängt darum seit langem darauf, EU-weite Strafzölle auf die Stahlimporte zu erheben. Schon seit 2013 liegen Vorschläge für eine Reform der europäischen Anti-Dumping-Regeln auf dem Tisch, doch ist die Reform im Europäischen Parlament steckengeblieben. Der Grund dafür ist die Uneinigkeit der EU-Länder. Stahlproduzenten wie Frankreich oder Italien befürworten strengere Regeln, während sich Stahlimporteure wie Großbritannien und Holland über die chinesischen Dumpingpreise freuen. Auch die Bundesregierung, die traditionell den Freihandel propagiert, war bisher skeptisch gegenüber der Einführung von Handelshemmnissen für chinesischen Stahl. Noch im Februar hat die EU-Kommission daher auf das Drängen der Hersteller wie auf Protestaktionen der Stahlarbeiter - die mitten in Brüssel stattfand - nur verhalten reagiert.

Vor wenigen Tagen hat die EU-Kommission umgeschwenkt. Sie will die Stahlbranche nun doch mit einer Ausweitung von Schutzzöllen vor der Billigkonkurrenz schützen. Auch soll ein Frühwarnsystem installiert werden, das Alarm bei solchen Stahlimporten schlägt, die den europäischen Herstellern schaden könnten. Frei agieren kann die Kommission hierbei allerdings nicht, denn das Europarecht legt einige Fesseln an. So ist die Kommission gesetzlich gehalten, auch Strafzölle immer so niedrig anzusetzen wie möglich. Auf chinesischen Walzstahl wurde daher kürzlich ein Strafzoll von nur 13,8 Prozent erhoben, obwohl die rechnerisch Dumpingmarge bei 60 Prozent liegt. Was eigentlich nötig wäre, zeigen die USA: Da hier keine rechtlichen Beschränkungen gelten, konnte Washington Schutzzölle auf Chinastahl in der Höhe von 265 Prozent des Warenwerts beschließen. Auch um das Gebot nur niedrigster Strafzölle zu beenden müssten sich die EU-Staaten darüber einig werden, wie sie mit der chinesischen Stahlschwemme umgehen wollen. Gleichwohl zeigt die EU-Kommission derzeit, dass sie das Schicksal der europäischen Stahlindustrie tatsächlich auf die Agenda gesetzt hat. Insgesamt wurden bereits 37 Anti-Dumping- und Anti-Subventions-Maßnahmen gegen die Einfuhr bestimmter Stahlprodukte verhängt. 16 der Maßnahmen betreffen chinesische Hersteller.

Die deutsche Stahlindustrie hat den neuen Kurs der Kommission begrüßt, ist mit der Höhe der bisher beschlossenen Zölle aber naturgemäß nicht zufrieden. Sie fordert die volle errechnete Dumpinghöhe, das heißt 60 Prozent. Noch schwieriger könnte es damit jedoch werden, wenn China von der EU demnächst als Marktwirtschaft anerkannt wird. Hierüber will die Kommission bald entscheiden. Mit diesem Statut hätten es die europäischen Hersteller noch schwerer als bisher, Anti-Dumping-Klagen durchzusetzen. (3), (4), (5), (8), (9)





Fallbeispiele


ThyssenKrupp - Stahlsparte bereitet Kummer

ThyssenKrupp ist die Nummer eins der deutschen Stahlproduzenten, erwirtschaftet mit seinen Hütten aber mittlerweile nur noch 30 Prozent der Umsätze. Im ersten Quartal des Geschäftsjahrs 2015/2016 - also Oktober bis Dezember 2015 - gingen die Aufträge der in Europa beheimateten Thyssen-Stahlwerke im Vergleich mit dem Vorjahreszeitraum um vier Prozent zurück. Die ausgelieferte Stahlmenge sank um acht Prozent. Der Umsatz im Stahlgeschäft gab um 13 Prozent nach, der Vorsteuergewinn (Ebit) sank um 37 Prozent. Während die Stahlsparte schon seit Jahren zu kämpfen hat, werfen andere Unternehmensbereiche verlässlich Gewinne ab. Zu den Renditebringern im Konzern gehören insbesondere die Aufzugssparte und der Anlagenbau. (2)


Arcelor-Mittal investiert trotz Ergebniseinbußen

Die Nummer zwei der in Deutschland Stahl produzierenden Unternehmen ist der internationale Konzern Arcelor-Mittal. Weltweit fuhr das Unternehmen 2015 einen Verlust von acht Milliarden US-Dollar ein. Der Umsatz der deutschen Werke sank von 5,5 Milliarden Euro auf 5,3 Milliarden Euro. Trotzdem will Arcelor-Mittal auch in Deutschland weiter investieren. Nach 89 Millionen Euro, die 2015 in die Werke in Bremen, Eisenhüttenstadt, Duisburg und Hamburg investiert wurden, sollen es in diesem Jahr rund 110 Millionen Euro werden. Stellenstreichungen sind nicht geplant. Aktuell arbeiten etwa 9 000 Menschen in den deutschen Hütten von Arcelor-Mittal. (7)


Salzgitter im Sinkflug

Nummer drei am deutschen Markt ist die Salzgitter AG. Das Unternehmen musste für 2015 einen Verlustanstieg um 43 Prozent auf minus 45,5 Millionen Euro verkraften und will nun Stellen streichen. Trotz der Misere sollen die Aktionäre eine Dividende erhalten. (6)



Zahlen & Fakten


Die chinesischen Stahlhersteller haben 2015 doppelt so viel Stahl produziert wie die vier nächsten Länder Japan, Indien, die USA und Russland zusammen. Trotzdem ist die Kapazitätsauslastung der Werke im Reich der Mitte von 80 Prozent im Jahr 2008 auf 70 Prozent 2014 gefallen. China könnte also noch mehr Stahl produzieren, als das Land jetzt schon ausstößt.

2016 wird die Stahlproduktion in Deutschland nach aktuellen Schätzungen um drei Prozent auf 41,5 Millionen Tonnen zurückgehen. 2007 hatten die deutschen Hersteller noch 48,3 Millionen Tonnen Stahl produziert. (1), (2)

Weiterführende Literatur:

(1.) Schicksalsjahr für die Stahlindustrie
aus Handelsblatt online vom 16.02.2016

(2.) Die Stahlriesen auf dem deutschen Markt: Thyssen-Krupp
aus Stuttgarter Zeitung - Stadtausgabe, 20.02.2016, S. 14

(3.) Brüssel will die Zähne zeigen
aus Neue Zürcher Zeitung 17.03.2016, Nr. 64, S. 30

(4.) Chinas Problem mit der Überkapazität wächst / Wettbewerbsverzerrungen sorgen für Spannungen mit dem Ausland
aus Finanz und Wirtschaft vom 24.02.2016, Seite 18

(5.) Vier Gründe gegen die Untergangsstimmung der Stahlindustrie
aus manager-magazin.de vom 18.03.2016

(6.) Salzgitter: Mehr Dividende, weniger Arbeitsplätze
aus Täglicher Hafenbericht, Nr. 56 vom 21.03.2016

(7.) Arcelor-Mittal investiert in deutsche Werke
aus Handelsblatt online vom 15.03.2016

(8.) Angst vor dem Untergang
aus Handelsblatt Nr. 031 vom 15.02.2016 Seite 018

(9.) Deutsche Stahlindustrie fordert Zölle von bis zu 60 Prozent
aus manager-magazin.de vom 16.02.2016

Robert Reuter

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 03 vom 31.03.2016
Dokument-ID: s_mas_20160331

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