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Sourcing - lieber schnell als günstig

TEXTIL | GENIOS BranchenWissen Nr. 10 vom 01.10.2018


Traditionelle Sourcingländer der deutschen Modeindustrie verlieren an Bedeutung

Die Beschaffung der Modehersteller steht vor großen Veränderungen. Eine Ursache ist, dass das Sourcing in den traditionellen Beschaffungsländern immer teurer wird, der Druck auf die Margen steigt. Erschwert wird die Situation durch ein verändertes Kaufverhalten der Kunden. Mit der wachsenden Beliebtheit von Fast Fashion zu niedrigen Preisen müssen die Hersteller immer schneller auf Trends reagieren und ihre Produktionszyklen entsprechend anpassen.

In der Vergangenheit war ein bewährtes Mittel gegen steigende Kosten die Verlagerung der Produktion in billigere Länder. Doch diese Lösung scheint ausgedient zu haben, denn die Produktionskosten in den kostengünstigen Standorten schießen nach oben. In Bangladesch haben die Kosten von 2013 bis Anfang 2017 laut der Beratungsgesellschaft Kurt Salmon um 47 Prozent zugelegt, in Pakistan um 40 Prozent, in Indien und Zentral- sowie Westchina um jeweils 33 Prozent. Verursacht werden die Kostensteigerungen unter anderem durch höhere Löhne. Diese wiegen umso schwerer, da der Anteil der Lohnkosten an den Beschaffungskosten zwischen 30 und 50 Prozent liegt. Die räumliche Entfernung zu den wichtigen Sourcingländer, die vor allem in Asien liegen, ist ein Hindernis, um der wachsenden Bedeutung von Fast Fashion gerecht zu werden.

Diese Entwicklung hat gravierende Auswirkungen für die Sourcingländer. China, wichtigstes Beschaffungsland der Modeindustrie, büßt als Produktionsstandort an Attraktivität ein. Laut dem Modeverband Germanfashion sanken im ersten Halbjahr 2018 die chinesischen Bekleidungsexporte nach Deutschland um über sechs Prozent auf 3,32 Milliarden Euro. Im Gesamtjahr 2017 stand noch ein Plus von drei Prozent in den Büchern. Die Exporte aus Indien sanken in den ersten sechs Monaten 2018 um fast ein Prozent auf 853 Millionen Euro, 2017 belief sich das Wachstum noch auf sechs Prozent. Die Einfuhren aus Pakistan reduzierten sich im Berichtszeitraum um rund zwei Prozent auf 475 Millionen Euro, 2017 belief sich das Plus auf zwölf Prozent. In anderen wichtigen Beschaffungsländern reduzierte sich das Wachstum der Exporte erheblich. Im ersten Halbjahr 2018 steigerte Kambodscha die Exporte um 3,5 Prozent auf 530 Millionen Euro, 2017 wurde noch ein Plus von über 15 Prozent verzeichnet. (1), (2), (3), [Abb. 1]


Schnelligkeit gewinnt gegenüber den Kosten an Bedeutung

Die Bedeutung der traditionellen Sourcingländer könnte weiter abnehmen. Das zeigt die Studie "Dynamic Supplier Management" der Beratungsgesellschaft Roland Berger. Es überrascht nicht, dass über 40 Prozent der befragten Entscheider aus der Mode- und Schuhindustrie ihre Lieferanten wechseln wollen. Doch bei der Standortsuche haben China und Südostasien an Bedeutung verloren, denn wiederum 40 Prozent von ihnen sind in Europa auf der Suche nach neuen Partnern. China ist nur noch für 24 Prozent der Entscheider das Sourcingland der Wahl, die Region Südostasien für 21 Prozent. Der Grund für diesen Umschwung ist, dass bei der Beschaffung Schnelligkeit und Flexibilität der Produktion im Vordergrund stehen, nicht mehr die Kosten. Denn Fast Fashion verlangt immer kürzere Produktionszeiten, vom Design bis hin zur Fertigung soll es nur noch Tage dauern anstatt vieler Wochen.

Die Unternehmensberatung McKinsey & Company kommt in ihrer Studie "The apparel sourcing caravans next stop: Digitalization" zu dem gleichen Ergebnis. Jeder zweite der befragten 63 Einkaufschefs erwartet, dass in 2025 niedrige Lohnkosten nicht mehr ausschlaggebend für die Wahl des Beschaffungsortes sein werden. Das Sourcing in geografischer Nähe wird nach Ansicht von jedem zweiten Einkaufsverantwortlichen immer wichtiger werden. Jeder dritte geht davon aus, dass die Automatisierung die Basis für eine Rückführung der Produktion ins Heimatland bilden wird. (4), (5), (6)


Definierte Prozesse und Digitalisierung beschleunigen Produktentwicklung

Doch die geografische Nähe allein reicht nicht, um den Anforderungen von Fast Fashion gerecht zu werden. Laut dem Hongkonger Sourcingspezialisten Li&Fung ist es möglich, durch den Einsatz von digitalen Technologien den Musterprozess von bisher vier bis sechs Wochen auf vier bis sechs Tage zu verkürzen. Das Gleiche gilt für das Fitting. Durch virtuelle Anproben können Zeit und Ressourcen einspart werden. Die Aussage wird von Kurt Salmon unterstützt. Für die Berater ist ein durch Software gestütztes Sourcing- und Supply Chain Management die Antwort auf Fast Fashion. Durch den Einsatz von definierten Prozessen und digitalen Technologien sollen Überhänge abgebaut und besser auf die Kundenwünsche eingegangen werden.

Ein ausreichend definierter Produktentwicklungsprozess und der Einsatz digitaler Technologien ermöglichen eine stimmige Sortimentsplanung. Sie sind die Voraussetzung für eine engere Zusammenarbeit zwischen den Modeanbietern und ihren Lieferanten. Denn derzeit entwickeln Designer und Produkttechniker oftmals Prototypen, die niemals auf den Markt kommen. Es sollte bereits sehr früh feststehen, bei welchen Artikeln Schnelligkeit geboten ist, um rechtzeitig Materialien und Komponenten ordern zu können. Wer bereits bei der Planung stärker darauf achtet, dass Materialien für verschiedene Produktgruppen genutzt werden können, kann die Entscheidung über die Mengen zu einem späteren Zeitpunkt je nach Marktlage treffen. (1), (2), (5), (7)


Wichtiges Sourcingland steht vor großen Problemen

Ein großer Unsicherheitsfaktor für die Textilhersteller ist die politische und wirtschaftliche Entwicklung in der Türkei. Die Türkei ist für die deutsche Modewirtschaft ein wichtiges Partnerland. Nach China und Bangladesch ist es mit Exporten in Höhe von 3,4 Milliarden Euro in 2017 der drittgrößte Bekleidungsimporteur. Für die EU-Staaten steht die Türkei mit einem Importvolumen von 9,6 Milliarden Euro in 2017 ebenfalls auf Rang drei der Einfuhrstatistik. Nach China ist die Türkei sogar der zweitgrößte Vollanbieter für die deutsche Bekleidungsindustrie. Das heißt, Einkauf von Rohmaterialien oder Entwicklung neuer Techniken liegen komplett in der Hand der türkischen Partnerfirmen. Unternehmen wie Hugo Boss, Digel oder Roy Robson verfügen sogar über eigene Produktionsstätten in der Türkei, vor allem in der Region rund um Izmir.

Aus der Perspektive der Produktionskosten betrachtet bringt der Währungsverfall in der Türkei zunächst einmal Vorteile. Die in Lira ausgezahlten Löhne werden günstiger. Da die meisten Auftraggeber in der Türkei in Euro oder Dollar abrechnen, entstehen durch diese, im Vergleich zur türkischen Lira sehr starken Währungen, zunächst einmal deutlich bessere Einkaufsbedingungen. Deswegen überlegen nicht wenige Unternehmen, Aufträge in die Türkei zu verlagern, weil sie dort aktuell bessere Preise als in anderen europäischen oder nordafrikanischen Ländern aushandeln können.

Doch das ist nur eine Seite der Medaille. Um Vollgeschäft anbieten zu können, müssen die türkischen Produzenten Rohmaterialien wie Baumwolle oder Zutaten wie Färbemittel im Ausland einkaufen. Diese Einkäufe werden aber in Euro oder Dollar abgerechnet. Für die türkischen Firmen wird der Einkauf also teurer. Ein weiteres Problem könnten die Investitionen, vor allem in Maschinen, werden. Im Land gibt es keine Hersteller so dass im Ausland zugekauft werden muss, ebenfalls in Dollar oder Euro. Erschwerend kommt hinzu, dass viele Unternehmen fremdfinanziert sind und es für sie angesichts der Lira-Schwäche schwerer wird, ihre Kredite, die in der Regel in Dollar oder Euro vergeben werden, zu bedienen. Wenn die Gewinne einbrechen und die Kreditaufnahme immer schwieriger wird, könnte das Geld für Investitionen fehlen, um im Wettbewerb mit anderen Beschaffungsländern mitzuhalten. (8), (9)





Fallbeispiele


Hugo Boss: Hugo wird digital

Hugo Boss zeigte im Oktober 2017 in Berlin das erste Mal den digitalen Showroom seiner Marke Hugo. Der Launch fand im Rahmen eines Pop-up-Events statt, bei dem Handelspartner Teile aus der Pre-Kollektion Herbst 2018 ordern konnten. Ansicht, Auswahl und Bestellung erfolgten über einen 65-Zoll Touchscreen über den die komplette Kollektion aufgerufen und dargestellt werden konnte. In Metzingen soll der digitale Showroom bis Ende dieses Jahres verfügbar sein. Über diesen sollen die Kunden während der Orderphase Zugriff auf die gesamte Kollektion haben.

Eine komplette physische Musterkollektion für Hugo wird es laut Hugo Boss nicht mehr geben. Einzelne Musterteile und große Showrooms, wie der im Düsseldorfer-Medienhafen, bleiben jedoch bestehen. (10)


Adler: Wechsel des Sourcingpartners für neue Impulse

Adler strukturiert das Supply Chain Management grundlegend um. Ab dem zweiten Quartal 2019 wird die Otto Group-Tochter Hermes-Otto International (H-OI) in Hongkong die bisherigen Agenturen Metro Sourcing International und NTS Holding als Beschaffungspartner ablösen. Das Sourcing soll damit effizienter und flexibler werden. Initiativen von H-OI im Bereich digitaler Produktentwicklung und 3D-Fit sollen beim Partnerwechsel eine wichtige Rolle gespielt haben. (11)



Zahlen & Fakten


Abbildung 1: Die Beschaffungskosten steigen und steigen

Entnommen aus: TextilWirtschaft, 48/2017, S. 36 bis 38, (7)

Weiterführende Literatur:

(1.) Beschaffung: Studie: Mode-Sourcing wird immer digitaler
aus www.textilwirtschaft.de vom 29.11.2017

(2.) Studie: Kehrt das Textil-Sourcing nach Europa zurück?
aus www.textilwirtschaft.de vom 15.09.2017

(3.) Die wichtigsten Importländer 2017
aus www.textilwirtschaft.de vom 15.09.2017

(4.) Digitalisierung der Beschaffung: Mehr Speed fürs Sourcing
aus www.textilwirtschaft.de vom 05.09.2017

(5.) Studie: Digitalisierung könnte Sourcing zurück nach Europa bringen
aus TextilWirtschaft 38 vom 21.09.2017 Seite 006

(6.) Beschaffung: Supply Chain: Schneller statt billiger
aus www.textilwirtschaft.de vom 10.07.2018

(7.) Digitalisieren statt wandern
aus TextilWirtschaft 48 vom 30.11.2017 Seite 036 bis 038

(8.) Beschaffungs-Poker
aus TextilWirtschaft 34 vom 23.08.2018 Seite 017

(9.) TW-Umfrage: Türkei-Krise: Ruhe vor dem Sturm?
aus www.textilwirtschaft.de vom 15.08.2018

(10.) Unternehmen: Digitaler Showroom für Hugo
aus www.textilwirtschaft.de vom 27.10.2017

(11.) Supply Chain Management: Adler wechselt wichtige Partner aus
aus www.textilwirtschaft.de vom 19.04.2018

Markus Hofstetter

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 10 vom 01.10.2018
Dokument-ID: s_tex_20181001

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