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Solvency II - das regulatorische Großprojekt der Versicherungsbranche tritt in Kraft

VERSICHERUNGEN | GENIOS BranchenWissen Nr. 01 vom 31.01.2016


Solvency II soll Risiken beherrschbar machen

Am 1. Januar 2016 ist Solvency II in Kraft getreten. Dabei handelt es sich um das regulatorische Rahmenwerk für die Versicherungsbranche in Europa. Solvency II soll den Schutz der Versicherten stärken, einheitliche Wettbewerbsstandards schaffen und eine weitgehend einheitliche Aufsichtspraxis in Europa gewährleisten. Konkret bedeutet dies, dass die Versicherer von nun an ihre Kapitaldecke stärker an den Risiken in ihrer Bilanz ausrichten und damit tendenziell höhere Kapitalrücklagen bilden müssen. Hinzu kommen höhere Anforderungen an das Risikomanagement und neue Berichtspflichten. Es gilt allerdings eine Übergangsfrist von 16 Jahren. (1), (2), (4)


Komplexes Regelwerk stellt Branche vor große Herausforderungen

Solvency II ist ein sehr komplexes Regelwerk, da man 28 Länder mit unterschiedlichen Märkten und spezifischen Versicherungsprodukten unter einen Hut bringen musste. Derweil sieht sich die Branche von den Kosten des Projektes stark belastet. Insbesondere kleine Versicherer befürchten, dass sie den regulatorischen Aufwand nicht mehr stemmen können. Ein weiterer kniffliger Punkt ist die Behandlung von Staatsanleihen, die im Standardmodell immer noch nicht mit Eigenkapital unterlegt werden müssen. Dies bedeutet; für Staatsanleihen von Ländern mit schlechter Bonität fällt kein zusätzlicher Kapitalbedarf an. Die Hintergründe dafür dürften politischer Natur sein. (3), (8)





Fallbeispiele

Den höheren Kapitalanforderungen infolge von Solvency II und den Kosten für die Umstellung auf das neue Aufsichtsregime sehen sich viele Versicherer bisher nicht gewachsen. Dies ist das Ergebnis einer Umfrage, die der französische Vermögensverwalter Natixis Global Asset Management (NGAM) unter 200 Versicherern aus neun Ländern durchgeführt hat. (1)

Die Gothaer Versicherung hat ihr Lebensversicherungsgeschäft unter anderem wegen Solvency II runtergefahren. Im vergangenen Jahr schrumpften die Beiträge um 6,9 Prozent auf 1,42 Milliarden Euro. Weitere Gründe waren das niedrige Zinsniveau und das Lebensversicherungsreformgesetz. Im Bereich des Einmalbeitragsgeschäfts will die Gothaer künftig selektiver vorgehen und beispielsweise die Höhe der Einmalzahlungen deckeln. (7)

Nach Solvency II müssen Versicherer Immobilieninvestitionen künftig mit 25 Prozent Eigenkapital unterlegen. Dieser Prozentsatz sei für die gesamte EU viel zu hoch, insbesondere weil Diversifikationseffekte unberücksichtigt blieben. Damit überschätze Solvency II das Risiko, das von direkten Immobilieninvestitionen auf die Versicherer ausgeht. Dies geht aus der Studie "Auswirkungen von Solvency II auf die Immobilienanlagen europäischer Versicherer" hervor, die die International Real Estate Business School (IREBS) der Universität Regensburg erstellt hat. Die Autoren der Studie halten bei den gewerblichen Immobilien einen Anteil von 13 bis 18 Prozent und bei den Wohnimmobilien sechs bis zwölf Prozent für angemessen. (10)



Zahlen & Fakten


Solvency II ist ein regulatorisches Mammutprojekt, das eine Vorlaufzeit von rund eineinhalb Jahrzehnten hatte. Formuliert wurden die Regeln bereits in den Jahren 2001 und 2002, nach der Finanzkrise 2008 hat man sie nochmals verschärft. Die Einführung wurde aber immer wieder verschoben. In den vergangenen zwei Jahren hat die Finanzaufsicht Bafin dann die Branche intensiv auf den Start des Projektes vorbereitet. Je nach Ausgangslage haben die Versicherer ihre Kapital- und Risikostruktur optimiert, Modelle entwickelt, implementiert und sich mit notwendigen Veränderungen ihres Geschäftsmodells beschäftigt. (8), (9)

Die Branche sieht sich durch die Kosten für die Umsetzung von Solvency II stark belastet. Viele Versicherer werden ihre Finanzreserven aufstocken und verstärkt in Risikomanagement-Expertise investieren müssen. Dies gilt insbesondere im Hinblick auf neue, immer größere Risiken wie etwa die Gefahr von Cyber-Attacken, Klimawandel und Terrorismus. (6)

Zudem findet es eine Mehrheit der Versicherer immer schwieriger, angesichts von Solvency II und der anhaltend niedrigen Zinsen immer schwieriger, ausreichend Rendite zur zu erwirtschaften, um ihren Verpflichtungen gegenüber den Versicherten nachkommen zu können. Als Ausweg wollen die Versicherer deutlich mehr Kapital in alternative Anlagen wie Infrastruktur, erneuerbare Energie oder Immobilien investieren. (1), (6)

Mit der Einführung von Solvency II werden auch neue Fragen auftauchen. Wird Solvency II in allen Ländern einheitlich angewendet? Oder wird das Regelwerk durch besonders lasche nationale Aufseher an einem Ort und äußerst strenge Behörden andernorts ad absurdum geführt? Zudem muss Solvency II auf globaler Ebene harmonisiert werden. Denn besonders auf die großen europäischen Versicherungskonzerne kommen auf internationaler Ebene weitere regulatorische Vorschriften zu, etwa wenn sie in die Gruppe der systemrelevanten Versicherer eingestuft werden. (8)



Weiterführende Literatur:

(1.) Versicherer und Solvency II - Auf dem Weg in eine neue Welt
aus VersicherungsJournal.de, Ausgabe vom 07.12.2015:

(2.) Mit dem VAG neu tritt das Aufsichtsregime für Versicherungsunternehmen Solvency II ab 1.1.2016 in Kraft
aus OTS-ORIGINALTEXT vom 29.12.2015, 10:17:45

(3.) "Der 1. Januar 2016 wird kein Big Bang" - Der Vorsitzende der europäischen Versicherungsaufsicht über die Einführung von Solvency II und das Ende der Gleichbehandlung von Staatsanleihen
aus Börsen-Zeitung vom 18.12.2015, Nr. 243, S. 4

(4.) Solvency II - Versicherer in Europa sollen krisenfester gemacht werden
aus Frankenpost - Ausgabe Hof, 29.12.2015, Seite 7

(5.)Versicherer überdenken Anlage - Niedrigzins und Solvency II führen zu Umdenken
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 1 vom 02.01.2016, Seite 27

(6.)Solvency II noch nicht bei allen Versicherungen "angekommen"
aus Börsen-Kurier Nr. 51/2015 vom 17.12.2015, Seite 25

(7.) Wegen Solvency II und Niedrigzinsen: Die Gothaer sortiert sich neu
aus Portfolio institutionell vom 14.12.2015

(8.) Schwere Geburt geglückt
aus Börsen-Zeitung vom 14.01.2016, Nr. 8, S. 6

(9.)Umbruch per Knopfdruck - Die strategische Neuausrichtung der Versicherer unter Solvency II erfordert Modernisierung der IT-Prozesse
aus Versicherungswirtschaft Nr. 12 vom 01.12.2015, Seite 50

(10.) "Versicherer sollten mehr Immobilien kaufen" - Heinrich: Solvency II ändert da nichts - DVFA Forum
aus Börsen-Zeitung vom 12.11.2015, Nr. 217, S. 5

Thomas Trares

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 01 vom 31.01.2016
Dokument-ID: s_ver_20160131

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