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Sicherheitsinitiativen im Kampf gegen die Terrorgefahr - neuer Kostendruck für Logistik- und Transportunternehmen

TRANSPORT & LOGISTIK | GENIOS BranchenWissen Nr. 09/2006 vom 26.09.2006

Beitrag

Eine hundertprozentige Sicherheit, so sind sich die Experten einig, kann es im Kampf gegen die Terrorgefahr nicht geben. Zahlreiche Initiativen und Verordnungen der EU machen den Transporteuren dabei zu schaffen. So soll die Antiterror-Verordnung als Embargomaßnahme nicht, anders als die Maßnahmen der vergangenen Jahre, auf Länder zielen, sondern Personen, Organisationen und Vereinigungen treffen. Der dahinter stehende Arbeitsaufwand für die Unternehmen ist enorm.

Bekannte Folgen an den Flughäfen

Der Terroralarm auf dem Londoner Flughafen und die Kofferbomben auf deutschen Bahnhöfen zwingen die Politik zu immer rigideren Maßnahmen gegen den internationalen Terrorismus. Schärfere Personenkontrollen und das Verbot von Flüssigkeiten im Handgepäck haben bereits zum Einbruch im Duty-Free-Geschäft und zu Erschwernissen im Reiseverkehr geführt. Die schrittweise seit dem 11. September 2001 durch die Gesetzgebung seitens der EU eingeführten Sicherheitsbestimmungen für Transportunternehmen sind in den wirtschaftlichen Folgen weitaus brisanter und laufen weniger medienpopulär ab. (8), (11), (12), (13)

EU-Antiterror-Verordnung - ein Embargo der neuen Generation

Die Antiterror-Verordnung soll als Embargomaßnahme nicht wie Maßnahmen der Vorjahre auf Länder zielen, sondern völlig neu Personen, Organisationen und Vereinigungen treffen. Die Verordnung umfasst eine Listung der entsprechenden Namenkreise relevanter Personen und Organisationen. Eine aktuelle Liste kann jederzeit im Internet abgerufen werden. Unternehmen müssen diese Listen im Geschäftsverkehr berücksichtigen und mit dem eingehenden Adressmaterial abgleichen. Fehler oder Verstöße können empfindliche Folgen haben. Die Strafen sind drakonisch und reichen im schlimmsten Fall zu Freiheitsstrafen von bis zu 15 Jahren und Geldbußen bis zu 500 000 Euro. Diese Handelsbeschränkungen greifen in völlig neuer Form in die Geschäftsabläufe von Unternehmen ein. So haben die Firmen durch sehr komplizierte Verfahren zu ermitteln, ob Geschäftskontakte zulässig sind. (1), (6)

Speditionsunternehmen und Logistikdienstleister spüren die Antiterror-Verordnung im Tagesgeschäft und den damit verbundenen Mehraufwand. Täglich haben die Unternehmen mit neuen Firmen, Kunden und Personen zu tun. Hier liegt hinter jedem Kontakt die Gefahr mit jemanden zu arbeiten, der keine Leistung oder Waren erhalten darf. Der Fachbegriff hierzu lautet Compliance und bedeutet frei übersetzt willfährige Unterstützung. Der Spediteur wird nun zum Kontroll- und Rechenzentrum bevor eine Geschäftstätigkeit aufgenommen wird. Rund 20 000 Datensätze mit Namen auf der schwarzen Liste sind vom Unternehmen zu prüfen, bevor ein Neukontakt als Geschäftspartner in Frage kommt. Begeht das Unternehmen bei diesem Kontrollprozess einen Fehler, so droht es selbst, auf eine Negativ-Listung zu geraten. Das wirtschaftliche Aus wäre die Folge, da andere Unternehmen keinen Geschäftskontakt mehr herstellen dürften. (1), (6), (9)

Luftfrachtgesetz sorgt für dicke Luft am Himmel

Seit dem 01. Juli gilt das neue Luftfrachtgesetz in Österreich. Das auf der EU Verordnung 2320/2002 basierende Gesetz verlagert die Haftung auf den Spediteur bei Luftfrachtsendungen. Für die Branche bedeutet dies einen hohen Aufwand an Kontrolle und Sicherheit. Sendungen müssen laufend geprüft und gescannt werden. Mitarbeiter unterliegen neuen Sicherheitskriterien und Versender müssen als vertrauenswürdig eingestuft werden. Die Folgen für den Markt werden höhere Kosten im Warentransport sein. Neben der existenziellen Bedrohung von Spediteuren, die bei Fehlern auf Ausschlusslisten gelangen, wird eine Preiserhöhung beim Lufttransport erwartet. (5), (9)

Zoll-Sicherheitsinitative - hohe Kosten für wenig Sicherheit

Eine weitere Schutzmaßnahme soll ab dem 01. Januar 2007 mit der Zoll-Sicherheitsiniative zum Schutz der EU-Außengrenzen greifen. Die EU-Verordnung sieht eine elektronische Voranmeldepflicht für Waren vor dem Eintreffen oder dem Verlassen der Europäischen Union vor. Unternehmen sollen hier als Wirtschaftsbeteiligte nach Erfüllen bestimmter Kriterien den Status eines zugelassenen Wirtschaftsbeteiligten (ZWB) erhalten. Die Kriterien die diese ZWB zu erfüllen haben, werden in einem Kodex zusammengefasst. Die Initiative der EU trifft auf breite Kritik, da auf die beteiligten Transportunternehmen eine Kostenlawine niederzugehen droht. Die Unternehmen sind verpflichtet zahlreiche Sicherheitsstandards einzuhalten. Hierzu gehört die vorgeschriebene Bauweise von Lagergebäuden, Sicherung von Laderampen und Prüfung des Personals. (3)

Der Widerstand gegen die EU-Sicherheitsinititative formiert sich
In Deutschland zeichnet sich eine politische Mehrheit gegen die EU-Sicherheitsinitiative ab. Der Verordnungsentwurf soll nach Abstimmung der deutschen Verkehrsminister zurückgewiesen werden. Von der deutschen Seite wird eine Kosten-Nutzen-Bewertung gefordert. Auch in den Niederlanden finden die zahlreichen Überlegungen der EU zur Sicherheitsinitiative keine Zustimmung. Der Logistik- und Verlader-Verband (EVO, Zoetermeer) sieht die wirtschaftlichen Folgen und die damit verbundenen Kosten in keinem Verhältnis zum betriebenen Aufwand und dem damit erzielten Ergebnis. Es lässt sich zudem laut dem Verband nicht erkennen, welche Vorteile ein zertifiziertes Unternehmen erzielen kann. Da keine EU-einheitliche Lösung existiert, warnt der Verband vor einer Wettbewerbsverzerrung. (2), (3), (14)


Kampf gegen Windmühlen

Eine hundertprozentige Sicherheit, so sind sich die Experten einig, kann es nicht geben. Dabei sind die Forderungen der Politik und der Experten in wirtschaftlichen Lösungen zu sehen. Hier ist das Verständnis für die wirtschaftlichen Abläufe gefordert. Die Haftung einzelner Unternehmen wird dabei abgelehnt und die Staatshaftung gefordert. Dass die Regierungen hier noch keine einheitliche Linie gefunden haben, zeigt der mangelnde Informationsaustausch der EU-Generaldirektionen. (3), (9)



Fallbeispiele



Lufthansa Cargo Vorreiter im modernen Sicherheitsmanagement
Die Frachttochter der Lufthansa AG hat in den vergangenen drei Jahren mehrere Millionen Euro in das Sicherheitsmanagement investiert. Hier sorgt eine gesonderte Abteilung mit 40 Mitarbeitern und 40 externen Kräften für die Sicherheit bei der Frachtabfertigung. Zentrales Element ist die Kameraüberwachung, die mit rund 600 Kameras arbeitet. Hier werden Fahrzeuge bei Bewegungen außerhalb und innerhalb des Frachtgeländes aufgezeichnet. Die Daten bleiben 30 Tage gespeichert. Für den Warentransport in die USA müssen Sendungen auf Sprengstoffe untersucht werden. Hierfür hat Lufthansa Cargo als einer der ersten europäischen Carrier 2004 das C-TPAT Zertifikat der U.S. Zollbehörden erhalten. (4)

Flughafen Heathrow weist Sicherheitsschwächen auf
Das größte Luftdrehkreuz in Europa gilt zugleich als größte Sicherheitslücke im internationalen Flugverkehr. Der Betreiber, die BAA, hatte für Terrorwarnungen keinen Notfallplan und war mit der Situation überfordert. So musste die British Airways 1 100 Flüge streichen, 10 000 Hotelzimmer buchen und rund 20 000 Gepäckstücke aufgrund von Fehlleitungen nachsenden. Der Flughafen ist aufgrund mangelnder Investitionen für Störungen anfällig. So sind die Terminals für 150 000 Passagiere pro Tag ausgelegt, werden aber mit 200 000 Menschen frequentiert. Die Schaffung neuer Geschäftsflächen auf dem Flughafen verschärft die Situation weiter. Die Folgen der Ausfälle durch die Terrorsperrungen wollen die Fluggesellschaften nicht einfach hinnehmen. Flughäfen wie Frankfurt, Paris oder Amsterdam werden als Alternativen für ein europäisches Hauptkreuz in die Überlegungen aufgenommen. (10)

GPS-Securityboxen bemerken verdächtige Manipulationen
Verdächtige Manipulationen soll eine Securitybox bemerken, die von den US-Häfen getestet wird. Über den Sommer sind 1 000 Container mit Sicherheitsboxen aus verschieden Teilen der Welt auf den Weg nach New York gegangen. Mehrere Sensoren überwachen dabei die Handhabung des Containers. Gemeldet werden Türöffnungen, Personenbewegungen im Container und ungewöhnliche Ereignisse am Container. Die U.S. Behörden hoffen dabei auf einen internationalen Standard für die Container-Security-Units (CSU-Systeme). Einen hohen Nutzwert sehen die U.S. Behörden mit den neuen Containern in der Eindämmung des Menschenschmuggels in die USA.(7)

Zahlen & Fakten

Abbildung 1: Entwicklung des Frachtvolumens im Flugverkehr von 2000-2006



Quelle: IATA

Entnommen aus: Wirtschaftswoche 11.09.2006 Nr.37

Weiterführende Literatur:

(1.) Schulzki-Haddouti, Christiane, EU-Antiterrorverordnungen: Deutscher Speditions- und Logistikverband üben harsche Kritik, VDI NR. 32 VOM 11.08.2006 SEITE 4
aus VDI NR. 32 VOM 11.08.2006 SEITE 4

(2.) O.V., VEVO kritisiert EU-Vorschläge zur Sicherheit, DVZ, Nr. 094
aus DVZ, Nr. 094 vom 08.08.2006

(3.) O.V., Hohe Kosten für wenig Sicherheit, DVZ, Nr. 092
aus DVZ, Nr. 092 vom 03.08.2006

(4.) Kranke, Andre, Professionelle SicherheitLufthansa Cargo gehört zu den Vorreitern eines modernen Sicherheitsmanagements, Logistik inside, Heft 08/2006, S. 29-30
aus Logistik inside, Heft 08/2006, S. 29-30

(5.) Voss, Vanessa, Dicke Luft am Himmel, "Industriemagazin" Nr. 7-8/06 vom 28.06.2006, Seite: 35 Ressort: Wirtschaft
aus "Industriemagazin" Nr. 7-8/06 vom 28.06.2006 Seite: 35

(6.) Braß, Daniel, Im Sog des Terrorismus, DVZ, Nr. BVWI
aus DVZ, Nr. BVWI

(7.) Weiss, Harald, Logistik: GPS-gestützte Securitybox im Wechselbehälter meldet während des gesamten weltweiten Transportwegs automatisch jede verdächtige Manipulation US-Häfen testen schärfere Containerüberwachung, VDI NR. 17 VOM 28.04.2006 SEITE 17
aus VDI NR. 17 VOM 28.04.2006 SEITE 17

(8.) O.V., ATV Aktuell (19:20) - Sicherheitsvorkehrungen sorgen für Umsatzeinbußen auf Flughäfen, ATV Aktuell vom 14.08.2006 19.20 Uhr
aus ATV Aktuell vom 14.08.2006 19.20 Uhr

(9.) O.V., Höchste Sicherheitsstandards ja, aber bitte praktikabel, "a3-eco" Nr. a3-Euro 2006 vom 06.07.2006, Seite: 76
aus ATV Aktuell vom 14.08.2006 19.20 Uhr

(10.) Zitzelsberger, Gerd, Heathrow-Betreiber in der Kritik, Süddeutsche Zeitung, 17.08.2006, Ausgabe Deutschland, S. 24
aus Süddeutsche Zeitung, 17.08.2006, Ausgabe Deutschland, S. 24

(11.) Eberle, Matthias / Heilmann, Dirk, Flugbranche richtet sich auf schärfere Kontrollen ein, Handelsblatt Nr. 157 vom 16.08.06 Seite 15
aus Handelsblatt Nr. 157 vom 16.08.06 Seite 15

(12.) O.V., Luftfahrt entgeht wirtschaftlichem Desaster, Süddeutsche Zeitung, 12.08.2006, Ausgabe Deutschland, S. 23
aus Süddeutsche Zeitung, 12.08.2006, Ausgabe Deutschland, S. 23

(13.) Herkenhoff, Peter, Zusätzliche Sicherheit kostet Fluglinien Millionen, DIE WELT, 16.08.2006, Nr. 190, S. 12
aus DIE WELT, 16.08.2006, Nr. 190, S. 12

(14.) O.V., Nach Hitze und WM: Tourismus-Betriebe sind zufrieden "Inselschifffahrt nicht gegen Terror sichern" DIE WELT, 14.08.2006, Nr. 188, S. 40
aus DIE WELT, 14.08.2006, Nr. 188, S. 40

M.Klems

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 09/2006 vom 26.09.2006
Dokument-ID: s_tra_20060926

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