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Schienengüterverkehr - die Infrastruktur soll endlich moderner werden

TRANSPORT & LOGISTIK | GENIOS BranchenWissen Nr. 05 vom 27.05.2020


Corona bremst den Transport

Die deutschen Logistikbetriebe haben das konjunkturell schwach verlaufene Jahr 2019 sehr ordentlich bewältigt. 279 Milliarden Euro Umsatz bedeuteten einen Anstieg gegenüber 2018 um zwei Prozent. Die Zahl der Beschäftigten blieb stabil bei 3,2 Millionen Menschen. Für 2020 hatten Branchenverbände vor der Coronakrise weitere Zuwächse um 2,2 Prozent prognostiziert. Das in vielen Bereichen brachliegende oder stark gebremste Wirtschaftsgeschehen lässt diese Voraussage jedoch unwahrscheinlich werden.

Während Corona weltweit und auch hierzulande eine Spur der Verwüstung in die Wirtschaft schlägt, zeigt sich insbesondere der Straßengüterverkehr recht resilient. Da die Fahrer alleine in den Führerhäusern sitzen und die Beladung mit großen Sicherheitsabständen zu den Gabelstaplerfahrern möglich ist, zeigt sich der Straßengüterverkehr von der Pandemie direkt nur wenig beeinträchtigt. Indirekt allerdings schon, denn viele Güter, die sonst transportiert werden müssten, werden gerade gar nicht mehr hergestellt. Gleichwohl sorgen die Brummis dafür, dass die Grundversorgung der Bevölkerung immer gewährleistet blieb - was ihnen manches Lob eingebracht hat.

Trotzdem geht auch die Transportleistung des Straßengüterverkehrs infolge von Corona stark zurück. Wie das Bundesamt für Güterverkehr (BAG) und das Statistische Bundesamt melden, haben mautpflichtige LKW im März um 5,8 Prozent weniger Güter transportiert als im Februar. Dies war der stärkste Rückgang seit Einführung der Maut im Jahr 2005. Im April sank die Fahrleistung gegenüber dem schwachen März noch einmal, und zwar gleich um 10,9 Prozent. Da der Güterverkehr in engem Zusammenhang mit der industriellen Produktion und dem Handel steht, gilt er als Frühindikator für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung. Die herben Einbrüche machen klar, dass auf die deutschen Unternehmen aller Branchen harte Wochen und Monate zukommen.

Die Luftfahrt ist noch stärker von Corona in Mitleidenschaft gezogen. Schon im März, als die Pandemie erst über Deutschland kam, ist die Zahl der Fluggäste an den deutschen Hauptverkehrsflughäfen um über 60 Prozent zurückgegangen. Deutlich besser hielt sich die Luftfracht. Diese ging im Vergleich mit dem März 2019 nur um elf Prozent zurück. Für die deutsche Vorzeige-Airline Lufthansa war dies zu viel, sie wird jetzt mit neun Milliarden Euro Steuergeldern vom Staat gestützt.

Der Personenverkehr auf der Schiene hatte im März ebenfalls Ausfallquoten weit über 50 Prozent. DB Cargo, die Güterbahnsparte der Deutschen Bahn, meldete im März mit minus 25 Prozent moderatere Rückgänge. Im April dürften die Einbußen allerdings deutlich angezogen haben. (1)


Große Pläne für die Schiene

Auch wenn Corona gerade alle Schlagzeilen beherrscht, bleiben doch auch die grundsätzlichen Probleme der Güterbahn weiterbestehen. So kommt die seit Jahren geforderte Umschichtung der Transporte vom dieselbetriebenen LKW auf die als umweltfreundlicher angesehene Schiene nicht in Gang. Einen neuen Impuls hat die Förderung der Schiene aber durch das im Herbst 2019 aufgelegte Klimapaket der Bundesregierung erhalten. Bis 2025 soll der Marktanteil der klimaschonenden Bahn am Modal Split von derzeit 19 Prozent auf 25 Prozent angehoben werden. Der Druck zur Verlagerung ist hoch, denn bei Nichteinhaltung von Klimazielen drohen hohe EU-Strafen. Der Anteil der Straße am Transportaufkommen liegt derzeit bei gut 70 Prozent, das Binnenschiff kommt auf knapp sieben Prozent. (4)


Die Bundesregierung macht ernst

Die Marginalisierung von Schiene und Binnenschiff gegenüber dem übermächtigen LKW ist schon seit vielen Jahren ein beklagter Umstand. Die Gründe für den Bedeutungsverlust sind nicht ganz leicht zu finden, denn immerhin werden jedes Jahr mehr Güter transportiert. Besonders augenfällig wird die Abwärtsbewegung beim Platzhirsch Deutsche Bahn. Noch vor zehn Jahren besorgte die Gütersparte der Deutschen Bahn 75 Prozent aller Schienengütertransporte in Deutschland, heute sind es nur noch 47 Prozent. Besonders in der Krise ist dabei der sogenannte Einzelwagenverkehr. Dies sind Güterwagen verschiedener Kunden, die an einem Rangierbahnhof zu einem Zug verkoppelt werden. Auch im Jahr 2020 werden diese Waggons von Hand aneinandergekoppelt - was zeitaufwendig und teuer ist.

Schon die Probleme des Einzelwagenverkehrs machen klar, dass die Güterbahn für einen echten Wettbewerb mit anderen Verkehrsträgern und dem stark wachsenden Kombinierten Verkehr in vielen Details nicht modern genug ist. So gilt es beispielsweise als eines der Haupthindernisse für mehr Transportaufträge, dass - man höre und staune - nur 60 Prozent des deutschen Schienennetzes elektrifiziert sind. Die restlichen 40 Prozent müssen mit Dieselloks befahren werden, was in der Praxis dazu führt, dass DB Cargo und ihre Wettbewerber bei fast jeder Strecke mehrmals zwischen Diesel- und Elektroloks wechseln müssen.

Einen generellen Nachteil hat die Schiene gegenüber dem LKW bei der Flexibilität. Gibt es Probleme mit einem Streckenabschnitt, zum Beispiel wegen abgesunkener Gleise, fehlt es oft an Umleitungsstrecken. LKW haben zwar auch mit Sperrungen zu tun - finden aber im engmaschigen Straßennetz hierzulande immer eine Möglichkeit, doch noch ans Ziel zu kommen.

Ein weiteres Problem ist das Alter der Waggons. Während LKW im Schnitt nach fünf Jahren ausgemustert und gegen modernere Fahrzeuge getauscht werden, sind Waggons häufig 50 und mehr Jahre alt. Auch dies ist ein Grund, warum viele Güterzüge immer noch händisch verkoppelt werden müssen - was im digitalen Zeitalter fast schon mittelalterlich anmutet.

Nicht von der Hand zu weisen ist zudem, dass die Politik den beliebteren Straßengüterverkehr weit stärker gefördert hat als die Bahn. Während die Deutsche Bahn, wie Kritiker sagen, kaputtgespart wurde, hat Berlin zum Beispiel für die Entwicklung von gasgetriebenen LKW viele Fördermillionen zur Verfügung gestellt.

Lösungsideen und -möglichkeiten für diesen Strauß an Problemen gibt es allerdings genug. So arbeitet die Bahn derzeit an der Entwicklung automatischer digitaler Kupplungen für den Einzelwagenverkehr. Und weil die Deutsche Bahn neuerdings wieder in den Fokus der Berliner Verkehrspolitik gerückt ist, ist sogar mit einer ausreichenden Finanzierung zu rechnen. Alleine die Einführung automatischer Kupplungen zeigt allerdings, welche Herkulesaufgabe die Modernisierung der Güterbahn bedeutet: Schon hierfür müssen sechs bis zehn Milliarden Euro eingeplant werden.

Allerdings scheint die Bundesregierung mit der lange überfälligen Modernisierung der Bahn nun ernst zu machen. Sogar die mangelhafte Streckenelektrifizierung wird angepackt. Bis 2025 sollen 70 Prozent der Strecken mit E-Loks befahren werden können. 58 Millionen Euro hat der Bund hierfür bereits reserviert.

Interessante Vorschläge für eine Steigerung der Attraktivität der Schiene gibt es auch unter Einbeziehung der LKW-Maut. Hier könnte die Schweiz als Vorbild dienen: Bei unserem südlichen Nachbarn werden nur solche LKW von der Maut befreit, die im Kombinierten Verkehr fahren - die also auch die Schiene nutzen. (4), (6), (8)





Fallbeispiele


Corona kostet Milliarden

Die Deutsche Bahn ist weiter finanziell angeschlagen. Vor gut einem Jahr stiegen die Schulden des Unternehmens auf über 20 Milliarden Euro, was zu einem Hilferuf führte. Die bisherigen Verluste durch Corona sollen bei zehn Milliarden Euro. Der Bund will nun Kapital nachschießen. (3)



Zahlen & Fakten



DB Cargo weiter in den roten Zahlen

Bei allen Hiobsnachrichten rund um den Schienengüterverkehr und die Situation der Deutschen Bahn hat das Unternehmen auch Positives zu vermelden. So hat die Deutsche Bahn den Konzerngewinn 2019 gegenüber dem Vorjahr um 25,5 Prozent auf 680 Millionen Euro steigern können. Das operative Ergebnis ist allerdings um 13 Prozent auf 1,8 Milliarden Euro zurückgegangen. Als Kostenfaktor entpuppte sich auch 2019 die Gütersparte. DB Cargo machte 308 Millionen Euro Miese - und damit noch einmal 62 Prozent mehr als 2018. Als Gewinnbringer zeigte sich wieder einmal die Logistiksparte DB Schenker, die ihren Gewinn gegenüber 2018 um acht Prozent steigern konnte. (2), (5), (7)



Weiterführende Literatur:

(1.) Straße schlägt Flieger und Schiene
aus Straßengüterverkehr Nr. 04, 15.04.2020, S. 18 - 19

(2.)Cargo verliert - Schenker zeigt Ertragsstärke
aus DVZ Verkehrs-Zeitung Nr. 14/2020, Seite 8

(3.) Die DB ist fast wie ein Fass ohne Boden
aus DVZ-Brief Nr. 20 vom 14.05.2020

(4.) Güterzüge
aus Neckar-Chronik vom 18.02.2020

(5.)DB investierte zulasten des operativen Gewinns
aus DER EISENBAHNINGENIEUR Nr. 05 vom 07.05.2020

(6.) Grüne kritisieren Zustand der DB-Güterwagen
aus DVZ Online vom 11.05.2020

(7.)Bundesnetzagentur: Güterbahnen weiter unter hohem finanziellem Druck
aus Rail Business Nr. 21/2020, Seite 3

(8.) Scheuer kündigt Schienenpakt an - Kombi-LKW von der Maut befreien
aus Rail Business, Heft 21/2020, S. 1

Robert Reuter

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 05 vom 27.05.2020
Dokument-ID: s_tra_20200527

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