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Probleme mit dem Trucker-Nachwuchs - Frauenpower ist gefragt

TRANSPORT & LOGISTIK | GENIOS BranchenWissen Nr. 07 vom 29.07.2019


Eingetrübtes Geschäftsklima in der Logistikbranche

Transport und Logistik wachsen traditionell stärker als die Gesamtwirtschaft, bekommen derzeit aber ebenfalls die abkühlende Konjunktur zu spüren. Laut dem Logistikindikator der Bundesvereinigung Logistik (BVL) - der vom Ifo-Institut erstellt wird - bewerten die Unternehmen ihre Lage zunehmend ungünstig. Die zuletzt höhere Bereitschaft, neues Personal einzustellen, ist infolgedessen wieder abgesunken. Auch das Geschäftsklima liegt derzeit unter dem Vorjahreswert, allerdings ist die Klimaverschlechterung noch lange nicht dramatisch. Immerhin äußert die Branche nach wie vor die Hoffnung, dass sich die Lage innerhalb der nächsten sechs Monate wieder verbessern könnte. (1)


Fachkräftemangel - ein auch hausgemachtes Problem

Schon seit Jahren gehören Transport und Logistik zu den Wirtschaftsbereichen, die am lautesten über fehlende Fachkräfte klagen. Besonders stark betroffen sind die Speditionen, denen nach aktuellen Schätzungen angeblich 10 000 Fahrer fehlen. Auch an der Situation der Logistik entzündet sich allerdings der schon oft gehörte Einwand, dass die Unternehmen selbst schuld sind, wenn sie keine Arbeitskräfte finden. In der Tat ist zu vermuten, dass kleine Speditionen und Lagerunternehmen von den vielen Möglichkeiten, sich als Arbeitgeber attraktiv zu machen, nicht viel umsetzen. Work-Life-Balance, flexible Arbeit oder Home-Office dürften zwar gerade im Transportgewerbe naturgemäß nur schwierig einzuführen sein; gleichwohl sind eben auch die Transporteure gefordert, auf den leergefegten Arbeitsmarkt zu reagieren und ihren potenziellen Neu-Kollegen anziehende Angebote zu machen. (2)


Konsequenzen auch für die Auftraggeber

In einer Umfrage des vergangenen Jahres haben 70 Prozent der befragten Mitarbeiter großer Logistikunternehmen voll zugestimmt, dass es den Fahrermangel gibt und dass er schon heute ein Problem darstellt. Fehlendes Personal rangiert auf der Agenda der vordringlichen Probleme damit ganz oben. Arbeitsmarktexperten sehen das Problem besonders virulent an den zentralen Drehscheiben der Logistikwirtschaft, wo es schon heute kaum noch Fahrer gibt, die Arbeit suchen.

Die Personalmisere setzt allerdings nicht nur die Transporteure unter Druck, sondern ebenso ihre Auftraggeber. Dies, weil fehlende Fahrer zu einer Verknappung des verfügbaren Laderaums führen, was zwangsläufig die Preise steigen lässt. Zudem können sich arbeitsuchende Fahrer ihren Arbeitgeber aussuchen, haben darum eine stärkere Verhandlungsposition und können höhere Löhne verlangen. (3)


Die Logistik braucht mehr Frauen

Ein weitgehend brachliegendes Potenzial für neue Logistikarbeitskräfte sind Frauen. Immer noch gilt die raue Welt der Brummifahrer als Männerdomäne, ebenso das häufig mit körperlicher Arbeit verbundene Lagerwesen. Die Bundesvereinigung Logistik will das ändern und streicht die Vorzüge der Branche heraus.

2017 lag der Anteil von Frauen in Logistik, Transport und Verkehr bei 20,7 Prozent. Nimmt man das Fahrerpersonal an den LKW-Lenkrädern heraus, steigt der Anteil auf 28,7 Prozent, was also zeigt, dass der Frauenanteil unter den Fahrern besonders niedrig ist.

Um dies zu ändern, hat die BVL ein Problem insbesondere mit dem Image der Branche ausgemacht. So sorgen der (der Branche zugeschriebene) raue Umgang und die körperliche Arbeit in der Tat dafür, dass Logistikarbeit unter den Traumberufen von Frauen weit abgeschlagen am unteren Ende rangiert. Der Logistikverband streicht darum heraus, dass sich infolge von Digitalisierung und Automation auch in dieser Branche die Berufsbilder ändern. Allerdings sind Frauen, wenn sie sich für die Logistikbranche entschieden haben, schon heute überwiegend im Back-Office tätig, verrichten Büroarbeit, arbeiten im Controlling, im Einkauf oder in der Personalabteilung. Im Vertriebsinnendienst ist ihr Anteil an der Gesamtbelegschaft doppelt so hoch wie im Vertriebsaußendienst.

Dem Fahrermangel wird man mit dem Hinweis auf geregelte Arbeitszeiten in moderner Büroarchitektur daher eher nicht abhelfen können - wohl aber dem Personalmangel, den es auch im Vertriebsinnendienst gibt. Denn obwohl die Büroarbeit in Speditionen und Distributionszentren für Frauen geeigneter scheint als Fahrerjobs und Lagerarbeit, geht ihr Anteil bei den Auszubildenden der betreffenden Berufe zurück. Immer weniger Frauen wollen Speditions-, oder Schifffahrtskaufmann werden, den gleichen Schwund gibt es bei den Azubis für Kurier-, Express- und Postdienstleistungen.

Vergleichsweise hoch ist der Frauenanteil im Bachelor-Studiengang Logistikmanagement. Hier sind 30 Prozent der Studierenden weiblich, vor zehn Jahren waren es nur 25 Prozent. Demgegenüber unterrepräsentiert sind die Logistikerinnen mit akademischem Hintergrund in den Führungspositionen. Nur 18,6 Prozent der Führungskräfte in den Top 100 der deutschen Logistikunternehmen sind weiblich.

Die Logistikverbände und die Unternehmen selbst haben also einiges vor sich, wollen sie sich für weibliche Arbeitskräfte attraktiver machen. Allerdings scheint der Leidensdruck immer noch nicht hoch genug zu sein. So ist es ein in der Branche gern vorgebrachtes Argument für den geringen Frauenanteil in Führungspositionen, dass diese nicht genügend durchsetzungsfähig wären. Zudem wird angeführt, dass eine raue Truppe nur durch ebenso raue, männliche Führungskräfte gesteuert werden kann.

Der Logistikbranche geht es also augenscheinlich immer noch gut genug, um sich mit Stereotypen dieser Art um die Aufgabe herumzudrücken, Frauenherzen für die Logistik zu begeistern. Doch auch ohne Diskriminierung dürfte es schwer sein, Frauen für die Führerhäuser zu gewinnen, denn mit einem geordneten Familienleben lässt sich das Leben auf Achse in der Tat nur schlecht bis gar nicht vereinbaren. (4), (5)





Fallbeispiele


Studierende als weiteres Reservoir

Von der Logistik noch kaum entdeckt ist auch das Heer der drei Millionen Studierenden in Deutschland. Viele Nachwuchsakademiker wollen gerne jobben, finden aber häufig keine Arbeitsstelle, die zu den Anforderungen des Studiums passt. Unternehmen hingegen verlangen Flexibilität gerade in Zeit hoher Auslastung. Ein Ansprechpartner für Firmen, die Studenten einsetzen wollen, ist das junge Zeitarbeitsunternehmen Studitemps, das sich auf diese komplizierte Zielgruppe spezialisiert hat und bereits in 22 Universitätsstädten als Mittler zwischen jobsuchenden Studenten und Unternehmen fungiert. (6)


Neues Fachkräfteeinwanderungsgesetz

Im vergangenen Monat hat der Bundestag das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz beschlossen. Durch die neue Regelung sollen es ausländische Fachkräfte aus Nicht-EU-Staaten leichter haben, in Deutschland Arbeit zu finden. Deutsche Logistikverbände haben das neue Gesetz begrüßt, sehen aber weiterhin eine beträchtliche Hürde. So werden es Interessenten weiterhin schwer haben, nachzuweisen, dass ihre Qualifikation einer deutschen Ausbildung entspricht. (7), (8)



Zahlen & Fakten



Ein Fernseh-Star als Vorbild

Der Bundesverband Güterkraftverkehr und Entsorgung (BGL) will Frauen für den Job als Berufskraftfahrer gewinnen und hat dafür eine prominente Botschafterin an die Spitze seiner Kampagne gesetzt. Christina Scheib ist aus der Fernsehserie Asphalt Cowboys bekannt und soll Frauen für den Trucker-Beruf begeistern. Derzeit sind nur zwei Prozent der deutschen Berufskraftfahrer weiblich. (9)



Weiterführende Literatur:

(1.) Logistik & Verlader / Die Lage ist angespannt
aus DVZ Deutsche Verkehrs-Zeitung, Heft 23/2019, S. 4

(2.) Fachkräftemangel in der Logistik - tatsächlich?
aus DVZ Online vom 28.05.2019

(3.) Der drohende Fahrermangel
aus "Verkehr" Nr. 21/2019 vom 24.05.2019 Seite 19

(4.) Logistik: Ende einer Männerdomäne?
aus DVZ Online vom 28.05.2019

(5.) Frauen-Power für die Logistik
aus DVZ Deutsche Verkehrs-Zeitung, Heft 23/2019, S. 6

(6.) Fachkräftemangel: Personallücken schließen mit Studenten
aus www.lebensmittelzeitung.net vom 28.06.2019

(7.) Den Weg für Migranten frei machen
aus DVZ Deutsche Verkehrs-Zeitung, Heft 27/2019, S. 6

(8.) Blick über den Tellerrand
aus Verkehrs Rundschau, Heft 20/2019, S. 30-33

(9.)Mehr Frauen ans Lkw-Steuer
aus Verkehrs Rundschau Nr. 16-17/2019, Seite 11

Robert Reuter

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 07 vom 29.07.2019
Dokument-ID: s_tra_20190729

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