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Private Krankenversicherer - Unisex, Niedrigzins und wenig Transparenz

VERSICHERUNGEN | GENIOS BranchenWissen Nr. 02 vom 28.02.2013


Steigende Einnahmen in der Krankenversicherung

Die Beitragseinnahmen der privaten Krankenversicherer sind 2012 voraussichtlich um 3,4 Prozent auf 35,8 Milliarden Euro gestiegen. Während es in der Krankenversicherung einen Zuwachs von 3,9 Prozent auf 33,8 Milliarden Euro gab, schrumpften die Einnahmen in der Pflegeversicherung aufgrund von Beitragssenkungen um 3,6 Prozent auf zwei Milliarden Euro. In der Krankenvollversicherung ist im ersten Halbjahr 2012 die Zahl der Versicherten um 15 300 zurückgegangen. Damit waren zur Jahresmitte 2012 insgesamt 8,98 Millionen Personen in Deutschland vollversichert. In der Zusatzversicherung stieg der Bestand um 0,4 Prozent auf 22,6 Millionen. Die Private Krankenversicherung (PKV) ist der kleinste Zweig der Versicherungswirtschaft. Zum Vergleich: Die Schaden- und Unfallversicherung kam im vergangenen Jahr auf Beitragseinnahmen von 58,7 Milliarden Euro, die Lebensversicherung auf 86,2 Milliarden Euro. Insgesamt verbuchte die Versicherungswirtschaft 2012 Einnahmen von 180,7 Milliarden Euro. (1), [Abb. 1]


Unisex-Tarife verteuern PKV-Policen

Im März 2011 hatte der Europäische Gerichtshof entschieden, dass die bisher praktizierte Unterscheidung zwischen männlichen und weiblichen Versicherten bei der Beitragsbemessung ungerecht ist. Infolge dieses Urteils dürfen seit dem 21. Dezember 2012 in der gesamten Versicherungsbranche nur noch geschlechtsneutral kalkulierte Policen verkauft werden. Im Gegensatz zu anderen Versicherungszweigen haben diese Unisex-Tarife in der PKV fast ausschließlich zu Beitragserhöhungen geführt. Bis zu ihrer Einführung hatten Frauen in der privaten Krankenversicherung wesentlich höhere Beiträge zahlen müssen als Männer. Als Rechtfertigung diente, dass Frauen auf Grund ihres Geschlechts statistisch gesehen höhere Gesundheitskosten verursachen würden. (3), (5)

Durch die Unisex-Tarife werden die PKV-Versicherten künftig stärker zur Kasse gebeten. Nach Berechnungen der Ratingagentur Franke und Bornberg müssen Männer, die neu zur privaten Krankenversicherung wechseln, pro Monat zwischen 17 und 150 Euro mehr zahlen als bisher. Das entspricht einer durchschnittlichen Mehrbelastung von 70 Euro. Frauen zahlen im Schnitt acht Euro pro Monat mehr, zu Grunde liegen hierfür mögliche Beitragsentlastungen von 45 Euro gegenüber einer möglichen Beitragserhöhung von 100 Euro. (3)


Niedrige Zinsen bringen PKV in Bedrängnis

Die niedrigen Zinsen an den Kapitalmärkten machen den privaten Krankenversicherern zu schaffen. Denn in der PKV gibt es einen garantierten Rechnungszins, mit dem die Versicherer die am Kapitalmarkt angelegten Alterungsrückstellungen verzinsen müssen. Bisher liegt dieser bei maximal 3,5 Prozent. Der so aufgebaute Kapitalstock soll im Alter dafür sorgen, das Prämienniveau erträglich zu halten. Angesichts des anhaltenden Niedrigzinsumfelds hat die Deutsche Aktuarvereinigung den PKV-Gesellschaften empfohlen, den Zins für Neuverträge auf 2,75 Prozent zu senken. Einige Gesellschaften sind dieser Empfehlung bereits gefolgt. Dies bedeutet allerdings, dass die Versicherten früher oder später mit höheren Beiträgen rechnen müssen. Gemäß einer Faustregel gilt: Jedes Zehntel Garantiezinsabsenkung bedeutet ungefähr einen Prozentpunkt höhere Beiträge. (4), (5)

Insgesamt 13 der 48 PKV-Unternehmen haben 2011 den geltenden Rechnungszins von 3,5 Prozent nicht erreicht. Bei Altkunden schlagen manche Versicherer nur noch 3,0 Prozent Zinsen auf die Altersrückstellungen drauf. Bei Neukunden kalkulieren einige Gesellschaften bereits mit 2,5 Prozent, viele mit 2,75 Prozent. Bisher hat die Branche generell mit 3,5 Prozent gerechnet. Seit dies nicht mehr der Fall ist, wird der Rechnungszins zum Wettbewerbsfaktor, den Kunden und Analysten kennen sollten. Sonst ist kein rationales Urteil über einen Versicherer und dessen Tarife möglich. (4)



Trends

Etwa 70 Prozent der privaten Krankenversicherer sind davon überzeugt, dass das Neugeschäft in den kommenden drei Jahren sinken wird. Zehn Prozent bereiten sich sogar auf ein stark rückläufiges Neugeschäft vor. Dies geht aus einer Umfrage der Unternehmensberatung Towers Watson hervor. Im Vorjahr rechnete kein einziger Teilnehmer der Umfrage mit einem Rückgang des Geschäfts. Die Berater von Towers-Watson führen den abrupten Stimmungsumschwung auf die Einführung der Unisex-Tarife zurück. Verstärkt wird diese negative Einschätzung durch die öffentliche Kritik an der PKV. (2)



Fallbeispiele


PKV-Branche steht insbesondere wegen ihrer geringen Transparenz in der Kritik

Analysten haben das Problem, dass die Versicherer nicht besonders auskunftsfreudig sind, ein verlässlicher Marktüberblick somit schwierig ist. Am jüngsten map-Report des Branchenexperten Manfred Poweleit beteiligten sich nur 17 der 48 privaten Krankenversicherer. Den Versicherern wird oft vorgeworfen, dass sie in vielen Fällen Informationen zurückhalten, damit es Kunden und auch Beratern schwerer fällt, die Angebote vergleichen zu können. Beim Rechnungszins, der früher einheitlich bei 3,5 Prozent lag, ist inzwischen ein Zinswirrwarr entstanden. Auch bei den Verwaltungskosten und den Provisionen herrscht keine Transparenz. (4)


Zukunft der PKV auch unter den politischen Parteien umstritten

Im Januar hat der Bundestag über die Abschaffung der Krankenvollversicherung debattiert. Dabei bekannte sich die Regierungskoalition zum dualen Gesundheitssystem, bestehend aus gesetzlicher und privater Krankenversicherung. Die Links-Fraktion fordert dagegen, die Krankenvollversicherung abzuschaffen und die rund neun Millionen Vollversicherten in die GKV zu überführen. SPD und Bündnis 90/Die Grünen lehnen den Vorschlag der Linkspartei ab und propagieren ihrerseits das Modell der Bürgerversicherung. (6)


Marktführer auf dem privaten Krankenversicherungsmarkt sind die DKV und die Debeka

Die DKV wird dieses Jahr ihre Beiträge für ihre rund 900 000 Vollversicherten über alle Tarife hinweg um 4,5 Prozent erhöhen. Das übersteigt sowohl die Inflationsrate als auch die Beitragserhöhungen des vergangenen Jahres um mehr als Doppelte und liegt deutlich über dem Schnitt aller anderen großen Privatversicherer. Verantwortlich für den Beitragssprung sei vor allem eine deutlich höhere Leistungsinanspruchnahme. Mit der Einführung der Unisex-Tarife hätten die Erhöhungen nichts zu tun. (9)

Der zweite große private Krankenversicherer ist die Debeka. Die jährlichen Beitragseinnahmen lagen bei den Koblenzern zuletzt bei etwa 4,7 Milliarden Euro bei knapp 2,2 Millionen Vollversicherten. Davon haben 1,85 Millionen einen Beamtentarif, 340 000 sind Angestellte und Selbstständige. (8)



Zahlen & Fakten


Abbildung 1: Kennzahlen der der Top 10 PKV-Unternehmen
VersichererVerdiente Bruttobeiträge
in Millionen Euro 2011
Versicherte
DKV4.9074.424.312
Debeka4.8643.774.546
Allianz3.1902.456.612
Axa2.4191.488.680
Central2.2431.851.290
Signal2.0821.983.192
Bayerische Beamten1.4931.050.684
Barmenia1.4851.251.336
Continentale1.4201.304.911
Hallesche1.057 629.561
.........
Branche gesamt34.67336.224.716

Quelle: Bafin Entnommen aus: Versicherungswirtschaft, 15.01.2013, 68.Jg., Nr. 02, S. 54 (2)

Weiterführende Literatur:

(1.) Weniger Neuzugänge in der privaten Krankenversicherung im ersten Halbjahr 2012
aus AssCompact Nr. 12 vom 04.12.2012 Seite 23

(2.) Sorgen in der PKV - 70 Prozent der privaten Krankenversicherer glaubt, dass das Neugeschäft zurückgehen wird
aus Versicherungswirtschaft, 15.01.2013, 68.Jg., Nr. 02, S. 54

(3.) Private Krankenversicherung: Was bleibt nach Unisex?
aus Versicherungswirtschaft, 15.01.2013, 68.Jg., Nr. 02, S. 54

(4.) Private Krankenversicherung - Was Ihnen der Vertreter nicht sagt
aus Handelsblatt online vom 14.02.2013

(5.) Private Krankenversicherung - In neue Höhen
aus Focus Money, 30.01.2013; Ausgabe: 06; Seite: 72-74

(6.) Koalition stärkt privaten Krankenversicherern den Rücken
aus VersicherungsJournal.de, Ausgabe vom 17.01.2013:

(7.)Ein Versicherungsmarkt - kommt für die PKV die Flut?
aus Ärzte Zeitung Nr. 18 vom 30.01.2013, Seite 6

(8.) Debeka: Erstmals Marktanteil von 5% - mit eigener BKK in die Offensive - neue Marke proGesundheit
aus Versicherungswirtschaft, 01.06.2012, 67.Jg., Nr. 11, S. 837

(9.) DKV: Erneut Versicherte verloren - Beiträge verteuert - Einstieg ins Belegschaftsgeschäft
aus Versicherungswirtschaft, 01.06.2012, 67.Jg., Nr. 11, S. 838

Thomas Trares

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 02 vom 28.02.2013
Dokument-ID: s_ver_20130228

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