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Private Equity - zu risikoreich für Versicherer

VERSICHERUNGEN | GENIOS BranchenWissen Nr. 12/2006 vom 11.12.2006

Beitrag

Private Equity ist vor allem für institutionelle Investoren die Königsklasse der Kapitalanlage. Damit lassen sich außergewöhnlich hohe Renditen erwirtschaften. (1), (5)



Ergebnisse von Studien zu Private Equity bei Versicherern

Einer Investorenstudie des schweizerischen Private-Equity-Spezialisten Adveq in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Wiesbaden ergab folgende zentralen Aussagen: Die institutionellen Vermögensverwalter in Deutschland haben in den vergangenen Jahren ihre Investitionen in außerbörsliches Beteiligungskapital (Private Equity) hochgefahren. Auch in Zukunft wollen sie mehr Mittel für Private Equity bereitstellen, im internationalen Vergleich hinken sie aber unverändert der Entwicklung hinterher. Laut dieser Studie haben die Versicherungen, Pensionskassen und Versorgungswerke im Jahr 2006 zwei Prozent ihrer verwalteten Kapitalanlagen in Private Equity investiert, das entspricht einem Volumen in Höhe von EUR 30 Milliarden. In fünf Jahren soll der Anteil auf 2,2 Prozent, also EUR 33 Milliarden steigen. Bei der vorangegangenen Umfrage im Jahr 2003 waren 1,2 Prozent für Beteiligungskapital vorgesehen. (2), (3)

Die Adveq-Studie nennt als eines der größten Hindernisse für eine höhere Gewichtung von Private Equity im Vergleich zu anderen Vermögensanlagen den hohen Personalaufwand für die Betreuung und Beobachtung der Anlageklasse. Weitere Hürden stellen die aufsichtsrechtlichen Anforderungen und die fehlende Liquidität des Beteiligungskapitals dar, welches in der Regel sieben bis zehn Jahre gebunden bleibt. Zu dem erhält der Investor in den ersten Jahren noch keine Rendite für das eingezahlte Geld. In Verbindung mit den zum Teil sehr hohen Mindestinvestitionssummen lässt dies viele Versicherer vor einem Einstieg in Private Equity zurückschrecken. (2), (3)

Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) schreibt vor, dass maximal 35 Prozent des Sicherungsvermögens in "Risikokapital" investiert werden darf. Unter Risikokapital versteht die BaFin im Prinzip fast alle Anlageformen mit Ausnahme festverzinslicher Wertpapiere. Im Rahmen dieser Obergrenze dürfen zudem maximal höchstens 5 Prozent in Hedge-Fonds und 10 Prozent in Unternehmensbeteiligungen gesteckt werden. Hinzu kommen bestimmte Vorgaben an das Risikomanagement. Für riskantere Anlagen müssen genügend Eigenkapital und andere Sicherheitspolster vorhanden sein. (1)

Eine Studie von Ernst & Young, der CAM Private Equity-Gesellschaft sowie dem Finanzmagazin Finance unter deutschen Versicherern, Pensionskassen und Versorgungswerken ergab, dass diese im Jahr 2005 knapp 76 Prozent ihrer Mittel in festverzinsliche Wertpapiere wie etwa Staatsanleihen investierten. Die zweitwichtigste Anlageform waren die Aktien. Sie hatten einen Anteil von 16 Prozent, gefolgt von Immobilien mit 4,4 Prozent. In alternative Anlageklassen wie Private Equity wurde dagegen in nur sehr geringem Umfang investiert. Auf Private Equity entfiel gerade mal 1 Prozent. Nach Angabe der Befragten wird es in allen Anlageklassen in naher Zukunft keine größeren Veränderungen geben. (1), (3), (4), (8)

Im Widerspruch dazu steht, dass die Verantwortlichen für die Kapitalanlagen Renditemaximierung als oberstes Ziel ihrer Anlagestrategie angaben. Das passt nicht zusammen, denn eine hohe Rendite lässt sich nur mit der Beimischung risikoreicher Anlageklassen wie Private Equity oder auch Hedge-Fonds erzielen. Die Verfasser der Studie schließen daraus, dass der Renditedruck deutscher Versicherungsunternehmen geringer ist als allgemein angenommen. Die Verfolgung höhere Renditeziele zugunsten der Sicherheit aus Wettbewerbsgründen findet in der Versicherungswirtschaft nicht statt. Die Versicherer legen großen Wert auf Liquidität, um das Risiko von Schwierigkeiten bei der Erfüllung von Auszahlungsverpflichtungen gegenüber den Versicherungsnehmern zu vermeiden. (1), (3), (4)

Die Studie kam auch zu dem Ergebnis, dass die Investoren sich selten beraten lassen. In fast allen Assetklassen entscheiden die Versicherer selbst oder nutzen Spezialfonds. Selbst bei Alternativen Investments ist das Beratungsaufkommen gering. Den Versicherungsunternehmen sind die Kosten dafür zu hoch. (8)



Zur Geschichte von Private Equity

Private Equity-Investitionen haben auf dem amerikanischen Markt seit Mitte des 20. Jahrhunderts Tradition. Reiche Familien haben sich schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts an Unternehmen beteiligt. Ihnen folgten die Investmentbanken und Versicherer. Als Startjahr für Private Equity im heutigen Sinn gilt das Jahr 1946 mit der Gründung der American Research & Development Corporation. Auch in Europa ist Private Equity mittlerweile eine feste Größe, hauptsächlich allerdings für institutionelle Großanleger, weniger für Privatinvestoren. Mit Private Equity-Geldern wurden und werden Übernahmen von und die Beteiligungen an zunächst kleineren, mittlerweile immer größeren Unternehmen finanziert. (5)



Fallbeispiele



Carsten Zielke, Versicherungsexperte bei der WestLB, kritisiert, dass die deutschen institutionellen Investoren zu risikoscheu sind. Die geringe Streuung bei ihren Kapitalanlagen bedeutet für die Versicherungskunden eine niedrige Rendite und ein hohes Zinsrisiko. Zielke erwartet, dass sich im Zuge der derzeit stattfindenden Novellierung des Versicherungsvertragsgesetzes die Anlagestrategien der Versicherer ändern werden. Wegen der darin vorgeschriebenen marktgerechteren Bewertung des investierten Vermögens können die Versicherungsnehmer die Renditen künftig besser vergleichen. Dadurch steigt der Druck, die Anlagestrategien zu diversifizieren. (1), (7)

Serge Wibaut, im Vorstand von Axa Deutschland verantwortlich für die Kapitalanlagen, möchte Private Equity langsam ausbauen. Allerdings jage derzeit zu viel Liquidität zu wenigen attraktiven Anlageobjekten hinterher. (6)

Zahlen & Fakten

Nach Branchenschätzungen dürfte der größte deutscher Investor in Beteiligungskapital der Versicherungskonzern Allianz mit etwa sieben Milliarden EUR sein, auf europäischer Ebene gehören auch der französische Versicherer Axa und die Swiss Re zu wichtigen Akteuren im Markt. (2)



Laut Adveq-Studie haben 29 Prozent der Versicherer und Pensionskassen eigene Private-Equity-Abteilungen aufgebaut, um die Tendenzen im Markt zu verfolgen. Im Schnitt erwarten die deutschen Investoren eine Rendite von 12,5 Prozent aus Private Equity. Für rund ein Viertel der Geldgeber erfüllten sich die gehegten Erwartungen nicht. (2)

Weiterführende Literatur:

(1.) O.V., Versicherer scheuen das Risiko, Zu geringe Streuung der Anlagen beschert geringe Renditen, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.10.2006, Nr. 243, S. 21
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.10.2006, Nr. 243, S. 21

(2.) Köhler, Peter, Mehr Geld für Beteiligungsfonds, Versicherer und Versorgungswerke in Deutschland fahren ihre Anlagen in Private Equity hoch, Handelsblatt Nr. 206 vom 25.10.06, S. 21
aus Handelsblatt Nr. 206 vom 25.10.06 Seite 21

(3.) O.V., Beteiligungskapital gefragt, Deutschlands Versicherer investieren mehr in Private Equity, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.10.2006, Nr. 248, S. 28
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.10.2006, Nr. 248, S. 28

(4.) Schumacher, C., Investoren werden optimistisch, Internationale Fondsmanager gehen wieder höhere Risiken ein, Deutsche Versicherer setzen mehr auf Sicherheit, Handelsblatt Nr. 201 vom 18.10.06, S. 33
aus Handelsblatt Nr. 201 vom 18.10.06 Seite 33

(5.) Simons, Heinz-Josef, Deal ohne Tradition, Warum sich Private Equity in Europa nur langsam durchsetzt, Süddeutsche Zeitung, 29.11.2006, Ausgabe Deutschland, S. V2/7
aus Süddeutsche Zeitung, 29.11.2006, Ausgabe Deutschland, S. V2/7

(6.) Kullrich, Antje, Axa schichtet in moderne Finanzanlagen um, Versicherer nimmt mehr Risiko im Credit-Bereich - Hedgefonds nur als kleine Beimischung - Immobilienpaket verkauft, Börsen-Zeitung, 21.11.2006, Nr. 224, S. 2
aus Börsen-Zeitung, 21.11.2006, Nummer 224, Seite 2

(7.) O.V., WestLB rät Versicherern von Aktien-Einstieg ab, Zeitpunkt verpasst - Generell zu risikoavers, Börsen-Zeitung, 21.11.2006, Nr. 224, S. 4
aus Börsen-Zeitung, 21.11.2006, Nummer 224, Seite 4

(8.) Germann, Ulrike, Strategien institutioneller Investoren ohne Bewegung, Studie: Mehr als drei Viertel der Neuanlagen in festverzinsliche Wertpapiere, Versicherungswirtschaft, 61. Jahrgang, 1. November 2006, Heft 21, S. 1762
aus Versicherungswirtschaft, 1.11.2006, 61.Jg., Nr. 21, S. 1762

A.Kaindl

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 12/2006 vom 11.12.2006
Dokument-ID: s_ver_20061211

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