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Plagiate - Markenhersteller müssen unablässig gegen Fälscher kämpfen

TEXTIL | GENIOS BranchenWissen Nr. 12 vom 03.12.2014


Gefälschte Schuhe und Bekleidung sind bei Bundesbürgern beliebt

Accessoires, Schuhe und Bekleidung sind beliebte Objekte von Markenfälschern. Das zeigt die Statistik des deutschen Zolls. Dieser verhinderte 2013 die Einfuhr von insgesamt über 3,9 Millionen gefälschter Markenartikel im Wert von 134 Millionen Euro. Davon stammten rund drei Viertel aus China und Hongkong. Am häufigsten geschmuggelt wurde dabei persönliches Zubehör wie Taschen, Sonnenbrillen, Uhren und Schmuck. Aus dieser Kategorie griff der Zoll Waren im Wert von 46 Millionen Euro auf. Das ist zwar ein Minus von 21 Prozent, die Menge der Ware erhöhte sich jedoch um 67 Prozent auf mehr als eine halbe Million Stück. Bezüglich des Warenwerts ließ sich 2013 eine starke Verschiebung hin zu Schuhen feststellen. Der Wert beschlagnahmter Schuhe erhöhte sich von 1,1 Millionen auf knapp 22 Millionen Euro, die Anzahl gefälschter Paare verdreißigfachte sich von 11 900 auf 360 840. Bei gefälschter Markenkleidung dagegen schrumpfte der Wert der beschlagnahmten Artikel von 12,9 Millionen auf 5,4 Millionen Euro, die Stückzahlen sanken von 172 100 auf 77 110. Insgesamt blieb der Wert der beschlagnahmten Waren dieser drei Kategorien mit 73,4 Millionen Euro im Vergleich zu 2012 mit 72,2 Millionen Euro nahezu gleich. Allerdings verdoppelte sich die Menge von 488 400 auf 947 550 Stück.

Doch die vom Zoll beschlagnahmte Markenware ist nur die Spitze des Eisbergs. Dies beweist eine Studie von Ernst & Young und des Aktionskreises gegen Produkt- und Markenpiraterie (APM), für die in Deutschland 3 100 Verbraucher sowie 24 ausgewählte Unternehmen, davon sechs aus dem Segment Bekleidung und Accessoires, befragt wurden. Demnach beläuft sich der Schaden für deutsche Unternehmen durch Fälschungen jährlich auf rund 50 Milliarden Euro. Dass nur der kleinste Teil der Plagiate entdeckt wird, liegt an der schieren Masse der gefälschten Waren, die nach Deutschland eingeführt wird, was den Zollbehörden nur Stichproben erlaubt. 79 Prozent der befragten Unternehmen werden demnach mehrmals im Jahr Opfer von Produktfälschungen, 42 Prozent rechnen mit einer wachsenden Bedrohung. Dabei werden die Fälscher immer schneller. Zwei Drittel der befragten Firmen haben festgestellt, dass Fälschungen ihrer Produkte höchstens ein Jahr benötigen, um auf den Markt zu kommen. (1), (2)
Gefälschte Markenware ist ein internationales Problem

Auch auf EU-Ebene sind Schuhe und Bekleidung beliebte Objekte für Markenfälscher. 2013 wurden laut Statistik des EU-Zolls an EU-Grenzen fast 36 Millionen Artikel beschlagnahmt. Prozentual gesehen entfällt der größte Anteil der Beschlagnahmefälle auf Sportschuhe mit fast 18 Prozent und auf Bekleidung mit rund 17 Prozent. Die gefälschte Mode und plagiierten Schuhe, Taschen und Accessoires finden häufig den Weg per Post zu ihrem Käufer, da sie über das Internet bestellt werden. Von den 2013 registrierten Fällen wurden rund zwei Drittel auf dem Postweg abgefangen. Am häufigsten in den Paketen waren Sportschuhe mit einem Anteil von 24 Prozent und Taschen mit 16 Prozent.

Damit es Markenfälscher in Zukunft schwieriger haben, hat das Europäische Parlament beschlossen, dass gefälschte Marken in der EU auch im Transit beschlagnahmt werden können. Der europäische Textil- und Bekleidungsverband Euratex begrüßt dies als einen ersten Schritt zur umfassenden Überarbeitung der europäischen Waren- und Markenzeichengesetzgebung. Bislang sind die Zollbehörden weitgehend machtlos gegenüber dem Durchgangsverkehr gefälschter Waren auf dem Weg zu Drittländern gewesen.

Produktpiraterie ist weltweit ein ernstes Problem für Markenanbieter. Laut Business Action to Stop Counterfeiting and Piracy (BASCAP), einer Organisation der Internationalen Handelskammer (ICC), soll der weltweite wirtschaftliche Schaden durch Plagiate bei mehr als 600 Milliarden Dollar liegen. (3), (4), (5), [Abb. 1]
Verbraucher sehen Kauf von Plagiaten als Kavaliersdelikt

Für die Markenhersteller ist es schwierig, das Problem Plagiate in den Griff zu bekommen. Ein Grund dafür ist das Internet. 63 Prozent der Unternehmen gaben in der Ernst & Young-Studie an, dass Fälschungen ihrer Produkte darüber vertrieben werden. Der Vorteil für die Fälscher ist, dass der Vertrieb meist anonym und direkt aus Drittländern erfolgt, die Umschlagsgeschwindigkeit hoch ist, und Bestellungen in kleinen Mengen sich gut vertuschen lassen. Zudem fehlt in der breiten Öffentlichkeit bei gefälschten Konsumgütern wie Mode noch das notwendige Problembewusstsein. 65 Prozent der befragten Verbraucher haben bereits Fälschungen gekauft, jeder Dritte hat sogar bewusst zum Plagiat gegriffen.

Dabei schädigt Produktpiraterie die betroffenen Unternehmen doppelt. Die Marken verlieren nicht nur Umsatz, sondern sie erleiden auch einen Imageschaden, wenn ein Kunde unbeabsichtigt ein vermeintliches Original kauft, das dann erhebliche Mängel aufweist. Und die Basis der betroffenen Unternehmen wird größer. Denn mit dem Problem der Produktfälschung sehen sich nicht mehr nur die bekannten Luxus- oder Sportmarken konfrontiert, zunehmend müssen sich auch kleinere Firmen mit dem Thema beschäftigen. Allerdings erwacht das Bewusstsein für das Problem meistens sehr spät, nämlich wenn die gefälschten Produkte auf dem Markt entdeckt werden. (3), (6)


Markenanbieter gehen entschlossen gegen Plagiate vor

Die Markenanbieter gehen angesichts der steigenden Zahl der Plagiate immer entschlossener gegen die Fälscher vor. Ein Ansatz im Kampf gegen Plagiate ist die Aufklärung der Verbraucher. So hat der Meisterkreis, ein Zusammenschluss von Markenanbietern, gemeinsam mit der Agentur Thjnk eine bundesweite Informationskampagne gegen Markenplagiate entwickelt. In Anzeigen und auf Plakaten werden gefälschte Produkte wie eine Channel-Tasche oder eine PVC Schafhausen-Uhr (original: IWC Schaffhausen) unter Slogans wie: "Sichert Kindern Arbeitsplätze", "Zertifiziertes Qualitätsverbrechen" und "Zeit zu Blenden" gezeigt. Daneben haben der Meisterkreis und Thjnk einen Onlineshop lanciert. Angeboten werden dort unter anderem Uhren von Glashaus (Glashütte), Brillen von Pior (Dior) oder Porzellan von Meisen (Meissen). Wer jedoch in dem Shop kaufen möchte, erhält Infos rund um Kreativität und geistiges Eigentum.

Viele Unternehmen versuchen ihre Markenrechte zu schützen, indem sie die Rechte eintragen und rechtliche Schritte bei deren Verletzung einleiten. So hat die italienische Luxusmarke Salvatore Ferragamo innerhalb weniger Monate 345 Websites vom Netz nehmen lassen, die offensichtlich Plagiate verkaufen. Lacoste beschäftigt ein eigenes Team, das sich um den Markenschutz kümmert. Da es oft schwer ist, den seriösen Händler vom skrupellosen Fälscher zu unterscheiden, empfiehlt Lacoste, ausschließlich im Lacoste-Onlineshop und bei den offiziellen E-Commerce-Partnern der Marke zu kaufen.

Der US-Sportartikelkonzern Nike arbeitet mit seinem Brand Protection Office aggressiv daran, illegale Onlineshops zu schließen. Ein Wermutstropfen ist jedoch, dass, wenn es nach langen Ermittlungen in den USA endlich zu Gerichtsverhandlungen kommt, die Angeklagten meist gar nicht anwesend sind. Aus diesem Grund gibt es häufig Versäumnisurteile zugunsten der Kläger. So ermächtigte das Bezirksgericht von Southern New York die NFL (National Football League), für die Nike die Team-Outfits produziert, mehr als 3 000 unautorisierte Websites zu schließen und sprach der Organisation Schadenersatz von über 1,9 Milliarden Dollar zu. Der Sieg ist jedoch symbolisch, da in den meisten Fällen der Schadensersatz von den im Ausland ansässigen Verurteilten gar nicht eingeholt werden kann.

Einer der erfolgreichen Kläger ist das auf Schuhe und Accessoires spezialisierte US-Unternehmen Crocs, das direkt in China geklagt hatte. Nachdem im Zuge von Ermittlungen in China in 2012 etwa 129 000 Paar gefälschte Schuhe mit einem geschätzten Wert von rund 9,55 Millionen US-Dollar beschlagnahmt worden waren, wurden im Dezember 2012 insgesamt 18 Personen zu Haftstrafen verurteilt.

Bei Puma kümmern sich zehn Mitarbeiter um den Schutz von Markenrechten, hinzu kommt ein weltweites Netzwerk aus 100 Anwälten und Detektiven. Pro Jahr entdeckt Puma mit Hilfe des Zolls sechs bis acht Millionen gefälschte Produkte. Auch dieser Markenanbieter bestätigt die ungleich schwieriger werdende Verfolgung von Einzelsendungen durch das Internet. Das Unternehmen hat das Internet-Monitoring verschärft und kooperiert mit Agenturen, die das Netz nach gefälschter Ware durchforsten. (2), (5), (6)





Fallbeispiele


Diesel: klagt gegen Portale

Das Modelabel Diesel hat in New York Klage eingereicht gegen 83 Websites, die gefälschte Ware verkaufen. Diese Portale haben nach Angaben des italienischen Unternehmens Tausende von Kopien und Fälschungen verkauft, die unrechtmäßig das Diesel-Logo trugen. Laut dem Unternehmen wurden 2013 allein in China rund 70 000 gefälschte Diesel-Teile beschlagnahmt, der europäische Zoll konfiszierte rund 35 000 Teile. (7)


Lululemon: geht gegen chinesische Webseiten vor

Der kanadische Yogawear-Händler Lululemon Athletica hat im Juli 2014 beim Bezirksgericht des US-Staates Illinois eine Klage gegen eine Reihe chinesischer Webseiten wie Lululemon-Shop.com, LululemonStore.com und CheapLululemon.com eingereicht. Diese sollen nach Angaben des Unternehmens gefälschte Lululemon-Artikel im Wert von über 135 Millionen Dollar pro Jahr verkaufen.

Dies ist die zweite Klage von Lululemon gegen unbekannte chinesische Fälscher. Bereits im Juli 2013 hatte das Unternehmen eine ähnliche Klage beim Bezirksgericht von New York eingereicht. Damals wurden Lululemon in einem Versäumnisurteil rund 23 Millionen Dollar zugesprochen, nachdem neun Angeklagte nicht zur Verhandlung erschienen waren. (8)


LVMH: einigt sich mit Ebay

LVMH und Ebay haben zu einer Einigung im Streit um den Verkauf von Fälschungen gefunden. Das Pariser Luxusgüterunternehmen und das Internetauktionshaus gaben eine gemeinsame Bemühung für den Schutz von Urheberrechten und den Kampf gegen Fälschungen bekannt. In einer Mitteilung erklärten beide Unternehmen, sie hätten gemeinsame Maßnahmen etabliert, die der endlosen Kette von Streitfällen ein Ende bereiten. Im Jahr 2010 hatte das Berufungsgericht von Paris Ebay für schuldig befunden, zwischen 2001 und 2006 gefälschte Produkte von Louis Vuitton und Christian Dior verkauft zu haben. Das Urteil hatte LVMH ermöglicht, auch vor Gerichten im Ausland Berufung einzulegen. (9)



Zahlen & Fakten


Abbildung 1: Schuhe und Bekleidung sind beliebt bei Markenfälschern

Entnommen aus: TextilWirtschaft, 34/2014, S. 26 bis 28, (5)

Weiterführende Literatur:

(1.) Mehr gefälschte Schuhe beschlagnahmt
aus www.textilwirtschaft.de vom 24.03.2014

(2.) Plagiate bleiben meist unentdeckt
aus www.textilwirtschaft.de vom 12.12.2012

(3.) Plagiate verursachen Milliarden-Kosten
aus www.textilwirtschaft.de vom 20.08.2014

(4.) Kein Durchgangsverkehr mehr für Fakes
aus TextilWirtschaft 10 vom 06.03.2014 Seite 043

(5.) Das Netz erschwert den Piraten-Fang
aus TextilWirtschaft 34 vom 21.08.2014 Seite 026 bis 028

(6.) Meisterkreis startet Kampagne und Shop gegen Plagiate
aus www.textilwirtschaft.de vom 23.10.2014

(7.) Diesel geht gegen Fälschungen vor
aus www.textilwirtschaft.de vom 14.07.2014

(8.) Lululemon klagt wegen Fälschungen
aus www.textilwirtschaft.de vom 24.07.2014

(9.) LVMH und Ebay einigen sich
aus www.textilwirtschaft.de vom 17.07.2014

Markus Hofstetter

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 12 vom 03.12.2014
Dokument-ID: s_tex_20141203

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