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Pflegeversicherung - Mehr private Vorsorge ein Muss

VERSICHERUNGEN | GENIOS BranchenWissen Nr. 08/2006 vom 14.08.2006

Beitrag

Körperliche Gebrechen erscheinen 30- bis 40-Jährigen weit weg, trotzdem kann sich gerade für sie der Abschluss einer privaten Pflegeversicherung lohnen. Denn in jungen Jahren sind diese Versicherungen spürbar günstiger als bei einem Abschluss im höheren Alter. (3)



Organisation der gesetzlichen Pflegeversicherung

Würde sich die Bundesregierung ihrem Koalitionsvertrag verpflichtet fühlen, hätte im Sommer 2006 eine Reform der Pflegeversicherung beschlossen werden müssen. Denn die 1995 eingeführte Pflichtversicherung wird selbst zum Pflegefall; 820 Millionen Euro fehlen der derzeit zuständigen Gesundheitsministerin Ulla Schmidt in den Pflegekassen. Ähnlich wie bei der gesetzlichen Krankenversicherung drohen höhere Beiträge, kombiniert mit schlechteren Leistungen. Die Annahme, mit der gesetzlichen Pflegeversicherung im Ernstfall finanziell ausreichend gesichert zu sein, erweist sich schnell als Irrtum. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um eine Pflichtpolice für privat Versicherte oder für Kassenmitglieder handelt, denn die Leistungen sind identisch. Entsprechender Schutz kann mit einer privaten Zusatzversicherung eingekauft werden. (2)

Die Pflegeversicherung ist ähnlich organisiert wie die Krankenversicherung: Träger der Pflegekassen sind die Krankenkassen. Gesetzlich Krankenversicherte zahlen 0,85 Prozent ihres Bruttoeinkommens als Pflegeversicherungsbeitrag. Den gleichen Satz zahlt der Arbeitgeber. Kinder und Ehepartner ohne eigene Einkünfte sind kostenlos mitversichert. Wer keine Kinder hat, muss seit 2005 0,25 Prozent seines Einkommens zusätzlich in die Pflegekasse einzahlen. Freiwillig versicherte Mitglieder der gesetzlichen Krankenkassen können wählen, ob sie sich über ihre Krankenkasse pflegeversichern oder bei einem Privatunternehmen. Privat Krankenversicherte müssen sich und ihre Kinder privat pflegeversichern, wobei Kinder kostenfrei mitversichert sind. Für Ehegatten ist dagegen ein Zuschlag zu entrichten. (1), (2)



Drei Pflegestufen

Die Stufe I ist durch erhebliche Pflegebedürftigkeit gekennzeichnet und bedeutet, der Betroffene benötigt täglich mindestens 90 Minuten Hilfe. Bei Stufe II liegt schwere Pflegebedürftigkeit vor. Dreimal täglich zu verschiedenen Zeiten ist der Betroffene auf Hilfe angewiesen, mindestens 3 Stunden am Tag. Stufe III kommt bei schwerster Pflegebedürftigkeit zur Anwendung. Hilfe ist rund um die Uhr von Nöten, mindestens 5 Stunden täglich. (4)



Zwei Varianten von privaten Zusatzversicherungen

Beim Abschluss einer privaten Zusatzpolice sind zwei Formen möglich: Zum einen die Pflegekostenversicherung, zum anderen die Tagegeldversicherung. Erstere erstattet die Aufwendungen für Pflegeleistungen bis zu bestimmten Höchstgrenzen. Die Leistungen müssen jeweils durch Rechnungen nachgewiesen werden. Bei einer Pflege durch Angehörige gibt es keine oder nur geringe Zahlungen. Dagegen prüfen die Tagegeldversicherungen lediglich, ob überhaupt Pflegebedürftigkeit vorliegt. Meistens ist diese Variante daher die sinnvollere, weil der Betroffene nicht im Einzelnen die entstandenen Pflegekosten nachweisen muss, sondern ein vereinbartes Tagegeld erhält. (3)

Beim Abschluss einer privaten Zusatzpolice sollte beachtet werden, dass der Vertrag eine so genannte Dynamik zulässt. Nur dann kann der Versicherte seine Police ohne erneute Gesundheitsprüfung an ein steigendes Preisniveau anpassen. Außerdem sollte die Assekuranz sofort nach Feststellung der Pflegebedürftigkeit zahlen und nicht erst nach einer bestimmten Karenzzeit. (4)



Unterhaltspflicht für Kinder

Reichen das Einkommen und das Vermögen des Pflegebedürftigen nicht aus, um die hohen Pflegekosten zu bezahlen, werden laut Gesetz Kinder für ihre Eltern unterhaltspflichtig. Vorher wird jedoch noch geprüft, ob der Pflegebedürftige sein Vermögen bereits verschenkt hat. Denn innerhalb von zehn Jahren kann der Staat diese Schenkungen rückgängig machen und damit die Pflegekosten decken. Falls die Nachkommen nicht von vornherein und freiwillig die Pflegekosten übernehmen, springt zunächst das Sozialamt ein. Das wird jedoch versuchen, die Ausgaben von den nahen Angehörigen wieder zurückzuholen. (4)



Fallbeispiele



Monika Stolz, die Gesundheitsministerin von Baden-Württemberg, sprach sich dafür aus, das bisherige Umlageverfahren in der Pflegeversicherung durch ein zweites Standbein, eine private kapitalgedeckte Pflegepflichtversicherung, zu ergänzen. Eigenverantwortung und Eigeninitiative zur Absicherung des Pflegefallrisikos müssen ausgeweitet werden, ohne dabei den Einzelnen finanziell zu überfordern. Mit Beiträgen von fünf oder sechs Euro im Monat wäre das gegeben. Mit der Einführung einer ergänzenden privaten kapitalgedeckten Pflegepflichtversicherung könnte die Demographielücke geschlossen werden. Was bedeuten würde, dass das Geld nicht für aktuelle Pflegeleistungen eingesetzt werden darf. Sondern es dient als Reserve für eine spätere Beitragsdämpfung, wenn die Ausgaben erwartungsgemäß stark ansteigen. In der Frage der Kapitaldeckung sind sich Union und SPD uneins. Die Union fordert die Pflegeversicherung durch eine Kapitaldeckung zu ergänzen. Die Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) lehnt diesen Vorschlag ab. (5), (6), (7)

Zahlen & Fakten

Den meisten Bundesbürgern ist durchaus bewusst, dass die Pflegepflichtversicherung nicht ausreicht. Trotzdem hatten im Jahr 2005 nach Ergebnissen der Studie "Kundenkompass Pflege" der Delta Lloyd Deutschland AG und des F.A.Z.-Instituts nur rund 870 000 Menschen eine entsprechende Zusatzversicherung abgeschlossen. Der Studie zufolge wird bis zum Jahr 2030 die Zahl der Pflegebedürftigen von derzeit rund zwei Millionen auf voraussichtlich drei Millionen ansteigen. Die Studie ergab auch, dass die Zahl der Pflegefälle, die stationär in einem Heim betreut werden seit 1999 um rund 20 Prozent gestiegen ist. (4), (8), (9)



Große Unterschiede gibt es bei den Preisen und Leistungen von privaten Zusatzverträgen. So zahlt beispielsweise ein 40-jähriger Mann für EUR 50 Tagegeld bei der Arag EUR sechs pro Monat. Bei der Central sind dafür EUR 28 mehr fällig. Auch bei den Leistungen sind die Unterschiede gewaltig. So überweisen DKV und Hanse Merkur z.B. bei stationärem Aufenthalt immer die volle vereinbarte Summe. Die gibt es bei den meisten anderen Gesellschaften nur, wenn der Patient der höchsten Pflegestufe III zugeordnet wurde. Doch welcher Tarif der Beste ist, hängt von den Vorsorgeplänen des Einzelnen ab. (2)

Weiterführende Literatur:

(1.) O.V., Pflegeversicherung, Handelsblatt Nr. 129, 07.07.06 S. 18
aus Handelsblatt Nr. 129 vom 07.07.06 Seite 18

(2.) Horn, Karl-Werner, Guter Schutz kostet mehr, Leistungen der obligatorischen Pflegeversicherung reichen im Ernstfall nicht aus, Zusatzpolicen bieten Schutz, Impulse, 01.07.2006, S. 122
aus Impulse vom 01.07.2006, Seite 122

(3.) Winkler, Madeleine, Pflegeversicherung rechtzeitig abschließen, Staat kommt nicht mehr für alle Kosten im Alter auf, Früh an später denken: In jungen Jahren sind Abschlüsse spürbar günstiger als in höherem Alter, Bonner General-Anzeiger, 30.06.2006, S. 16
aus Bonner General-Anzeiger, 30.06.2006, S. 16

(4.) Müller, Werner / Wenzl, Ursula, Die staatliche Pflichtversicherung deckt nur einen Bruchteil der Pflegekosten - besser frühzeitig für private Ergänzung sorgen, FOCUS-MONEY, 21.06.2006, Ausgabe 26, S. 066-069
aus Bonner General-Anzeiger, 30.06.2006, S. 16

(5.) O.V., Auch die Pflegeversicherung wird teurer, Union: Mit 6 Euro zusätzlich im Monat Einstieg in die Kapitaldeckung / Pflegekassen sind 150 Millionen Euro im Plus, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.07.2006, Nr. 156, S. 11
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.07.2006, Nr. 156, S. 11

(6.) Sosalla, Ulrike, Koalition verschiebt Reform der Pflegeversicherung, Start der Verhandlungen erst 2007 • Keine Beitragserhöhung, Financial Times Deutschland, 07.07.2006, S. 9
aus Financial Times Deutschland vom 07.07.2006, Seite 9

(7.) Hibbeler, Birgit, Pflegeversicherung: Vernachlässigte Baustelle, Deutsches Ärzteblatt 30/103 vom 28.07.06, S. A-2012
aus Deutsches Ärzteblatt 30/103 vom 28.07.06 Seite 2012

(8.) O.V., Pflegeversicherung, Versicherungswirtschaft, 1.6.2006, 61.Jg., Nr. 11, S. 918
aus Versicherungswirtschaft, 1.6.2006, 61.Jg., Nr. 11, S. 918

(9.) O.V., Kaum private Absicherung des Pflegerisikos - Studie: Deutsche unterschätzen Problematik - Trotz aller Skepsis Vertrauen in die gesetzliche Versicherung, Giessener Anzeiger, 17.05.2006
aus Giessener Anzeiger vom 17.05.2006

A.Kaindl

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 08/2006 vom 14.08.2006
Dokument-ID: s_ver_20060814

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