GENIOS BranchenWissen > TRANSPORT & LOGISTIK
Logo GENIOS BranchenWissen

"Open Skies" - werden die Karten im Luftverkehr neu gemischt

TRANSPORT & LOGISTIK | GENIOS BranchenWissen Nr. 04/2007 vom 26.04.2007

Beitrag

Das Zeitalter bilateraler Abkommen im Luftverkehr zwischen Europa und USA geht dem Ende zu. Mit der Vereinbarung Open Skies könnten 75 Millionen Passagiere mehr in den kommenden fünf Jahren zwischen Europa und USA pendeln. Die Vereinbarung könnte zu 80 000 neuen Arbeitsplätzen in der Luftfahrtbranche und zu Entlastungen für die Verbraucher in Höhe von 15 Milliarden Euro führen.

Open Skies wird Realität

Mit der Unterzeichnung des Open Skies Abkommens durch die europäischen Verkehrsminister im März 2007 tritt eine deutliche Liberalisierung im transatlantischen Luftverkehr ab März 2008 in Kraft. Während der Verhandlungen wurde ein zeitliches Zugeständnis an die Briten gemacht. Der Londoner Flughafen wird die Änderungen in den kommenden Jahre am deutlichsten zu spüren bekommen. (1), (3), (5), (9)

Veränderungen und neue Rechte für die Marktteilnehmer

Die Liberalisierung des Luftverkehrs zwischen Europa und den USA führt zu zahlreichen Veränderungen im Luftfahrtgeschäft zwischen den Kontinenten. Die maßgeblichen Vereinbarungspunkte sind:

- Aus jedem Mitgliedsland der EU kann ein US-Flughafen angesteuert werden.
- US-Airlines können Ziele in Europa freier auswählen.
- Europäischen Airlines bieten sich mehr Möglichkeiten Crews und Maschinen an US-Gesellschaften zu verleasen.
- Die Stimmrechte von US-Investoren an europäischen Airlines können auf 25% limitiert werden.
- EU- und US-Behörden werden in zahlreichen Themenbereichen wie Sicherheit, Subventionierung und Umwelt zusammenarbeiten.
- Die USA sind mit der möglichen Besteuerung von Flugbenzin in Europa einverstanden.

(1), (3), (5), (9)

Zahlreiche Widerstände in den USA

Was den Europäern gefällt, wird in den USA mehr als kritisch gesehen. Ein Teil der Abgeordneten im US-Kongress halten die Beteiligungsvorschriften für Investoren für zu restriktiv. Die Machtverteilung in den USA wurde während der Verhandlungen zu Open Skies mehr als deutlich. Während die Bush-Regierung auf eine Streichung der 25% Anteilsgrenze für Investoren an US-Airlines pochte, lief die demokratische Mehrheit im Repräsentantenhaus Sturm und fürchtete um den Ausverkauf der amerikanischen Fluglinien. (8)

Auch Widerstände bei den Briten

Der größte Teil der transatlantischen Verbindungen, mit einem Anteil von 40%, wird über Großbritannien abgewickelt. Die Fluglinien Virgin, British Airways, American Airlines und United Airlines dominieren dieses Segment und erwirtschaften rund 17 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr. Der britische Widerstand gegen das Abkommen, welches den europäischen Wettbewerber zukünftig mehr Chancen bietet, ist daher kaum verwunderlich.
In den Verhandlungen mit den USA kam die EU den Briten entgegen. Die britische Regierung erhält mehr Zeit für die neue Zuteilung der Start- und Landerechte für Heathrow und Vertragsveränderungen für den neuen fünften Terminal, der auf dem Londoner Flughafen entsteht. (5), (6)

Prognosen uneinheitlich

Die Entwicklung des Luftverkehrs zwischen Europa und den USA werden recht unterschiedlich bewertet. Optimisten prognostizieren einen Anstieg des Passagieraufkommens auf 75 Millionen Fluggäste in den kommenden fünf Jahren (momentan sind es rund 50 Millionen). [Abb.1] 80 000 neue Arbeitsplätze in der Luftfahrtbranche und Entlastungen für die Verbraucher in Höhe von 15 Milliarden Euro könnten die Folge sein.
Die Gegenmeinung rechnet mit keiner Verschärfung des Wettbewerbs. Die Vorteile würden kaum Handlungsspielraum bei den Preisen geben. Damit scheint eine Entwicklung hin zu mehr Strecken und niedrigeren Transportpreisen hinfällig. Ein Spielraum für weitere Verhandlungen mit den USA bleibt. Das Thema inneramerikanische Strecken ist bislang unangetastet. Erste Sondierungen laufen bereits. (3), (7), (9), (10), (11)

Marktführer sehen deutliche Chancen

Für die deutschen Airlines bieten sich neue Verbindungen in die USA an. Bisher konnte Lufthansa nur von einem deutschen Flughafen aus Strecken in die USA anbieten. Ein weiterer Vorteil für die deutsche Airline ist die 30% Beteiligung an BMI. Auf diese Weise erhält Lufthansa Einfluss auf den Londoner Flughafen und die dortigen Auslastungen. Der europäische Marktführer, Air France-KLM ,wird durch den neuen Wettbewerb profitieren, der zwischen den Airlines um die U.S. Strecken entsteht. (7), (11)



Fallbeispiele



BMI mit mehr Strecken in die USA
12% der Start- und Landerechte hält die Airline British Midland von Sir Michael Bishop am Flughafen Heathrow. Mit Open Skies kann BMI zukünftig mehr US-Flüge anbieten. Diese neuen Marktchancen machen BMI zum potenziellen Kaufobjekt für Airlines wie British Airways oder Virgin Atlantic. (4)

Beschleunigung für Verhandlungen mit Kanada
Kaum ist das Abkommen mit den USA unter Dach und Fach werden die Auswirkungen auf die Nachbarmärkte spürbar. Bereits im Januar 2007 hat die EU erste Vorgespräche mit der kanadischen Regierung geführt. Das Abkommen mit den USA übt deutlichen Druck auf die kanadische Regierung und die Airline Air Canada aus. Open Skies bedeutet für die Kanadier einerseits mehr Wettbewerb zu preiswerteren US-Airlines, die kanadische Passagiere abwerben könnten, aber auch zahlreiche neue Flugverbindungen nach Europa. Die eigentlichen Verhandlungen mit der EU sollen Mitte 2007 beginnen. (2)

Virigin plant Aufstockung der Mitarbeiterzahlen
Die britische Airline will das Abkommen mit neuen Transatlantikflügen von Paris, Frankfurt, Madrid und Amsterdam umsetzen. Dabei will Virgin 500 neue Arbeitsplätze schaffen. (6)

Zahlen & Fakten

Abbildung 1: Passagieraufkommen im Luftverkehr Amerika und Europa 1995-2005



Quelle: Booz Allen Hamilton

Entnommen aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.03.2007 (5)

Weiterführende Literatur:

(1.) Ginten, Ernst August, Warum das Fliegen nach Amerika künftig billiger wird, Welt am Sonntag, 25.03.2007, Nr. 12, S. 38
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.06.2006, Nr. 142, S. 14

(2.) Felder, K., "Open Sky"-Abkommen, Neue Zürcher Zeitung, 30.03.2007, Nr. 75, S. 23
aus Neue Zürcher Zeitung, 30.03.2007, Nr. 75, S. 23

(3.) O:V., Ein wichtiger Schritt, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.03.2007, Nr. 70, S. 13
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.03.2007, Nr. 70, S. 13

(4.) O.V., Open-Skies-Abkommen macht BMI interessant, Handelsblatt Nr. 063 vom 29.03.07 Seite 11
aus Handelsblatt Nr. 063 vom 29.03.07 Seite 11

(5.) O.V., Mehr Freiheit für transatlantischen Luftverkehr, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.03.2007, Nr. 70, S. 13
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.03.2007, Nr. 70, S. 13

(6.) Bonse, Eric / Thibaut, Matthias, DAS OPEN-SKIES-ABKOMMEN zwischen EU und USA ist der erste Schritt Richtung freier Markt, Handelsblatt Nr. 059 vom 23.03.07 Seite 28
aus Handelsblatt Nr. 059 vom 23.03.07 Seite 28

(7.) O.V., Tiefensee freut sich über billigere Flüge, netzeitung.de vom 22.03.2007
aus Handelsblatt Nr. 059 vom 23.03.07 Seite 28

(8.) O.V., In USA formiert sich Widerstand gegen Luftverkehrsabkommen, Börsen-Zeitung, 22.03.2007, Nummer 57, Seite 9
aus Börsen-Zeitung, 22.03.2007, Nummer 57, Seite 9

(9.) Geiger, Jenny / Mai, Christiane / Kroder, Titus, Fluglinien zögern mit neuen Strecken, FTD vom 22.03.2007
aus Financial Times Deutschland vom 23.03.2007, Seite 6

(10.) O.V., Offener Himmel, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.04.2007, Nr. 83, S. 25
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.04.2007, Nr. 83, S. 25

(11.) O.V., Mehr Freiheit am Boden und in der Luft, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.04.2007, Nr. 82, S. 18
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.04.2007, Nr. 82, S. 18

M.Klems

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 04/2007 vom 26.04.2007
Dokument-ID: s_tra_20070426

Alle Rechte vorbehalten. © GBI-Genios Deutsche Wirtschaftsdatenbank GmbH