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Maschinenausfuhren - China ist nicht mehr der deutsche Exportmarkt Nummer eins

MASCHINEN- UND ANLAGENBAU | GENIOS BranchenWissen Nr. 12 vom 28.12.2015


Lustlose Maschinenkonjunktur

Für den deutschen Maschinenbau hat das Jahr 2015 die endgültige Gewissheit gebracht, dass mit nennenswerten Zuwächsen nicht mehr zu rechnen ist. So wird das zu Ende gehende Jahr kein Produktionswachstum bringen, 2016 wird es nach aktuellen Schätzungen ebenfalls nur eine Stagnation geben. Damit würde das nächste Jahr das fünfte in Folge sein, in dem der Maschinenbau ohne nennenswerte Produktionszuwächse auskommen muss. Auch Experten sind hierüber erstaunt, denn die Weltkonjunktur sieht gar nicht mal schlecht aus. Gleichwohl setzt sich die seit Jahren zu verzeichnende Investitionsschwäche, die bereits seit dem Ausbruch der Finanzkrise 2008/2009 besteht, weltweit fort. Zudem haben die noch zum Anfang des Jahres beschworenen Impulse für den Maschinenbau nicht die erhofften Wirkungen entfaltet. Weder der schwache Euro, noch die niedrigen Rohstoffpreise und die leicht anziehende Weltkonjunktur konnten den Maschinenbau davor bewahren, auch 2015 wieder ohne Wachstum dazustehen. Eine vergleichbar lustlose Maschinenkonjunktur hatte es für deutsche Hersteller zuletzt in den 1990er Jahren gegeben. (1), (6)


Schwellenländer bestellen weniger deutsche Maschinen

Die deutlichsten Rückgänge verzeichneten die traditionell stark exportorientierten deutschen Maschinenhersteller bei den Ausfuhren nach Russland. Hier brachen die Exporte in den ersten acht Monaten dieses Jahres im Vergleich mit dem Vorjahreszeitraum um 27,1 Prozent ein. In die Ukraine wurden 24,5 Prozent weniger deutsche Maschinen exportiert. Laut dem Dachverband der deutschen Maschinenhersteller VDMA (Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau) liegt dies nicht so sehr an den Sanktionen, die der Westen über Russland verhängt hat, sondern an der der prekären wirtschaftlichen Situation Russlands. Damit sind die Abwertung des Rubels, die gesunkenen Rohstoffpreise und die schlechten Finanzierungsbedingungen in Russland der eigentliche Grund dafür, warum das Schwellenland dem deutschen Maschinenbau keine Wachstumsimpulse mehr geben kann.

Ebenfalls rückgängig sind die Bestellzahlen aus der Volksrepublik China. Mit minus 5,2 Prozent fallen die Rückgänge anteilig zwar weniger hoch aus als die im Handel mit Russland; weil in das Reich der Mitte jedoch ungleich mehr Maschinen geliefert werden, schlägt die Zurückhaltung Chinas besonders stark ins Kontor. Die konjunkturelle Abkühlung Chinas wirkt sich zudem auf andere ostasiatische Handelspartner deutscher Maschinenbauunternehmen aus. So wurden nach Thailand 21,6 Prozent weniger Maschinen geliefert, die Bestellungen aus Indonesien sanken um 22,6 Prozent. Rückgänge gab es zudem beim Export nach Malaysia (minus 17,4 Prozent).

Eine Rückkehr Chinas in seine Rolle als Motor der deutschen Maschinenexporte ist nicht zu erwarten. Für nächstes Jahr prognostiziert der VDMA ein Anwachsen der Maschinenkonjunktur in China um gerade einmal ein Prozent. (1), (6)


USA lösen China ab

Da die Bestellungen aus den USA gleichzeitig stark angestiegen sind - um 15,2 Prozent in den ersten acht Monaten dieses Jahres - lösen die USA China als wichtigstes Abnehmerland deutscher Maschinen erst einmal wieder ab. Zudem springen andere Schwellenländer bei der Abnahme deutscher Maschinen in die Bresche. So weisen Indien mit plus 24 Prozent und Mexiko mit 53 Prozent enorm hohe Steigerungsraten auf.

Im Blickpunkt des Interesses bleibt jedoch der wieder erstarkte US-Markt. Viele Jahre lang waren die USA der Hauptmarkt für deutsche Maschinen gewesen, bis sie 2009 vom Boom-Land China abgelöst wurden. In den ersten drei Quartalen dieses Jahres legten die Exporte in die USA um 14,2 Prozent auf 12,5 Milliarden Euro zu. Nach China gingen im selben Zeitraum Maschinen im Wert von zwölf Milliarden Euro. Damit haben die USA in den ersten drei Quartalen 10,7 Prozent der deutschen Maschinenausfuhren erhalten, in das Reich der Mitte gingen 10,3 Prozent.

Diesen Schwenk hätte noch vor Jahresfrist kein Experte für möglich gehalten. Zu weit schien China den übrigen Märkten enteilt. Dass die USA beim Maschinenexport nun so stark aufholen konnten, liegt an den Entwicklungen in beiden Ländern. Zum einen haben chinesische Besteller in den ersten acht Monaten dieses Jahres 5,6 Prozent weniger deutsche Maschinen ins Land geholt als im Vorjahreszeitraum. Zum anderen verfolgen die USA seit einigen Jahren einen Re-Industrialisierungskurs, der den deutschen Industriezulieferern zugutekommt. Seit drei Jahren verfügen die USA zudem über Forschungszentren, die Präsident Obama nach dem Vorbild der deutschen Fraunhofer-Institute errichten ließ. Im Ergebnis kaufen die USA nach längerer Pause wieder deutsche Hochtechnologie und Anlagen ein. Auch der VDMA richtet den Blick darum von Osten nach Westen. Der Verband glaubt, dass die entscheidenden Wachstumsimpulse der nächsten Jahre - wenn überhaupt - dann von nord- und südamerikanischen Ländern ausgehen werden. (3), (7)


Rückbesinnung auf Europa

Die neuen Exportzahlen rücken nicht nur die USA zurück an die Pole Position der deutschen Maschinenabnehmerländer. Auch Europa zeigt derzeit, dass es im Portfolio der deutschen Hersteller nicht nur eine verlässliche Größe, sondern ebenso einen Markt mit Potenzial darstellt. Die kleine Renaissance des Heimatkontinents geht insbesondere auf die Erholung früherer Sorgenkinder wie Spanien, Portugal und Italien zurück. So stiegen die Maschinenausfuhren nach Spanien in den ersten acht Monaten 2015 um 9,2 Prozent, nach Italien um 11,6 Prozent und die nach Großbritannien um 7,1 Prozent. Insgesamt exportierten deutsche Hersteller bis August in die Länder der Europäischen Union 3,8 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum, in Euro-Länder gingen 2,2 Prozent mehr Maschinen.

Neben Russland bleibt allerdings ausgerechnet der wichtigste deutsche Handelspartner, die Republik Frankreich, noch immer hinter den sich erholenden Nachbarländern zurück. Nach wie vor drückt sich Paris um strukturelle Reformen herum, was sich auch auf den Absatz deutscher Maschinen niederschlägt. Insgesamt orderten französische Besteller bis August 2015 3,1 Prozent weniger deutsche Maschinenerzeugnisse als im Vorjahreszeitraum. Auch nach Dänemark (minus 10,1 Prozent) und Belgien (minus 4,1 Prozent) gingen weniger Maschinen als 2014. (2)





Fallbeispiele


Maschinenhersteller bedauern Russland-Sanktionen

Die Europäische Union hat in diesem Monat beschlossen, die eigentlich bis Ende Januar 2016 terminierten Sanktionen gegen Russland um sechs Monate zu verlängern. Auch wenn die Einbrüche deutscher Maschinenexporte nach Russland nicht in erster Linie durch die Sanktionen begründet sind, wehrt sich die Branche doch heftig dagegen, im Handel mit Russland weiterhin eingeschränkt zu werden. Schon heute ist der deutsche Maschinenbau die Branche, die besonders stark unter Russlands Konjunkturabschwung zu leiden hat. Betroffen sind aber auch andere Länder. So sanken die russischen Einfuhren aus Ostasien 2014 um 30 Prozent, die Maschinenimporte aus China schrumpften sogar um die Hälfte. (4)


Chinas Großanlagenbauer ernten Respekt

Deutsche Großanlagenhersteller - wie beispielsweise Linde, Siemens und ThyssenKrupp - bekommen es immer mehr mit Konkurrenz aus Ostasien zu tun. Ein Fünftel der deutschen Anbieter fürchtet dabei die Anbieter aus China und Indien weit stärker als die Südkoreaner, die den Weltmarkt in den letzten Jahren stark aufgemischt haben. Gerade den chinesischen Anbietern bringen die deutschen Firmen viel Respekt entgegen. Diese erarbeiten sich Wettbewerbsvorteile auch dadurch, dass sie die Projekte außergewöhnlich straff und gut organisiert durchziehen. (5)



Zahlen & Fakten


Die größten Umsätze mit Maschinen wurden 2014 im Reich der Mitte erzielt. 826 Milliarden Euro betrug der Maschinenumsatz Chinas im vergangenen Jahr. Auf Platz zwei rangieren die USA mit 324 Milliarden Euro. Deutschland ist Dritter mit 249 Milliarden Euro. Auf den weiteren Plätzen folgen Japan (222 Milliarden Euro), Italien (109 Milliarden Euro) und Südkorea (75 Milliarden Euro). Russland liegt mit nur noch 24 Milliarden Euro auf Rang 13. (4)

Weiterführende Literatur:

(1.) Kein Wachstum in Sicht - VDMA-Prognose für deutschen Maschinen- und Anlagenbau 15/16 bei Null
aus Fluid, Heft 3/2015, S. 14 - 20

(2.) Im Westen wird's wieder hell - Europa bleibt ein Kernmarkt für den deutschen Maschinen- und Anlagenbau
aus Ke - konstruktion + engineering, Heft 11-12/2015, S. 20 - 23

(3.) USA lösen China als Top-Exportmarkt ab
aus Produktion, Heft 50/2015, S. 14

(4.) Maschinenbauer bedauern längere Sanktionen
aus Börsen-Zeitung vom 04.12.2015, Nr. 233, S. 11

(5.) "China schläft wie ein Dornröschen"
aus Börsen-Zeitung vom 02.12.2015, Nr. 231, S. 11

(6.) China-Schwäche belastet deutsche Maschinenbauer
aus Stuttgarter Zeitung - Stadtausgabe, 03.11.2015, S. 12

(7.) Deutsche Maschinenbauer setzen auf Amerikas Industrie
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.12.2015, Nr. 280, S. 18

Robert Reuter

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 12 vom 28.12.2015
Dokument-ID: s_mas_20151228

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