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Maritime Wirtschaft - zwischen herben Einbußen und erstaunlicher Erholung

TRANSPORT & LOGISTIK | GENIOS BranchenWissen Nr. 10 vom 27.10.2020


Seeschifffahrt kommt gut durch die Krise

Die Corona-Pandemie hat Liefer- und Transportketten zerrissen oder zumindest gehemmt. Trotzdem kommt die globale Schifffahrt erstaunlich gut durch die Krise. Noch im April war die Branche für 2020 von einem zweistelligen Umsatzminus ausgegangen. Jedoch hat die Nachfrage schnell wieder angezogen, so dass die Prognose auf nur noch minus vier Prozent zurückgenommen wurde.

In Chinas Fabriken wird wieder fast normal produziert, zugleich sind viele Konsumenten in Europa ausgabefreudig, weil sie für Restaurants, Urlaub und Freizeit weniger Geld ausgeben. Auch haben die Reeder selbst dafür gesorgt, dass die Frachtpreise nicht in den Keller rauschten, indem sie Transportkapazität stilllegten. Der verknappte Transportraum verhinderte wirkungsvoll einen Preisabsturz, wie er beispielsweise noch zu Zeiten der Finanzkrise eintrat. Hapag-Lloyd in Hamburg war zwischen April und Juni sogar das profitabelste Schifffahrtsunternehmen weltweit, verdient wurden 146 US-Dollar je verschifftem Container. Der Konzern hat für 2020 einen Anstieg des Vorsteuergewinns um satte 30 Prozent angekündigt. Bereits im zweiten Quartal hatte ein dreistelliger Millionengewinn zu Buche gestanden; noch vor zwei Jahren hatte Hapag-Lloyd hohe Verluste produziert.

Während die Unternehmenskassen also klingeln, geht es dem Personal auf den Weltmeeren derzeit nicht gut. Immer noch dürfen rund 400 000 Seeleute wegen der Pandemie ihr Schiff nicht verlassen. (1), (7)


Seehäfen verzeichnen geringe Einbußen

Auch die Seehäfen verzeichnen durch Corona viel weniger Einbußen als anfänglich befürchtet. So hat beispielsweise Bremerhaven im ersten Halbjahr 2020 mit 2,4 Millionen TEU (so heißt die maßgenaue Bezeichnung für Standardcontainer) fast die Hälfte der Gesamttonnage des Vorjahres umgeschlagen. Für das Gesamtjahr rechnet man in Bremen mit 4,7 Millionen TEU, 2019 waren es mit 4,9 Millionen kaum mehr. Der Hafen Antwerpen hat in den ersten sechs Monaten sogar ein kleines Plus erreicht.

So gut stehen allerdings nicht alle Seehäfen da. Der Hamburger Hafen etwa schlug 12,4 Prozent weniger Standardcontainer um als im Vorjahreszeitraum. Im Vergleich mit mancher anderen Branche erscheint der Rückgang freilich verkraftbar, zumal die Zeichen auch für die Häfen schon wieder auf Erholung stehen. Hierfür spricht auch, dass die zum Zweck der künstlichen Verknappung vom Markt genommenen Transportkapazitäten gerade zurückgeholt werden. Zeitweilig hatten die Reeder Schiffsraum für 2,7 Millionen TEU stillgelegt, aktuell nur noch für 800 000 Standardcontainer. (4)


Binnenschiffer bekommen Nachfragerückgang zu spüren

Die Binnenschifffahrt bekommt Corona stärker zu spüren. Erschwerend kommt zur aktuellen Lage hinzu, dass die Flusskapitäne die starken Einbußen infolge der 2018 ausgetrockneten Wasserstraßen noch nicht zurückerobern konnten. Auch die Art der transportierten Güter erweist sich in der Coronakrise als erschwerend für den Wettbewerb. Binnenschiffe transportieren in erster Linie Massengut wie beispielsweise Stahl, der aber beispielsweise von den Automobilherstellern derzeit weit weniger nachgefragt wird als in normalen Zeiten. Derzeit werden rund 20 Prozent weniger Stahl benötigt als vor der Pandemie.

Die Binnenhäfen halten sich darum in der Coronakrise insbesondere durch den Kombinierten Verkehr (KV) über Wasser. Dies ist eine besondere Art des Güterverkehrs, bei der nicht Schüttgut, sondern Ladeeinheiten wie Container und Sattelauflieger mit dem LKW und dem Binnenschiff abwechselnd transportiert werden. In der aktuellen Rezession erweist sich der Kombinierte Verkehr für viele Binnenhäfen als das Geschäftsfeld, das der Flaute am besten widersteht.

Weitere Erschwernisse resultieren aus den geltenden Abstandsregeln. So sind an vielen Schleusen die Betriebszeiten eingeschränkt worden, damit sich das Personal nicht gegenseitig ansteckt. Das Ergebnis sind längere Fahrzeiten. (2), (5)





Fallbeispiele


Binnenschifffahrt: Masterplan wird umgesetzt

Im Mai vergangenen Jahres hat das Bundesverkehrsministerium den Masterplan Binnenschifffahrt vorgestellt. Ziel des Maßnahmenbündels soll es seitdem sein, den Marktanteil des als relativ umweltfreundlich eingestuften Binnenschiffs von derzeit unter zehn Prozent auf 15 Prozent zu steigern. Aus dem kürzlich vorgestellten Zwischenbericht des Ministeriums geht hervor, dass von den 78 genannten Maßnahmen 22 bereits umgesetzt sind. Weitere 51 sollen sich in der Umsetzung befinden, fünf Einzelpunkte wurden noch nicht begonnen.

Ein zentrales Element des Masterplans ist eine Förderrichtlinie, die die Umrüstung der Flussschiffe auf sauberere Motoren beschleunigen soll. Der Planung nach will der Bund 60 bis 80 Prozent der den Binnenschiffern entstehenden Umrüstungskosten selbst übernehmen. Die Richtlinie ist bereits erstellt, muss aber von der EU-Kommission genehmigt werden. In Kraft treten soll das Finanzierungspaket am 1. Januar 2021. (3)


Duisport: erstaunliche Erholung

Europas größter Binnenhafen hat 2019 mit einem um 6,8 Prozent gesteigerten Gewinn ein sehr gutes Ergebnis erreicht. Corona schlägt aber auch hier zu. Im Frühsommer waren die Verkehre stark zurückgegangen, man rechnete mit einem zweistelligen Umsatzrückgang. Derzeit hat sich die Lage geradezu umgekehrt: Bei den Containerverkehren liegt die Duisburger Hafen AG mittlerweile um zwei Prozent über dem Vorjahreswert. Noch nie sind zwischen dem Duisburger Hafen und China mehr Güterzüge gependelt als jetzt. (6)


Werften: existenzielle Nöte

Wie schlimm das Coronavirus die deutschen Werften trifft, zeigt eine aktuelle Prognose der IG Metall Küste. Die Gewerkschaft sieht ein Drittel der 18 000 Arbeitsplätze als akut gefährdet. Die Prognose stützt sich auf die Meldungen aus den Unternehmen selbst. Rund die Hälfte der befragten Werften hat den Abbau von Personal angekündigt. Aufträge für neue Schiffe sind in diesem Jahr fast komplett ausgeblieben. Besonders düster sieht es im Passagier- und Spezialschiffbau aus, der eine Domäne des deutschen Schiffsbaus darstellt.

Die Branche hofft nun darauf, von den Hilfsgeldern aus Berlin stärker zu profitieren. Zudem wird Berlin aufgefordert, bei der Auftragsvergabe für neue Kriegsschiffe auf die Tube zu drücken. Erst im Februar dieses Jahres hat die Bundesregierung den Marineschiffbau nach langem Zögern als Schlüsseltechnologie eingestuft. Rüstungsaufträge müssen nun nicht mehr europaweit ausgeschrieben werden, was die deutschen Hersteller begünstigt. (8)



Zahlen & Fakten


Laut einer Studie des Bundesamts für Güterverkehr (BAG) verzeichnete der Güterverkehr im August insgesamt zwar leichte Erholungstendenzen, ist von einer Normalisierung der Lage aber immer noch weit entfernt. Im Straßengüterverkehr lag die Verkehrsleistung allerdings nur leicht unter dem Vorkrisenniveau. Gut geht es den Paketdiensten, denn infolge von Corona wird im Internet besonders viel bestellt. Im Schienengüterverkehr verzeichnete die ohnehin defizitäre DB Cargo hingegen Auftragsrückgänge im zweistelligen Prozentbereich. Ein echter Profiteur der Krise ist die Luftfracht, die in diesem Jahr Rekordumsätze einfliegen wird. (9)

Weiterführende Literatur:

(1.) Blaues Wunder
aus Der Tagesspiegel vom 17.10.2020, Seite 13

(2.) Betrieb mit halber Kraft
aus DVZ Deutsche Verkehrs-Zeitung, Heft 19/2020, S. 13

(3.) Masterplan auf gutem Weg
aus Verkehrs Rundschau, Heft 38/2020, S. 12

(4.) Land in Sicht
aus Verkehrs Rundschau, Heft 39/2020, S. 22-25

(5.) Auf Wachstumskurs
aus Verkehrs Rundschau, Heft 37/2020, S. 14-16

(6.) Zweistelliges Minus
aus Verkehrs Rundschau, Heft 19/2020, S. 26-27

(7.) Bärenmarkt in der Seeschifffahrt
aus Täglicher Hafenbericht, Heft 24/2020, S. 13

(8.) Schiffbau: Krise geht an Substanz
aus Täglicher Hafenbericht, Heft 187/2020, S. 1

(9.)Corona lässt Branche weiter leiden
aus DVZ Verkehrs-Zeitung Nr. 34/2020, Seite 10

Robert Reuter

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 10 vom 27.10.2020
Dokument-ID: s_tra_20201027

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