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Leo Kirch - der TV-Rechte-Coup und die Folgen

MEDIEN & VERLAGE | GENIOS BranchenWissen Nr. 11/2007 vom 29.11.2007

Beitrag

Der Medienunternehmer Leo Kirch hat einen neuen Coup gelandet. Von der Deutschen Fußball Liga (DFL) erwarb er die Inlandsrechte für die TV-Vermarktung der Fußballbundesliga. Von 2009 bis 2015 sollen insgesamt drei Milliarden Euro fließen. Aufgrund des Deals geriet nicht nur Premiere unter Druck. Auch die Großsponsoren sorgen sich um die Werbe-Attraktivität der Sportschau am Samstag.


Kirch sichert sich TV-Vermarktungsrechte der Bundesliga

Der vor fünf Jahren in die Pleite geschlitterte Medienunternehmer Leo Kirch ist mit einem regelrechten Paukenschlag auf die Medienbühne zurückgekehrt. Anfang Oktober erwarb Sirius, eine Tochterfirma der Leo Kirch-Agentur SF 15, von der DFL das Recht, die Fußballbundesliga von 2009 bis 2015 zu vermarkten. Dafür muss Sirius insgesamt drei Milliarden Euro hinblättern. Damit erhält die DFL künftig im Schnitt 500 Millionen Euro im Jahr. Derzeit erlöst der Dachverband der 36 Profiklubs rund 450 Millionen Euro aus dem Verkauf der TV-Rechte. DFL und Sirius planen zudem, ein gemeinsames Unternehmen zu gründen, das ein sendefertiges Produkt für die Live-Übertragungen im Pay-TV erstellen soll. Damit soll die Zahl der Bieter für den Bereich Bezahlfernsehen erhöht werden. Die geschätzten Kosten von rund 80 Millionen Euro für das Programm übernimmt Sirius vollständig. Die Agentur fungiert somit ab 2009 als eine Art Makler für die Bundesliga-Rechte, die unter anderem an Premiere weiterveräußert werden könnten. (6), (7), (10)


Rätselraten um Kirchs Geldquellen

Kirchs Rückkehr auf die Medienbühne hat unterdessen Rätselraten über seine Geldquellen ausgelöst. Denn der Medienunternehmer muss ab 2009 mindestens drei Milliarden Euro für die Fernsehrechte zahlen, zugleich aber beschäftigt die Pleite seines früheren Medienkonzerns KirchMedia aus dem Jahr 2002 noch immer Insolvenzverwalter und Gläubiger. Als mögliche Bürgen oder Hintermänner des Deals wurden bereits mehrere Namen gehandelt, darunter etwa der amerikanische Medientycoon Rupert Murdoch, mit dem Kirch schon früher Geschäfte gemacht hatte. Außerdem kursierten die Namen Commerzbank sowie UBS und Credit Suisse. Wieder andere Beobachter vermuten, dass Kirch für seinen Wiedereinstieg ins Geschäft weit weniger Kapital braucht, als es den Anschein hat. Kirchs Rolle bei dem Deal sei mit einem Autohändler zu vergleichen, der den Gebrauchtwagen eines Kunden in Kommission verkauft. Auch der muss den Preis für den Pkw dem Verkäufer nicht vorstrecken. Ähnlich verhält es sich im Falle Kirch. Seine Firma Sirius soll lediglich als Agent für die DFL die Fernsehrechte meistbietend verkaufen. (3), (8)


Hat sich die DFL verzockt?

Inzwischen ist an der Vertragskonstruktion zwischen Sirius und der DFL Kritik laut geworden. So sollen die deutschen Profiklubs die drei Milliarden Euro gestaffelt bekommen. In der Saison 2009/10 werden offenbar nur 460 Millionen fließen. Das wären nur wenig mehr als die Liga bislang erzielt. In der Saison 2014/15 werden schließlich 550 Millionen Euro fällig. Eine solche Konstruktion hatte der Bundesliga mit Kirch schon einmal Ärger bereitet. Im ersten Bundesliga-Vertrag mit Kirch begann es 2000/01 mit Zahlungen von knapp 350 Millionen Euro, im letzten Vertragsjahr 2003/04 sollten 450 Millionen Euro bezahlt werden. Doch da hatte das Unternehmen KirchMedia schon Insolvenz angemeldet. Da die Banken die Bürgschaften nur jeweils für ein Jahr übernehmen, befürchten Kritiker, dass sich dies wiederholen könnte. Vertreter der DFL versicherten aber, im Falle einer Insolvenz blieben die Rechte bei der Liga. Deshalb sei eine Finanzkrise des Profifußballs wie zu Beginn des Jahrtausends ausgeschlossen. Darüber hinaus wurde bekannt, dass Zusatzerlöse für die DFL kaum möglich seien. Von allen Einnahmen, die über 540 Millionen hinausgehen, erhält die Liga bis zu 640 Millionen nur zehn Prozent. Erst danach kassieren beide Partner hälftig. Sollte die Liga zudem auf dem Erhalt der ARD-Sportschau bestehen - und ein anderer frei empfangbarer Sender wie RTL oder Sat.1 mehr bieten -, so soll Kirch diese Differenz einstreichen. (5)


Zukunft der Sportschau offen Sponsoren fürchten um Werbe-Attraktivität

Aufgrund des Kirch-Deals ist auch die Zukunft der Sportschau ungewiss. Die Großsponsoren haben die Bundesliga-Clubs davor gewarnt, die gewohnte Sendezeit der ARD-Sportschau am Samstag um 18.30 Uhr in den späten Abend zu verlegen. Die Unternehmen fürchten um die Werbe-Attraktivität im Free-TV. Die elf großen Firmen investieren jährlich rund 400 Millionen Euro in die Fußball-Bundesliga. Sie fürchten, dass die Zuschauerzahlen von derzeit sechs Millionen auf drei Millionen Zuschauer sinken, wenn die Sendung erst um 22 Uhr ausgestrahlt wird. Die Werbe-Attraktivität der Bundesliga werde um mindestens 25 Prozent abnehmen, hieß es bei der Telekom. Manche Sponsoren befürchten sogar, dass der deutsche Fußball ganz ins Bezahlfernsehen abwandern könnte. (6), (9)



Fallbeispiele



Mit seinem Vorhaben setzt Kirch auch den Bezahlsender Premiere unter Druck. So können die öffentlich-rechtlichen Anbieter auch unter den neuen Bedingungen eigene Bundesliga-Produktionen senden, für Premiere soll dies aber ab der Spielsaison 2009 nicht mehr der Fall sein. Denn ab 2009/10 vertreiben Sirius und DFL im abo-pflichtigen Live-Bereich auch ein sendefertiges Bundesliga-TV, das Lizenznehmern eine eigene Produktion erspart. Damit könnte Premiere seine nach dem Arena-Crash gerade wieder hochgefahrene Bundesliga-Redaktion erneut eindampfen. Premiere-Vorstand Carsten Schmidt lehnte bereits ein fertiges Produkt für seinen Sender ab: "Wir garantieren unseren Kunden journalistische Unabhängigkeit, die werden wir nicht aufgeben." (1), (10)

Der Untergang der KirchMedia war die bis dahin größte Firmenpleite in Deutschland nach Kriegsende. Kirch verzettelte sich vor allem im Pay-TV-Geschäft. Die einst zum Kirch-Reich gehörende Premiere ist heute eines der wenigen Überbleibsel aus dieser Zeit. Premiere-Chef Georg Kofler baute den Bezahlsender wieder auf. Mit dem Verlust der Bundesliga-Rechte an die UnityMedia-Tochter Arena vor zwei Jahren geriet Premiere aber ins Trudeln. Die vor einigen Monaten erzielte Einigung mit Arena auf die gemeinsame Vermarktung der Ligarechte brachte Kofler aber wieder in das wichtige Bundesliga-Geschäft zurück. Vom einstigen Kirch-Reich sind neben Premiere noch ProSiebenSat.1 und EM.Sport Media, früher EM.TV, übrig geblieben. (1)

Zahlen & Fakten

Mit jährlichen Einnahmen von 1,2 Milliarden Euro liegt die Bundesliga auf Platz drei der europäischen Fußball-Ligen. Spitzenreiter ist mit einem Umsatz von zwei Milliarden Euro die britische Premier League. Platz zwei belegt mit 1,4 Milliarden Euro die italienische Serie A. Bei den TV-Einnahmen bildete die Bundesliga mit 420 Millionen Euro bislang das Schlusslicht. Ab 2009 garantiert die Firma Sirius des Medienunternehmers Leo Kirch der DFL jährlich 500 Millionen Euro TV-Einnahmen. Bei den Sponsoringeinnahmen ist Deutschland mit 360 Millionen Euro Spitzenreiter. (2)



Während Kirch die Vermarktungsrechte für das Inland erwarb, hat bislang der Wettanbieter bwin für die DFL die Auslandsrechte vermarktet. Künftig will die DFL die Auslandsrechte aber in Eigenregie vermarkten. Dadurch sollen die der Erlöse pro Jahr von 18,2 Millionen auf 42,5 Millionen Euro steigen. Die Einnahmen in der laufenden Saison lassen sich wie folgt aufschlüsseln: Insgesamt nimmt die DFL 446,7 Millionen Euro ein, davon 404,6 Millionen Euro aus der Inlandsvermarktung, die ab 2009 an Kirch geht, aus der Auslandsvermarktung kommen 18,2 Millionen Euro (bwin). Außerdem fließen 23,9 Millionen Euro aus der Rubrik Marketing & Sonstiges zu. (4)



Auch wenn Kirch hinter dem Rechte-Deal steckt, so treten aufgrund seines fortgeschrittenen Alters mittlerweile andere Personen als Schlüsselfiguren auf. Die Verhandlungen mit DFL-Geschäftsführer Christian Seifert führten sein engster Vertrauter Dieter Hahn und die Branchenexpertin Dagmar Brandenstein. Letztere war zuvor Geschäftsführerin der Sportrechteagentur von ARD und ZDF. Diese Verhandlungspartner schufen auf Seiten der DFL die Vertrauensbasis, um sich mit den Kirch-Vertretern zu einigen, hieß es. Ansonsten hätte es keinen Grund mehr gegeben, mit Kirch erneut ins Geschäft zu kommen. Schließlich brachte Kirch mit seiner Insolvenz vor fünf Jahren viele Bundesliga-Clubs in Bedrängnis. Statt der einkalkulierten 820 Millionen Euro für die der Kirch-Pleite folgenden beiden Spielzeiten musste die Liga damals mit nur 600 Millionen Euro TV-Einnahmen auskommen. Vor diesem Hintergrund wird der neuerliche Deal der DFL mit Kopfschütteln quittiert. Den Vereinen gehe es mehr ums Geld als um die Solidität des Verhandlungspartners, lautet die Kritik. (1)

Weiterführende Literatur:

(1.) Kroneck, Stefan, Kirch-Comeback setzt Premiere unter Druck - Analysten reagieren mit Herabstufungen der Bezahlsender-Aktie - Früherer Medienpleitier baut wieder verschachteltes System auf, Börsen-Zeitung, 11.10.2007, Nummer 195, Seite 11
aus Börsen-Zeitung, 11.10.2007, Nummer 195, Seite 11

(2.) Kaiser, Tina, Reiche Bundesliga, DIE WELT, 19.11.2007, Nr. 270, S. 12
aus DIE WELT, 19.11.2007, Nr. 270, S. 12

(3.) O.V., Garantien à la Kirch - Rätseln um die Geldquellen des Medienunternehmers, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.10.2007, Nr. 237, S. 26
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.10.2007, Nr. 237, S. 26

(4.) O.V., Fußball DFL - Bundesliga-Auslandsrechte bringen DFL mehr Geld, HANDELSBLATT online 20071108 16:48:00
aus HANDELSBLATT online 08.11.2007 16:48:00

(5.) O.V., Haken im Kirch-Vertrag: Zahlungen nur gestaffelt - Konstruktion wie früher: Zuwachsraten erst in der Zukunft, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.11.2007, Nr. 258, S. 34
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.11.2007, Nr. 258, S. 34

(6.) O.V., DFL spielt auf Zeit, Spiegel Online, 25.10.2007
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.11.2007, Nr. 258, S. 34

(7.) O.V., Was wollen die Klubs?, netzeitung.de vom 31.10.2007
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.11.2007, Nr. 258, S. 34

(8.) O.V., Kirch-Deal - Ein Kreditinstitut sichert Bürgschaft, Börsen-Zeitung, 11.10.2007, Nummer 195, Seite 11
aus Börsen-Zeitung, 11.10.2007, Nummer 195, Seite 11

(9.) Peymani, Bijan, Und ewig droht das Pay-TV, HORIZONT 42 vom 18.10.2007 Seite 017
aus HORIZONT 42 vom 18.10.2007 Seite 017

(10.) O.V., Bundesliga TV: DFL mischt mit Leo Kirch die Karten neu - In Kooperation mit Kirch will der Ligaverband 3,45 Mrd. von 2009 bis 2015 erlösen, medien aktuell vom 15.10.2007, S. 14
aus HORIZONT 42 vom 18.10.2007 Seite 017

T.Trares

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 11/2007 vom 29.11.2007
Dokument-ID: s_med_20071129

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