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Lebensversicherungsbranche - Reformvorschläge gefährden Geschäftsmodell

VERSICHERUNGEN | GENIOS BranchenWissen Nr. 07/2006 vom 17.07.2006

Beitrag

Werden die Vorschläge zur Novellierung des VVG Realität, muss laut Aussage der Versicherungswirtschaft damit gerechnet werden, dass die Aktienmärkte zusammenbrechen, die Bundesregierung eine neue Rentenreform beschließen muss und der Finanzplatz Deutschland geschwächt wird. (4)



Forderungen des Paragraf 153 des VVG-Entwurfs

Das Bundesjustizministerium hat im März 2006 den Entwurf für die Novellierung des VVG vorgelegt. Ein zentraler Punkt der VVG-Reform ist die künftige Gestaltung der Überschussbeteiligung in der Lebensversicherung. Mit dieser neuen Regelung möchte die Bundesregierung Urteilen des Bundesgerichtshofs und des Bundesverfassungsgerichts Rechnung tagen, die eine transparentere Beteiligung der Kunden an den so genannten stillen Reserven verlangen. Stille Reserven oder Bewertungsreserven entstehen etwa, wenn die Marktwerte von Aktien, Anleihen oder anderen Kapitalanlagen über dem Wert liegen, mit dem sie in der Bilanz ausgewiesen werden. Nach Paragraf 153 des Entwurfs müssen Versicherer Bewertungsreserven zu 50 Prozent binnen zwei Jahren ihren Kunden unwiderruflich gutschreiben. Das Problem: Sinkt der Kurs der Aktien, nachdem die Versicherer den Kunden die Wertsteigerung gutgeschrieben haben, können die Firmen den eingetretenen Verlust nicht zurückholen. (2), (3), (5)

Bisher beteiligen die Lebensversicherer Kunden nur an den stillen Reserven, die diese durch den Verkauf von Aktien oder anderen Kapitalanlagen auch tatsächlich realisiert haben. Ein großer Teil der Erlöse geht in die Schlussüberschussbeteiligung. Sie werden allerdings nur denjenigen gezahlt, die ihren Vertrag bis zum Ablauf durchhalten. Rund die Hälfte aller Verträge wird aber vorzeitig gekündigt. (2), (8)



Kritik der Versicherer am Entwurf des VVG

Die Assekuranz hat sich entschieden gegen die vorgeschlagene Neuregelung der Überschussbeteiligung in der Lebensversicherung ausgesprochen. Nach ihrer Auffassung würde eine Umsetzung das Geschäftsmodell der Lebensversicherer in Frage stellen und den Fortbestand der Unternehmen gefährden.

In einer Stellungnahme des Gesamtverbandes der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) heißt es, dass die neuen Regeln "die Solvabilität und Risikotragfähigkeit der Unternehmen im höchsten Maße gefährden. Da ein erheblicher Teil der Reserven nicht mehr als Risikopuffer zur Verfügung steht, um Kapitalmarktschwankungen auszugleichen. Dadurch wird die Risikotragfähigkeit der Unternehmen sehr stark reduziert. (1), (2)

Der GDV warnt außerdem davor, dass das Festschreiben von Kapitalmarktgewinnen dazu führen werde, dass sozialpolitisch erforderliche Garantieprodukte wie die Riester- und die Basis-Rente nicht mehr angeboten werden können. (1), (4)



Vorschlag der Versicherungsbranche zur Beteiligung der Versicherungsnehmer an den stillen Reserven

Die Versicherungsbranche hat im Mai 2006 einen eigenen Vorschlag vorgelegt, wie ihre Lebensversicherungskunden künftig an den stillen Reserven beteiligt werden sollen. Laut GDV sollen stille Reserven auf festverzinsliche Wertpapiere - das sind mehr als 80 Prozent der Kapitalanlagen der Lebensversicherer - gar nicht einbezogen werden. Von den stillen Reserven auf die übrigen Kapitalanlagen, vor allem Aktien, Beteiligungen und Immobilien, wollen die Versicherer zunächst einen Risikopuffer abziehen. Der Rest soll den Kunden zu 90 Prozent als Schlusszahlung bei Vertragsende zukommen, auch nach Vertragskündigung. (3)

Die Nichtbeachtung der stillen Reserven auf festverzinsliche Papiere im GDV-Modell ergibt sich aus deren "flüchtiger Natur". Stille Reserven auf festverzinsliche Wertpapiere entstehen durch fallende Zinsen. Da die Papiere aber meistens bis zur Fälligkeit gehalten werden, werden diese Reserven selten realisiert. Bei steigenden Zinsen verschwinden sie. (3)

Der Risikopuffer, der nicht den Kunden gutgeschrieben werden soll, soll dem entsprechen, den die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) in den so genannten Stresstests vorsieht. Bei Aktien verlangt die BaFin, dass die Versicherer einen Wertverfall von 35 Prozent aushalten. Das bedeutet bspw. wenn der Aktienbestand eines Versicherers mit EUR 10 Millionen in der Bilanz steht und am Markt EUR 16 Millionen wert ist, betragen die stillen Reserven EUR 6 Millionen. Davon müssten aber zunächst 35 Prozent der EUR 16 Millionen abgezogen werden, das sind EUR 5,6 Millionen. Die Kunden erhalten laut GDV-Vorschlag von den übrigen EUR 0,4 Millionen 90 Prozent. (3)



Fallbeispiele



Thomas Steffen, der oberste BaFin-Versicherungsaufseher, sieht Anzeichen dafür, dass der umstrittene Entwurf in entscheidenden Punkten nachgebessert wird. Seiner Ansicht nach, stellen die verbindlichen Zuschreibungen ein Problem dar. Allerdings wird die Branche nicht ganz ohne neue Regelungen für die Beteiligung der Kunden an den stillen Reserven davonkommen. (4)

Maximilian Zimmerer, Chef von Deutschlands größter Lebensversicherung, der Allianz Leben, forderte in einem Interview die Korrektur des VVG. Den Versicherern ist es nicht möglich, bereits während der Vertragslaufzeit ihren Kunden stille Reserven verbindlich zuzuschreiben. Die Unternehmen brauchen einen Puffer gegen Schwankungen am Kapitalmarkt. Anderenfalls können Garantien, die ein essenzieller Bestandteil der Lebensversicherung sind, nicht mehr angeboten werden. (6)

Zahlen & Fakten

Der GDV verdeutlichte an einem Beispiel, was die 50-Prozent-Regel für Folgen hätte: Ein Kursanstieg der Aktien um 30 Prozent, bei Zuteilung von 50 Prozent der Reserven an die Versicherten, würde bei einem anschließenden Rückgang der Aktienkurse um 20 Prozent zu einer bilanziellen Unterdeckung führen. Die Folge wäre eine Verringerung des Eigenkapitals. Das entsprechende Szenario würde sich auch bei festverzinslichen Wertpapieren ergeben. Nach Berechnungen des GDV würde die Zuweisung aller Überschüsse nach zwei Jahren zum Rückgang der Solvabilitätsquote der Branche von aktuell 182 auf 87 Prozent führen. Damit würden etwa 63 Prozent aller Lebensversicherer eine Unterdeckung aufweisen. In der Konsequenz müssten die Versicherer fast vollständig ihre Anlagen in Aktien, Beteiligungen und Immobilien aufgeben. Die bisherigen Bestände (Gesamtvolumen über EUR 100 Milliarden) müssten mit den entsprechenden Belastungen für den Kapitalmarkt in großem Umfang veräußert werden. Die Versicherer müssten in kurzfristige Anlagen investieren, die geringere Schwankungen aufweisen, aber auch eine geringere Rendite erzielen. (1), (7)

Weiterführende Literatur:

(1.) O.V., Versicherer fürchten um ihre Existenz, Verband: Reformvorschläge für Versicherungsvertragsgesetz schwächen Finanzplatz Deutschland, Börsen-Zeitung, 16.05.2006, Nummer 93, S. 5
aus Börsen-Zeitung, 16.05.2006, Nummer 93, Seite 5

(2.) Krüger, Anja, Aktuare wollen Kunden Geld abgeben, Mit ihrem Vorschlag gehen Versicherungsmathematiker im Streit um stille Reserven auf Regierung zu, Financial Times Deutschland vom 28.04.2006, S. 24
aus Financial Times Deutschland vom 28.04.2006, Seite 24

(3.) Fromme, Herbert, Assekuranz kontert Reformvorhaben, Vorschläge für Beteiligung der Kunden an stillen Reserven, Festverzinsliche Papiere nicht berücksichtigt, Financial Times Deutschland vom 16.05.2006, S. 23
aus Financial Times Deutschland vom 16.05.2006, Seite 23

(4.) Fromme, Herbert, Krüger, Anja, Branche bangt um Geschäftsgrundlage, Der Entwurf für das neue Versicherungsvertragsgesetz enthält 212 Paragrafen. Einer von ihnen hat die Sprengkraft, das System der Lebensversicherung in Frage zu stellen, Financial Times Deutschland vom 30.05.2006, S. 19
aus Financial Times Deutschland vom 30.05.2006, Seite 19

(5.) Fromme, Herbert, Krüger, Anja, Politik krempelt Geschäftsmodelle um, Die Versicherungswirtschaft steht vor einer umfassenden Neuordnung ihrer gesetzlichen Grundlagen. Die Regierung führt ein neues Versicherungsvertragsrecht ein, die EU neue Grundsätze für die Vermittler und Vorschriften für das Eigenkapital der Versicherer. Die Folgen sind weit reichend, Financial Times Deutschland vom 29.05.2006, S. 19
aus Financial Times Deutschland vom 29.05.2006, Seite 19

(6.) O.V., Allianz Leben sieht ihr Geschäft bedroht, Handelsblatt Nr. 102 vom 29.05.06 S. 22
aus Handelsblatt Nr. 102 vom 29.05.06 Seite 22

(7.) Drost, Frank, M., Steinbrück schützt Versicherer, Handelsblatt Nr. 092 vom 12.05.06 S. 33
aus Handelsblatt Nr. 092 vom 12.05.06 Seite 33

(8.) Fromme, Herbert, Regierung geht auf Versicherer zu, Regel zu stillen Reserven soll abgeschwächt werden, Financial Times Deutschland vom 26.04.2006, S. 1
aus Financial Times Deutschland vom 26.04.2006, Seite 1

A.Kaindl

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 07/2006 vom 17.07.2006
Dokument-ID: s_ver_20060717

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