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Lebensversicherer - die Beitragseinnahmen beginnen zu bröckeln

VERSICHERUNGEN | GENIOS BranchenWissen Nr. 03 vom 31.03.2016


Beitragseinnahmen beginnen zu bröckeln

Die Beitragseinnahmen der Lebensversicherer sind 2015 um 1,3 Prozent auf 92,5 Milliarden Euro gesunken. Verantwortlich dafür war das Geschäft mit Einmalbeiträgen. Hier sanken die Einnahmen um 4,5 Prozent auf 27,9 Milliarden Euro. Grund war in erster Linie ein geringeres Angebot, weniger eine gesunkene Nachfrage. Die Einnahmen gegen laufenden Beitrag stagnierten bei 64,6 Milliarden Euro. Für 2016 hofft die Branche, den Rückgang der Beitragseinnahmen auf ein Prozent begrenzen zu können. Die Lebensversicherung ist nicht nur die größte Sparte der Versicherungswirtschaft, sondern auch der größte Baustein der privaten Altersvorsorge in Deutschland. Mehr als 90 Millionen Verträge gibt es hierzulande. (1), [Abb. 1]


Niedrigzins macht klassische Lebensversicherung unattraktiv

Die anhaltende Niedrigzinsphase lässt das Geschäftsmodell der Lebensversicherer erodieren. In der klassischen Lebensversicherung garantieren die Versicherer ihren Kunden eine Mindestverzinsung (Garantiezins) auf die eingezahlten Beiträge. Hinzu kommt eine Überschussbeteiligung, die vom Anlageerfolg des Versicherers abhängt. Dieser investiert Kundengelder vor allem in als sicher geltende Staatsanleihen. Diese Papiere werfen aber so gut wie keine Rendite mehr ab, seit die Europäische Zentralbank die Zinsen auf null gedrückt hat. Den Versicherern fällt es daher immer schwerer, ihre Garantieversprechen zu erfüllen. Zudem sinken Garantiezins und die laufende Verzinsung ihrer Produkte. (2), (4)


Produktangebot wird unübersichtlicher

Immer mehr Versicherungen bieten auch Produkte ohne klassische Garantieversprechen bzw. in abgespeckter Form an. Zugesichert werden stattdessen der Erhalt der eingezahlten Beiträge und später eine Mindestrente. Diese Produkte sind aber schwerer zu vergleichen, weil sie sich hinsichtlich verschiedener Vertragsbestandteile unterscheiden. Ein neues Produkt, das die Versicherer anbieten, sind Indexpolicen. Bei ihnen fließen Überschüsse nicht wie in herkömmlichen Verträgen in das Sicherungsvermögen, sondern in Indexfonds. (2), (3)



Trends

Die klassische Variante der Lebensversicherung wird allmählich vom Markt verschwinden. Wer heute eine private Rentenversicherung mit 1,25 Prozent Garantiezins abschließt, hat aus heutiger Sicht nach 25 Jahren eine garantierte Beitragsrendite von 0,42 Prozent. Dies liegt daran, dass die laufende Verzinsung aus Garantiezins und Überschüssen sich nur auf den Sparanteil der Beiträge bezieht, also auf den Betrag, der sich nach Abzug von Abschluss- und Verwaltungskosten ergibt. Die geringe Verzinsung macht die Lebensversicherung unattraktiv. (2)

Die Ratingagentur Assekurata prognostiziert, dass die Versicherer im laufenden Jahr zwölf Milliarden Euro für die Zinszusatzreserve zurücklegen müssen. 2015 waren es noch rund zehn Milliarden Euro. Der Anstieg rührt daher, dass erstmals auch für Verträge mit einem Garantiezins von 2,75 Prozent nachreserviert werden muss. Um auch in Zukunft ihren Leistungsversprechen nachkommen zu können, sind die Versicherer von der Finanzaufsicht Bafin dazu verpflichtet worden, Geld in einer Zinszusatzreserve zu halten. Diese Mittel können dann nicht mehr als Überschuss an die Kunden ausgeschüttet werden. Das schmälert die Rendite der neuen Verträge zusätzlich. (4)

Auf breiter Front haben die deutschen Lebensversicherer zum Jahreswechsel ihre Überschussbeteiligungen gesenkt. Für jüngere private Rentenversicherungen mit Garantiezinsen unterhalb von 2,25 Prozent fiel die durchschnittliche laufende Verzinsung um 0,3 Prozentpunkte auf 2,86 Prozent. Das zeigt die diesjährige Überschussstudie der Ratingagentur Assekurata. Lediglich vier von 59 untersuchten Gesellschaften ließen die laufende Verzinsung unverändert. (3), (4)

Aufgrund der anhaltend niedrigen Zinsen empfiehlt die Deutsche Aktuarvereinigung, die garantierte Rendite für Neuverträge ab Anfang 2018 von derzeit 1,25 Prozent auf 1,00 Prozent zu senken. Für 2017 sei ein Zins von 1,25 Prozent weiterhin vertretbar. (2)

Die Kapitalanlagen der deutschen Lebensversicherer sind 2015 um fast 30 Milliarden Euro auf über 851 Milliarden Euro gestiegen. Dies sind rund 60 Prozent des gesamten Vermögens der hiesigen Erstversicherer. Davon ist jeder dritte Euro in Spezialfonds angelegt. Dabei sind die Versicherer etwas mehr in Risiko gegangen. Der Aktienanteil stieg auf 4,1 von zuvor 3,3 Prozent. (6)

Trotz der Probleme bei den klassischen Produkten gehen die Lebensversicherer deutlich hoffnungsvoller ins Geschäftsjahr 2016 als in früheren Jahren. Dies ergab eine Umfrage der Ratingagentur Assekurata. Demnach verbessern sich insbesondere in der betrieblichen Altersvorsorge und dem fondsgebundenen Geschäft die Aussichten. (7)

Die deutschen Lebensversicherer können auch bei einer noch länger anhaltenden Niedrigzinsphase ihre Garantien bedienen. Dies gilt für die 23 Versicherer und Versicherungsgruppen, welche die Ratingagentur Fitch untersucht hat. Die Gesellschaften decken rund 70 Prozent des deutschen Marktes ab. Die niedrigen Zinsen sind zwar der Hauptgrund für einen negativen fundamentalen Ausblick für den Sektor. Gleichwohl reichten die Anlageerträge noch bis 2026 aus, um die Garantien in den Kapitallebens- und Rentenversicherungen zu decken. (8)



Fallbeispiele

Bei der Allianz sind 2015 die Beitragseinnahmen in Leben um 6,7 Prozent auf 17,7 Milliarden Euro gesunken. Der größte deutsche Versicherer hatte im vergangenen Jahr den Verkauf von Policen mit Garantien eingedampft. Insgesamt erwartet die Allianz im laufenden Jahr eine Umsatzstagnation. Der Vorstand begründet dies mit der Ausrichtung auf profitables Wachstum in der Sparte Lebensversicherung. (7), (9)

Bei Axa Deutschland, dem fünftgrößten deutschen Versicherer, hat die Schaden- und Unfallversicherung inzwischen die Lebensversicherung als größten Geschäftsbereich abgelöst. Der Grund: die Beiträge in der Lebensversicherung sanken 2015 um 1,6 Prozent. Gleichwohl stießen neue Produkte auf rege Nachfrage. So sind die Einnahmen der mit einem neuen Garantiemodell ausgestatteten "Relax Rente" um 63 Prozent auf 93 Millionen Euro gestiegen. (10)

Ähnlich sieht es bei der Wüstenrot & Württembergischen aus. Auch hier war 2015 die Entwicklung im Lebens- und Sachgeschäft gegensätzlich. Die Gruppe meldete sogar das höchste Konzernergebnis überhaupt, während die Beiträge in Leben um 3,6 Prozent auf 2,17 Milliarden Euro sanken. Der Versicherer verwies darauf, dass das Interesse an Informationen über Lebensversicherungen zwar weiterhin groß sei, aber die Abschlussbereitschaft etwas nachgelassen habe. (7), (11)

Dagegen hat die R+V-Gruppe im Lebens-und Pensionsversicherungsgeschäft ihre Einnahmen um 6,4 Prozent auf 7,4 Milliarden Euro gesteigert. Die Einmalbeiträge legten um 10,3 Prozent auf 3,6 Milliarden Euro zu, die laufenden Beiträge um 2,9 Prozent auf 3,8 Milliarden Euro. Die R+V hat auch die neuen Indexpolicen im Angebot. Bei der "IndexInvest" kann der Kunde jährlich wählen, ob er in den folgenden zwölf Monaten an der Entwicklung eines Aktienindex partizipieren will oder ob er komplett eine Überschussbeteiligung erhalten möchte. Diese Überschussbeteiligung ähnelt jener bei klassischen Policen, allerdings gibt es keinen Garantiezins. (5), (7)



Zahlen & Fakten


Abbildung 1: Beitragseinnahmen in der Lebensversicherung
Jahr in Milliarden Euro
201592,5
201493,7
201390,8
201286,1
201186,7
201090,4
200985,2

Quelle: GDV Entnommen aus: Versicherungsjournal.de, Ausgabe vom 15.02.2016 (1), eigene Recherchen

Weiterführende Literatur:

(1.) Lebensversicherer stehen auch 2016 hart im Wind
aus VersicherungsJournal.de, Ausgabe vom 15.02.2016:

(2.) Garantiezins gerät weiter unter Druck - Geldschwemme der EZB setzt der Branche enorm zu - Ältere Policen mit höherer Rendite
aus VersicherungsJournal.de, Ausgabe vom 15.02.2016:

(3.) Renditen von Lebensversicherungen schmelzen - Durch die niedrigen Zinsen muss der Kunde sich auf geringere Auszahlungen gefasst machen
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.01.2016, Nr. 24, S. 29

(4.) Druck auf Lebensversicherer wächst - Assekurata prognostiziert 12 Mrd. Euro Zinszusatzreserve für 2016 - "Paradigmenwechsel" in Produktwelt
aus Börsen-Zeitung vom 29.01.2016, Nr. 19, S. 4

(5.) Lebensversicherungen - Frei, flexibel, renditestark? - Neue Produkte helfen Lebensversicherern aus der Niedrigzins-Misere, aber helfen sie auch den Kunden?
aus EURO, 23.03.2016, Nr. 4, S. 118 - 123

(6.) Wie die Lebensversicherer ihr Kapital anlegen
aus VersicherungsJournal.de, Ausgabe vom 18.03.2016:

(7.) Tot ist die Lebensversicherung noch lange nicht - Auch wenn die Vorsorgebereitschaft tief im Keller ist und vielerorts bereits Abgesänge auf die Lebensversicherung zu hören sind - die Anbieter sehen die Situation lange nicht so schwarz.
aus VersicherungsJournal.de, Ausgabe vom 09.03.2016:

(8.) Deutsche Lebensversicherer können Garantien bis 2034 bedienen - Fitch: Neuanlage wirft Rendite bis 2,5 Prozent ab - Schaden- und Unfallversicherer haben niedrige Schaden-Kosten-Quoten
aus Börsen-Zeitung vom 28.01.2016, Nr. 18, S. 4

(9.) Allianz rechnet mit einem stagnierenden Umsatz - Lebensversicherung bleibt unter Druck - Geschäftsbericht dokumentiert Stillstand bei der Frauenförderung
aus Börsen-Zeitung vom 12.03.2016, Nr. 50, S. 3

(10.) Sachsparte treibt Gewinn von Axa Deutschland - Erneut Rückgang in der Lebensversicherung
aus Börsen-Zeitung vom 23.03.2016, Nr. 57, S. 3

(11.) W&W und R+V melden für 2015 neue Rekorde - Die W&W-Gruppe, der R+V-Konzern und die LVM Versicherung haben vorläufige Ergebnisse für das Geschäftsjahr 2015 veröffentlicht.
aus VersicherungsJournal.de, Ausgabe vom 19.02.2016:

Thomas Trares

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 03 vom 31.03.2016
Dokument-ID: s_ver_20160331

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