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Lebensversicherer - Beiträge bröckeln, das Geschäftsmodell erodiert

VERSICHERUNGEN | GENIOS BranchenWissen Nr. 03 vom 31.03.2017


Beitragseinnahmen auch 2016 auf Sinkflug

Die Beitragseinnahmen der Lebensversicherer sind 2016 um 2,2 Prozent auf 90,7 Milliarden Euro gesunken. Verantwortlich dafür war das Geschäft mit Einmalbeiträgen. Hier sanken die Beitragseinnahmen um 6,6 Prozent auf 26,0 Milliarden Euro. Die Einnahmen gegen laufenden Beitrag legten dagegen leicht zu. Für 2017 rechnet die Branche mit einem Einnahmerückgang von 0,5 Prozent. Die Lebensversicherung ist nicht nur die größte Sparte der Versicherungswirtschaft, sondern auch der größte Baustein der privaten Altersvorsorge in Deutschland. Die Zahl der Verträge ist im vergangenen Jahr aber auf unter 90 Millionen gesunken. Vor zwei Jahren waren es noch 92,4 Millionen. (1), (2), [Abb. 1]


Klassische Lebensversicherung wirft immer weniger ab

Grund für die Probleme bei der Lebensversicherung ist die anhaltende Niedrigzinsphase. Bei den klassischen Produkten garantieren die Versicherer ihren Kunden eine Mindestverzinsung ( Garantiezins) auf die eingezahlten Beiträge. Hinzu kommt eine Überschussbeteiligung, die vom Anlageerfolg des Versicherers abhängt. Dieser investiert Kundengelder vor allem in als sicher geltende Staatsanleihen. Diese Papiere werfen aber so gut wie keine Rendite mehr ab, seit die Europäische Zentralbank die Zinsen auf null gedrückt hat. Den Versicherern fällt es daher immer schwerer, ihre Garantieversprechen zu erfüllen. Der Garantiezins liegt derzeit bei 0,9 Prozent, die Überschussbeteiligung im Schnitt bei 2,57 Prozent. (2), (3), (5)


Neue Produkte immer öfter ohne Garantiezins

Wegen der niedrigen Zinsen rücken immer mehr Versicherer von der klassischen Lebensversicherung ab. 46 Prozent des Neugeschäfts entfallen inzwischen auf Produkte mit modifizierten Garantien. 2015 waren es noch 37 Prozent. Vor allem die Branchenführer Allianz, Ergo und Axa bieten neue Produkte an. Kleinere Anbieter halten oft noch am Garantiezins fest, weil er das Alleinstellungsmerkmal der Lebensversicherung und traditionell das stärkste Verkaufsargument ist. Die neuen Policen eröffnen den Anbietern mehr Spielräume. Beim Verbraucher sinkt dagegen die Planbarkeit der Altersvorsorge. Zudem geht der Grundcharakter der Lebensversicherung verloren. Den neuen Produkten, die auch unter Neue Klassik oder Indexpolicen firmieren, ist gemeinsam, dass die Garantien für den Kunden deutlich reduziert sind. Oft gibt es nur eine garantierte Mindestrente und einen garantierten Rückkaufswert. (1), (2), (4)



Trends

Die betriebliche Altersversorgung (bAV) ist ein wichtiger Pfeiler der Lebensversicherung. Die Zahl der Verträge nahm 2016 um 1,2 Prozent auf 15,5 Millionen zu. Die Beitragseinnahmen sanken allerdings wegen eines Sondereffekts um 14,2 Prozent auf 18,3 Milliarden Euro. Der Anteil der bAV an den Beitragseinnahmen der Lebensversicherer beträgt inzwischen 20,2 Prozent, im Jahr 2000 waren es noch 12,7 Prozent. Das Neugeschäft mit Riester-Verträgen ist dagegen um 8,4 Prozent auf 341 000 Stück eingebrochen. Der Bestand ging um 0,8 Prozent auf 10,7 Millionen zurück. (1)

Zum Jahreswechsel haben die deutschen Lebensversicherer ihre Überschussbeteiligungen gesenkt. Im Schnitt sind es nun 2,57 Prozent, das sind 0,36 Prozentpunkte weniger als 2016. Am stärksten abgesenkt hat die Nürnberger Beamten, die jetzt 1,75 Prozent auf den Sparanteil gutschreibt, einen Prozentpunkt weniger als im Vorjahr. Die Öffentlichen Versicherungen Sachsen-Anhalt (ÖSA) reduzierten auf 2,0 von zuvor 2,75 Prozent, die Ideal auf 3,0 Prozent von zuvor 3,70 Prozent. Gesunken ist auch der Garantiezins für Lebensversicherungen, und zwar auf 0,9 von zuvor 1,25 Prozent. (3), (5)

Seit Jahresbeginn gelten neue Steuerregeln für Lebensversicherungen: Betroffen sind Kunden, die nach 2004 eine Kapitallebens- oder Rentenversicherung mit Kapitalwahlrecht abgeschlossen haben. Sie müssen bei einer Einmalauszahlung nun die Differenz zwischen Versicherungsleistung und eingezahlten Beiträgen zur Hälfte mit ihrem individuellen Tarif versteuern. Voraussetzung dafür: Sie haben zum Zeitpunkt der Auszahlung das 60. Lebensjahr vollendet und der Vertrag hat mindestens zwölf Jahre Bestand. Einmalauszahlungen aus Versicherungen, die vor 2005 abgeschlossen wurden, sind weiter steuerfrei. (5)

Zwischen 2011 und 2015 betrug die Nettorendite der deutschen Lebensversicherer im Schnitt 4,52 Prozent. Dies geht aus dem Map-Report 889 hervor. Die Neue Bayerische Beamten und die Alte Leipziger kommen mit über fünf Prozent auf die höchsten Werte. Schlusslicht ist die Landeslebenshilfe mit knapp über drei Prozent. Die 15 Branchengrößen blieben fast alle über vier Prozent, aber nur sechs davon lagen über dem Branchenschnitt. Unter vier Prozent Nettorendite blieb dagegen die Ergo Direkt Lebensversicherung AG, die ihr Neugeschäft einstellen wird. (7)

Die hohen Garantien aus der Vergangenheit werden die deutschen Lebensversicherer 2017 so stark belasten wie noch nie. Die Ratingagentur Assekurata geht davon aus, dass die Branche 20 Milliarden Euro für die Zinszusatzreserve zurücklegen muss. 2016 waren es rund 13 Milliarden Euro. Bislang haben sich die Lebensversicherer mit der 2011 eingeführten Zinszusatzreserve einen Puffer von insgesamt 45 Milliarden Euro zugelegt. Er dürfte bei einem anhaltenden Zinstief bis 2025 auf etwa 200 Milliarden Euro wachsen. (9)



Fallbeispiele

Beim Marktführer Allianz Deutschland sind die Beitragseinnahmen in der Lebensversicherung 2016 um 6,4 Prozent auf knapp 18,9 Milliarden Euro gestiegen. Das Neugeschäft wuchs um 21 Prozent. Das Ergebnis kletterte um 0,3 Prozent auf 1,3 Milliarden Euro. Bei den neu abgeschlossenen Lebensversicherungen mit höherem Risiko beläuft sich der Marktanteil der Allianz mittlerweile auf knapp ein Drittel. Einen Verkauf alter Lebensversicherungen schließt die Allianz aus. Wettbewerber sind dazu übergegangen, die teuren Policen zu reduzieren. (10)

Bei Axa Deutschland sind die Prämieneinnahmen in der Lebensparte 2016 um 1,9 Prozent auf 3,79 Milliarden Euro geschrumpft. Ursächlich dafür waren die Einmalbeiträge, die um 11,1 Prozent sanken. Die Einnahmen aus laufenden Beiträgen blieben mit 3,07 Milliarden Euro nahezu stabil. Das Neugeschäftsvolumen steigerte die Axa um 1,7 Prozent auf 275 Millionen Euro. 91 Millionen Euro davon entfielen auf die neue Relax Rente, bei der unterschiedliche Renditechancen mit einer Garantiekomponente verbunden wurden. (6)

Die R+V-Gruppe hat 2016 den Neubeitrags in der Lebens- und Pensionsversicherung um 2,4 Prozent auf 4,3 Milliarden Euro gesteigert. Damit hat der genossenschaftliche Versicherer das Vorjahresergebnis zum sechsten Mal in Folge übertroffen. Den höchsten Neubeitrag verzeichnete die betriebliche Altersversorgung mit 1,4 Milliarden Euro. Die gebuchten Beitragseinnahmen legten um 1,8 Prozent auf 7,5 Milliarden Euro zu. Beflügelt haben die hohen Ablaufleistungen aus Altverträgen, die Garantiezinssenkung sowie der breite Produktmix. (8)

Ein starkes Lebensversicherungsgeschäft verzeichnete auch die SV SparkassenVersicherung. Sowohl in der privaten als auch der betrieblichen Vorsorge wurden besonders die kapitalmarktnäheren Produkte stark nachgefragt. In der Rentenversicherung gingen 64 Prozent der verkauften Policen auf das Konto des indexbasierten Produktes IndexGarant. Bei solchen Indexpolicen kann der Kunde wählen, ob er eine traditionelle Überschussbeteiligung erhält oder an der Entwicklung eines oder mehrerer Indizes teilhaben will. (8)



Zahlen & Fakten


Abbildung 1: Beitragseinnahmen in der Lebensversicherung
Jahr in Mrd. Euro
201690,7
201592,7
201493,7
201390,8
201286,1
201186,7
201090,4
200985,2

Quelle: GDV Entnommen aus: Die Welt, 27.01.2017, Nr. 23, S. 15 (2), eigene Recherchen

Weiterführende Literatur:

(1.) Die Vorsorge stagniert
aus Portfolio international vom 31.01.2017

(2.) Die Leiden der Assekuranz - Lebensversicherungen verkaufen sich nicht. Branche setzt auf Policen ohne Zinsgarantie
aus DIE WELT, 27.01.2017, Nr. 23, S. 15

(3.) Überschussbeteiligung sinkt - Im Schnitt deklarieren die Lebensversicherer 2,57 Prozent im Jahr 2017
aus Versicherungswirtschaft, 05.01.2017, 72. Jg., Nr. 01, S. 7

(4.) Lebensversicherung:viel Hoffnung, weniger Sicherheit
aus Neuss-Grevenbroicher Zeitung Nr. 37 - Neuss, 13.02.2017, S. 8

(5.) Garantiezins für Neuverträge sinkt - Zu den Neuerungen ab 1. Januar 2017 gehört auch eine Änderung bei Lebensversicherungen
aus Magdeburger Volksstimme vom 29.12.2016 Seite 21

(6.) Lebensversicherer melden reihenweise sinkende Prämien
aus VersicherungsJournal.de, Ausgabe vom 08.03.2017:

(7.) Die Lebensversicherer mit der höchsten Nettorendite
aus VersicherungsJournal.de, Ausgabe vom 02.03.2017:

(8.) Lebensversicherer lebten 2016 dank der bAV nicht schlecht
aus VersicherungsJournal.de, Ausgabe vom 21.02.2017:

(9.) Lebensversicherern drohen 20 Mrd. Euro Zwangsreserve - Assekurata prognostiziert erhebliche Lasten 2017
aus Börsen-Zeitung vom 01.02.2017, Nr. 22, S. 2

(10.) Allianz legt bei Lebensversicherungen zu - trotz niedriger Zinsen
aus Münchner Merkur Ausgabe Münchner Zeitung vom 10.03.2017 Seite 6

Thomas Trares

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 03 vom 31.03.2017
Dokument-ID: s_ver_20170331

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