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Krankenversicherer - der Fall City BKK und die Folgen

VERSICHERUNGEN | GENIOS BranchenWissen Nr. 06 vom 30.06.2011


Die Insolvenz der City BKK

Mit der City BKK muss erstmals seit Einführung des Gesundheitsfonds eine Krankenkasse schließen. Die City BKK hatte einen hohen Anteil kranker und alter Mitglieder in ihrem Bestand, dadurch waren die Behandlungskosten überdurchschnittlich hoch. Zum Verhängnis wurde der City BKK, dass sie im April 2010 einen Zusatzbeitrag von acht Euro einführen musste, um die höheren Kosten zu decken. Gerade junge Mitglieder verließen daraufhin die Kasse, was die finanzielle Schieflage noch verschlimmerte. Anfang dieses Jahres erhöhte die City BKK den Zusatzbeitrag noch einmal um sieben auf 15 Euro. Der Exodus setzte sich fort. Von den 200 000 Mitglieder Anfang 2010 waren zuletzt noch etwa 170 000 übrig. Der finanzielle Kollaps der Kasse war nun nicht mehr aufzuhalten. Für die Verbindlichkeiten der BKK in Höhe von 135 Millionen bis 150 Millionen Euro haften die anderen Betriebskrankenkassen. (2), (4)


Gesundheitsfonds wird zum Verhängnis

Eine der Ursachen für den Kollaps der City BKK ist die Einführung des Gesundheitsfonds. Dieser ist seit Anfang 2009 in Kraft. Seither werden die Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) zentral eingenommen und anschließend an die Kassen verteilt. Insgesamt handelt es sich dabei um jährlich rund 170 Milliarden Euro. Kassen, die mit diesen Zuweisungen nicht auskommen, müssen dann von ihren Mitgliedern Zusatzbeiträge erheben. Wegen der ungünstigen Kundenstruktur - viele alte und kranke Mitglieder in den Ballungszentren Berlin, Hamburg und Stuttgart - war schon mit der Einführung des Gesundheitsfonds klar, dass die City BKK solche Zusatzbeiträge wird verlangen müssen. Sie war nämlich zuvor schon die teuerste aller gesetzlichen Kassen. (2)


Kassensterben politisch gewollt

Eine Flurbereinigung bei den Krankenkassen ist politisch durchaus gewollt. Schon bei der Vorstellung des Gesundheitsfonds im Jahr 2006 erklärte die damalige Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD), durch mehr Wettbewerb weitere Fusionen von Krankenkassen fördern zu wollen. Schmidt hielt 30 bis 50 Kassen für ausreichend. Die City BKK ist nun eine von 13 Krankenversicherungen, die von ihren Mitgliedern Zusatzbeiträge erhoben haben. Rund eine Million Kunden sind deswegen von City BKK, DAK und Co abgewandert. Gerüchten zufolge könnten auch die Vereinigte IKK und die BKK für Heilberufe in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Der Bundesverband der Betriebskrankenkassen rechnet binnen der kommenden zwei Jahre noch mit 20 bis 30 Fusionen. Dies wäre nichts Ungewöhnliches. Seit 1992 ist die Zahl der Krankenkassen von über 1 200 auf rund 160 geschrumpft. (2), (4), (5), [Abb. 1]


Insgesamt stehen die gesetzlichen Krankenversicherer gut da

Trotz der Insolvenz der City BKK, Fusionsgerüchten und Zusatzbeiträgen stehen die gesetzlichen Krankenversicherer finanziell derzeit recht gut da. Die Kassen erzielten im ersten Quartal 2011 einen Überschuss von 1,47 Milliarden Euro, nach 235 Millionen Euro im gleichen Vorjahreszeitraum. Einnahmen von 45,85 Milliarden Euro standen Ausgaben von 44,38 Milliarden Euro gegenüber. Wesentliche Ursachen waren die gute Konjunktur sowie das Arzneimittelsparpaket, das die Ausgaben für Arzneien um 4,8 Prozent reduzierte. Allerdings kann das erste Quartal nicht auf das Gesamtjahr hochgerechnet werden, da die Ausgaben zu Beginn des Jahres immer niedriger sind. Ein Defizit wie im Vorjahr ist aufgrund des guten Starts aber nicht zu erwarten. 2010 hatten die Kassen einen Verlust von 445 Millionen Euro eingefahren. (1)





Fallbeispiele

Mehrere Millionen Mitglieder von mindestens 20 gesetzlichen Krankenkassen müssen in den kommenden Monaten mit Zusatzbeiträgen oder Leistungskürzungen rechnen. Bei den betroffenen Kassen liegen nach Angaben des Bundesversicherungsamts die Finanzrücklagen unter dem Mindestsoll. Um welche es sich handelt, teilte die Behörde nicht mit. Dahinter steht die Sorge, dass Versicherte ihre Kasse verlassen könnten, wenn die Namen bekannt werden. Knapp 100 der rund 150 gesetzlichen Krankenkassen stehen unter der Aufsicht des Amtes. (5)

Die BKK für Heilberufe ist Gerüchten zufolge ein Pleitekandidat. Die Kasse hat etwa 130 000 Versicherte, in diesem Jahr erwartet sie ein negatives Ergebnis. Die Vorstände der BKK für Heilberufe haben zusammen mit dem Beirat des Systems der Betriebskrankenkassen (BKK) die Finanzlage geprüft. Dabei kamen sie zu dem Ergebnis, dass die BKK mit einer anderen Krankenkasse fusioniert werden sollte. Gerüchte ranken sich auch um die Vereinigte IKK, die im Juli 2010 aus der Fusion der Signal Iduna IKK und der IKK Nordrhein hervorgegangen war und gut 1,6 Millionen Versicherte hat. Die IKK wies Spekulationen über eine Schließung zurück. (6)

Wird ein Krankenversicherer insolvent, so sind andere Kassen verpflichtet dessen Mitglieder aufzunehmen. Tatsächlich sind aber Mitglieder der City BKK abgewimmelt worden, so etwa bei der Hanseatischen Krankenkasse (HEK). In Berlin hatten AOK-Filialen Wechselwillige an eine Geschäftsstelle am Stadtrand verwiesen. Andere Kassen wiederum sollen ihre Filialen gleich ganz geschlossen haben, um keine Mitglieder der City BKK aufnehmen zu müssen. Das Verhalten der Kassen ist auch eine Folge davon, dass die Politik im Gesundheitssystem auf mehr Wettbewerb setzt. Aus Sicht der Kassen sind alte und kranke Versicherte zu teuer. Kritisiert wird auch, wie der Gesundheitsfonds seine Gelder auf die Kassen verteilt. Dieser gleicht regionale Unterschiede in der Versorgung nicht aus. Dabei haben Krankenkassen, die ihren Schwerpunkt in Großstädten haben, in der Regel höhere Durchschnittskosten als die Konkurrenten auf dem Land. (2), (3)



Zahlen & Fakten


Abbildung 1: Gesetzliche Krankenkassen werden immer weniger
JahrAnzahl
19941.152
1996642
1998482
2000420
2002355
2004287
2006254
2008221
2010163

Quelle: Gesetzliche Krankenversicherung (GKV)-Spitzenverband Entnommen aus: Fakt - Markt- und Branchenstatistiken (7)

Weiterführende Literatur:

(1.) Krankenkassen mit Überschuss - Gesundheitsfonds im Minus - Im Vergleich zu 2010 hat sich die Finanzlage der Kassen deutlich verbessert: Der Überschuss hat sich auf 1,5 Milliarden Euro verdreifacht.
aus Ärzte Zeitung Nr. 112 vom 20.06.2011, Seite 4

(2.) Kranke Kassen - Mit der City BKK ist erstmals eine Krankenkasse pleitegegangen. Weitere werden folgen - trotz steigender Zusatzbeiträge
aus Euro am Sonntag, 28.05.2011, Nr. 22, S. 68 - 69

(3.) Krankenversicherer wimmelt Senioren ab
aus FINANCIAL TIMES Deutschland

(4.) Röslers Rezept geht auf - Eine gesetzliche Krankenversicherung ist pleite. Das ist ziemlich genau, was der Bundesgesundheitsminister und seine Vorgängerin von der SPD, Ulla Schmidt, sich gewünscht haben: weniger Kassen durch mehr Wettbewerb.
aus Coburger Tageblatt vom 05.05.2011, S. 6

(5.) Millionen Versicherten drohen Zusatzkosten - Mehr als 20 gesetzliche Krankenkassen haben Finanzprobleme - Sonderbeiträge und Leistungskürzungen möglich
aus Financial Times Deutschland vom 15.06.2011, Seite 9

(6.) Neue Unruhe in der gesetzlichen Krankenversicherung
aus VersicherungsJournal.de, Ausgabe vom 16.05.2011:

(7.)Gesetzliche Krankenkassen 1994 bis 2010
aus Fakt - Mart- und Branchenstatistiken

Thomas Trares

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 06 vom 30.06.2011
Dokument-ID: s_ver_20110630

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