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Inventurdifferenzen - Zahl der Ladendiebstähle im Modehandel sinkt

TEXTIL | GENIOS BranchenWissen Nr. 10 vom 01.10.2014


Inventurdifferenz im Modehandel ist im Vergleich zum gesamten Einzelhandel niedriger

2013 sind die Inventurdifferenzen im Modehandel, inklusive Warenhäuser sowie Schuh- und Sportgeschäfte, nach einer Untersuchung des Kölner EHI Retail Institutes leicht gesunken. Sie fielen gegenüber 2012 um 0,01 Prozentpunkte auf 0,59 Prozent, bewertet zu Einkaufspreisen in Prozent vom Nettoumsatz. An der Studie beteiligten sich 35 Unternehmen der Modebranche mit fast 8 000 Geschäften und einer Gesamtverkaufsfläche von fast fünf Millionen Quadratmeter. Verursacht werden die Inventurdifferenzen im Textilhandel nach Einschätzung der befragten Unternehmen zu 62,5 Prozent von den Kunden. 13,6 Prozent werden den Mitarbeitern zugerechnet und 13,3 Prozent beruhen auf organisatorischen Mängeln. Lieferanten und Servicekräfte sind danach lediglich zu 5,6 Prozent für die Differenzen verantwortlich.

Innerhalb der Modebranche waren die 17 beteiligten Unternehmen des Textilfachhandels am stärksten von Inventurverlusten betroffen. Deren durchschnittliche Inventurdifferenz stieg bei einer großen Bandbreite leicht von 0,65 auf 0,67 Prozent. Bei den sechs teilnehmenden Textilfachmarktketten fiel die durchschnittliche Inventurdifferenz dagegen von 0,64 auf 0,52 Prozent. Dies was allerdings vor allem auf eine deutliche Verbesserung bei einem der Teilnehmer zurückzuführen. Gestiegen von 0,49 auf 0,54 Prozent ist die Inventurdifferenz bei Textilkaufhäusern und Warenhäusern.

Es lohnt sich, einen Blick auf den gesamten deutschen Einzelhandel zu werfen. Branchenübergreifend lagen die Inventurdifferenzen bei 0,64 Prozent, bewertet zu Einkaufspreisen in Prozent vom Nettoumsatz. Bewertet zu Verkaufspreisen im Verhältnis zum Bruttoumsatz entspricht dies einem Wert von 1,01 Prozent. Die jährlichen Inventurdifferenzen summieren sich auf 3,8 Milliarden Euro. Davon entfallen 72 Prozent oder 1,9 Milliarden Euro auf Ladendiebstähle durch Kunden. 800 Millionen Euro werden unehrlichen Mitarbeitern angelastet. Der Rest entfällt auf Lieferanten, Servicekräfte und organisatorische Mängel wie falsch ausgezeichnete Preise. Statistisch betrachtet stiehlt jeder deutsche Haushalt jährlich Waren im Wert von rund 50 Euro im Einzelhandel. (1), (2)


Lederwaren sind bei den Dieben am beliebtesten

Ein Großteil der Inventurdifferenzen im deutschen Modehandel wird durch Ladendiebstähle verursacht. Dabei sind immer häufiger routinierte Täter am Werk, die auf Bestellung arbeiten und hohe Summen erbeuten. Dabei wird gezielt nach Trendprodukten aus den Bereichen Bademode, Outdoor- und Wintersport gesucht - Schuhe gleichermaßen wie Textilien. Die Anfang Juni vorgelegte jährliche Kriminalstatistik der Polizei zeigt aber einen Rückgang der Ladendiebstähle um 1,5 Prozent auf 356 152 in 2013. Damit ergibt sich laut einer Studie des Verbraucherportals Preisvergleich.de bei bundesweit 456 000 Geschäften - statistisch betrachtet - eine Quote von knapp 760 Delikten pro 1 000 Läden. Laut EHI besitzt die Kriminalstatistik aber durch die hohe Dunkelziffer von über 98 Prozent nur eine eingeschränkte Aussagefähigkeit. Ihren Berechnungen zufolge bleiben jährlich 30 Millionen Ladendiebstähle unentdeckt. Dass die Dunkelziffer beim Ladendiebstahl so hoch ist, liegt auch daran, dass viele Händler angesichts der oft eingestellten Verfahren für Ladendiebe keinen Sinn mehr in einer Anzeige sehen.

Welche Modeartikel werden von den Dieben bevorzugt?
Die höchsten Inventurdifferenzen wurden laut EHI mit durchschnittlich 0,88 Prozent bei Lederartikeln festgestellt. Es folgen die Sortimentsbereiche Damenoberbekleidung mit 0,69 Prozent, Wäsche mit 0,58 Prozent und Herrenbekleidung mit 0,53 Prozent. Am Ende rangieren Kinderbekleidung mit durchschnittlich 0,45 Prozent und Schuhe mit 0,41 Prozent. (1), (2), (3), [Abb. 1]


Händler bekämpfen Ladendiebstähle vor allem mit Mitarbeiterschulungen

Die Inventurdifferenzen verursachen hohe zusätzliche Kosten für den Handel, da dieser in Maßnahmen investiert, um die Waren zu schützen. So gab der Modehandel 2013 durchschnittlich 0,47 Prozent vom Umsatz dafür aus. Insgesamt investierte die Branche rund 1,3 Milliarden Euro in Personal und Technik. Bei den getroffenen Maßnahmen lag 2013 die Mitarbeiterschulung mit einer Durchführungsquote von 94 Prozent ganz vorne in der Gunst der Modehändler. Überdurchschnittlich oft eingesetzt wurden mit 84 Prozent zudem die Datenauswertung der Warenwirtschaft, mit 69 Prozent eine offene Kameraüberwachung, mit 66 Prozent eine Kassendatenauswertung und mit 59 Prozent die Artikelsicherung. Zudem werden auch Detektive und Sicherheitskräfte eingesetzt. Doch es kommen gerade einmal 15 000 von ihnen auf rund 500 000 Geschäfte.

Am Beispiel Intersport wird der gebräuchliche Maßnahmenmix in der Branche gegen Ladendiebstähle deutlich. Schulungen der Mitarbeiter der Mitglieder des Einkaufsverbundes mit regelmäßigen Informationen zu gängigen Diebstahlspraktiken sollen das Personal für dieses Thema sensibilisieren. Eine fast flächendeckende Etikettensicherung richtet sich vor allem gegen Amateurdiebe. Zusätzlich kommt bei vielen Mitgliedern ein spezielles Videoüberwachungssystem im Einsatz. Doch bei der Kameraüberwachung gibt es klare gesetzliche Vorgaben, zum Beispiel wo im Verkaufsraum Kameras hängen dürfen, wer auf die Daten zugreifen darf und wie lange diese gespeichert werden dürfen. Ein Nachteil der Kamerasysteme ist, dass diese nur Täter direkt überführen können. Das heißt, jemand muss am Bildschirm sitzen, ein anderer auf der Fläche sofort zugreifen. Das ist aber aus Kostengründen selten der Fall. (1), (4)


Deutschland beim Warenschwund im internationalen Vergleich am Ende der Skala

Den Einzelhandel kostete der Warenschwund 2012 weltweit im Schnitt rund 84 Milliarden Euro. Das entspricht einem Anteil von 1,4 Prozent am Umsatz. Dies ergab das Globale Diebstahlbarometer 2012/13 des Londoner Marktforschungsunternehmens Euromonitor International und Checkpoint Systems, einem Spezialisten von Warensicherungssystemen. Zu den beliebtesten Artikeln bei Langfingern gehören im Bereich Mode Jeans, Schuhe, Unterwäsche und Accessoires. Aber auch Drogerieartikel, Elektronikartikel wie Smartphones und Digitalkameras, auch Werkzeuge werden oft entwendet.

Während das Volumen in den meisten Ländern steigt, zeigt sich wie bereits erwähnt in Deutschland ein positiveres Bild. Hierzulande belief sich 2013 der Anteil des Warenschwunds auf 1,01 Prozent des Umsatzes. Zusammen mit Australien, Hongkong und Japan verzeichnen Deutschlands Einzelhändler damit den niedrigsten Warenschwund der insgesamt 16 untersuchten Länder. Weit vorne liegen Mexiko und Brasilien. In beiden Ländern beträgt der Anteil des Warenschwunds am Umsatz 1,6 Prozent. (5)





Fallbeispiele


Adler: RFID soll auch Inventurdifferenz senken

Die Haibacher Adler Modemärkte AG hat ihr RFID-Projekt im Mai 2014 offiziell abgeschlossen. Im zentralen Warenwirtschaftssystem sowie in allen 170 Filialen in Deutschland, Österreich, Luxemburg und der Schweiz wurde die Technik der Funketiketten implementiert. Zu den Vorteilen der RFID-Technik zählt Adler die permanente und schnelle Inventurmöglichkeit sowie eine effektivere Warensicherheit. Das Unternehmen rechnet damit, die Inventurdifferenzen von rund 1,3 Prozent um etwa 25 Prozent senken zu können.

Rund acht Millionen Euro hat Adler dafür investiert. Die Summe soll sich nach Angaben des Unternehmens bereits ab 2015 durch Zuwächse beim Umsatz und durch Prozesseffizienz amortisieren. (6)

Zahlen & Fakten


Abbildung 1: Die Inventurdifferenz ist bei Lederwaren am höchsten

Entnommen aus: TextilWirtschaft, 33/2014. S. 16, (1)
Abbildung 2: Mitarbeiter sollen Ladendiebe das Leben schwer machen

Entnommen aus: TextilWirtschaft, 33/2014. S. 16, (1)

Weiterführende Literatur:

(1.) Inventurdifferenzen im Modefachhandel leicht gesunken
aus TextilWirtschaft 33 vom 14.08.2014 Seite 016

(2.) Inventurdifferenzen: Milliarden fehlen
aus www.textilwirtschaft.de vom 25.06.2014

(3.) Studie: Magdeburg ist Ladendiebstahl-Hochburg
aus TextilWirtschaft 38 vom 19.09.2013 Seite 014

(4.) Diebstahl auf Bestellung
aus Handelsblatt Nr. 119 vom 25.06.2014 Seite 014

(5.) Warenschwund in Deutschland unterdurchschnittlich
aus www.textilwirtschaft.de vom 13.11.2013

(6.) Adler: RFID-Einführung offiziell abgeschlossen
aus www.textilwirtschaft.de vom 06.05.2014

Markus Hofstetter

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 10 vom 01.10.2014
Dokument-ID: s_tex_20141001

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