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Industrielles Comeback der USA - der deutsche Maschinenbau profitiert

MASCHINEN- UND ANLAGENBAU | GENIOS BranchenWissen Nr. 06 vom 25.06.2013


Erstarkender US-Markt rettet die deutsche Exportbilanz

Der deutsche Maschinenbau hat seine Position als weltweit größter Exporteur auch im vergangenen Jahr verteidigt. Gut 16 Prozent der weltweit verschickten Maschinen kamen aus Deutschland, das damit auf den Exportmärkten nach wie vor die Nummer eins ist. Insgesamt exportierten die deutschen Firmen 2012 um 5,1 Prozent mehr Maschinen als im Jahr davor.

Dass dieses Gesamtplus bei den Ausfuhren erreicht werden konnte, ist allerdings ein kleines Wunder. Dies, weil der wichtigste Exportmarkt, die Volksrepublik China, im vergangenen Jahr deutlich weniger deutsche Maschinen orderte - nämlich um satte 9,1 Prozent im Vergleich mit 2011. Bisher hatten sich die deutschen Hersteller darauf verlassen können, dass alleine die Ausfuhren nach China jährlich im zweistelligen Prozentbereich zulegen. Wie hoch die Zuwächse nach China lange Zeit lagen, zeigt ein Blick in das Jahr 2011. Alleine zwischen Oktober und Dezember waren die Exporte ins Reich der Mitte um 26 Prozent angestiegen.

Die früheren Wachstumszahlen machen deutlich, wie sehr die Orderzurückhaltung Chinas 2012 ins Kontor des deutschen Maschinenbaus hätte schlagen müssen. Dass es hierzu nicht kam, ist den Bestellungen aus den USA zu verdanken. Jahre lang hatten die Staaten ihre frühere Rolle als Hauptabnehmer deutscher Maschinen langsam aber stetig an die Chinesen abgegeben. Dass sich die Nachfrage aus den USA ausgerechnet im letzten Jahr erholte, als die eigentliche Wachstumslokomotive China aus der Puste kam, darf darum sehr wohl als ein Glücksfall bezeichnet werden. Knapp 15 Prozent betrug das Orderplus der USA für deutsche Maschinen im Vergleich mit 2011. Die US-Besteller sind durch diesen rasanten Anstieg wieder ganz nah an den Hauptexportmarkt China herangerückt. 11,4 Prozent der deutschen Ausfuhren gingen 2012 hierhin, 9,4 Prozent der Maschinen wurden in die USA geliefert.

Auch an den Exportzahlen der Maschinenbauer lässt sich damit ablesen, dass die USA einen industriellen Aufschwung erleben. Befeuert durch die neuerdings extrem niedrigen Energiepreise entdeckt das Dienstleistungsland Amerika sein früheres Interesse am industriellen Fortschritt neu. Viele Kunden erneuern gerade ihre Maschinenparks, was den deutschen Herstellern zugutekommt. (1), (2)


Richtig weg war sie nie

Der bisher konstatierte Rückgang der industriellen Fertigung in den USA ist freilich kein singulär US-amerikanisches Phänomen. So ist der Anteil der Industrie an der gesamten Wertschöpfung in den zehn wichtigsten Wirtschaftsnationen von 25 Prozent im Jahr 1980 auf 18 Prozent 2010 gesunken. Der Trend zum Abbau industrieller Produktion herrscht auch in Deutschland vor, das doch eigentlich für seine schlagkräftige Old Economy derzeit überall bewundert wird. Hierzulande sank der Industrieanteil von 27 Prozent vor gut 30 Jahren auf derzeit nur noch 18 Prozent. Der Schwund in den USA fiel allerdings deutlicher aus. Hier hatte die Industrie 1980 ohnehin nur einen Anteil von 21 Prozent, der sich bis heute auf 13 Prozent reduzierte. Sogar China verzeichnete in den letzten Dekaden einen Rückgang des industriellen Sektors, nämlich von 43 Prozent auf 33 Prozent. Einzige Ausnahme unter den wichtigsten Wirtschaftsnationen ist Korea, das einen Anstieg von 22 Prozent auf 27 Prozent erlebte.

Die allgemeinen Rückgänge bedeuten jedoch nicht, dass die industrielle Tätigkeit tatsächlich geschrumpft ist. Sie ist vielmehr nicht so stark gewachsen wie die anderen Wirtschaftszweige, wie etwa der Dienstleistungssektor oder der Handel. Dies wird deutlich, wenn man sich den industriellen Output der USA anschaut. Auch dieser ist nämlich zwischen 2000 und 2012 um sechs Prozent gewachsen. Denkt man an die Wachstumszahlen, die die anderen Sparten bis hin zum Rekordjahr 2008 erreichten, wird allerdings klar, warum es den Anschein hatte, die Industrie würde verschwinden. Hiergegen sprechen auch die Erfolge, die die USA bei der Steigerung von Produktivität und Effizienz erzielten. Trotz der - wenn auch nur moderaten - Zuwächse arbeiten heute 30 Prozent weniger Menschen in der US-Industrie als vor 13 Jahren. Insgesamt wird der US-amerikanischen Industrie eine Produktivitätszunahme von 45 Prozent bescheinigt, womit sie weltweit in der Spitzengruppe rangiert.

Von einer Re-Industrialisierung, wie sie von den Gazetten derzeit oft beschworen wird, kann damit bezüglich der USA eigentlich gar keine Rede sein. Gleichwohl legt die US-Industrie in den letzten Jahren deutlich an Tempo zu. Obwohl die Unternehmen nur knapp 13 Prozent der amerikanischen Wirtschaftsleistung erbringen, sorgten alleine sie zwischen 2009 und 2011 für 26 Prozent des insgesamt erreichten Wirtschaftswachstums. (3)


Sinkende Energiepreise durch Fracking

Angestoßen wird das industrielle Wachstum der USA durch den Boom bei der Gewinnung von Energie. Durch neue Verfahren, das so genannte Fracking, erschließt sich das Land bisher versteckte Erdöl- und Gasvorkommen in so großem Stil, dass es von Energieimporten kaum noch abhängig ist. Der hieraus resultierende Niedergang der Energiepreise hilft nun der ganzen Volkswirtschaft auf die Beine. Noch vor fünf Jahren kostete eine Energieeinheit Gas 14 Dollar, derzeit liegt sie bei vier Dollar. Erdgas made in USA ist damit um 60 Prozent billiger als in Europa und um 80 Prozent als in China. Hiervon profitiert insbesondere die energieintensive Stahlbranche - und damit indirekt die deutschen Maschinenexporte. (4)





Fallbeispiele


Automatisierungstechnik - deutlich mehr Exporte in die USA

Wie der gesamte Maschinenbau verzeichnen auch die Einzelsparten eine deutliche Verschiebung ihrer Ausfuhren von China nach Amerika. So legten die Exporte der Automatisierungstechnik nach China im vergangenen Jahr um 7,8 Prozent zu, während in die USA um 12,3 Prozent mehr Güter verschickt wurden. Zugleich war das erreichte Plus bei den Chinaexporten der niedrigste Zuwachs seit zwölf Jahren. Auch für das laufende Jahr erwartet die Automatisierungstechnik die höchsten Exportzuwächse im Handel mit den USA. (5)


Russland gewinnt an Bedeutung

Neben den wieder erstarkenden USA wächst insbesondere die Bedeutung Russlands als Abnehmerland für deutsche Maschinen. Das Riesenreich steht schon heute auf Platz vier der wichtigsten Importeure deutscher Maschinen und ist in Osteuropa damit für die deutschen Hersteller der Absatzmarkt Nummer eins. Noch im Jahr 2003 lieferten deutsche Firmen Maschinen und Anlagen für nur 2,3 Milliarden Euro nach Russland, 2012 waren es bereits Güter im Wert von 8,1 Milliarden Euro. Laut einer Umfrage planen darum immer mehr deutsche Hersteller den Aufbau einer Produktionsanlage in Russland. (6)


USA sind wichtigster Exportmarkt für die deutsche Elektroindustrie

Auch ein Seitenblick auf andere Branchen belegt die rasante Entwicklung der US-Industrie. So waren die USA im vergangenen Jahr erstmals wieder der wichtigste Exportmarkt für die deutsche Elektroindustrie. Über den großen Teich gingen Güter im Wert von 13,1 Milliarden Euro, in China wurden 11,9 Milliarden Euro umgesetzt. (7)



Zahlen & Fakten


Mit 16,1 Prozent aller Maschinenexporte ist Deutschland beim weltweiten Maschinenhandel der Exporteur Nummer eins. Auf dem zweiten Platz rangieren die USA mit 12,1 Prozent, gefolgt von China mit 11,2 Prozent. Knapp dahinter behauptet sich Japan mit elf Prozent, vor Italien mit 7,4 Prozent.

In die guten Nachrichten hinein mischen sich derzeit allerdings auch warnende Töne. So sieht der deutsche Außenhandelsverband BGA Anzeichen dafür, dass Deutschland gerade beim Export im laufenden Jahr Weltmarktanteile verlieren könnte. Der Verband begründet seinen Pessimismus mit der weiter grassierenden Rezession im Euro-Raum und insbesondere mit der erstarkenden internationalen Konkurrenz. Das industrielle Comeback der USA werde sich nach Ansicht der Experten eben nicht nur in gesteigerten Importen, sondern auch in einer zunehmenden Bedeutung als Exporteur niederschlagen. (1), (8)



Weiterführende Literatur:

(1.) Maschinenbau verteidigt Spitzenplatz / Deutschland ist immer noch größter Exporteur - USA und China holen auf - Japan fällt zurück
aus Börsen-Zeitung, 13.06.2013, Nummer 110, Seite 10

(2.) Welche Krise? - Deutsche Maschinenbauer erwarten auch 2013 ein Rekordjahr
aus Heilbronner Stimme vom 14.12.2012, S. 10

(3.) Die US-Industrie wird wettbewerbsfähiger
aus Finanz und Wirtschaft vom 27.02.2013, Seite 5

(4.) Neuer Dampf für Old Economy
aus Euro am Sonntag, 30.03.2013, Nr. 13, S. 16 - 17

(5.) Investitionsgüterindustrie legt weltweit zu
aus VDI NR. 15 VOM 12.04.2013 SEITE 7

(6.) Russland viertgrößter Absatzmarkt für deutschen Maschinenbau
aus www.maschinenmarkt.de vom 05.06.2013

(7.) China auf Platz zwei vor Frankreich / USA ist wieder wichtigster Exportmarkt für die deutsche Elektroindustrie
aus Markt & Technik, Heft 10/2013, S. 14

(8.)Deutsche Exporteure schlagen Alarm
aus WELT KOMPAKT Nr. 83 vom 30.04.2013, Seite 20

Robert Reuter

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 06 vom 25.06.2013
Dokument-ID: s_mas_20130625

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