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Garantiefonds - Versicherer kritisieren diese als "Mogelpackung"

VERSICHERUNGEN | GENIOS BranchenWissen Nr. 09/2006 vom 20.09.2006

Beitrag

Zukünftig sollen auch deutsche Garantiefonds angeboten werden können, doch die deutschen Versicherungsmathematiker halten sie in ihrer derzeit geplanten Ausgestaltung für eine Mogelpackung. (3)




BaFin ebnet den Weg für deutsche Garantiefonds

Garantiefonds garantieren zum Laufzeitende dem Anleger die Auszahlung eines vorher festgelegten Betrages, auch wenn die Kurse an der Börse nach unten gehen und der Fonds somit Verluste einfährt. Allerdings gilt diese Garantie oft nur für einen Anteil von 90 oder 95 Prozent des Ausgabepreises. Außerdem erlischt die Garantie, wenn der Fondsanteil vor dem Laufzeitende verkauft wird. In diesem Fall droht - je nach Wertentwicklung des Fonds - ein Verlust. Zudem sind die Ausgabeaufschläge, die die Gesellschaften erheben, in den meisten Fällen verloren. (1)

Garantiefonds gibt es schon seit geraumer Zeit in Deutschland. Der Garantiefondsmarkt in Deutschland wird allerdings von ausländischen Gesellschaften ohne spezifische Eigenkapitalvorschriften beherrscht. Künftig sollen auch Investmentfonds nach deutschem Recht zugelassen werden. (1), (3)

Aufgabe der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) ist es, Vorgaben für die Eigenmittelunterlegung der Garantiefonds durch ein Rundschreiben zu regeln. Dieses liegt im Entwurf bereits vor. Im Juli 2006 gab es bei der BaFin eine Anhörung zu diesem Thema. In einigen Wochen soll eine Entscheidung fallen. Die Aufsicht möchte mit den geplanten Regelungen eine Verbesserung für die Verbraucher erreichen. Diese sollen die Möglichkeit erhalten in deutsche Produkte mit höheren Sicherheitsstandards investieren zu können. (1), (2), (3)



Kritikpunkte der Versicherungswirtschaft und Gegenargumente der Fondsbranche

Die Assekuranz kritisiert, dass es bald in Deutschland Garantiefonds geben soll, deren Anbieter für die Ausschüttung an den Anleger erst am Ende der Laufzeit Eigenkapital zur Verfügung stellen müssen, während beispielsweise fondsgebundene Lebensversicherungen von vornherein mit einem Prozent des Fondsvolumens abgesichert werden müssen. Die Versicherungswirtschaft vermisst auch Hinweise darauf, wie die Patronatserklärung der Kapitalanlagegesellschaft (KAG), durch welche die Eigenmittelunterlegung für den gesamten Garantiezeitraum nachgewiesen werden muss, bilanziell zu berücksichtigen ist. Das bedeutet letztlich, dass die Anbieter von Garantiefonds erst dann die Eigenmittel einbringen müssen, wenn der Ernstfall bereits eingetreten ist. Die Versicherer verweisen auf die Gefahr eines Konkurses, falls die KAG nicht freiwillig das gesamte benötigte Kapital nachschießt. Um nicht auf eine solche unsichere freiwillige Kapitalerhöhung bauen zu müssen, sei es unverzichtbar, von Anfang an ausreichende Eigenmittel versicherungsmathematisch zu kalkulieren. (1), (2), (4), (7)

Außerdem wird die mangelnde Berücksichtigung eines möglichen Zinsrückgangs kritisiert, der zu einem Wertanstieg der Garantie und damit zu einem höheren Sicherungsniveau führen müsste. (1), (2)

Die Assekuranz fordert, dass die Absicherungsmechanismen durch ein Gesetz statt durch ein Rundschreiben geregelt werden, da ein Rundschreiben die Adressaten zu nichts verpflichtet. Kritisch ist dies insbesondere bei ausländischen Unternehmen, die nicht von der BaFin beaufsichtigt werden. (2)

Dem gegenüber vertritt der Bundesverband Investment und Asset Management (BVI) die Auffassung, dass es sich bei Versicherungen und Fonds um zwei gänzlich unterschiedliche Produkte handelt, die nicht miteinander verglichen werden können. Zur Begründung verweist der Verband darauf, dass der Fonds nur zum Fälligkeitszeitpunkt seine Garantie erfüllen muss, eine Kapitallebensversicherung hingegen zusätzlich noch jederzeit im Todesfall. (2)

Die BaFin steckt in einer schwierigen Situation. Mit steigenden Vorgaben sinkt die Attraktivität für die KAG, ihre Produkte in Deutschland aufzulegen. Dieses Problem kann nur durch die Einführung von EU-einheitlichen Regelungen für Garantiefonds gelöst werden. (3)



Auswirkungen der Erlaubnis von deutschen Garantiefonds auf die Assekuranz

Bleibt die Aufsicht bei ihren Plänen, dann erwartet die Versicherungswirtschaft einen Einbruch beim Verkauf von konventionellen Lebensversicherungen, weil diese deutlich strengere Sicherheitsvorgaben erfüllen müssen. (3)



Fallbeispiele



Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) fordert für die Garantiefonds ähnlich strenge Vorgaben wie für Lebensversicherungen. Die Versicherer fürchten ansonsten einen Wettbewerbsnachteil gegenüber der Fondsindustrie. Peter Schwark, Sprecher des GDV, argumentiert, dass beim Ausfall eines Garantiefonds die Glaubwürdigkeit der gesamten Branche auf dem Spiel steht. (7), (8)

Norbert Heinen, Vorsitzender der Aktuarvereinigung, sieht als fundamentalen Kritikpunkt an dem Entwurf der BaFin, dass das Risiko von Zinsveränderungen über längere Sicht nicht berücksichtigt wird. Sinkt der Zins, wird die Absicherung des Garantiefonds teurer. Dafür wird entsprechend den geplanten Regelungen keine Vorsorge verlangt. Es ist jedoch damit zu rechnen, dass die Laufzeiten der Garantiefonds von heute üblicherweise bis zu zehn Jahren auf die für Lebensversicherungen typischen 20 bis 30 Jahre steigen werden, da sie im Neugeschäft die herkömmliche Lebensversicherung weitgehend ablösen dürften. Bei solchen langen Laufzeiten muss aber das Zinsrisiko unbedingt eingeplant werden. (9)

Zahlen & Fakten

Die Deutsche Aktuarvereinigung hat errechnet, dass das Reserveniveau für einen Garantiefonds rund 20 Prozent niedriger als für eine neu abgeschlossene Lebensversicherung ist. Gleichzeitig wird auf bereitzuhaltende Sicherheitsmittel verzichtet. (2), (4)



Ungeachtet des Starts von Garantiefonds nach deutschem Recht investieren Anleger verstärkt in solche Produkte. Das Vermögen wertgesicherter Fonds verdoppelte sich seit Mitte 2005. Auch Lebensversicherer wie Gerling und Skandia setzen bei ihren fondsgebundenen Produkten bereits Garantiefonds aus dem Ausland ein. (5)



Von Januar bis Juni 2006 flossen EUR 3,3 Milliarden in Garantieprodukte. (6)



Wie groß das Interesse an Garantiefonds ist, spiegelt sich auch an deren Zahl wider. Im ersten Halbjahr 2005 gab es knapp 100 wertgesicherte Fonds. In diesem Jahr hatten die Anleger bereits die Wahl zwischen 126 Produkten. (6)

Weiterführende Literatur:

(1.) Winters, Georg, So funktionieren Garantiefonds, Rheinische Post, Nr. vom 03.08.2006
aus Rheinische Post Nr. vom 03.08.2006

(2.) O.V., Versicherer wehren sich gegen Garantiefonds, BVI stützt Entwurf des BaFin-Rundschreibens, Börsen-Zeitung, 26.07.2006, Nr. 141, S. 3
aus Börsen-Zeitung, 26.07.2006, Nummer 141, Seite 3

(3.) O.V., Kritik an Garantiefonds, Versicherungsmathematiker sehen "Mogelpackung" für Verbraucher, Süddeutsche Zeitung, 26.07.2006, Ausgabe Deutschland, S. 26
aus Süddeutsche Zeitung, 26.07.2006, Ausgabe Deutschland, S. 26

(4.) Koch, Wolfgang, Kritik an versteckten Risiken bei Garantiefonds, Versicherungsmathematiker warnen vor drohendem Konkurs - Aufsichtsbehörde soll schärfere Regeln verlangen, Stuttgarter Zeitung, vom 26.07.2006, S. 14
aus Stuttgarter Zeitung, 26.07.2006, S. 14

(5.) O.V., Bislang nur aus der Fremde, GARANTIEFONDS, Börse Online, 03.08.2006, S. 10
aus Börse Online vom 03.08.2006, Seite 10

(6.) Ribaudo, Patrizia, Teure Garantiefonds, Welt am Sonntag, 30.07.2006, Nr. 31, S. 38
aus Börse Online vom 03.08.2006, Seite 10

(7.) Ribaudo, Patrizia, Streit um Garantiefonds scheint geklärt, Verband der Fondsindustrie wähnt sich bereits als Sieger - Letztes Aufbäumen der Versicherer, DIE WELT, 29.07.2006, Nr. 175, S. 21
aus DIE WELT, 29.07.2006, Nr. 175, S. 21

(8.) O.V., Versicherer kritisieren Garantiefonds, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.07.2006, Nr. 174, S. 19
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.07.2006, Nr. 174, S. 19

(9.) O.V., Pläne der Bundesregierung als riskant für Verbraucher, Versicherungsmathematiker vermissen Sicherheit bei Garantiefonds, HANDELSBLATT online, 26.07.2006
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.07.2006, Nr. 174, S. 19

A.Kaindl

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 09/2006 vom 20.09.2006
Dokument-ID: s_ver_20060920

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