GENIOS BranchenWissen > MEDIEN & VERLAGE
Logo GENIOS BranchenWissen

Filmwirtschaft - die Kinos verzeichnen 2016 einen Rücksetzer

MEDIEN & VERLAGE | GENIOS BranchenWissen Nr. 05 vom 30.05.2017


Kinos wieder im Rückwärtsgang

Für den deutschen Film war 2016 ein durchwachsenes Jahr. Bei den Kinos sanken die Einnahmen um 12,4 Prozent auf 1,02 Milliarden Euro. Die Zahl der Besucher ging um 13 Prozent auf 121,1 Millionen zurück. Die deutschen Filme kamen auf einen Marktanteil von 22,7 Prozent, ein Jahr zuvor waren es 27,5 Prozent. Die Filmbranche sprach dennoch von einem "guten Jahrgang", da in etwa das Niveau des Jahres 2014 erreicht wurde. Das Rekordjahr 2015 betrachtet man in der Branche offenbar als Ausreißer nach oben. Auch ist das Kinosterben gestoppt. In den vergangenen zwei Jahren wurden wieder mehr Säle eröffnet als geschlossen. Das Kino ist zwar nicht das größte Standbein der Filmindustrie, dafür aber richtungsweisend. Denn das Kino steht am Anfang der Verwertungskette und entscheidet mit über das weitere Geschäft. (1), [Abb. 1]


Bundeswirtschaftsministerium untersucht die Filmbranche

Die deutsche Filmwirtschaft kommt gemäß einer Studie des Bundeswirtschaftsministeriums auf einen Gesamtumsatz von 24,5 Milliarden Euro pro Jahr. Diese Zahl umfasst die Produktionsfirmen, die Studios, den Vertrieb und den Lizenzhandel, die Kinos, Videotheken und die Filmtechniker. Mit 13,4 Milliarden Euro entfällt mehr als die Hälfte des Umsatzes auf die Fernsehveranstalter. Sie sind der mit Abstand größte Auftraggeber. Gut 50 Prozent der 36 000 selbstständigen und freiberuflichen Filmschaffenden sind dort beschäftigt. Der eigentliche Umsatz wird bei den Kinofilmen vor allem durch die Verwertung der Filme erzielt. Allein 2016 wurden über 200 deutsche Filme verwertet. (2)


Bund will Filmstandort Deutschland stärken

Der Film ist ein Zuschussgeschäft. Nur wenige Produktionen sind kommerziell erfolgreich. Auf rund 300 Millionen Euro beläuft sich bislang die Förderung in Deutschland. 224 Millionen Euro investieren Bund und Länder, um den heimischen Film zu fördern. Dazu kommen 50 Millionen Euro aus dem Filmförderfonds sowie weitere zehn Millionen aus dem German Motion Picture Fund für internationale Koproduktionen. Die Bundesregierung hat nun eine Erhöhung der Filmförderung beschlossen. Dafür sind von 2018 an weitere 75 Millionen Euro jährlich vorgesehen. Künftig soll es bei der Filmförderung drei Säulen geben: die kulturelle Filmförderung (25 Millionen Euro jährlich), den bereits etablierten Deutschen Filmförderfonds (DFFF) I (50 Millionen Euro jährlich) und den neuen DFFF II (75 Millionen Euro jährlich), der einen zusätzlichen Anreiz für nationale und internationale Großproduktionen schaffen soll. Daneben wird die Deutsche Welle künftig knapp 20 Millionen Euro jährlich mehr erhalten. Ziel ist es, die deutschen Produktionsstandorte wie Potsdam-Babelsberg, München und Köln wettbewerbsfähig zu halten. (3), (5)



Trends

Von dem Besucherrückgang bei den Kinos im vergangenen Jahr waren vor allem die großen Häuser betroffen. 2010 besuchte noch die Hälfte aller Kinogänger Multiplexkinos. Sechs Jahre später waren es nur noch 44 Prozent. Relativ stabil entwickeln sich hingegen die kleinen Programmkinos, die ein spezielles Publikum ansprechen. Vor allem in Universitäts- und Großstädten haben sich diese etabliert. Allerdings könne man wegen der fortschreitenden Digitalisierung nicht einschätzen, wohin die Reise geht. (1)

Videotheken sind ein Auslaufmodell. Ein Beispiel ist Frankfurt am Main. Mit der Schließung der Tomin-Videothek in der Eschersheimer Landstraße verschwindet der drittletzte Filmverleih aus der Stadt. Ulrich Born, Chef und Gründer der Tomin-Videotheken, betrieb dereinst 21 Filmverleihe, verteilt über das gesamte Rhein-Main-Gebiet. Vor zehn Jahren begann der Verleih schlechter zu laufen, ein massiver Einbruch fand dann vor fünf Jahren statt. Allein 25 Prozent Umsatzrückgang gab es im vergangenen Jahr. Dies entspricht auch einem bundesweiten Trend. Gab es nach Informationen des Interessenverbandes des Video- und Medienfachhandels Deutschland im Jahr 2007 noch 4 170 Videotheken, so waren es 2015 noch 1 210. (4)



Fallbeispiele

Bei dem Medienunternehmen Constantin Medien, der Muttergesellschaft von Constantin Film, gibt es seit Monaten Streit auf der Führungsebene. Die Protagonisten sind Dieter Hahn, Großaktionär und Aufsichtsratschef, sowie Bernhard Burgener, ebenfalls Großaktionär und Chef von Highlight Communications, der wichtigsten Beteiligung von Constantin Medien. Die beiden streiten darüber, wer künftig das Sagen in dem Konzern hat sowie über den Verkauf der Filmsparte. Weil die Kräfte auf beiden Seiten etwa gleich verteilt sind, hat sich inzwischen eine Art Abnutzungskampf entwickelt. Der Streit belastet auch das operative Geschäft. Im dritten Quartal 2016 entwickelten sich der Umsatz wie auch das operative Ergebnis negativ. (7), (8), (9)

Die Filmproduktionsgesellschaft Pantaleon ist ein Senkrechtstarter in der Filmbranche. Neben den klassischen Filmproduktionen und der Video-on-Demand-Plattform Pantaflix folgen nun Serieninhalte für den Streaming-Dienst Amazon Prime. Das könnte die Erlöse von Pantaleon noch einmal um 30 bis 40 Prozent steigern. Für 2017 rechnen Analysten mit einem Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) von 4,15 Millionen Euro. 2018 sollen es dann bereits 28,4 Millionen Euro sein. Im klassischen Filmgeschäft bewies Pantaleon bereits, dass Kassen- und Zuschauerrekorde möglich sind. Beim Video-on-Demand-Dienst Pantaflix ist seit Mitte Februar die App nun auch für Android-Geräte abrufbar, mittlerweile können Cineasten in Europa und Nordamerika auf den Katalog zugreifen. (10)

Das Land Brandenburg will den Filmstandort Potsdam stärken. Babelsberg soll in den kommenden Jahren nicht nur vermehrt Standort für internationale Serienproduktionen, sondern auch tonangebend in der Virtual-Reality-Branche werden, wie es in einem Bericht der Landesregierung zur Medienwirtschaft in Brandenburg heißt. Die Landesregierung unterstützt dies durch eine Förderung eines entsprechenden Netzwerks, dem der Potsdamer Unternehmer Stephan Schindler vorsteht - 200 000 Euro bekommt der Verein insgesamt vom Land. Auch das Filmgeschäft will das Land weiter fördern, vor allem durch das bewährte Medienboard Berlin-Brandenburg. (6)

Zu den bekanntesten deutschen Entwicklern und Bereitstellern von Filmtechnik gehört die Arri Gruppe aus München. Bereits 18-Mal wurde das Unternehmen für seine Bildtechnologie mit dem Oscar ausgezeichnet. 2016 machte die Firma rund 400 Millionen Euro Umsatz, knapp 1 300 Mitarbeiter hat der Technikspezialist. Die Umstellung von Film- auf Digitaltechnik war allerdings nicht einfach: 2009 machte der Kinotechnik-Weltmarktführer Verluste in Millionenhöhe, die Konkurrenz war kurzzeitig voraus. Inzwischen hat Arri diese Herausforderung gemeistert. Seit der Einführung des ersten Modells der Digitalkamera Alexa im Jahr 2010 gingen alle Kamera-Oscars an Filme, die mit dieser Kamera gedreht wurden. (2)



Zahlen & Fakten


Abbildung 1: Einnahmen der deutschen Kinos
JahrEinnahmen in Mill. Euro
2006814
2007758
2008795
2009976
2010920
2011958
20121.033
20131.010
2014980
20151.167
20161.023

Quelle: Filmförderungsanstalt (FFA) Entnommen aus: Schwäbische Zeitung Leutkirch vom 13.02.2017, Seite 8 (1), eigene Recherchen

Weiterführende Literatur:

(1.) Deutsche Kinolandschaft wird vielfältiger
aus Schwäbische Zeitung Leutkirch vom 13.02.2017 Seite 8

(2.) Deutsche Filmbranche als Erfolgsgeschichte
aus Schwäbische Zeitung Leutkirch vom 09.02.2017 Seite 7

(3.) Bund pumpt mehr Geld in die Filmbranche
aus Neue Westfälische - Bielefelder Tageblatt (West) vom 17.03.2017 Seite 20

(4.) Im April fällt die letzte Klappe. Tomin-Videothek am Dornbusch schließt, so dass es nur noch zwei Filmverleihe in Frankfurt gibt
aus Frankfurter Neue Presse vom 22.03.2017, Seite 17

(5.) Mehr Geld für die Filmbranche
aus Ostsee-Zeitung - Rostock vom 10.02.2017 Seite 2

(6.) Land will Medienstandort Babelsberg stärken // Potsdam soll führend bei Virtual Reality und IT-Start-ups werden, wie aus dem aktuellen Medienbericht der Regierung hervorgeht
aus Potsdamer Neuste Nachrichten Nr. 71 VOM 24.03.2017 SEITE 008

(7.) CONSTANTIN. Fall für Vedder
aus WirtschaftsWoche NR. 020 vom 12.05.2017 Seite 014

(8.) Hört auf zu pöbeln
aus Handelsblatt Nr. 001 vom 02.01.2017 Seite 026

(9.) Filmgeschäft von Constantin bleibt in der Verlustzone
aus Börsen-Zeitung vom 18.11.2016, Nr. 223, S. 10

(10.) Eine neue Dimension
aus Focus-Money vom 12.04.2017, Nr. 16, S. 26-27

Thomas Trares

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 05 vom 30.05.2017
Dokument-ID: s_med_20170530

Alle Rechte vorbehalten. © GBI-Genios Deutsche Wirtschaftsdatenbank GmbH