GENIOS BranchenWissen > MEDIEN & VERLAGE
Logo GENIOS BranchenWissen

Filmwirtschaft - 2018 war ein Katastrophenjahr für die Branche

MEDIEN & VERLAGE | GENIOS BranchenWissen Nr. 05 vom 29.05.2019


Das Kinogeschäft bricht deutlich ein

Für den deutschen Film war 2018 ein ausgesprochen schwaches Jahr. Bei den Kinos brachen die Einnahmen um 14,8 Prozent auf 899,3 Millionen Euro ein. Die Zahl der Besucher ging um fast 14 Prozent auf 105,4 Millionen zurück. Die Gründe waren zum einen die vierwöchige Fußball-WM und der heiße Sommer, zum anderen machte sich das Fehlen von Kassenschlagern bemerkbar. Infolge der rückläufigen Besucherzahlen sind auch die Werbeerlöse um 13,2 Prozent auf 138,7 Millionen Euro gesunken. Den Kinos droht überdies Ungemach von der Europäischen Union (EU), die das Tabakwerbeverbot ausdehnen will. Das Kino ist für die Filmindustrie richtungsweisend, denn es steht am Anfang der Verwertungskette und ist damit mitentscheidend für das weitere Geschäft. (1), (2), [Abb. 1]


Digitale Konkurrenz setzt der Branche zu

Das Kino befindet sich in einer "digitalen Krise". Denn mit Netflix, Amazon Prime Video und Sky ist dem Kino nicht nur unmittelbare Konkurrenz erwachsen, vielmehr bietet die Unterhaltungslandschaft heute eine Vielzahl an Alternativen: Social Media, Videoplattformen wie YouTube, Podcasts oder Videospiele. Über das Nutzungsverhalten entscheiden immer öfter Zeit und Geld. Und hier gerät das Kino ins Hintertreffen. Denn das Kino ist deutlich teurer als digitale Konkurrenz. So erhält man für eine Kinokarte bereits ein Monats-Abo bei dem Streamingdienst Netflix. Hinzu kommt, dass Filmschaffende auch immer öfter Werke für Streamingdienste produzieren. Wer einen Streamingdienst nutzt, ist fürs Kino aber nicht zwingend verloren. Denn gerade Streamingdienst-Abonnenten gehen im Vergleich zu Nicht-Abonnenten häufiger ins Kino. (3), (4)



Trends

Es gehen zwar immer noch viele Menschen ins Kino, allerdings nimmt die Häufigkeit der Besuche ab. Wie aus einer Analyse der Filmförderungsanstalt FFA hervorgeht, waren 2018 fast 40 Prozent aller Deutschen über zehn Jahre einmal im Kino. Damit ist der Anteil der Kinogänger an der Gesamtbevölkerung in den vergangenen zehn Jahren nur leicht zurückgegangen. Die Häufigkeit der Besuche sank im Vergleich zu 2017 jedoch um 14 Prozent. Statt 4,7 Besuche fanden nur noch 4,1 Besuche pro Kopf statt. (2)

Kino wird im Vergleich zu anderen Produkten immer teurer. Während die allgemeine Inflation von 2009 bis 2017 insgesamt 10,6 Prozent betrug, stiegen die durchschnittlichen Eintrittspreise in den Kinos um 29,4 Prozent. (3)

Der Filmbranche in Deutschland fehlt es an Autoren. Dies konstatierte Christian Rohde vom Talentmanagement der Film- und Fernsehproduktionsfirma UFA. Demnach habe sich die Ausbildung des Filmnachwuchses in der Vergangenheit zu stark auf die Regie konzentriert, die Filmhochschulen müssten den Fokus stärker auf Autoren legen. (6)



Fallbeispiele

Der Filmproduzent und -verleiher Constantin Medien ist 2018 stark geschrumpft. Der Konzernumsatz verringerte sich um mehr als die Hälfte auf 119 Millionen Euro. Grund ist die Entkonsolidierung des Schweizer Unternehmens Highlight Communications. Umgekehrt besitzt die Highlight-Gruppe gut 79 Prozent an Constantin. Vorausgegangen war ein Streit zwischen den Großaktionären Dieter Hahn und Bernhard Burgener, der mit dem Rückzug Hahns endete. Den Verlust vor Zinsen und Steuern (Ebit) von 2,8 Millionen Euro 2018 erklärt Constantin unter anderem mit "nach wie vor hohen Rechts- und Beratungskosten". Constantin konzentriert sich inzwischen auf das Segment Sport mit dem Fernsehsender Sport1. (10)

Der US-Finanzinvestor KKR ist auf den deutschen Markt zurückgekehrt und hat nun die Film- und Fernsehproduktionsfirma Tele München Gruppe (TMG) gekauft. Der Kaufpreis soll im hohen dreistelligen Millionen-Euro-Bereich liegen. TMG ist mit gut 30 Prozent am Fernsehsender RTL II beteiligt. Auch Tele 5 gehört zu der Gruppe, außerdem die Produktionsgesellschaft Odeon Film und der Filmverleiher Concorde. KKR will TMG zu einer Unterhaltungsplattform für Film und Fernsehen ausbauen. Deswegen hat KKR anschließend den Kinoverleiher Universum Film von der Mediengruppe RTL Deutschland erworben. Möglicherweise will KKR das Geschäft später an strategische Investoren weiterverkaufen oder an die Börse bringen. (8), (9)

Die Studio Babelsberg Gruppe hat das Geschäftsjahr 2018 mit einem Gewinn nach Steuern von 2,5 Millionen Euro abgeschlossen, im Jahr zuvor gab es einen Verlust von 600 000 Euro. Der Umsatz sprang um über 80 Prozent auf 82,7 Millionen Euro. 2018 war das Studio und seine Tochterunternehmen für die Umsetzung der Dreharbeiten mehrerer deutscher sowie internationaler Filmproduktionen und TV-Serien verantwortlich, unter anderem für die zweite Staffel von "Counterpart" und die Filme "Traumfabrik" und "Verschwörung". (7)

Der Film ist ein Zuschussgeschäft. Nur wenige Produktionen sind kommerziell erfolgreich. Deswegen hat der Gesetzgeber bestimmt, dass jedes Unternehmen, das mit der gewerblichen Auswertung von Kinofilmen Geschäfte macht, der Sparte auch wieder etwas zurückgeben muss. Die umsatzstärkeren Kinos zahlen deswegen eine Abgabe zwischen 1,8 und 3,0 Prozent des Umsatzes, auch die Fernsehsender zahlen in das System ein. Das Geld geht an die Filmförderungsanstalt (FFA), die damit neue Filmprojekte fördert. Ab September wird auch Netflix in die deutsche Filmförderung einzahlen. Lange Zeit hatte der Streamingdienst dies verweigert. Das könnte auch ein Präzedenzfall für die Tech-Konzerne Google und Apple sein. Der Gesamtetat der FFA liegt im Jahr bei ungefähr 75 Millionen Euro. Dazu tragen sämtliche Videoanbieter (in diese Kategorie gehört Netflix) bisher rund 14 Millionen Euro bei. (5)



Zahlen & Fakten


Abbildung 1: Einnahmen der deutschen Kinos
JahrEinnahmen in Mill. Euro
2006814
2007758
2008795
2009976
2010920
2011958
20121.033
20131.010
2014980
20151.167
20161.023
20171.060
2018899

Quelle: Filmförderungsanstalt (FFA) Entnommen aus: Horizont 7 vom 14.02.2019, Seite 008 (1), eigene Recherchen

Weiterführende Literatur:

(1.) Wetter zu schön, Filme zu schlecht
aus Horizont 7 vom 14.02.2019 Seite 008

(2.) Warum das Kinojahr 2018 so enttäuschend war
aus W&V Online-Magazin vom 02.05.2019

(3.) Verdrängt Netflix das Kino?
aus Stuttgarter Zeitung, 08.04.2019, S. 2

(4.) Verblasster Mythos
aus SZ Regionalausgabe - München West, 20.03.2019, S. R16

(5.) Netflix unterwirft sich dem deutschen Gesetz
aus DIE WELT, 15.02.2019, Nr. 39, S. 22

(6.) Filmbranche beklagt Autorenmangel
aus Landshuter Zeitung vom 09.05.2019 Seite 33

(7.) Studio Babelsberg schreibt wieder schwarze Zahlen
aus Potsdamer Neueste Nachrichten vom 04.05.2019, Seite 1

(8.) Finanzinvestor KKR gründet neuen Medienkonzern
aus Süddeutsche Zeitung, 22.02.2019, Ausgabe München, Bayern, Deutschland, S. 27

(9.) Auf Einkaufstour
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.02.2019, Nr. 48, S. 13

(10.) Constantin Medien stark verkleinert
aus Börsen-Zeitung vom 19.03.2019, Nr. 54, S. 9

Thomas Trares

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 05 vom 29.05.2019
Dokument-ID: s_med_20190529

Alle Rechte vorbehalten. © GBI-Genios Deutsche Wirtschaftsdatenbank GmbH