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Europäische Versicherer - Stresstest liefert solide Ergebnisse

VERSICHERUNGEN | GENIOS BranchenWissen Nr. 08 vom 31.08.2011


Europäische Versicherer für Krisen gewappnet

Die überwiegende Mehrheit der europäischen Versicherer ist gut auf Krisen vorbereitet. Dies ist das Ergebnis eines Stresstests der neuen europäischen Versicherungsaufsicht Eiopa. 129 Versicherer nahmen an dem Test teil, dies entspricht einer Marktabdeckung von 60 Prozent. Im ungünstigsten Szenario erfüllten zehn Prozent der Versicherer die Mindestkapitalanforderungen nicht. Ihr Solvenz-Defizit betrug addiert 4,4 Milliarden Euro. Das gesamte Solvenz-Kapital aller getesteten Versicherer sank von 425 Milliarden auf 275 Milliarden Euro. Die Aufseher spielten in zwei weiteren Szenarien auch eine Inflation und einen Kursverfall bei Staatsanleihen durch. Dabei rissen acht beziehungsweise fünf Prozent der Versicherer die Messlatte. (1), (2)


Das Prüfverfahren

Mit Stresstests prüfen Aufsichtsbehörden, wie sich das Eigenkapital eines Unternehmens entwickelt, wenn sich die Rahmenbedingungen deutlich verschlechtern. Die Eiopa hat im ungünstigsten Szenario angenommen, dass der Anlagezins um 1,25 Prozentpunkte sinkt, die Aktienkurse um 15 Prozent nachgeben und die Immobilienwerte um 25 Prozent fallen. Um die versicherungsspezifischen Risiken zu testen, simulierten die Aufseher zudem einen deutlichen Anstieg der Todesfälle und eine schwere Naturkatastrophe. Wie sich die Pleite eines Euro-Staates auswirkt, wurde dagegen nicht berücksichtigt. Für die Versicherungsbranche war dies der zweite europaweite Stresstest. Grundlage bildeten die ab 2013 gültigen Eigenkapitalregeln Solvency II. Der erste Stresstest vom Frühjahr 2010 war auf Basis des derzeitigen Regelwerks Solvency I durchgeführt worden. (1), (2)


Die wichtigsten Aussagen

Die Aufsichtsbehörde Eiopa stellt der Versicherungsbranche insgesamt ein gutes Zeugnis aus. Mit 4,4 Milliarden Euro sind die Abweichungen vom aufsichtsrechtlich geforderten Mindestkapital vergleichsweise gering. Ein Grund dafür ist die starke Diversifikation der Versicherungsunternehmen. Als die zwei größten Risiken entpuppten sich unerwartete Entwicklungen der Zinskurven und der Anleihemärkte sowie überraschend große Naturkatastrophen mit einem verknappten Angebot an Rückversicherung. Den Versicherern ermöglichen die Testergebnisse, ihre Verwundbarkeit zu erkennen und zu beheben - etwa durch eine veränderte Geldanlage oder mehr Rückversicherungsschutz. Keine Aussagen lieferten die Tests hinsichtlich der aktuellen Stressresistenz der Versicherer, da nach den künftigen regulatorischen Bedingungen getestet wurde. Aus diesem Grund machte die Eiopa auch keine näheren Angaben zu den durchgefallenen Unternehmen. (1), (2)


Neue europäische Aufsichtsbehörde

Den Stresstest hat die neue europäische Aufsichtsbehörde European Insurance and Occupational Pensions Authority (Eiopa) durchgeführt. Diese hat Anfang dieses Jahres in Frankfurt am Main ihre Arbeit aufgenommen. Die Gründung der europäischen Versicherungsaufsicht ist eine Reaktion auf die Finanzkrise. Aufgabe der Behörde ist es, sich mit Grundsatzfragen zu befassen und darüber hinaus tätig zu werden, wenn sich bei international agierenden Unternehmen die nationalen Aufsichtsbehörden nicht über das Vorgehen einigen können. Für den deutschen Markt ist weiter die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) zuständig. (6)





Fallbeispiele

Einige Experten halten die Ergebnisse für wenig aussagekräftig. "Das ist eher eine Beruhigungspille", sagte Carsten Zielke, Versicherungsexperte bei der französischen Großbank Société Générale. Die getroffenen Annahmen seien "völlig untertrieben". So wurde nur ein Inflationsanstieg um 1,25 Prozentpunkte berücksichtigt. Das Risiko einer griechischen Staatspleite wurde gar nicht untersucht. Zudem kritisierte Zielke die mangelnde Transparenz. Spekuliert wird zudem, dass in Deutschland die Allianz, Munich Re und Talanx an dem Test teilnahmen. Diese Großkonzerne halten aber deutlich mehr Eigenmittel als der Durchschnitt der Versicherer. Ein Stresstest angewandt auf alle deutschen Versicherer dürfte deswegen schlechter ausfallen. (3)

Die Ratingagentur Moodys hat ebenfalls den Informationsgehalt des Stresstests kritisiert. Sie bemängelte, dass die Daten weder nach Ländern noch nach Personen- und Schadenversicherung getrennt herausgegeben worden seien. "Das engt die Schlüsse, die man aus den Ergebnissen ziehen kann, sehr ein", erklärte Analyst Dominic Simpson. Gleichwohl wertete er die Resultate des Tests als positiv. (4)

Mit der Einführung der neuen Eigenkapitalvorschriften Solvency II droht vielen deutschen und britischen Lebensversicherern eine Kapitallücke. Zu diesem Ergebnis kommt eine alternative Studie der Unternehmensberatungen Bain & Company und Towers Watson. Diese haben die Auswirkungen von Solvency II auf die wichtigsten Versicherer der vier großen EU-Märkte Deutschland, Frankreich, Italien und Großbritannien untersucht. Bei 25 Prozent der deutschen und 21 Prozent der britischen Lebensversicherer liegt die Solvenzquote unter hundert Prozent. Gemeint ist hier aber nicht die Mindestkapitalanforderung wie im Eiopa-Stresstest, sondern das Zielsolvenzkapital. Dessen Unterschreitung hat nur die Einleitung einer verschärften Aufsicht zur Folge. Das relativ schwache Abschneiden Deutschlands und Großbritanniens ist auf den hohen Anteil von Rentenversicherungen mit langen Laufzeiten zurückzuführen. Deutlich besser schnitten beide Länder in der Schaden- und Unfallversicherung ab. Hier haben die Italiener Probleme. Grund ist der hohe Anteil der Kfz-Versicherung. Die wettbewerbsintensive Sparte schreibt versicherungstechnische Verluste, die die Eigenmittel und damit die Solvenz belasten. (3), (5)



Zahlen & Fakten


Abbildung 1: Größte Versicherer Europas nach Umsatz 2010
UnternehmenLandUmsatz*Gewinn*Beschäftigte
Allianz D106,45,2151.300
AxaF85,53,1103.000
GeneraliI68,4285.400
AvivaGB42,3245.300
Zurich Financial ServicesCH37,72,654.900
CNP Assurances F32,31,34,5
PrudentialGB28,61,726.000

* Angaben in Milliarden Euro Quelle: FAZ, eigene Berechnungen Entnommen aus: Fakt - Markt- und Branchenstatistiken (7)

Weiterführende Literatur:

(1.) Die meisten europäischen Versicherer sind stressresistent - Nur jede zehnte Assekuranz fällt durch den Stresstest von Eiopa
aus Versicherungswirtschaft, 15.07.2011, 66.Jg., Nr. 14, S. 992

(2.) Europas Versicherer zeigen sich robust im Stresstest - Nur jeder Zehnte hätte in einer schweren Krise Kapitalnot
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.07.2011, Nr. 153, S. 10

(3.) Zehn Prozent der Versicherer fallen beim Stresstest durch - Mehrere Konzerne haben zu wenig Kapital. Dabei wurden wichtige Risiken wie eine griechische Pleite gar nicht untersucht, monieren Experten.
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.07.2011, Nr. 153, S. 10

(4.) Moody's kritisiert mangelnde Transparenz bei Stresstest - EIOPA-Ergebnisse zu Versicherern kaum zu werten
aus Börsen-Zeitung, 14.07.2011, Nummer 133, Seite 3

(5.) Deutsche und Briten unter Druck - Studie: Viele Lebensversicherer weisen Kapitallücken auf
aus Börsen-Zeitung, 05.07.2011, Nummer 126, Seite 3

(6.) Europäische Versicherungsaufsicht nimmt Arbeit auf - Neue Behörde in Frankfurt soll kräftig wachsen - Auch Rat für Systemische Risiken beginnt seine Tätigkeit
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.01.2011, Nr. 8, S. 35

(7.)Europa: Top 20 Kreditinstitute, Top 100 Unternehmen 2010
aus FAKT Markt- und Branchenstatistiken, Fakten vom 10.08.2011

Thomas Trares

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 08 vom 31.08.2011
Dokument-ID: s_ver_20110831

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