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Europäische Medienbranche - neues Leistungsrecht und neue Allianzen

MEDIEN & VERLAGE | GENIOS BranchenWissen Nr. 01 vom 30.01.2017


EU will Leistungsschutzrecht einführen

Der Digitalkommissar der Europäischen Union (EU), Günther Oettinger, will in der EU ein Leistungsschutzrecht für Verlage etablieren. Demnach sollen Onlinekonzerne wie Google und Facebook künftig einen gewissen Anteil ihrer Werbeeinnahmen an Verlage und Kreativschaffende zahlen. Die Verleger beschweren sich schon lange, dass Google ihre Inhalte verwendet und damit viele Milliarden US-Dollar verdient. In Europa stehen die Verlage schon länger unter Druck. Insbesondere das Zeitungsgeschäft schrumpfte in den vergangenen Jahren stark. Oettinger will das geplante europäische Leistungsschutzrecht bis Ende 2017 unter Dach und Fach bringen. (1)


Die Marktmacht von Google und Co

Ob ein europäisches Leistungsschutzrecht geeignet ist, die Marktmacht von Google einzuschränken, ist fraglich. In Deutschland, wo ein Leistungsschutzrecht bereits existiert, hatte Google die Beiträge all jener Verlage hinausgeworfen, die sich nicht freiwillig bereiterklärten, einer kostenlosen Lizenz zuzustimmen. Als daraufhin die Zugriffe auf die Internet-Portale der Verlage einbrachen, räumten sie Google ebenfalls alle Zugriffsrechte auf ihre Texte ein. In Spanien wurde sogar der News-Dienst von Google abgeschaltet, weil sich die Verleger gegen den Ausverkauf wehrten. Auch diese Maßnahme brachte keinen durchschlagenden Erfolg. Befürworter des EU-Leistungsschutzrechts gehen allerdings davon aus, dass einzelne Staaten zu klein sind, um Google Paroli zu bieten. Die EU als Ganzes besitze dagegen mehr Gegenmacht. (1), (2)


Allianzen und Zusammenschlüsse auf dem europäischen Medienmarkt

Um sich gegen den Abwärtstrend zu stemmen, gehen die Medienkonzerne Allianzen ein. Der französische Marktführer Vivendi will einen südeuropäischen TV-Konzern aufbauen, der in Frankreich, Italien und Spanien verankert ist. Deswegen kauft sich Vivendi gerade bei der italienischen Mediaset ein, dem TV-Konzern des früheren italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi. Mediaset wiederum steigt zusammen mit dem französischen Sender TF1 Group bei Studio71 ein, dem Online-Video-Geschäft des deutschen TV-Konzerns ProSiebenSat.1. Die drei Sender wollen zusammen neue Märkte erschließen. Den umgekehrten Weg geht dagegen der britische Bildungsverlag Pearson, der sich von seinem Anteil an der weltgrößten Buchverlagsgruppe Penguin Random House trennt. Die Briten haben das Gemeinschaftsunternehmen vor drei Jahren zusammen mit Europas größtem Medienkonzern Bertelsmann gegründet. (3), (5), (9), [Abb. 1]





Fallbeispiele

Der britische Verlag Pearson will seinen Anteil von 47 Prozent an dem weltgrößten Buchverlag Penguin Random House veräußern. Der Verkauf dürfte rund 1,2 Milliarden Pfund einbringen. Die übrigen Anteile hält Bertelsmann, Europas größter Medienkonzern. Die Ostwestfalen hatten zusammen mit den Briten 2013 ein Joint Venture gegründet. Die damalige Vereinbarung sah eine Ausstiegsoption für Pearson vor. Bertelsmann hat nun Interesse an einem Teil der Pearson-Anteile bekundet. Penguin Random House führt ungefähr 250 unabhängige Verlage unter seinem Dach und veröffentlicht jährlich mehr als 15 000 Titel. Daneben werden pro Jahr etwa 800 Millionen E-Books und Hörbücher verkauft. (5)

Derweil hat Pearson wegen schwächelnder Geschäfte vor allem in den USA seine Gewinnziele für 2017 gesenkt und für 2018 zurückgenommen. Das Geschäft mit der Hochschulbildung hat sich 2016 stärker eingetrübt als erwartet. Deshalb will Pearson den Übergang zu digitalen Geschäftsmodellen radikaler vorantreiben. 2016 wurde die Kostenbasis bereits um 375 Millionen Pfund gedrückt. Im laufenden Jahr soll das bereinigte operative Ergebnis zwischen 570 Millionen und 630 Millionen Pfund hereinkommen. Analysten hatten dagegen im Schnitt 703 Millionen Pfund auf der Rechnung. (6)

Der französische Sender TF1 und die italienische Mediaset steigen in das Online-Video-Geschäft Studio71 des deutschen TV-Konzerns ProSiebenSat.1 ein. Das Ganze geschieht im Rahmen einer Kapitalerhöhung. Gemeinsam wollen die Medienhäuser neue Märkte für die Geschäfte von Studio71 erschließen. Zunächst soll in Italien und Frankreich die notwendige Infrastruktur aufgebaut werden. Studio71 ist Anbieter von Web-Produktionen und vermarktet Inhalte über Drittplattformen wie Youtube und hauseigene Portale wie MyVideo. Studio71 erreicht weltweit pro Monat rund sechs Milliarden Video-Views. Bisher ist das Netzwerk unter anderem in Deutschland, den USA und Großbritannien vertreten. (3)

Der von dem Medienunternehmer Rupert Murdoch kontrollierte US-Film- und Fernsehkonzern 21st Century Fox will den europäischen Bezahlsender Sky vollständig übernehmen. Fox hält bereits 31 Prozent an der Sky-Gruppe. Die Offerte hat einen Umfang von 14 Milliarden Dollar. Schon vor fünf Jahren versuchte Murdoch, sich Sky völlig einzuverleiben. In den Wirren des Abhörskandals bei britischen Zeitungstiteln des Murdoch-Imperiums wurde die Übernahme aber abgeblasen. Sky hat in Europa 22 Millionen Kunden, verteilt auf den Heimatmarkt Großbritannien sowie Irland, Italien, Deutschland und Österreich. (4)

Vivendi will einen großen südeuropäischen TV-Konzern mit Verankerung in Frankreich, Italien und Spanien aufbauen. Die Franzosen streben deswegen eine Allianz mit dem italienischen Medienkonzern Mediaset an. Vivendi hatte in wenigen Tagen seinen Anteil an Mediaset von drei auf 29,7 Prozent aufgestockt. Vivendi ist damit zum zweitstärksten Aktionär von Mediaset nach Berlusconis Fininvest-Holding aufgerückt. Vermutet wird, dass Vivendi seinen Anteil weiter aufstockt. Berlusconi sprach von "feindlichen Übernahmeplänen" und von einer "Erpressung" seitens Vivendi. Vivendi und Mediaset liegen seit Monaten im Streit, nachdem die Franzosen die Details einer vereinbarten Allianz neu aushandeln wollten. Ursprünglich planten die Konzerne, eine gemeinsame Plattform zum weltweiten Vertrieb von TV-Inhalten zu schaffen. (9)

Mit Zeitungen ist in Europa offenbar kein Geld mehr zu verdienen. Nur neun Wochen nach dem Start hat der britische Verlag Trinity Mirror die Zeitung "The New Day" wieder eingestellt. Zum Start hatte der Verlag noch erklärt, der "New Day" sei die erste eigenständige, landesweit erscheinende Tageszeitung seit der "Independent"-Gründung 1986. Mit dem "New Day" wollte Trinity Mirror eine Auflage von 200 000 pro Tag erreichen. Der Verkauf lag aber nur bei 40 000 Exemplaren täglich. Trinity Mirror gibt auch das Boulevardblatt "Daily Mirror" heraus. (7)

Die schweizerische Bank Credit Suisse hat die Aussichten der börsennotierten europäischen TV-Unternehmen untersucht. Besonders gut sind demnach die Chancen für die spanischen Sender. Grund sind deutlich steigende Werbeeinnahmen. Schlechter sieht es dagegen in Frankreich aus, die Lage in Deutschland wird neutral beurteilt. Favorit der Analysten ist Mediaset España, zudem werden noch die spanische Atresmedia sowie der britische Sender ITV und ProSiebenSat.1 positiv gesehen. Abgeraten wird von RTL und der französischen TF1. (8)



Zahlen & Fakten


Abbildung 1: Die größten Medienkonzerne Europas
UnternehmenLandUmsatz 2015*
BertelsmannD17,1
VivendiF10,8
RELX - Reed ElsevierGB8,2
Lagardère MediaF7,2
BBCGB6,6
ARDD6,5
PearsonGB6,2
Nielsen CompanyNL5,6
Wolters KluwerNL4,2
ITVGB4,1
MediasetIT3,5
Axel SpringerD3,3
ProSiebenSat.1D3,3
France TélévisionsF3,0
BonnierSWE2,8
Daily Mail GB2,5
RAIIT2,5
Bauer MediaD2,3
Hubert BurdaD2,2

*Angaben in Milliarden Euro Quelle: Institut für Medien- und Kommunikationspolitik (IfM) Eigene Recherchen

Weiterführende Literatur:

(1.) Die EU-Medienpläne für das Jahr 2017
aus "Horizont" Nr. 45/2016 vom 11.11.2016 Seite 10

(2.) Verlagsinteressen im Internet. Berlin macht sich für EU-Leistungsschutzrecht stark
aus Handelsblatt online vom 20.10.2016

(3.) Kapitalerhöhung. Europäische Medienkonzerne gründen Online-Video-Allianz
aus Hamburger Abendblatt online vom 12.01.2017 - 13:33:34

(4.) Der zweite Anlauf von Rupert Murdoch
aus Neue Zürcher Zeitung vom 12.12.2016 Seite 20

(5.) Pearson trennt sich von Penguin Random House. Bertelsmann will riesigen Buchkonzern komplett
aus Handelsblatt online vom 18.01.2017

(6.) Pearson-Anleger müssen um Dividende fürchten
aus Börsen-Zeitung vom 19.01.2017, Nr. 13, S. 7

(7.) "The New Day" stirbt schon nach neun Wochen
aus Leipziger Volkszeitung, Leipzig vom 07.05.2016, Seite 15

(8.) Lineares Fernsehen noch nicht passé
aus Börsen-Zeitung vom 05.11.2016, Nr. 214, S. 14

(9.) Vivendi-CEO: "Suchen Einigung mit Mediaset für europäische Gruppe"
aus APA-JOURNAL IT Business vom 13.01.2017

Thomas Trares

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 01 vom 30.01.2017
Dokument-ID: s_med_20170130

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