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Digitalisierung - der Megatrend erfasst die Versicherungsbranche

VERSICHERUNGEN | GENIOS BranchenWissen Nr. 01 vom 31.01.2017


Die Versicherer entdecken die Digitalisierung

Der Megatrend Digitalisierung ist in der Versicherungsbranche angekommen. Die Nachfrage nach Cyberpolicen steigt, immer mehr Kunden schließen Verträge online ab, InsurTechs machen den etablierten Konzernen Konkurrenz. Die Branche tut sich jedoch schwer mit dem Wandel. Die Strukturen sind starr, die Versicherer haben den Trend erst spät entdeckt. Ausländische Wettbewerber wie die französische Axa und die italienische Generali sind weiter. (2)


Cyberpolicen sind gefragt

Die Digitalisierung bringt auch Risiken mit sich, viele Unternehmen sind ins Visier von Hackern geraten. Dies regt die Nachfrage nach Cyberpolicen an. Die Großbanken sind bereits versichert, ebenso die meisten Dax-Konzerne. Angeboten werden solche Policen von Industrieversicherern wie Allianz Global Corporate Solutions (ACGS). Auch der Rückversicherer Munich Re ist mit seiner auf große Industrierisiken spezialisierten Erstversicherungseinheit Corporate Insurance Partner dabei. Gleichwohl gilt der Verkauf von Cyberschutz in der Branche als ein schwieriges Geschäft. Die Allianz hat mit einer Police für Mittelständler gerade ernüchternde Erfahrungen gemacht. (1), (7), (9)


Insurtechs betreten die Bühne

Darüber hinaus mischen Insurtechs die Branche auf. Die Angebotspalette reicht von der Abdeckung kleiner Risiken über Community-Modelle, bei der die Gemeinschaft für geringfügige Schäden aufkommt, bis hin zu Vergleichsportalen, Robo-Advisors und Apps zur reibungslosen Schadensregulierung. Eines der beliebtesten Geschäftsmodelle sind digitale Vertragsmanagersysteme, über die Nutzer per Smartphone ihre Versicherungen online verwalten, auf Optimierungspotenzial prüfen und anschließend wechseln können. Die Insurtechs agieren teilweise auch als Makler. (5)





Fallbeispiele

Anfangs waren die Versicherer gegenüber Cyperpolicen skeptisch. Doch inzwischen trauen sich immer mehr Gesellschaften auf den Markt. Die Großen wie Munich Re und Allianz schrecken auch vor Kapazitäten von 100 Millionen Euro nicht zurück, andere beschränken sich auf einen unteren zweistelligen Millionenbereich. Die Gothaer etwa will in diesem Jahr in die Cyberversicherung einsteigen, die SV SparkassenVersicherung bringt ein Produkt für kleinere Unternehmen auf den Markt - als Ergänzung zur Betriebshaftpflicht. Die genossenschaftliche R+V will ein ähnliches Produkt lancieren. (1)

Ein prominentes Opfer eines Hacker-Angriffs ist die britische Tesco-Bank. Cyberkriminelle waren in das System des Finanzinstituts eingedrungen und hatten von den Girokonten von rund 9 000 Kunden eine siebenstellige Summe abgezogen. Rund 2,5 Millionen Pfund musste die Bank ihren Kunden ersetzen. In Deutschland gab es eine Hackerattacke auf Router der Deutschen Telekom. Die Attacke ist im Grunde gescheitert, für den noch jungen Markt der Cyberversicherungen könnte es in Deutschland der bisher prominenteste Schadenfall werden. (1), (3)

Das Insurtech Clark ist eine Smartphone-App zur digitalen Verwaltung von Versicherungen. 2015 gegründet, schloss das Berliner Unternehmen im August 2016 eine Series-A-Finanzierungsrunde in Höhe von 13,2 Millionen Euro ab. Das Unternehmen analysiert die Versicherungssituation seiner Kunden per Algorithmus und schlägt Verbesserungen vor. Dafür vergleicht es die Angebote von 160 Versicherungsunternehmen. Inzwischen ist Clark auch in die TV-Werbung eingestiegen. (4), (5)

Das deutsch-schweizerische Start-up FinanceFox bietet eine Plattform, auf der die Kunden ihre Versicherungen überblicken und neue Verträge abschließen können. Dafür wirbt die Firma mit "anbieterneutraler Beratung" durch einen persönlichen Betreuer. Im Herbst 2016 sammelte FinanceFox 28 Millionen Dollar Wagniskapital ein. (4)

Das Berliner Start-up Friendsurance ermöglicht Nutzern, welche die gleiche Versicherungsart haben - zum Beispiel Hausrat - sich zu Gruppen von ungefähr zehn Leuten zusammenzuschließen. Bei kleineren Schäden zahlt die Gruppe, bei größeren Schäden springt die individuelle Versicherung ein. Wenn in der Gruppe im Laufe des Jahres kein Schaden entsteht, bekommt jeder einen Teil aus dem Topf als Bonus zurück. Der chinesische Multimilliardär Li Ka-shing beteiligte sich im März 2016 als Hauptinvestor an einer 15 Millionen-Finanzierung. (4)

Das Start-up Knip mit Sitz in Berlin, Zürich und Belgrad bietet eine App an, über die sich Versicherungen verwalten und neu abschließen lassen. Knip wirbt Kunden damit, dass sie innerhalb einer Minute zur passenden Berufsunfähigkeitsversicherung gelangen. Der digitale Versicherungsmakler hat schon mehr als 18 Millionen Dollar Wagniskapital eingesammelt. (4), (5)

Derweil will Ottonova Deutschlands erste rein digitale Krankenversicherung werden. Mit wenigen Klicks sollen Kunden einen privaten Krankenschutz abschließen können. Nach einer millionenschweren Finanzierung von Holtzbrinck Ventures wartet Ottonova auf die Zulassung bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin). (4)

Der Berliner Robo-Advisor Getsurance ist im März 2016 mit einem Makler-Modell gestartet, das Nutzern die Möglichkeit bietet, sich eine passende Berufsunfähigkeitsversicherung zu suchen. Die Produkte der etablierten Versicherer sind sehr restriktiv, da der Nutzer nicht auf Komponenten verzichten kann, wenn er sie nicht braucht. Das Produkt von Getsurance soll stattdessen aus einzelnen Bausteinen bestehen, die sich der Kunde auf Basis seiner Bedarfsanalyse flexibel zusammenstellen kann. Geliefert werden sie von einer klassischen Versicherung. (5)

Der Finanzkonzern Wüstenrot & Württembergische (W & W) hat gut ein Jahr nach der Gründung der Tochter W & W Digital ein Start-up übernommen. Die auf Bausparen und Versicherungen fokussierte Gruppe erwarb 75 Prozent am Münchner Insurtech Treefin. Der Preis dürfte im einstelligen Millionen-Euro-Bereich liegen. Treefin wurde 2014 gegründet und brachte 2015 einen digitalen Finanzassistenten auf den Markt, den W & W noch in diesem Jahr den eigenen Kunden zur Verfügung stellen will. (8)



Zahlen & Fakten


Die Beitragseinnahmen in der Cyberversicherung beziffern sich nach einer Schätzung des Rückversicherers Munich Re weltweit auf gut drei Milliarden Dollar, der größte Teil davon entfällt auf den US-Markt. Bis 2020 soll das Volumen auf rund neun Milliarden Dollar steigen. In Deutschland dürfte das Beitragsvolumen noch im unteren bis mittleren zweistelligen Millionenbereich liegen. Das Marktvolumen wird künftig stark davon abhängen, inwieweit es den Versicherern gelingt, Cyberrisiken in traditionelle Industrieversicherungsverträge zu integrieren, etwa als Teil von Haftpflichtdeckungen oder Betriebsunterbrechungsversicherungen. (1)

Cyberpolicen sind in Deutschland seit 2011 auf dem Markt. Der erste Anbieter war Hiscox, Branchenprimus Allianz kam 2013 mit einem eigenen Angebot hinzu. Mittlerweile bieten rund zwei Dutzend Versicherer Cyberpolicen an. (1)

InsurTechs haben 2016 in Deutschland über 82,4 Millionen Dollar eingesammelt, dies ist mehr als doppelt so viel als ein Jahr zuvor. Dies geht aus einer Studie des digitalen Versicherungsmaklers Finanzchef24 hervor. Ein großer Teil des Geldes geht in digitale Technik, die auf Endkunden ausgerichtet ist. (4), (6)

Immer mehr Versicherungskunden schließen Policen über Computer, Tablet und Smartphone ab. Laut einer Studie der Münchner Beratung Bain & Company informieren sich bereits 33 Prozent aller Befragten über Sachversicherungen auf digitalen Kanälen, 22 Prozent schließen die Versicherung auch online ab. Selbst bei komplizierteren Produkten wie Lebensversicherungen erkundigen sich 21 Prozent der Befragten digital, 13 Prozent zeichnen die Police online. (2)

Insurtechs können insbesondere bei jüngeren Zielgruppen zu einer unbequemen Konkurrenz für die klassischen Versicherer werden. Dies geht aus einer Studie von W&W Digital hervor. Demnach enden Beratungsgespräche mit den 20- bis 35-Jährigen zu 42 Prozent ohne Abschluss, insgesamt sind es nur zwölf Prozent. Der klassische Versicherungsvertrieb hat also den Kontakt zu den Digital Natives verloren. (5)

Viele klassische Versicherer strecken inzwischen ihre Fühler nach Insurtechs aus. Laut dem Beratungsunternehmen Gartner sind bereits 16 der 25 weltweit größten Gesellschaften direkt oder über Tochterunternehmen in Insurtechs investiert. Bis 2018 werden die großen Lebens-, Sach- und Unfallversicherer zu 80 Prozent entsprechende Start-ups übernommen haben. (5)



Weiterführende Literatur:

(1.) Cyberpolicen boomen - Die Nachfrage nach Deckungen steigt rasant - Dax-Konzerne sind fast alle versichert - Schäden nehmen zu
aus Börsen-Zeitung vom 31.12.2016, Nr. 253, S. 36

(2.) Ergo, Allianz und Co. - Der digitale Nachholbedarf der Versicherer
aus WirtschaftsWoche online 13.12.2016 um 19:12:44 Uhr

(3.) Telekom-Hack wird zum Versicherungsfall - Konzern hat Cyberpolice - Allianz führt Konsortium
aus Börsen-Zeitung vom 01.12.2016, Nr. 232, S. 11

(4.) Insurtech: Der Markt boomt - das sind die 5 heißesten Versicherungs-Start-ups
aus WirtschaftsWoche online GRÜNDER 18.01.2017 um 17:36:06 Uhr

(5.) Run auf die Schnellboote - Auch Versicherungen bekommen nun Konkurrenz von Startups. Der Markenaufbau der Insurtechs läuft auf Hochtouren - auch im TV
aus Horizont 45 vom 10.11.2016 Seite 030

(6.)Geldgeber mögen Insurtechs - Investitionen haben sich 2016 verdoppelt
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 6 vom 07.01.2017, Seite 30

(7.) Hindernisse beim Absatz von Cyber-Policen
aus VersicherungsJournal.de, Ausgabe vom 16.09.2016:

(8.) W & W übernimmt Insurtech Treefin - Konzern baut Digitalportfolio aus - Finanzassistent soll 2017 eingeführt werden
aus Börsen-Zeitung vom 11.01.2017, Nr. 7, S. 2

(9.) Die Allianz rechnet mit einem rasant wachsenden Cybergeschäft - Erste Tests mit einer Police sind jedoch ernüchternd
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.10.2016, Nr. 233, S. 23

Thomas Trares

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 01 vom 31.01.2017
Dokument-ID: s_ver_20170131

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