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Die Talsohle ist noch nicht erreicht - nur die Energieanlagenbauer dürfen sich freuen

MASCHINEN- UND ANLAGENBAU | GENIOS BranchenWissen Nr. 07/2009 vom 21.07.2009


Fest im Griff der Wirtschaftskrise

Die deutschen Maschinenbau-Unternehmen haben die Talsohle noch nicht erreicht. Die Branche leidet derzeit unter enormen Auftragseinbrüchen, deren Auswirkungen auf die Liquidität erst im zweiten Halbjahr 2009 richtig durchschlagen werden. Nach aktuellen Einschätzungen ist eine Trendwende frühestens im Jahr 2011 zu erwarten. (1), [Abb. 1]


Nie gekannte Auftragseinbrüche

Im April 2009 haben die deutschen Maschinen- und Anlagenbauer 58 Prozent weniger Aufträge erhalten als im Vorjahresmonat. Das Minus teilte sich dabei in 52 Prozent beim Inlandsgeschäft und 60 Prozent bei der Auslandsnachfrage auf. Im Dreimonatsvergleich von Februar bis April musste die Branche gegenüber 2008 ein Auftragsminus von insgesamt 49 Prozent hinnehmen.

Besserung war auch im Mai nicht zu verzeichnen: Hier ging die Nachfrage gegenüber dem Vorjahresmonat um 48 Prozent zurück. Der Hauptgeschäftsführer des Branchenverbandes VDMA, Hannes Hesse, geht davon aus, dass der Tiefpunkt bei der Auftragsentwicklung hiermit immer noch nicht erreicht ist. Im Ergebnis, so der VDMA, werden die Auftragsrückgänge eine um 15 bis 20 Prozent schrumpfende Produktion zur Folge haben. (3), (4)


Rückfall auf frühere Produktionsstände

Noch im April hatte sich der VDMA verhalten optimistisch geäußert, dass es nun auch für den Maschinenbau langsam wieder nach oben gehen könnte. Davon ist derzeit keine Rede mehr; stattdessen glaubt der Branchenverband, dass es drei bis vier Jahre dauern werde, bis die Unternehmen auch nur den Stand von 2006 erreichen. Von einer Wiederholung des Rekordjahres 2008 hingegen spricht niemand mehr. (2)


Werkzeugmaschinenbau leidet besonders

Die starke Abhängigkeit des Werkzeugmaschinenbaus von der Automobil- und der Investitionsgüterindustrie hat die Sparte in eine besonders schwierige Situation manövriert. Während für den gesamten Maschinenbau in diesem Jahr ein Produktionsrückgang um bis zu 20 Prozent erwartet wird, steht den Herstellern von industriellen Dreh-, Fräs- oder Bohrmaschinen ein Minus von bis zu 40 Prozent bevor. Auch im Mai gingen die Orders bei den Werkzeugmaschinenbauern weitaus stärker zurück als bei der Gesamtbranche, nämlich um 67 Prozent. Der Dachverband VDW befürchtet daher, dass die Sparte auf den Produktionsstand von 1999 zurückfallen könnte. Sollte der Auftragseingang nicht spätestens in diesem Herbst wenigstens ein bisschen anziehen, könnte es aber auch noch schlimmer kommen. (2)


Stellenstreichungen stehen bevor

Die Rolle als Jobmotor, die der Maschinenbau in den vergangenen fünf Jahren so glänzend ausfüllte, ist damit erst einmal beendet. Wie viele Stellen durch die Wirtschaftskrise in Gefahr sind, steht allerdings noch nicht fest. Derzeit arbeiten eine Million Menschen im Maschinenbau, die Zahl der Kurzarbeiter liegt bei 158 000. Besonders tiefe Einschnitte in die Beschäftigtenzahlen sieht der VDMA voraus: Wenn die Produktion im laufenden Jahr wie erwartet zwischen 15 und 20 Prozent schrumpfe, würden 50 000 bis 60 000 Arbeitsplätze verloren gehen. Einigkeit besteht aber darüber, dass die Auftrags- und Produktionseinbrüche nicht mehr lange durch Kurzarbeit aufgefangen werden können. Manche Branchenkenner sehen den Maschinenbau sogar vor einer "nie gekannten Rosskur".

Auf der anderen Seite sind die meist mittelständischen Maschinebau-Unternehmen bestrebt, ihre Mitarbeiter zu halten. Dies geht auf die Erfahrungen mit früheren Krisen zurück, als man sich schnell für Entlassungen entschied, später aber Hände ringend versuchte, die entlassenen Kräfte wieder zurück ins Unternehmen zu holen. So hatte man im Krisenjahr 1993 drastisch Personal reduziert, dessen Know-how später fehlte. Dass der Maschinenbau um "Kapazitätsanpassungen" hinsichtlich der beschäftigten Mitarbeiter nicht herum kommen wird, steht dennoch außer Frage. Etliche bekannte Unternehmen wie der Druckmaschinenhersteller Heidelberger Druck, der Werkzeugmaschinenbauer Gildemeister oder der Großpressenhersteller Schuler haben in diesen Tagen angekündigt, feste Stellen in größerem Umfang zu streichen. Die Bochumer Gea-Gruppe will 1 900 Stellen abbauen und dabei bis zu 800 Kündigungen aussprechen. Auch der Augsburger Roboterhersteller Kuka hat zahlreiche Personalmaßnahmen angekündigt. (2), (4)


Kritik an den Banken

Neben den schwindenden Aufträgen belastet den Maschinenbau überdies die derzeit vorsichtige Kreditvergabe der Banken. Laut VDMA hängt der Maschinenbau "am Boden wie ein Flugzeug ohne Sprit", weil die Banken trotz Staatshilfen keine Kredite herausrückten. Dabei helfe es auch nicht, dass die Maschinenbau-Unternehmen ihre Eigenkapitalausstattung in den zurückliegenden Boomjahren stark ausgebaut hätten. Diese liege heute zwar bei respektablen 30 Prozent; dennoch wollten die Firmen ihre Kreditlinien jetzt schon verlängern, was aber häufig verwehrt werde. Zudem würden von den Banken Sicherheiten verlangt, die weit über das übliche Maß hinausgingen. (2), (3)





Fallbeispiele


Kein Licht am Ende des Tunnels

Auch die deutschen Laserhersteller, die auf den Weltmärkten auf vielen Gebieten Spitzenplätze einnehmen, sind von den Folgen der Krise besonders stark betroffen. Die Branche exportiert zwei Drittel ihrer Produktion, was sich derzeit als Nachteil entpuppt. Weil die deutsche Technik meist an Firmen geliefert wird, die ihrerseits stark exportieren, gehen die Auftragszahlen bei den Laserherstellern deutlich zurück. (5)


Hoffnung für Stahlproduzenten und Energieanlagenbauer

Die von der Weltwirtschaftskrise ebenfalls stark in Mitleidenschaft gezogenen Stahlhersteller können hingegen aufatmen. So hat der Stahlkonzern Thyssen-Krupp nach eigenen Aussagen gegenüber seinen wichtigsten Kunden, dem Maschinenbau und der Automobilindustrie, Preiserhöhungen durchsetzen können. Bei den Eisenerzlieferanten hingegen will der Konzern eine Preissenkung um 30 Prozent erreichen. Thyssen-Krupp hatte noch im Frühjahr erklärt, einen Einbruch der Geschäfte wie in der gegenwärtigen Wirtschaftskrise noch nie erlebt zu haben. So brach die Rohstahlproduktion in Deutschland um 48 Prozent ein. Auch der Branchenzweite, die Salzgitter AG, hat kürzlich Preiserhöhungen angekündigt. Als positiv verzeichnet Thyssen-Krupp zudem die wieder anziehende Auslastung der Hütten. Beim Flachstahl liegt sie derzeit wieder bei 80 Prozent, nach nur 70 Prozent im Juni dieses Jahres. Die Edelstahlsparte freut sich derzeit, dass kein Mitarbeiter mehr kurz arbeiten muss.

Wie eine Oase in der Wüste stellen sich derzeit die Energieanlagenbauer dar. Sie werden auch 2009 überwiegend positive Umsatzzahlen erreichen, was sie von den anderen Maschinenbau-Unternehmen deutlich abhebt. So wird bei Wasserkraftanlagen trotz der Finanz- und Wirtschaftskrise in diesem Jahr ein Plus von rund 30 Prozent erwartet. Ähnlich gut sieht es bei den Herstellern von Anlagen zur dezentralen Energieerzeugung und beim konventionellen Kraftwerksbau aus. Ein Grund für die positiven Erwartungen ist der nach wie vor bestehende, große Energiehunger der Schwellenländer China und Indien. Eine kleine Verschnaufpause werden allerdings die Windkraftanlagen-Hersteller 2009 einlegen müssen. (6)


Bei Insolvenzen drohen Rekordzahlen

107 befragte Insolvenzverwalter sehen für 2010 einen neuen Rekord bei den Firmenpleiten voraus. Die bisherige Höchstmarke datiert aus dem Jahr 2003, als 39 000 Unternehmen Insolvenz anmelden mussten. Für das laufende Jahr rechnen die Verwalter mit 35 000 Pleiten, was gegenüber 2008 ein Plus von 19 Prozent bedeuten würde. Am härtesten ist dabei die Industrie betroffen: Hier werden es gleich 45 Prozent mehr Insolvenzen sein. (7)


10 000 Jobs weniger alleine in NRW

In Nordrhein-Westfalen rechnet man damit, dass die Krise alleine im Maschinenbau 10 000 Arbeitsplätze kosten wird. Der Grund für den überproportional starken Stellenabbau ist die besonders starke Exportorientierung der in NRW angesiedelten Maschinenbau-Unternehmen. Auch hier rechnen Experten damit, dass das Produktionsniveau von 2008 erst wieder in drei Jahren erreicht werden kann. (8)



Zahlen & Fakten Abbildung 1: Auftragseingang beim Maschinenbau in Deutschland Quelle: Statistisches Bundesamt, VDMA Entnommen aus: Börsen-Zeitung, 09.07.2009, Nr. 128, S. 10 Zahlen & Fakten


Abbildung 1: Auftragseingang beim Maschinenbau in Deutschland

Quelle: Statistisches Bundesamt, VDMA Entnommen aus: Börsen-Zeitung, 09.07.2009, Nr. 128, S. 10

Weiterführende Literatur:

(1.) "Trendwende im Maschinenbau erst 2011" / Studie: Marktvolumen schrumpft mittelfristig um bis zu 30 Prozent - Rosskur steht bevor
aus Börsen-Zeitung, 09.07.2009, Nummer 128, Seite 10

(2.) Mit halber Kraft / Noch trotzen die deutschen Maschinenbauer der Krise mit gelassener Beharrlichkeit. Doch je länger sich die Auftragsflaute hinzieht, desto kritischer wird es für die zuvor so erfolgsverwöhnte Branche.
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.07.2009, Nr. 152, S. 15

(3.) Keine Entspannung im Maschinenbau
aus Stuttgarter Zeitung, 02.07.2009, S. 11

(4.) Die neuen Einschläge
aus Die ZEIT Nr. 29 vom 09.07.2009 Seite 022

(5.) Außenhandel entwickelt sich zur Achillesferse
aus Handelsblatt Nr. 107 vom 08.06.09 Seite b01

(6.) Hoffnungszeichen in Stahlbranche / Thyssen-Krupp kann Preiserhöhungen durchsetzen
aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.07.2009, Nr. 150, S. 14

(7.) Firmenpleiten / Wehrlose Opfer der Banken
aus FTD vom 25.06.2009

(8.) Kahlschlag im Maschinenbau
aus Rheinische Post Nr. 162 vom 16.07.2009

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Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 07/2009 vom 21.07.2009
Dokument-ID: s_mas_20090721

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