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Die gelbe Gefahr? - Chinas Hersteller drängen nach Europa

MASCHINEN- UND ANLAGENBAU | GENIOS BranchenWissen Nr. 09 vom 29.09.2014


Chinas Hersteller entdecken Europa

Nach wie vor können chinesische Maschinen mit den Erzeugnissen aus Deutschland technisch nicht mithalten. Dennoch sind die Wettbewerber aus dem Reich der Mitte derzeit dabei, ihre Produkte verstärkt auch in Europa anzubieten. Hierbei erweist sich der niedrigere technische Standard mal als Vorteil, denn die Maschinen sind billiger. Dass Chinas Hersteller die deutschen Hersteller zunehmend unter Druck setzen, zeigt sich auch an ihrem Heimatmarkt. 2013 sind die Exporte deutscher Maschinenunternehmen nach China erstmals seit zwölf Jahren zurückgegangen. Gleichwohl bleibt China der wichtigste Auslandsmarkt für deutsche Unternehmen, die Zeiten ungebremsten Wachstums scheinen indessen erst einmal vorbei zu sein.

Das Ende fernöstlicher Bescheidenheit wurde erst kürzlich bei der ersten Lieferung einer chinesischen Highend-CNC-Bearbeitungsmaschine an einen deutschen Kunden offensichtlich. Die chinesische Presse machte aus dem Verkauf eine PR-Aktion, die Lieferung wurde als ein Meilenstein für Chinas Werkzeugmaschinenindustrie gefeiert. Auch wenn es sich hierbei um einen ersten Vorboten handelt, so zeigt doch auch dieser Coup, dass Chinas Maschinen europatauglich werden. Immer mehr deutsche Kunden bekennen, eine Maschine aus China geordert zu haben und zufrieden mit der Qualität zu sein. Zugleich nimmt die Zahl der chinesischen Aussteller auf europäischen Messen deutlich zu. (1), (2)


VDMA-Studie spricht Klartext

Während sich die deutschen Anbieter noch nicht einig sind, ob chinesische Konkurrenz eine Herausforderung oder eine Bedrohung darstellt, spricht eine aktuelle Studie des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) schon eine deutlichere Sprache. Demnach haben die neuen Konkurrenten im mittleren Segment und im Service schon heute die Nase vorn. Da die chinesischen Anbieter darüber hinaus zum Angriff auch auf das Segment hochpreisiger Spezialmaschinen blasen, müsse die Entwicklung sehr ernst genommen werden. Die Studie basiert auf 319 Interviews, die in 122 ausgewählten chinesischen Unternehmen geführt wurden, was sie sehr aussagekräftig macht. Den Angaben der Interviewpartner zufolge plant mehr als die Hälfte der chinesischen Unternehmen, seine Exportaktivitäten in den nächsten fünf Jahren gezielt auszubauen. Dabei stehen anfangs die vor der Haustür liegenden Märkte in Südostasien und Indien im Fokus. Schon ab dem nächsten Jahr soll es jedoch eine so genannte zweite Welle geben, bei der die Märkte in Europa und den USA mit Maschinen aus dem mittleren Segment erobert werden sollen.

Die Ergebnisse der Studie zeigen damit, wie ambitioniert China den europäischen Markt anvisiert und wie gut die Unternehmen dafür aufgestellt sind. Die Experten sehen daher für den deutschen Maschinenbau akuten Handlungsbedarf insbesondere hinsichtlich einer Überprüfung der bisherigen Strategie auf dem chinesischen Markt. Schon länger mahnt der VDMA die deutschen Hersteller an, in China stärker auf das mittlere Segment zu setzen, um in dieser wichtigen Sparte nicht schon bald von den einheimischen Unternehmen abgehängt zu werden. Die Strategie in China würde so dahingehend modifiziert, dass nicht mehr nur im Highend-Bereich entwickelt werden müsste. Genau dies fällt den deutschen Premiumherstellern allerdings nicht leicht. Zusammengefasst wird die neue Ausrichtung mit dem Slogan Good enough.

Entwarnung gibt die Studie hinsichtlich der Möglichkeiten Chinas, auch im Premiumbereich schnell aufzuschließen. Die Experten gehen davon aus, dass der Technologierückstand immer noch so erheblich ist, das in diesem Segment noch keine aufkommende Konkurrenz zu erwarten ist. Gleichwohl steht fest, dass die Zahl der absetzbaren Maschinen im Premiumbereich nicht groß genug ist, als dass sich die deutschen Anbieter alleine hierauf konzentrieren könnten.

Neben dem Nachholbedarf im mittleren Segment sind die deutschen Hersteller auch beim Service ins Hintertreffen geraten. Hier suchen sich die chinesischen Kunden den nötigen Support oft bei lokalen Anbietern zusammen, weil sie ihn vom deutschen Hersteller nicht bekommen. Der VDMA empfiehlt den Unternehmen daher, sich direkt vor Ort zu Servicekooperationen zusammenzuschließen. (3)





Fallbeispiele


Anlagenbau erwartet chinesischen Generalangriff

Auch im Großanlagenbau rechnet man mit einer chinesischen Exportoffensive, allerdings erst in drei Jahren. Wie im Maschinenbau wird die chinesische Konkurrenz zunächst versuchen, in den Exportmärkten nahe der Heimat Fuß zu fassen. Deutsche Anbieter wie Linde, Siemens und ThyssenKrupp versuchen schon heute, sich auf die neue Konkurrenz einzustellen. Linde ist eine Kooperation mit dem koreanischen Unternehmen Samsung eingegangen, um näher an der asiatischen Exportregion zu rücken. Auch diese Strategie birgt allerdings einige Risiken, da auch Samsung bestrebt ist, deutsche Technologie abzuschauen und im eigenen Interesse umzusetzen. Vorteile bei der Technologiekompetenz sorgen derzeit jedoch noch dafür, dass die deutschen Anbieter gut im Geschäft sind. Mit besonderem Stolz verweisen die Unternehmen auf ihre Erfolge auf dem US-Markt, wo sie Anlagen für die Gewinnung von Schiefergas bereitstellen. (5)


Neue Konkurrenz in der Photovoltaik

Deutsche Photovoltaik-Technik ist auf dem chinesischen Markt derzeit noch sehr gefragt. Jedoch steht auch in dieser Sparte neue Konkurrenz direkt aus China ins Haus. Auf der letzten chinesischen Solarmesse SNEC wurde bereits offensichtlich, dass einheimische Anbieter bis auf wenige Ausnahmen mittlerweile über die gesamte Palette der Produktionstechnologie verfügen. Die Branche stellt sich nun darauf ein, dass ihr auch am so wichtigen chinesischen Exportmarkt bald ein kühlerer Wind entgegenwehen wird. (4)



Zahlen & Fakten



China holt auf

Mit einem Volumen von rund 17 Milliarden Euro war China 2012 der größte Exportmarkt für deutsche Maschinenhersteller. Zugleich war China mit einem Umsatzvolumen von 678 Milliarden Euro auch der größte Maschinenproduzent. Zum Vergleich: Im selben Jahr betrug das Umsatzvolumen der deutschen Exportweltmeister nur 248 Milliarden Euro. China liegt bei Exporten mit 11,1 Prozent an den weltweiten Maschinenausfuhren mittlerweile auf Rang drei.

Nach Deutschland hat China im ersten Quartal dieses Jahres 14 Prozent mehr Maschinen geliefert als im Vorjahreszeitraum. Umgekehrt gingen die Lieferungen deutscher Maschinenproduzenten um drei Prozent zurück. (3), (6)


Schwache Exportentwicklung

Im Juli dieses Jahres hat der deutsche Maschinenbau im Vergleich mit dem Vorjahreszeitraum stagniert. Zu Buche standen ein starkes Inlandsgeschäft mit plus sechs Prozent und ein schwächelnder Export mit minus vier Prozent. Im Dreimonatsvergleich von Mai bis Juli wurde im Vergleich mit dem Vorjahr ein Orderrückgang im Inland von zwei Prozent gemeldet; die Auslandsbestellungen legten im gleichen Zeitraum um vier Prozent zu.

Noch aussagekräftiger ist die Halbjahresbilanz der Branche. So gingen die Exporte in den ersten sechs Monaten im Vergleich mit dem Vorjahreszeitraum um 0,5 Prozent zurück. Schon diese Zahl zeigt, dass der deutsche Maschinenbau seine Euphorie zu Jahresbeginn eingebüßt hat. Hauptgrund für den Rückgang ist das Russlandgeschäft, das im ersten Halbjahr um 20 Prozent zurückging. Die etwas bessere Inlandsnachfrage konnte die Delle so weit ausgleichen, dass der deutsche Maschinenbau im ersten Halbjahr bei Umsatz und Produktion auf dem gleichen Niveau rangierte wie 2013. (7)



Weiterführende Literatur:

(1.) Offen für Neues / Werkzeugmaschinen aus und für China
aus Ke - konstruktion + engineering, Heft 5/2014, S. 22

(2.) Billiggericht
aus "Industriemagazin" Nr. 05/2014 vom 30.04.2014 Seite: 88,89

(3.) VDMA Studie / China sagt deutschen Maschinenbauern den Kampf an
aus www.elektrotechnik.de vom 21.02.2014

(4.) China weiter auf dem Vormarsch in Sachen Solar
aus VDI NR. 23 VOM 06.06.2014 SEITE 13

(5.) Größe ist im Anlagenbau Trumpf
aus Börsen-Zeitung, 03.07.2014, Nummer 124, Seite 8

(6.)VDMA / China bleibt Chancenland für Maschinenbauer
aus www.maschinenmarkt.de vom 26.06.2014

(7.)VDMA / Maschinenbau stagniert angesichts schwacher Inlandsorders
aus www.maschinenmarkt.de vom 01.09.2014

Robert Reuter

Metainformationen

Quelle: GENIOS BranchenWissen Nr. 09 vom 29.09.2014
Dokument-ID: s_mas_20140929

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